Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 30 (22.7.1932)
- Date
- 1932-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT b«U« o Bruft- und BrabBraussciimDchung Gärtnerei ERNST SEEFRIED Gründungsjahr 1880 XI., Simmeringer Hauptstraße Nr. 381 III. Tor, Zentralfriedhof, Haltestelle der Elektrischen 71 Telephon U 14-2-61 Unter Berufung auf «Die Wahrheit" 10»/0 Rabatt sorgestelle für die aus dem Osten der alten Monarchie evakuierten Flüchtlinge große Verdienste um die Milderung des Jammers der armen Davongejagten erworben. Zum Dank dafür wurde er in den Adelsstand erhoben. Die karitative Note seiner Wirksamkeit setzte sich auch nach dem Krieg durch, als er unmittelbar nach dem Zusammenbruch als Delegierter der Stadt Wien durch Verhandlungen .mit der Entente die Lebensmittel- und Kohlenversorgung der Bundeshauptstadt erleichterte. In den letzten Jahren war Dr. Schwarz- Hiller Präsident des Hauptverbandes der Wiener Messeinteressenten. Dr. Schwarz-Hiller hat auch für jüdische Angelegenheiten besonderes Interesse bekundet. Er gehörte fünf Jahre dem Wiener Kultusvorstand an, 1923 war er Listenführer der „Jüdischen Wahlgemeinschaft", konnte sich aber aus Gründen, an denen er wahrlich keine Schuld trug, mit diesem Wahlbündnis nicht durchsetzen. Seiine hochherzige soziale Gesinnung bewies er immer wieder jüdischer Not gegenüber, die er zu lindern suchte, wo und wie er nur konnte. So war er u. a. ein eifriges Mitglied des Vorstandes der Israelitischen Kinderbewahranstalt. Er war ein guter Mensch, ein guter Jude, der sich überall größter Hochachtung erfreuen konnte. An seinem Sarg trauert seine Witwe, Frau Erna Schwarz-Hiller, die geschätzte Präsidentin des Jüdischen Frauen Vereines Landstraße, und trauern politische Freunde und ungezählte Unbekannte, denanl Schwarz-Hiller ein fürsorglicher Helfer und Berater war. Das Leichenbegängnis, über das wir noch berichten werden, fand Mittwoch, den 20. d., unter sehr starker Beteiligung statt. Die Regierung Irlands nimmt einen Juden in Schutz. Der berüchtigte Pariser Parfumfabrikant und Zeitungsherausgeber Francois C o t y, der in seiner Zeitung ,.L'Ami du Peup 1 e" fortwährend die Legende von den „internationalen Juden, die die jüdische Weltherrschaft vorbereiten," verbreitet, hat in einer der letzten Nummern der erwähnten Zeitung geschrieben, daß der irische Jude Robert Briscoe, Mitglied des irischen Parlaments, ein Agent der jüdisch-amerikanischen Bank in Irland ist und die irische Regierung im Auftrage des internationalen Judentums kontrolliert. •Daraufhin richtete der Gesandte des Irischen Freistaates in Paris, Graf O'Kelly, ein Schreiben an C o t y, in welchem er ihn auffordert, seine Behauptungen betreffend Briscoe und Irland zurückzunehmen. Es ist dies das erste Mal, daß eine Regierung einen ihrer jüdischen Bürger, der im Auslande antisemitischen Verunglimpfungen ausgesetzt ist, auf ausländischem Boden in Schutz nimmt. In dem Schreiben des Grafen O'Kelly an Francois Coty heißt es: ..In Ihren Aeußerungen betreffend die Politik meines Landes und einen der Bürger meines Landes gehen Sie durchaus irre. Sie schreiben, daß Robert Briscoe Agent der jüdisch-amerikanischen Bank in Irland ist. Demgegenüber erkläre ich, daß weder Briscoe noch irgend ein Mitglied seiner Familie noch eine mit ihm in Verbindung stehende Person je einen Kontakt mit einer amerikanischen Bank gehabt haben. Sie schreiben, daß Robert Briscoe im Dubliner Ghetto aufgewachsen ist und eine rein jüdische Erziehung genossen hat. Erstens gibt es in Dublin kein Ghetto und es hat nie dort eines gegeben; zweitens besuchte Briscoe die staatliche Elementarschule. Er ist jüdischer Abstammung und ist, wie alle Juden in Irland, wo es keinerlei Ansätze zu Antisemitismus gibt, von je in unserer nationalen Bewegung tätig. Sein Patriotismus steht außer Frage und die Tatsache, daß er seit einer langen Reihe von Jahren immer wieder zum Abgeordneten des Irischen Parlaments gewählt wurde, sollte ihn gegen jeden Verdacht der Illoyalität seitens eines jeden Menschen, der irgend einen Einblick in die irische Politik hat, schützen. Was Sie in Ihrem Artikel sonst über eine angebliche Verbindung zwischen irischer Politik und jüdischer internationaler Finanz sprechen, ist — ich erkläre es hier vor der Oefientlichkeit — genau so tendenziös wie die hinsichtlich des Herrn Briscoe gemachten Behauptungen." Robert Briscoe, gegen den Coty zu Felde zog, ist eine bekannte Persönlichkeit in Irland. Er ist einer der drei Hauptführer von Valeras Republikanischer Partei, er organisierte die Freiheitsbewegung in Irland selbst und ging nach Amerika, um unter den amerikanischen Iren für die republikanische Sache zu werben. Von Beruf ist er K1 e i n - F a r m e r. Er bewirtschaftet selbst seine kleine Hühnerfarm, die seine Haupteinnahmsquelle bildet. Unter der arbeitenden Bevölkerung von Dublin, die ihn immer wieder ins Parlament wählt, ist er außerordentlich populär. Briscoe ist treuer Jude. _ Antisemitismus in der Tschechoslowakei, Aber die „jüdische Nationalität" ist „anerkannt". „Venkov", Zentralorgan der Partei des tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Franz Udrzal, veröffentlicht einen Artikel, in dem es heißt: „In Deutschland haben sie es gelernt, die Bezeichnungen der politischen Parteien abzukürzen. „Nazi" sind die Nationalsozialisten, „Sozi" die Sozialdemokraten. In der letzten Zeit ist eine neue Abkürzung entstanden, „OZI", was soviel bedeutet wie „Organisation zitternder Israeliten" . . . Diese Organisation steht zwischen den „Nazis" und den „Sozis", wo sicherlich genug Spielraum ist, um es den Angehörigen des auserwählten Volkes zu ermöglichen, Raum für die Verwirklichung ihres immer umfassenden Programmes „Nicht Fisch, nicht Fleisch" zu finden." Fast gleichzeitig ist in der nationaldemokratischen „Narodni Politika", der größten tschechoslowakischen Tageszeitung mit einer Auflage von 140.000 Exemplaren, ein Artikel über den Hitlerismus erschienen, in welchem u. a. erklärt wird:.....Wir sind fest überzeugt davon, daß das tschechoslowakischeVoIkimgleichen Schritt an der Seite der deutschen Nation gehen wird und daß es bei den Nationalsozialisten eigentlich um ein sittliches und humanes Programm geht." („Narodni Politika" und die nationaldemokratische Partei gelten für gewöhnlich als die Träger des Deutschland-Hasses in der Tschechoslowakei.) Der tschecho-jüdische „Rozvoj" befaßt sich mit der Wiederwahl von San N i k o I o zum Rektor der Prager deutschen Universität, die bekanntlich erfolgte, weil die Wahl des Juden Winternitz und des Professors jüdischer Abstammung Krausauf Widerstände gestoßen war, und erklärt: „An den tschechischen Hochschulen könnte eine solche Situation bei Rektorwahlen gar nicht eintreten. E i n Gelehrter jüdischer Abstammung könnte sich hier nicht einmal habilitieren. Die tschechischen Professoren sind zwar keine Hakenkreuzler, aber der Taufschein gilt ihnen noch immer mehr als selbst die beste wissenschaftliche Qualifikation." „R o z v o j" nimmt auch zu der Meldung der slowakisch-klerikalen „S l o v e n s k a Politika" Stellung, wonach in der Slowakei keine Juden mehr in den Staatsdienst aufgenommen werden sollen, und bemerkt: „Im Grunde überrascht dieser ablehnende Standpunkt hinsichtlich der Juden im Staatsdienst gar nicht, denn er wird leise und unauffällig in die Wirklichkeit umgesetzt, und das nicht nur in der Slowakei, sondern auch in den historischen Ländern. Wir begegnen dieser Erscheinung fast an allen amtlichen Stellen. Die demokratische Gleichheit der Staatsbürger besteht nur noch auf dem Papier. Ein noch so gut qualifizierter Jude wird nur schwer Mittelschulprofessor werden. An den Hochschulen ist die Neuberufung eines lsdiias, tthamia, Otört Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, KohlensSnrebader, Diathermie Heiflluit, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8—6 Uhr HellanstaU „Thermia" I., Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer Juden ausgeschlossen. Auch die Dozentur ist fast unerreichbar. Man kann sich über diesen Zug nicht wundern, wenn man weiß, daß einem Hochschüler, der in seiner ganzen Mittel- und Hochschulzeit mit Auszeichnung studiert hatte und dessen Dissertation ein wissenschaftliches Werk war, die übliche feierliche Promotion verweigert wurde, weil er jüdischer Konfession war. Bei solchen „demokratischen" Prinzipien kann die Nachricht der „Ludova Politika" wahrlich nicht überraschen." iIil!M!l!l]lll!!ll!i! Mitglieder und Freunde der „Union" der *J««end-Uni<m« =^=======--——> —— treffen sich während der Sommermonate jeden Dienstag, ab 7:8 Uhr abends, im reservierten Teil des Cafe-Restaurant „Zum braunen Hirschen", II., Prater Hauptallee. Die amerikanische Hilfe. In einer in Buffalo abgehaltenen Versammlung führender amerikanischer Juden hielt Felix M. War bürg, Ehrenpräsident des Joint Distribution Committee, eine Ansprache, die in den Appell mündete, das Hilfs- und Aufbauwerk für die Juden in der Alten Welt auch weiterhin zu fördern. Zweifellos, sagte Felix M. Warburg, befinden wir amerikanischen Juden uns selbst in einer tiefen finanziellen Depression; wir werden) überschüttet mit Appellen zur Hilfe an Arbeitslose. Aber hoffentlich ist der Tiefstand unserer Depression erreicht, und im Vergleich zu den Schwierigkeiten, mit denen die Menschen in anderen Ländern zu kämpfen haben, erscheinen uns unsere eigenen Nöte von leichterem Gewicht. In Polen, wo wir bis jetzt ein großes Stück Arbeit geleistet haben, stehen, wenn wir unser Werk nicht fortsetzen, die dort bereits gemachten Investierungen auf dem Spiele. Es ist notwendig, die vielen Darfehensgesellschaften und Genossenschaftsbanken weiter zu stärken, um auf diese Weise das lokale Kapital, das sich in wachsendem Maße mit uns verbunden hat, zur Mitbeteiligung heranzuziehen. Auch Sie, die Sie doch in der Nachbarschaft äußerst solider Geschäftsunternehmungen leben, wissen, wie schwierig Finanz-^-' Operationen sind und wie leicht Kapital ver-* , dampfen kann. Wird eine Institution von ihren!;,: '»■ ersten Förderern im Stich gelassen, sind auch die\<> , späteren Freunde leicht dazu geneigt, sie im Stich zu lassen. Eine Katastrophe, von der Tausende von Aktionären und Subskribenten betroffen werden würden, könnte die Folge sein. Felix M. War burg kam auch auf die Lage der Juden in Deutschland zu sprechen und sagte, das Leben dieser vortrefflichen und ihrem Staate ergebenen Juden werde durch die antisemitische Haß- und Hetzseuche v e r b i 11 e r t. Es sei nichts Neues, daß, wo immer ein Land von einem Unglück betroffen wird, nach Sündenböcken gesucht wird, und gewöhnlich sind es die Juden, die für das Unglück verantwortlich gemacht werden. Diejenigen unter uns, die auf eine 40jährige Entwicklung zurückblicken können, wissen, daß der jetzige Haßausbruch der unglücklichen arbeitslosen Bevölkerung Deutschlands unter Adolf Hitler nur ein Glied in einer großen Kette ist. Das Schicksal der deutschen Juden zeigt, daß in jedem Lande, in dem die Juden viel dazu beigetragen haben, ihren Brüdern in anderen Ländern zu helfen, eine Lage eintreten kann, in der die früher Gebenden sich dann selbst nicht zu helfen wissen. Dürfen wir, schloß Warburg, nur weil wir im eigenen Hause mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die noch schwerer leidenden Menschen in anderen Ländern sich selbst überlassen?