Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1932-07-29 · Heft 31 (29.7.1932) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 31 (29.7.1932)
Date
1932-07-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3064401-3064431--18940-3084023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Seite 7 Für ein großes jüdisches Erziehungsheim, das 14- bis 18 jährige Burschen erhält, wird ein mit pädagogischen Kenntnissen gesucht. Offerte sind zu richten unter der Chiffre .PrfllCKl' an die Administration dieses Blattes. ab, mit dem deutschen Nationalsozialismus Hitlers etwas gemein zu haben, dagegen verehrt sie den italienischen Staatschef Mussolini als ihr Ideal. * Der Führer des demokratischen Blocks in der bulgarischen Kammer, L i a pt c h e w, äußerte sich in einem Gespräch mit dem Sonderberichterstatter des „Berliner Tageblatt", Hans Roger Madol, über die innerpolitischen Entwicklungen in Bulgarien und kam bei dieser Gelegenheit auch auf die Aussichten der nationalsozialistischen Bewegung in Bulgarien im Zusammenhang mit der Judenfrage zu sprechen. Auf die Frage des Interviewers, ob Liaptchew, den man seit 1923 immer wieder einen Faschisten genannt habe, wirklich mit dem Faschismus oder mit dem deutschen Nationalsozialismus sympathisiere, erklärte dieser: „Das entspricht nicht den Tatsachen. Ich kann nicht völlig ermessen, was der Faschismus für Italien bedeutet; für Bulgarien wäre es jedoch durchaus falsch, eine Nachahmung dieser Bewegung zu versuchen, für die sich auch hier kein Mussolini finden würde. Ich habe auch des längeren versucht, mir aus der nationalsozialistischen Literatur eine Idee über die politischen Ziele Hitlers zu machen. Es ist mir jedoch nicht gelungen. Ich kann mir diese Massenbewegung einzig und allein aus der Verzweiflung des deutschen Volkes erklären. Nichts liegt mir ferner, als Hitler nachahmen zu wollen. Auch bei uns ist eine kleine nationalsozialistische Partei im Entstehen begriffen. Sie wird hier keilt enFußfassen. Uns fehlt schon eine der Voraussetzungen dazu: Die Verkennung der Juden, der Antisemitismus." Boykott-Opfer. Man erlebt doch noch ab und zu eine Ueberraschung. Sollte man es für möglich halten, daß ein aufrechter nationalsozialistischer Berufsmusiker sein arisches Edelmenschentum so weit erniedrigen könnte, sich um eine Stellung bei einem Juden zu bewerben? Und Idioch ist es der Fall. Im „Völkischen Beobachter" stand, wie die „Abwehr-Blätter" feststellen konnten, kürzlich ein Inserat, das mit folgenden Worten begann: „N.-S. Symphoniker suchen Stellung, da von jüdischen Häusern boykottiert..." Man muß es tatsächlich zweimal lesen, um den nötigen Grad von Mitleid mit dSesen armen Boykottopfern aufzubringen. Da steht auf jedem nationalsozialistischen Plakat der bekannte Satz: „Juden ist der Zutritt verboten." Und jede der völkischen Zeitungen ruft ein ums andere Mal: „Kauft nicht beim Juden, meidet jüdische Geschäfte!" Und dann stellt sich heraus, daß eine Gruppe von „N.-S. Symphonikern" es nicht unter ihrer Würde findet, jüdischen Häusern ihre Dienste anzubieten. Denn wenn die Hitler-Musiker das nichit getan hätten, dann könnten sie ja nicht von 'diesen jüdischen Häusern „boykottiert" worden sein. Ueber diesen sehr begreiflichen „Boykott" scheinen die munteren Knaben obendrein noch entrüstet zu sein. Da darf man wohl anders herum fragen, was der Herr Regierungsrait Hitler sagen würde, wenn es einer aus Juden bestehenden Musikkapelle einfallen sollte, sich um ein Gastspiel im Kasino des Braunen Hauses zu bewerben? „Echt jüdSsche Frechheit", wäre wohl der höflichste Kommentar, mit dem die völkische Presse einen solchen Versuch quittieren würde. Aufnorden! Dem „Kampfruf" wird kein Mensch vorwerfen können, daß er es mit den bösen Juden oder gar mit Menschen hält, denen die nötige Bodenständigkeit mangelt. Er ist dagegen, daß blonde Arier bei jüdischen Geschäftsleuten einkaufen, hält vor allem die Nazi-Belange hoch und freut sich, so oft die Hakenkreuzler einen „Fremdrassigen" verprügeln. In diesem Zusammenhang empfiehlt es sich wirklich, jene kleine Liste rein deutscher Firmennamen anzuführen, die in einer einzigen Nummer des besagten „Kampfruf" zu finden ist. Sie lautet: Wantky, Budischowsky, Plaßnig, Nemetschke, Bartik, Horecky, Dobesch, Wondrak, Maresch, Zabranski, Hanus, Thomastik, Votruba, Zuza, Schimko, Himpan, Filippitsch, Kolar, Waschak, Brinsky, Kantilli, Boruta, Krtek-Jirschik, Sidorowicz, Wlasak, Pawlata, Deschnak, Tintera, Jura, Matula, Dragon, Perkonig, Ceremuga, Schistak, Vlastnik, Zakostelsky, Netolitzky, Maly, Kuzel, Peschak, Nedetzky, Witzky, Honeck, Stepan, Hlobil, Vellage, Czech, Mazanec, Borile, Menschik, Schanes, Petelinz, Ragan, Schwarz, Czermak, Simmek. Wir zweifeln nicht daran, daß alle Herren Votruba, Pawlata, Matula und Peschak, aber auch die Herren Borile, Schanes und Schwarz patentierte Arier reinsten Wassers sind; bloß ihre Namen klingen halt etwas verdächtig. Man müßte sie aufnorden wie den S u c h a n e k, der heute ein Wiener deutscher Gemeindevater ist und Suchenwirth heißt. Die „Entjudung" der litauischen Beamtenschaft Die „Entjudung" der staatlichen und städtischen Beamtenschaft in Litauen schreitet fort. Der Bürgermeister von Kowno hat die Entlassung des jüdischen Chefs der Stadtpolizei, Abraham Mallach, gleichzeitig mit der Entlassung anderer jüdischer Beamten der verschiedenen Zweige der Stadtverwaltung verfügt. Mallach versah den Posten des Polizeichefs seit 1920. Semeimde - 'Clktomtz Rom. Auf Grund des neuen Gesetzes über die jüdischen Gemeinden in Italien fanden soeben in Rom die Wahlen zur jüdischen Gemeinde statt. Zum Vorsitzenden der Gemeinde Rom wurde der bisherige Regierungskommissär der Gemeinde, Advokat Pio Tagliacozzo, gewählt. Pio Tagliacozzo, einer der angesehensten Rechtsanwälte Roms, ist auf dorn Gebiete der sozialen Fürsorge führend tätig. Er ist der Gründer des italienisch-jüdischen Waisenhauses, in welchem mehr als 50 jüdische Waisenkinder untergebracht sind. Hamburg. Die von der hiesigen Gemeinde unterhaltene jüdische Speiseanstalt liefert für den Preis von 30 Reichspfennig jedem, u. zw. auch Nichtjuden, eine wohlzubereitete und auskömmliche Mahlzeit. Sie findet regen Zuspruch und dankbare Anerkennung bei der Bevölkerung. Man darf die humanitären Institutionen der Hamburger Gemeinde als vorbildlich bezeichnen. J. J. Die große jüdische Gemeinde Monastir stirbt ab. Wiederholte Notrufe aus der vor dem Weltkrieg blühenden sephardischen Gemeinde in Bitolj (Monastir) im Süden Jugoslawiens, hart an der Grenze gegen Griechenland, veranlaßten die Sephardische Organisation in Belgrad, eine Hilfsaktion einzuleiten, an der sich der Gemeindebund, die Loge „Serbija" des U. O. Bnei Brith, die zionistische Organisation und karitative Vereine beteiligen. Vor dem Weltkrieg zählte die jüdische Gemeinde von Bitolj 8000 Seelen, heute infolge Abwanderung wohlhabender Elemente nach Amerika und unbemittelter Schichten nach Palästina kaum 3600 Seelen. Der geistige und materielle Verfall der Gemeinde wächst unter dem Drucke der Wirtschaftsnot katastrophal. 90 Prozent der Gemeindemitglieder sind deklassierte Kleinkrämer, Handwerker und Tagelöhner, die unter den ungünstigsten hygienischen Bedingungen ein kümmerliches Ghettoleben fristen. Zwecks Lösung des „Bitolj er Problems" wurde vorgeschlagen: 1. Die Jugend in andere Gemeinden zu verpflanzen, wo sie zu produktiven Berufen erzogen werden soll, 2. die Gemüsegärtner und sonstige arbeitende Elemente auf Keren Kajemeth- und PICA-Boden in Palästina zu kolonisieren. Eine Osergasse in Floridsdorf. Der Gemeinderat der Stadt Wien hat beschlossen, eine neue Gasse in Floridsdorf Osergasse zu benennen. Professor O s e r, der sich schon während seiner Studienzeit die Anerkennung der Professoren der medizinischen Fakultät in Wien erworben hat, wurde 1871 auf Vorschlag des Professorenkollegiums zum Primararzt des Rothschild-Spitales ernannt und übernahm nach dem Tode Dr. Wölflers auch die Spitalsleitung; unter ihm blühte das Krankenhaus in ungeahnter Weise, zumal es ihm gelang, Professor Otto Zuckerkandl als Leiter der chirurgischen Abteilung zu gewinnen und ihm die Schaffung der Wiener urologischen Schule zu ermöglichen; ihm ist auch die Begründung der gynäkologischen Abteilung unter Primararzt Fleischmann zu danken. Oser selbst war ein Führer in der Diagnostik der Verdauungskrankheiten und in ihrer Therapie; sein Verdienst war es, den Magenspülungen mit dem weichen Magenschlauch die verdiente Stellung in der Therapie der Magenerkrankheiten gegeben zu haben. Im August 1910 starb er hochangesehen und die Aerzte aller Länder danken ihm für sein Lebenswerk. Das Leichenbegängnis Dr. Rudolf Schwarz- Hillers, das am Mittwoch, den 20. d. M., am Zentralfriedhof (1. Tor) stattfand, gestaltete sich so würdig, wie es diesem hervorragenden Menschen und Politiker gebührt hatte. Die Beteiligung war in Anbetracht des Umstandes, daß viele infolge Ortsabwesenheit von Wien fehlten, die sicher gek GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM, KORNMEHl vMmmmammmmmmMmmmmmmmmmmmmmmammmmmmmmt WIEN IX., BERGOASSE NR. 1» FILIALE XVUI., WAHRINdERSTRASSE Vt Telephon Nr. A 17-3-99 na d A 16-9-34 Lieferant HM» Heilanstalt*» AbteüungeitffirKoscherfieisch «frier Aufsteht da« ehrar. Rabbinataa dar lar. Kultusaaanalnd« VJIaaw Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen kommen wären, eine ganz kolossale. Man sah neben der Familie Vertreter von politischen, wirtschaftlichen und karitativen Verbänden, in denen der Heimgegangene unermüdlich mitgearbeitet hatte. Besonders stark war die Beteiligung des jüdischen Wiens, das den Verlust Dr. Schwarz- Hillers tief beklagt. Es waren erschienen namens der Gemeinde Präsident Prof. Dr. A. Pick und Vizepräsident Dr. J. Löwen herz mit einigen Kultusvorstehern, Vertreter der „Union österreichischer Juden", zahlreiche Herren der B. B.¬ Logen, Deputationen der Bezirkskommission III/XI und der Israelitischen Kinderbewahranstalt, sowie mehrere Damen des Jüdischen Frauenvereines Landstraße, dessen Präsidentin die Gattin des Dahingeschiedenen gewesen ist. Die Trauerrede hielt sehr wirkungsvoll Rabbiner Dr. M. Rosenmann, der den allzufrühen Heimgang dieses prächtigen Menschen beklagte. Auch in den Abschiedsreden der verschiedenen Verbandsvertreter kam der große Schmerz um das Hinscheiden Dr. Schwarz-Hillers zum Ausdruck, so namentlich in der Rede des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick, des Vertreters der B. B.-Logen Dr. S. Stiaßny und des Sprechers des „Vereins reisender Kaufleute", Herrn Max Kohn. Besonders ergreifend war die kantorale Funktion des Herrn Oberkantors G. Margulies, die er, unterstützt von einem großen Chor, in gewohnter Meisterschaft ausführte. Trauungen. Kürzlich haben sich, wie wir in unserer letzten Nummer publizierten, Fräulein Edith Abel es, Tochter des vor einigen Jahren verblichenen Rabbiner Dr. Armin Abel es, mit Herrn Rabbiner Dr. Erich Bienheim. Darmstadt, vermählt. Die Trauung fand im Zeremoniensaal des Seitenstettentempels im engsten Familienkreise statt. Hier haben sich, wie man mit Freude konstatieren kann, zwei gleich gestimmte Seelen gefunden. Fräulein Edith A b e 1 e s ist die würdige Tochter ihres rühmlichst bekannt gewesenen Vaters, ihre hervorragende jüdische Bildung manifestierte sich in manchen gediegenen Arbeiten auf jüdisch-geistigem Gebiete, insbesondere in einem viel beachteten Vortrage im Wiener „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur", in dem sie gemeinsam mit ihrem Vater einen hochinteressanten Vortrag über die Geschichte des Wiener jüdischen Vereinswesens hielt Ebenso tief wie die Bildung ist auch die Herzensgüte der Braut, die sich in ihrem Verhalten Eltern und Nächst¬ und Fernstehenden gegenüber überaus vornehm äußerte. Dr. Erich Bienheim ist seit vier Jahren Rabbiner in Darmstadt, wo er insbesondere bei der Jugend, die in ihm den hingebungsvollen Führer und Berater schätzt, ungemein beliebt ist. Auf sozialem und wissenschaftlichem Gebiete hervorragend tätig, hat Dr. Bienheim sich die Sympathien der Gemeindemitglieder zu erwerben verstanden, so daß er in allen Körperschatten eine führende Rolle spielt. Wir wünschen dem jungen Paare viel Glück auf seinem ferneren Lebenswege. Mittwoch, den 20. d. M., fand im Zeremoniensaal des Großen Leopoldstädter Tempels die Vermählung der Schwägerin des Herrn Oberkantors M a r g o 1 i e s, Fräulein Vela Wolf, mit Herrn Kantor Salomon 01 k en i t z k y im engsten Familienkreise statt. Herr Rabbiner Dr. Rosenmann und Herr Oberkantor Matth. M a t y a s versahen die Funktionen in gewohnt hervorragender Weise. Kunst wmd£itezatm 100 Jahre Verlag J. Kauifmann & Co. Der Frankfurter Verlag J. Kauffmann & Co., der woit über Deutschland hinaus als Verlag für jüdisch-hebräische Literatur und auch als Antiquariatsbuchhandlung größtes Ansehen genießt, blickte vor kurzem auf ein hundertjähriges Bestehen zurück. Gründer der Firma ist der aus dem Elsaß eingewanderte Isaac Kauffmann, der. eine stark religiöse und eine ausgeprägte Gelehrtennatur, die von ihm gegründete Buchhandlung mehr aus Freude an der Verbreitung von Wissen, als um des materiellen Vorteils willen betrieb. Isaac Kauffmann stand Wilhelm Karl von Rothschild sowohl als Berater wie als Vertrauter in allen Fürsorge-Angelegenheiten und insbesondere bei der Einrichtung und Ergänzung seiner heute in der Frankfurter Stadtbibliothek verwahrten jüdisch-hebräischen Bibliothek zur Seite. Der wich-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.