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Die Wahrheit · 1932-07-29 · Heft 31 (29.7.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 31 (29.7.1932)
Date
1932-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e Die tÜahrhelf mit den .«« Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden* und den Amtlichen Verlautbarungen der Erseneint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien hi.......i.,»im.......ninin......■„nHHUHi.uHi.N.n.HnniHiuiH......nm» Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 29. Juli 1932 Nummer 31 Tagesgespräch ist Qualität, Auswahl und Spottpreise |"98 Knickerbocker, Jaquard-StrQmpfe Hafferlhosen S 7*90, S 6 90 S 4-90 Bauern-Janker S 19*80, S 17.80 ■ ■ „ 9-80 Sporthemden S 9-80, S 7-90, S 4 90 „ 3-98 2 Budtsadte (Moiinax) UrflOle Auswahl! Deutschlands Schicksalstag. (Brief aus Deutschland.) Sie scheinen tatsächlich einen Rückschlag zu befürchten. Eines auch scheint sicher zu sein: auf legalem Wege dürften sie kaum die Macht ergreifen können. Sie selbst rechnen mit etwa 220 bis 240 Stimmen im künftigen Reichstage — und so dürfte ihnen, selbst unter Mitwirkung der Deutschnationalen, die Mehrheit versagt bleiben. Darin aber liegt eine große Gefahr. Wenn die Rechsnegierung ihre Politik, wie Preußen gegenüber, fortsetzen sollte, wenn sie im Reiche dieselben Methoden zur Anwendung bringen wollte — dann wird es in Deutschland einen chaotischen Zustand geben, dann wird es allen unsauberen Elementen leichter fallen, im Trüben zu fischen, dann könnte der Weizen des Hitlertums blühen, ohne daß das Volksvotum hiefür sein Placet erteilt hätte. Trotz aller Ableugnungen wird es immer klarer, daß die Regierung Paten im großen und ganzen im Einvernehmen mit Hitler vorgeht — wird Idfestes System fortgesetzt, dann muß man sich auf aflerhand Ueberraschungen gefaßt machen. Die einzige Hoffnung ist, daß der Widerstand der süddeutschen Ländler, wie er im Falle Preußen an den Tag trat, sich als stark genug erweisen werdte, um das Allerschlimmste zu verhüten. Dieser Widerstand, wie nicht minder die geschlossene Abwehr der Sozialdemokraten, der Kommunisten, des Zentrums und der anderen bürgerlich-demokratischen Elemente gibt -auch den Juden die Hoffnung, daß sie vor dem Allerschlimmsten bewahrt bleiben würden. Die Vorgänge der letzten Wochen haben gezeigt, daß der Kampf in Deutschland um andere Dinge geht als bloß um die sogenannte Judtenfrage. Zuweilen hat man sogar den Eindruck, daß man ein wenig der Juden vergessen härte. Es wäre jedoch eine Selbsttäuschung, wollte man sich diesbezüglich irgend welchen Hoffnungen hingeben. Sollte das Hitlertum in irgend einer Form zur Macht gelangen, dann werden die Hakenkreuzler ob ihrer weitergehenden Ziele der Juden keineswegs vergessen und ihr „Siegeszug" wird zweifellos mit Judenblut, mit der Vernichtung jüdischer Existenzen usw. bezeichnet sein. Schon hat eine Ausweisungspraxis gegen „Ausländer" eingesetzt, angeblich im Interesse der einheimischen Arbeitslosen, in Wirklichkeit aber in der Hauptsache gegen idie Juden. Um den Schein zu wahren, werden auch nichtjüdische Berlin, 22. Juli. Zum dritten Male im Verlaufe eines halben Jahres steht Deutschland vor einem Schicksalstag, der über die nächste Zukunft des Reiches entscheiden könnte: zunächst idler Kampf um die Reichspräsidentschaft!, dann der 24. April — und nunmehr der 31. Juli. Diese Schicksalstage stehen allerdings in enger Verbindung miteinander und bilden nur idie Ringe einer Kette, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Der große Erfolg des Hitlertums gelegentlich der Reichspräsidentenwahl, ein Erfolg, obwohl es in Wirklichkeit eine Niederlage war, begünstigte die Fortschritte der Hakenkreuzler am 24. April. Der Ausgang der damaligen Neuwahlen für den Preußischen Landtag hat die Nationalsozialisten neuerdings ermuntert, die Ergreifung der Macht anzustreben. Merkwürdigerweise kam ihnen der Reichspräsident soweit entgegen, als durch die Entlassung des Kabinetts Brüning und die Ersetzung desselben durch die Regierung Pappen - Schleicher die Auflösung des Reichstages und die Ausschreibung der Neuwahlen herbeigeführt wurde. Und so ist das deutsche Volk zum dritten Male innerhalb weniger Monate dazu berufen, mit dem Stimmzettel über sein eigenes Schicksal zu entscheiden. Wie wird diese Entscheidung ausfallen? Kein Mensch könnte dies mit Bestimmtheit voraussagen. Es werden wohl in den verschiedenen Lagern Prognosen aufgestellt. Während die Hakenkreuzler sich schon als die Sieger sehen und1 ihre Vorbereitungen zur Uebernahme der Macht treffen, mehren sich aus dem entgegengesetzten Lager Stimmen, daß es mit diem HiÜertum abwärts gehe, daß diesmal ein Rückschlag zu erwarten sei, daß die Braunhemden deswegen überaus nervös geworden seien und am liebsten die Abhaltung der Neuwahlen hintanhalten möchten — daher ihre gesteigerten Gewalttätigkeiten in den letzten Wochen, daher ihr Bestreben, die Gegner zu provozieren und den Bürgerkrieg auszulösen, um möglicherweise ohne Volksvotum zur Macht zu gelangen. Inwiefern die eine oder die andere Annahme sich als begründet erweisen werde, das wird erst der 31. Juli an den Tag bringen; eines aber läßt sich nicht leugnen: idie Nervosität des Hakenkreuzlertums ist eine feststehende Tatsache, und diese weist unleugbar darauf hin, daß die Herren Braunhemden ihrer Sache nicht doch ganz sicher sind... Ausländer ausgewiesen, bzw. ihrer Beschäftigung beraubt — die meisten Opfer sind jedoch die Juden. Der Beschluß des Preußischen Landtages hinsichtlich der Konfiskation des Vermögens der Ostjuden hat wohl im Auslande einen derartigen Proteststurm ausgelöst, daß selbst die neueingesetzte Preußenregierung es kaium wagen dürfte, diesen Beschluß irgendwie zu verwirklichen — aber es gibt andere Gebiete, auf denen man den Juden das Leben sauer machen könnte, ohne Retorsionen seitens fremder Staaten zu befürchten. Die Regierung Papens hat zwar durch den Mund eines offiziellen Vertreters versichern lassen, daß sie nicht daran denke, die Gleichberechtigung der Juden zu schmälern — aber in der Praxis gibt es Mittel und Wege genug, um auf „kaltem Wege" den Juden arg zuzusetzen. Die Situation ist daher für die Juden im Reiche ernst genug und mit Hangen und Bangen sehen sie idfem Ausgang dler Wahlen vom 31. Juli entgegen. In politischer Hinsicht haben sie vorläufig nur die einzige Hoffnung, daß andere Faktoren im Reiche dafür sorgen werden, daß die Bäume des Hitlertums nicht in den Himmel wachsen. Das Vertrauen in die eigene Stärke haben die Juden leider verloren; zum Teile ohne ihr Verschulden, zum größten Teile aber durch eigene Schuld. Sie hatten allzu sehr die Dinge an sich herankommen lassen. Zum Kampf und zur Abwehr muß man sich beizeiten rüsten, gerade dann und solange man noch über idie moralischen und materiellen Mittel hiezu verfügt. Und zumal ein Teil jener Juden, die auf den obersten Stufen der Gesellschaft standen — und heute in Gefahr sind, ihre Position zu verlieren oder sie bereits eingebüßt haben — hätte sich in Kenntnis der jüdischen Geschichte sagen müssen, daß auch — die jüdischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Sie hatten ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Judentum und der Judenschaft unterdrückt oder doch eingeschläfert; zu spät für sich und <ße jüdische Gemeinschaft erkennen sie, wohin sie gehörten und gehören, wo ihr Platz ist. Aber nicht nur sie, die „oberen Zehntausend", müssen sich heute in Selbstanklage ergehen — auch die Mittelschicht der Judenschaft ist nicht frei von Schuld; auch ihre Indolenz den jüdischen Fragen gegenüber rächt sich heute bitter. Und noch eine Schuld, wahrlich nicht die geringste, gilt es heute — als Warnung für die Zukunft aufzuzeigen, das ist die Schuld einzelner jüdischer Führer, die sich nie genug daran tun konnten, :d!as Trennende — statt das Einigende — in den Reihen der an den jüdischen Problemen interessierten Schichten der Judenschaft zu betonen. Ihnen ist die Zerrissenheit, die Spaltung im jüdischen Lager zu danken. Aus der Geschichte des Judentums darf man allerdings die Hoffnung schöpfen, daß Hitlers Kampf gegen die Juden das eine Gute zeitigen könnte:!düe Vertiefung des Zusammengehörigkeitsgefühls der Judenschaft, die Herstellung einer einheitlichen Abwehrfront. Austriacus. Österreichische luden! Denkt an Euren Schutz! / Werbet für Eure „Union"!

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