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Die Wahrheit · 1932-07-22 · Heft 30 (22.7.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 30 (22.7.1932)
Date
1932-07-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fWE WAHRHEIT Baden bei Wien Telephon 74 Zentrale Lage — Sehr schöne Zimmer mit 3 Mahlzeiten (feine 'riaas'.nann>küche) Garten-. Strand- und rieilbäciernähe Preis von 10 Schilling: aufwärts Warum geht's in Baden? Antisemitismus ist der Ruin für jeden Fremdenverkehr, insbesondere jener Antisemitismus, der sich in exzessiver Rüpelhaftigkeit äußert. Diese Binsenwahrheit haben heute wohl schon alle Gemeindegewaltigen jener Orte erkannt, die auf regen Zuspruch jüdischer Gäste Wert legem. Nicht alle handeln aber auch gemäß dieser Erkenntnis. Es gibt noch immer Orte, deren verantwortliche Faktoren das unverantwortliche Treiben der Hakenkreuzler stillschweigend dulden. Der schöne Kurort Baden b. Wien bildet in dieser Hinsicht eine rühmliche Ausnahme. Sein Bürgermeister hat erst kürzlich die Nationalsozialisten als „die Partei des Terrors und des Tiefstandes der Sitten" bezeichnet. Er hat guten Grund zu dieser Charakterisierung, denn erst dieser Tage wurden die Besucher des Badener Tempels unangenehm überrascht. An den Türen und Fenstern des Tempelgebäudes waren in der Nacht Hakenkreuze angebracht worden und längs des ganzen Trottoirs stand in großen Lettern mit Oelfarbe folgender lieblicher Vers: „Achtung! IhrVolk derMazzesfresser — wir kommen heut' Nacht mit dem langen Messer!" Die vornehme Gesinnung, die dieser Vers bekundet und die den (vorderhand noch unbekannten) Herrschaften ein V e r f a h r e n wegen Morddrohung gegen eine Religionsgemeinschaft eintragen wird, betätigen die gleichen Gesellen auch bei ihrem sonstigen öffentlichen Auftreten. Deshalb hat d i e Leitung der Kurkommission von Baden den Besuch des Kurparkes in Parteiuniform verboten, ein Beschluß, der sich, wie nicht zuletzt ein wütender Angriff detr „Dötz" gegen den Kurort beweist, hauptsächlich gegen die Braunhemden richtet. Baden kann also wirklich in so mancher Hinsicht zum Vorbild dienen, auch in politischer Hinsicht unserer Regierung, denn derjenige, der sich so scharf gegen die Hakenkreuzler ins Zeug legt, ist — ein Christlichsozialer, Bürgermeister Josef Kollmann. mit Herz und Blut ewig verpflichteter Schüler schreibt: „Ich werde in alle Ewigkeit nichts anderes gegen Sie aussprechen dürfen als Dank, Dank!" Man weiß, wie dieser Dank in Wirklichkeit aussah: man lese das Seite -122/124 der genannten Biographie nach. 34. Indes, wie könnte man einem nationalsozialistischen" Abgeordneten zumuten, von all diesen Dingen auch nur die Spur einer blassen Ahnung zu haben? Die „Ignoranz" ist heute auf ein höheres Pledesral erhoben, unter ihrem Schutz und Schirm kann man heutigentags ganz unbedenklich auch das Ungereimteste vollführen. Wenn jener Abgeordnete aus Unwissenheit handelt, so ist das seine Sache. Daß aber die ganze Partei sich mit solchen Begründungen in parlamentarischer Beratung, also vor aller Welt bloßstellen läßt, vor aller Welt sagen wir, die die Schöpfungen eines Mendelssohn- Bartholdy, eines Halevy. eines Meyerbeer, eines Goldmark, eines Offenbach, eines Mahler einzuschätzen weiß, darin liegt etwas völlig Ungereimtes. Kulturwidriges, Wildwestliches. Man wird damit zum Gelächter der Welt! 35. Belauschtes. A (Arier, parteilos): Hör' mal. in eurem Streben nach Macht kennt ihr wirklich keine Hemmungen. Im Entstellen und Verleumden seid ihr geradezu unübertrefflich. Uebrigens, was meinst du, wie groß ist die Zahl jener Juden, die seit hundert Jahren in Kunst und Wissenschaft hervorgetreten sind, durch die also die Wissenschaft die Forschung, die Gelehrsamkeit, die Kunst, die Bühne, die Literatur, das Zeitungswesen, kurz alles und jedes, wie ihr sagt, verludet worden ist, wohlgemerkt, seit hundert Jahren? B. (N. S.): Bei uns in Deutschland allein gewiß viele ungezählte Tausende! A: Weit gefehlt! Sogar in der ganzen Welt alles zusammen keine tausend, kaum fünfhundert, sage und schreibe fünfhundert! B: Quatsch, das plappertst du sicher einem Juden nach, dem es paßte, statt aufzuschneiden, da einmal zu bagatellisieren. A: Du irrst, ich selbst habe das an der Hand verschiedener Lexikas festgestallt Die Hälfte davon entfällt auf Deutschland, die Hälfte auf alle übrigen Länder. Ich schäme mich wirklich für mein Vatefand. Ich schäme mich, daß ihr imstande wart, uns, dem 70-Mulionen- Volk der Deutschen, die der Welt die meisten Geistesfürsten geschenkt haben, wegen der paar Hundert Juden, die seit hundert Jahren kulturell schöpferisch bei uns hervortraten, eine Heidenangst einzujagen. Das ist und bleibt für uns ein tief beschämendes Armutszeugnis! (Fortsetzung folgt) Weckruf? Die Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Dinge in Oesteroich muß jedem die Ueberzeugung von der NoMwemdSgficei.* des organSscatorlschcm ZusammeiMdilusses all««* ös^errelcaaSsehen Juden beigebracht haben! Erfüllet deshalb, so lange es noch Zeit ist, Eure Pflicht! Greste* «1er „UNION ÖSTERREICH3SCHER JUDEN', bei? Spendet reichlich für den Abwehrfond der „Union" Die „Union" bezweckt nach § 2 Ihrer Statuten: 1. Zusammenfassung der österreichischen Bundesbürger Jüdischen Glaubens, die Jede staatsbürgerliche, politische oder nationale Sonderstellung der Juden ablehnen. 2. Energische Verteidigung der verfassungsmäßigen Rechte der österreichischen Juden als gleichberechtigte und gleichverpflichtete BUrger des Staates. 3. Wahrung der allgemeinen und politischen Rechte jedes einzelnen Juden. 4. Stellungnahme zu allen das Judentum berührenden Angelegenheiten des öffentlichen Lebens durch Vorträge, Versammlungen, Petitionen u. dgl. sowie durch Mitwirkung an den Wahlen in die öffentlichen Vertretungskörper. 5. Einflußnahme auf alle Vorgänge im Jüdischen Gemeindeleben. 6. Aufklärung und Beseitigung der über das Judentum verbreiteten Irrtümer und Vorurteile sowie Bekämpfung der auf Verschärfung der konfessionellen und Rassengegensätze gerichteten Bestrebungen. (Bitte ausschneiden und an das Büro der „UNION", IX., Berggaue 4 einsenden. Nichtgr«Unechte» bitte curebstrechen; Ich bin bereit als Spender den Kampf der„Union" zu unterstützen. Ich wünsche, Mitglied der „Union" zu werden. (Halbiahresbeitrag S 6.—.) Ich wünsche, Abonnent des Organs der „Union", ,;Die Wahrheit" zu werden. Halbjahrsabonnement S 11.—.) Ich empfehle, an folgende Adressen wegen Beitritt zur „Union" heranzutreten: Uriel Birnbaums „ Volk zwischen Nationen" in kritischer Beleuchtung. Von S. Taubes. Diese letzte Enunziation Uriel Birnbaums, in welcher er die Stellung des Judentums und der Judenheit innerhalb der umgebenden Nationen zu umschreiben sich bemüht, im besonderen jedoch die Erscheinung des Antisemitismus bis aui seine letzte, aktuellste Form, die nationalsozialistische, zu erklären sich anschickt, stellt auch den aufmerksamen und gesammelten Kritiker vor eine schwierige Aufgabe. Denn Birnbaum hat bei seiner Arbeit nicht die Königsform der Denkmethoden, die Deduktion, in Anwendung gebracht, wonach vom Brennpunkt einer zentralen Idee aus alle behandelten Gegenstände ihre Ableitung und Beleuchtung erfahren, sondern er tastet sich auf induktivem Wege, hier auf dem der historischen Entwicklung, an das in Frage stehende aktuelle Problem, den Antisemitismus der Gegenwart, erst heran. Daran aber, daß nämlich die so behandelte Materie nicht schon vom ersten Augenblick an im Lichtkreis einer dominierenden Idee aufscheint jener großartigen Idee, die erst im weiteren Verlaufe der Broschüre allmählich herausentwickelt wird und die allein imstande wäre, auch den langwierigen Untersuchungen über die historische Entwicklung des Antisemitismus als ordnendes Prinzip zu dienen, daran leidet die Straffheit der Komposition in Hinsicht auf den durchgehenden Zusammenhang der einzelnen Partien und ihrem Verhältnis zur Grundidee. Während so die einzelnen Teile seiner Arbeit eine oft verblüffend neuartige Ausdeutung historischer Gewordenheiten bieten, wie z. B. des übernationalen Habsburgerreiches in seiner Bedeutung für die nationalen Minoritäten im allgemeinen, für die jüdische Minderheit im besonderen, oft eine originelle Auflösung historischer Knotenpunkte darstellen, geht doch dem Ganzen seiner Arbeit jene Stoßkraft und innere Gewalt abhanden, die sonst als eine charakteristische Wirkung im Schaffen Birnbaums noch immer festzustellen war. Während Birnbaum beispielsweise in seinem ersten Essay „Gläubige Kunst" eine bewundernswerte innere Logik vorwalten läßt, die dem Leser auch den verschlungensten Bahnen seiner Gedankengänge zu folgen erlaubt wird man in der vorliegenden Broschüre von der sich drängenden und stoßenden Eile des Gebotenen geradezu erdrückt Denn in den dreißig Seiten dieser Broschüre ist eine derartige Fülle von Gedanken, Theorien. Vermutungen, apodiktischen Behauptungen, Zusammenhängen, Zusammenhanglosigkeiten, Ineinanderschachtelungen und Abschweifungen vereinigt daß es eine besondere Aufgabe böte, eine Gruppierung und Gliederung derselben im Lichtkreis jener zentralen Idee vorzunehmen, wodurch erst jede einzelne Partie dieses Büchleins ihre tiefere und eindeutige Aufhellung erhielte. So ist — in diesem Zusammenhange — ein besonders augenfälliger Nachteil, nicht nur im architektonischen Aufbau, sondern auch in Hinsicht auf die zur tragenden Idee bestimmten Erkenntnis, daß die kardinale Behauptung Birnbaums, wonach der Antisemitismus letzten Endes religiös zu umschreiben sei, eben nicht zum kardinalen Mittelpunkt seines Essays erhoben worden ist Daß aber Birnbaum diese gewaltige Erkenntnis vom religiös-sittlichen Motiv des Antisemitismus in ihrem ganzen Umfange und ihrer schwerwiegenden Bedeutung als solche wertet, geht ans mehreren nachdrücklich betonten, wenn auch verstreuten Stellen in dieser Broschüre hervor. So sagt Birnbaum: „Es steht wohl außer Frage, daß ein so unveränderlicher, wahrhaft unsterblicher Haß nicht zufällig sein kann; und gleicherweise klar ist wohl, daß die von diesem vieltausendjährigen Haß Getroffenen irgendwie (wie? Anm. d. Red.) an seinem immer neuen Entstehen Schuld tragen müssen." Und weiter: „Aber es ist wohl ebenso offenbar, daß diese gleiche Einstellung der verschiedensten Völker tiefere als nur gefühlsmäßige, daß sie schicksalhafte, providentielle, metaphysische Ursachen haben muß." Wenn es auch danach durchaus nicht ganz klar erscheint, wie die vom Haß Getroffenen Schuld tragen müssen, zumal auch die Einstellung der Hassenden oifenbar providentiell ist, also auch sie sicherlich an ihrem Haß Schuld tragen und gerechterweise beide. Hasser und Gehaßte, aus religiösen Motiven heraus zu erfassen gewesen wären, so klingt hier doch sehen, etwas zaghaft zuerst, die bahnbrechende Erkenntnis an, zu der sich Birnbaum schließlich mit aller Energie aufrafft wenn er sagt: „Und sicherlich ist der jahrtausendlange Ansturm gegen Israel ein Kampf um die von den Juden in die Welt gebrachte Idee, letzten Endes also ein Kampf der Heiden gegen Gott." Diese Definition des Antisemitismus ist das großartigste Fazit dieser an Ideen fast überreichen Broschüre und von hier aus wären alle Erscheinungen, historische Begebenheiten und aktuelle Verwicklungen zu durchdringen und zu durchleuchten gewesen, auch wenn die „Rechnung" nicht so ganz stimmt womit Birnbaum seine kühne Behauptung einschränken zu müssen glaubt, eine Einschränkung, die, an sich berechtigt an dieser Stelle jedoch nur wie ein künstliches Abhacken wirkt, wie eine Abschwächung und Trübung dieses in seiner Einfachheit grandiosen Ausdruckes. Denn der Umstand, daß die Judenheit jener gewaltigen Idee, offenbar der aus dem Monotheismus hervorgegangenen Idee der Sittlichkeit, in einer Epoche allgemeiner religiöser Dekadenz vielfach die Treue gebrochen hat rührt doch die große Wahrheit der gegebenen Definition nicht an. Er erläutert höchstens, wenn man nicht endgültig an der Sendung Israels verzweifeln will, die Komplikation der gegenwärtigen Verhältnisse, indem das Judentum, der berufene Träger der sittlichen Idee, dieser zeitweise entsagt hat und eben dadurch die, trotz allem ewig nach Sittlichkeit dürstende Menschheit in Unruhe und Schwankung versetzt Daraus ergibt sich höchstens eine besondere, zeitbedingte Nuancierung des Antisemitismus der Gegenwart die Scheu. Unruhe und Unsicherheit der Völker auch in ihrem Haß gegen das Judentum, nicht aber eine wesentliche Aenderung seiner Bedeutung oder gar der Bedeutung der ewigen Aufgaben des jüdischen Volkes. ttad es ist trotz seiner schönen Pathetik falsch, wenn Birnbaum sagt: „So gewiß das Judentum berechtigt war, die eine große Wahrheit vom ewigen Gott und vom ewigen Sittengesetz den Völkern darzubringen, eben weil es die eine, mit keiner andern vergleichbare Wahrheit war — ebenso haben sie seither nicht das mindeste Recht den Völkern in deren Auffassung des Sittengesetzes und in ihr Leben mit oder ohne dasselbe etwas dareinzureden", und daraus den ohnehin schon so großartig und für ewige Zeiten definierten Antisemitismus neuerlich abzuleiten versucht wodurch er wieder die Klarheit seiner Linienführung trübt Denn, ist der Antisemitismus ein Kampf gegen Gott ist er ein fortgesetzter Kampf gegen die monotheistisch fundierte Idee der Sittlichkeit, so kann er

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