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Die Wahrheit · 1932-07-22 · Heft 30 (22.7.1932) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 30 (22.7.1932)
Date
1932-07-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Setje 4 DIE WAHRHEIT Marienbad WM Franzensbad Gold. Schlüssel Rest. Fürsienhof SIMON RAAB Den wirtschaftlichen Verhältnissen angemessen, bedeutend ermäßigte Preise. letzten Endes doch nur als eine, wenn auch langdauernde, so doch notwendig vorübergehende Epoche der menschheitlichen Entwicklung zur Sittlichkeit angesehen werden und es ist durchaus nicht einzusehen, warum das jüdische Volk, nach den Worten Dr. Nathan Birnbaums das berufene „Zeugnis- und Beispielvolk", nicht auch weiterhin gegen die sein sittliches Ideal angreifenden Völker sein Veto einlegen, also seine Mission fortsetzen soll, allerdings unter der Voraussetzung, daß es durch die Rückkehr zu seinen alten religiösen Idealen sich die Berechtigung hierzu wieder erworben hat So könnte ein in Wahrheit religiöses Judentum heute dem Nationalsozialismus einen ganz anderen Widerpart abgeben, ihm in ganz anderer Weise „dareinreden", als es, durch seine eigene religiöse Degeneration daran verhindert, in Wirklichkeit vermag. Im übrigen stellt ja die Arbeit Uriel Birnbaums selbst ein gut Stück „Dareinreden" in die Auffassung des Sittengesetzes der Völker und in ihr Leben dar. Birnbaum baut seine Idee von der pro%'identiellen Bedeutung des Antisemitismus noch weiter aus. unseres Erachtens allerdings viel zu weit wenn er behauptet daß der Antisemitismus nicht nur ein Kampf gegen die jüdisch-sittliche Idee ist, sondern daß er und seine Gegenspielerin, die ihn immer neu anfachende Assimilation, ein „göttliches Mittel zur Erhaltung der jüdischen Sonderexistenz zwischen den Völkern darstellt" Denn da die jüdische Sonderexistenz nicht als Zweck an sich angesehen werden kann, zumal das Wesen dieser Existenz schon längst erkannt ist ja von Birnbaum selbst in immer erneuter Weise vor Augen geführt wird, scheint uns diese seine etwas konstruiert anmutende Formulierung eher dazu angetan, einer gefährlichen Indifferenz die Wege zu bahnen.. Wenn nämlich das Wesen dieser Sonderexistenz schon erkannt wurde als die Berufung zur sittlichmonotheistischen Idee mit dem offenbaren Zweck, dieselbe zu verwirklichen und unter den Völkern durchzusetzen, so würde ja jene Formulierung der ewigen Notwendigkeit von Antisemitismus und Assimilation ein ewiges Verzweifeln an der endlichen Verwirklichung der jüdischen Mission einbegreifen. Dies aber konnte Birnbaum zweifellos nicht gemeint haben und dieser ganze Gedankenkomplex ist eher als eine verunglückte metaphysische Spekulation zu werten. Jedenfalls mag aus der bisherigen Wiedergabe der Grundideen der Birnbaumschen Broschüre und unserer Polemik mit denselben ersehen werden, von welch hohen, eines Birnbaum würdigen Aspekten hier Geschichte und Gegenwart beurteilt werden, aber auch, wie unendlich schwer es ist die einfache Linie der Anschauung aufrecht zu erhalten, angesichts der so verzwickten und zugespitzten aktuellen Verhältnisse, insbesondere aber angesichts des tief erschütternden Umstandes, daß das Judentum, dieser sittliche Kompaß auf dem Meere des Lebens, offenbar nicht mehr, wie einst den richtigen Ausschlag für eine Orientierungi zu zeigen vermag. Wenn wir noch hinzufügen, daß diese Broschüre des weiteren einige großzügige Aspekte in Hinsicht auf aktuelle europäische Politik, eine Analyse zahlreicher moderner Weltanschauungen, eine Untersuchung der Minoritätenfrage, einen historischen Ueberblick über den Weg des deutschen Antisemitismus vom Protestantismus über den Liberalismus zum Rassenantisemitismus etc. etc. enthält, so haben wir damit erst einen Bruchteil vom Inhalte dieser gedankenreichen Arbeit erwähnt Es dürfte aber ebenso seine kühne, von geistiger Unabhängigkeit zeugende Auffassung des jüdischen Nationalismus nicht übergangen werden, diese kritische, ja vernichtende Beurteilung der zionistischen Bewegung, die. losgelöst vom religiösen Ideal des jüdischen Volkes, im Wesen nichts anderes bedeutet als gerade extreme Assimilation an die nationalistischen Strömungen Europas. Von scheinbar bizarrer Paradoxie, aber darum nicht weniger wahr, ist der aufgezeigte Parallelismus der jüdisch-nationalen Bestrebungen mit der von ihr so heftig bekämpften nationalsozialistischen, der sie sich auch in Gestalt einiger neuerstandener jüdischer Rassenfanatiker vielfach: anzugleichen bemüht Von großem wissenschaftlichen Interesse ist die sozusagen praktische Auseinandersetzung Birnbaums mit dem Wesen des Rassenantisemitismus, den zu erforschen er eine fast erdrückende Fülle von Material vor dem Leser ausbreitet die den Vorzug, aber auch den Nachteil seiner, im Verhältnis zur Aufgabe, auf einen nur knappen Raum beschränkten Arbeit bildet So erscheint es fast als ob der Autor aus der Sphäre seiner bisherigen großartigen und großzügigen, weil rein theologischen, Gedankenbahn gerissen und in die Niederungen irdischer Auseinandersetzungen und verworrener, tausendfach sich kreuzender Bewegungen und Ideenreihen gedrängt jene überlegene Fähigkeit der Sichtung und Anordnung aller Erscheinungen um eine zentrale Idee vorübergehend eingebüßt habe. Vom biographisch-entwicklungsmäßigen Standpunkt wären also die Mängel dieser Arbeit im Gesamtschaffen Birnbaums wohl zu begreifen; aber dies enthebt nicht der kritischen Pflicht auf sie hinzuweisen. Denn gerade unserer Zeit die durch materialistische Philosophie und utopische Theorien auf das heilloseste verwirrt ist tut eine klare, einfache, die Grundidee besonders deutlich hervorhebende Behandlung jeder Frage not, um sich überhaupt erst einmal verständlich zu machen. Diese Anhäufung von Material aber, diese übermäßige Fülle von Gedanken, Zitaten und Belegen in Birnbaums Broschüre läßt eben dadurch die Befürchtung aufkommen, daß ihr kaum eine durchgreifende Wirkung beschieden sein wird, obwohl ihr dies, im Interesse der äußerst dringend gewordenen Aufrollung und Klärung der dort behandelten Probleme, von Merzen zu wünschen ist Der Jude Max Liebermann. Zum 85. Geburtstag Max Liebermanns veröffentlicht Dr. Karl Schwarz im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin einen Artikel, in dem unter anderem erzählt wird: „Die Alte Synagoge der Heidereutergasse bewahrt einen Thora-Vorhang, gestiftet von Joseph Liebennann, dem Großvater des 85jährigen Meisters. Vor einiger Zeit erst erzählte mir der greise Künstler, daß er sich genau entsinne, wie er vor ungefähr 75 Jahren neben seinem Vater in der Synagoge gestanden und dieser ihn darauf aufmerksam gemacht hat, daß auf dem herrlichen Vorhang, dessen Stickerei auf ihn einen großen Eindruck gemacht habe, sein Name stände, worauf er damals sehr stolz gewesen sei. Liebermann ist Zeit seines Lebens darauf stolz gewesen, einer angesehenen Berliner jüdischen Familie anzugehören, er hat sich immer als Jude gefühlt und des öfteren nachdrücklich darauf hingewiesen. Er schrieb selbst in seinem Lebenslauf, den er, der heute älteste noch lebend© Abiturient des Friedrich - Werderschen Gymnasiums, 1866 anläßlich seines Abganges von der Schule verfaßte: „Ich, Max Liebermaim, bin den 20. Juli 1847 in Berlin geboren. Mein Vater, Louis L., erzog mich, treu dem Glauben der Väter, in der jüdischen Religion." Der Großvater war 1824 aus Märkisch-Friedland in Berlin! eingewandert und begründete hier eine maschinelle Kattundruckerei, die die bedeutendste ihrer Art in Deutschland wurde und an 1000 Arbeiter beschäftigte. Er wurde — was damals eine besondere Auszeichnung war — Kommerzienrat und erbaute sich in Charlottenburg am Knie ein Landhaus. Sein Sohn Louis heiratete die Tochter des Juweliers Haller und begründete seinen Hausstand in dem inzwischen abgerissenen Hause Burgstraße neben der alten Herkulesbrücke, in dem Max das Licht der Welt erblickte. Später erwarb er nach einem vorübergehenden Domizil in der Behrenstraße das Haus neben dem Brandenburger Tor, in dem der greise Künstler noch heute, mit Ausnahme der Sommermonate, die er in seiner Besitzung am Wannsee verbringt, wohnt. Noch eine Erinnerung künstlerischer Art verknüpft den Meister mit der alten Synagoge. Als der Vater 1894 starb, malte er das Porträt des alten Schammes Rosenthal und stiftete den Erlös des Bildes für die Synagoge. Lebensversicherungs - Gesellschaft PHÖNIX i » Gegründet 1882 Gegründet 1882 Versicherungsbestand per Ende 1931 .... 2800 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahme im Jahre 1930 150 Millionen Schilling Garantiemittel per Ende 1930 .... 378 Millionen Schilling Auszahlung an die Versicherten im Jahre 1930 . . . 35M Millionen Schilling Filialen in allen Bezirken Wiens sowie in den Landeshauptstädten und allen größeren Städten Oesterreichs. Tätigkeitsgebiet außerhalb Oesterreichs: Deutsches Reich. Tschechoslowakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn, Polen, Jugoslawien. Bulgarien. Griechenland. Rumänien, Palästina. Syrien. Türkei, | ' Aegypten. m VORNEHME f AMILIEN - PENSION 1 |HEStaurafion,HaffBEhflüs | täglich 5-Uhr-Tee SEMMERIN61 TELEPHON 11 ü Hochstraße 431 __ neben Hotel Panhans m §§ Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts M H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser m in jedem Zimmer. §§ g Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer Von der Agadas Jisroel. Am 5. Juli fand in Wien unter Vorsitz des Herrn Wolf Pappenheim eine Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel statt, zu der außer den Wiener Mitgliedern eine Reihe auswärtiger Vertreter zur Besprechung aktueller Fragen geladen und erschienen waren. Für Erez Jisroel nahm Rabbi Mosche Blau aus Jerusalem, für Polen Rabbiner Tobias H o r o v i t z, Rzeszow, für Deutschland Wolf S. Jacobson, Berlin, außerdem die Herren Rabbiner Hager, Wischnitz, als Vertreter der rumänischen Agudas Jisroel und Sejmdeputierter S. Vittenberg, Riga, als Vertreter Lettlands teil. Die Tatsache, daß zum ersten Male ein agudistischer Parlamentarier sich an den Arbeiten des Kongresses der europäischen Minderheiten beteiligte, gab Anlaß zu einer ausführlichen Aussprache über die Stellung der Agudas Jisroel- Weltorganisation zu den Problemen der Minderheitspolitik. Die Herren aus Polen und Rumänien vertraten nachdrücklich den Standpunkt, daß an der von der Agudas Jisroel von vornherein umrissenen reservierten Stellung gegenüber einer auf internationale Garantien sich stützenden Minderheitspolitik festzuhalten sei. Dabei wurde nicht verkannt, daß es im einzelnen nützlich sein könnte, wie dies von seiten der lettländischen orthodoxen Parlamentarier geschehen sei, in einem Ausnahmefall lediglich zu informativen Zwecken an einem solchen Kongreß teilzunehmen. Die allgemeine Linie der agudistischen Politik, die die jüdischen Minderheiten für die Lösung der sie berührenden religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Probleme grundsätzlich auf die loyale und friedliche Auseinandersetzungimlnnerndeseigenen Staatswesens verweist, darf jedoch, wie insbesondere die Vertreter der Exekutive hervorhoben, in keiner Weise berührt werden. Der durch Rabbi Masche Blau erstattete Bericht über die palästinensischen Verhältnisse zeigte, daß die Lage des orthodoxen Judentums in Palästina in politischer Hinsicht nicht ungünstig, in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung dagegen recht betrübend ist. Die Schulen der Agudas Jisroel sind infolge der katastrophalen Lage in Europa gefährdet, die Lehrer erhalten ihre Gehälter nur mit großen Abzügen und sehr verspätet, was sich selbstverständlich im Schulbetrieb und der Frequenz der Schulen auswirkt. I Dr. Rudolf Schwarz-Hillen I Montag früh ist der ehemalige Gemeinderat der Stadt Wien, der bekannte demokratische Politiker Dr. Rudolf Schwarz-Hiller, kaum 56 Jahre alt, an den Folgen eines schweren Magenleidens gestorben. Mit Dr. Schwarz-HMler — der sich in den letzten Jahren angesichts der seltsamen Parteiengruppierung in Oesterreich von der Politik vollständig zurückgezogen hatte — scheidet ein hervorragender demokratischer Politiker aus dem Leben, der immerdar nur dem Wohl der Menschheit Opfer an Arbeit und Geld brachte. Im Jahne 1910 wurde Dr. Schwarz-Hiller aus der Leopoldstadt in den Gemeinderat gewählt, dem er als Mitglied der bürgerlich-demokratischen Gruppe bis zum Jahre 1923 angehörte. Mit Julius Ofner persönlich befreundet, war er ein eifriger Verfechter des demokratischen Gedankens. Während des Krieges hat er sich als Leiter der Für-

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