Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 30 (22.7.1932)
- Date
- 1932-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Die Lage der deutsehen Juden. Dieser Tage weilte Herr Rabbiner Dr. jur. et phil. Julius Augapfel aus Inst e r b u r 2 (Ostpreußen) in Wien. Dr. Ausapfel ist gebürtiger Wiener, hat hier die Volksschule. Gymnasium und Universität besucht war Bibliothekar am Orientalischen Institut der Wiener Universität und Schüler des Rektors Hofrat Schwarz. Hofrats D. H. Müller, sowie der Professoren Aptowitzer,, Krauß und Torczyner. Eine größere Arbeit von ihm über babylonische Rechtsurkunden ist in der Wiener Akademie der Wissenschaften erschienen. Während des Krieges war Dr. Augapfel Feldrabbiner, seit 1926 wirkt er als beliebter Seelsorger in der ailten Gemeinde InsterborK. GelegenthcB eines Besuches, den Dr. Augapfel unserer Redaktion abstattete, kam das Gespräch selbstverständlich auch auf die derzeitige politische und wirtschaftliche Lage der deutschen Juden. Dr. Augapfel wußte hierüber aus seinem Wirkungskreise manch eines Buches, den Dr. Augapfel unserer Lesern nicht vorenthalten möchten. Doktor Augapfel erzählte u. a.: Auf meiner Reise von Ostpreußen nach Wien habe ich überall, wo ich mit Juden zu sprechen Gelegenheit hatte, ganz unrichtigen Vorstellungen oder Ansichten über unsere Lage in Deutschland gehört. Trotzdem ich ja schon seit 6 Jahren in Ostpreußen, der Hochburg des Nationalsozialismus, lebe, muß ich diesen Ansichten auf Grund eigener Erfahrungen entgegentreten. In Ostpreußen leben zirka 12.000 Juden, davon zirka 4000 in der Großgemeinde Königsberg, 1000 in Tilsit, 800 in Allenstein, 500 in Elbing, 400 in Insterburg. Die übrigen sind über das ganze Land zerstreut Auffallend ist nun, daß es gerade im Ostpreußen bisher fast nirgends zu irgendwelchen feindseligen Ausschreitungen gekommen ist, im Gegenteil, man kann in ganz kleinen Orten feststellen, daß die Juden noch immer gewisse Beziehungen zu nichrjüdischen Kreisen unterhalten. Schwieriger gestaltet sich die Lage der freien Berufe, der Aerzte, Rechtsanwälte u. a., die unter dem wirtschaftlichen Boykott, wenigstens in meinem Bezirke, zu leiden haben. Die wirtschaftliche Frage ist meiner Meinung nach wohl der springende Punkt. Wenn es den Juden gelingen sollte, hier durchzuhalten, dann wird sich auch die politische Lage ändern. Denn wenn es auch schwer ist kurz vor den Wahlen irgendwelche Prognosen zu stellen, so ist man doch allgemein der Meinung, daß die Wahlen nicht die von unseren Feinden erwartete Wendung bringen werden. Peuitteton Allerlei Wahrheiten! Von Ego. (Fortsetzung.) 26. Wenn Sowjetrußland jemals ein Pantheon errichten wird, dann werden sich die wenigen Juden darin (Marx, Trotzki. Rosa Luxemburg, Kamenew. Radek, Sinowjew) mit ihren christlichen Mitarbeitern (Engels, Liebknecht) verlieren, neben ihnen zahllosen Vorgängern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, an deren Spitze der von Pia tos „Republik" beeinflußte Lordkanzler Heinrich VIII. Thomas Morus steht, in1 dessen „Utopia" schon der sechsstündige Arbeitstag gefordert wird. Der nächste, der einen kommunistischen Staatsroman unter dem Titel „Sonnenstaat" herausgab, war der italienische Mönch Campanella, hernach der Franzose Morel 1 y mit seiner ,J3asiliade". dann kamen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht weniger als weitere 16 hinzu, meistens aus dem Kreise des französischen Adels. 27. Diese gleichsam indirekten Gesellschaftskritiken wurden dann abigelöst von solchen, die schon ganz offen Kritik übten, diese in Theorien kleidend. Die Mably. Linguet Brissot de Warwille, Meslier, Böissel (dieser einer der kühnsten und originellsten Denker des vorrevolutionären Frankreichs) ebenso Necker. der Finanzminister Ludwig XVI. mit seiner Abhandlung über den Kornhandel, das waren neben Jean Jacques Rousseau die eigentlichen Wegbereiter der französischen Revolution: hierzu kamen dann bekanntlich Babeuf, der schon früher erwähnte Saint-Simon. Proud'hon. Bouchez. Enfantin, Bizard. Fourier. Owen, Louis Blanc Rodbertus, Henry George — das waren die, — man sieht, kein einziger Jude — die die Bausteine lieferten zu Marx* theoretischem Gebäude, das sie jetzt daran sind, in Rußland zu verwirklichen. 28. Wie fieberhaft suchen sie jetzt in allen Schriften, in allen Büchern, in allen Reden berühmter. Männer nach Aussprüchen, die die Juden herabwürdigen. Selbstverständlich wird alles günstig Lautende verschwiegen, z. B. von Nietzsche: „Die Juden haben im modernen Europa an die supremste Form der Geistigkeit 'gestreift: dies ist die geniale Bouffonnerie. Sehr schwierig ist die Lage der jüdischen Gemeinden, ganz besonders in unserer Provinz, die zirka 60 Gemeinden zählt, die wegen der räumlichen Entfernung eigene Beamte haben müssen, um das jüdische Leben einigermaßen aufrecht erhalten zu können. In dieser Beziehung ist es bisher nur durch die großen Anstrengungen des Preußischen Landesverbandes und des Ostpreußischen Synagogenverbandes gelungen, das Gemeindeleben unter größten Opfern aufrecht zu erhalten. Dabei spielen die bisher von der preußischen Staatsregierung gewährten RegierungsbeihUfen zur Besoldung der Rabbiner und zum Religionsunterrichte eine große Rolle. Wie sich die Dinge hier in der Zukunft entwickeln werden, ist schwer vorauszusagen. In diesem Punkte ist man allerdings ziemlich pessimistisch, weil in Ostpreußen Gemeinden mit nur wenigen Familien leben, die aber noch immer treu an der jüdischen Tradition halten und nur durch eine größere Allgemeinheit ihr Leben fristen können. BAPSÄSTEIIN IHOTEL m ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang Gerade unmittelbar vor meiner Abreise aus Ostpreußen fand in Königsberg die diesjährige Hauptversammlung des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens statt, die von allen Gemeinden stark besucht war. Alle Vertreter, die selbstverständlich nur von ihren Nöten und drückenden Sorgen zu berichten wußten, waren sich in dem unbedingten Willen einig, in diesem schweren Abwehrkampfe auszuhalten und ihrem Judentume treu zu bleiben. Ein unüberwindlicher Optimismus erfüllte die stundenlangen Beratungen. Man beriet über die verschiedensten Mittel, weiterhin-wie bisher die nichtjüdischen Kreise, soweit sie uns noch nicht vollkommen feindlich gegenüberstehen, über unser wahres Wesen aufzuklären. Man beschloß auch, in einem etwas späteren Zeitpunkte, vielleicht nach den Wahlen, mit größeren Aktionen, wie Pressekonferenzen und STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentra!friedhof,3. Tor, Tel. U10-4-53 ähnlichem an die große Oeffentlichkeit zu appellieren. Die deutschen Juden fühlen sich eben mit den übrigen Mitbürgern auf Gedeih und Verderb verbunden und sehen in dem Anschwellen der nationalsozialistischen Bewegung eine Gefahr für das deutsche Vaterland. Seit längerer Zeit werden in verschiedenen Gegenden Deutschlands Versuche gemacht, durch allgemein zugängliche Aufklärungsvorträge in den Synagogen die nichtjüdische Bevölkerung über das wahre Wesen des Judentums aufzuklären. Die christlichen Schüler besichtigen häufig unter Führung ihrer Religionslehrer die Synagogen und lernen Kultus und religiöse Einrichtungen der Juden kennen. Es ist überaus interessant, gerade in Ostpreußen bei derartigen Anlässen feststellen zu können, wie groß die Unkenntnis jüdischer Dinge in christlichen Kreisen ist. Die Juden bilden in diesen Gegenden eine verschwindende Minderheit und es sind über sie nur phantastische Vorstellungen verbreitet. So wurde z. B. an mich von einer höheren Klasse bei der Besichtigung der Synagoge die Frage gerichtet, wo die Tieropfer dargebracht werden. Ganz entschieden müssen die im Auslande und auch in Oesterreich verbreiteten Nachrichten von einer Binnenwanderung der Juden von dem Norden nach dem Süden widersprochen werden. Ich glaube mit absoluter Bestimmtheit behaupten zu können, daß an all diesen Dingen kein Wort wahr ist. Die Juden halten in ihren' Stellungen und Wohnsitzen ruhig aus. Nur auf diesem Wege. EDITH BIENHEIM, Dr. ERICH BIENHEIM geb. ABELES WIEN DARMSTADT VERMÄHLTE ^__ Mit Offenbach, mit Heinrich Heine ist die Potenz der europäischen Kultur wirklich überboten, in dieser Weise steht es den anderen Rassen noch nicht frei, Geist zu haben." 29. Es hat schon vor etlichen Jahrhunderten ein dazumal großes europäisches Volk seine Juden vertrieben. Es hat es mit seinem Niedergang bezahlt, von dem es sich seither rrie recht erholen konnte. Ihre ausgezeichneten Eigenschaften erkennend, erstrebt Spanien schon seit langem ihre Wiedereinwanderung, bisher vergeblich! 30. „Jüdische Künstler dürfen an Staatstheatern nicht beschäftigt werden." Diesen Gesetzantrag empfahl kürzlich der nat-soz. Abgeordnete von Gregory u. a. mit der Begründung, daß „den Juden jedes Verständnis für die deutsche Kunst fehle, wie überhaupt die semitische Rasse im Gegensatz zur nordischen Rasse niemals auf dem Gebiet der Kunst schöpferisch hervorgetreten sei". Demgegenüber Goethes Ausspruch: Meyerbeer sei unter den lebenden Komponisten der einzige, den er für befähigt und berechtigt halte, zu seinem „Faust die Musik zu schreiben". Dem eher national-sozialistisch eingestellten Julius Kapp, dessen Meyerbeer-Biographie (vom Jahre 1920) wir diese Stelle entnehmen, gilt die wissenschaftliche Wahrheit mehr, als die selbst auf Kosten der Wahrheit parteimäßig anbefohlene Schmähung und Verunglimpfung des Juden, wer er immer sei. Und so finden wir auf Seite 153 dieser Biographie dk Stelle: „Wurden Meyerbeers Opern im Bühnenspielplan unserer Zeit auch stark in den Hintergrund gedrängt, so ist doch diese Kunsterscheinung in ihren fruchtbringenden Nachwirkungen in der Musikgeschichte unsterblich." Seite 153/154: „Seine Partituren waren und bleiben in allen Zeiten für dramatische Komponisten eine wertvolle Fundgrube und gar mancher berühmte Musiker hat schon, auch in neuester Zeit aus diesem, noch immer sprudelnden Quell einen labenden Trunk geschöpft. Mit Recht sagt Hans von B ü 1 o w: „Der gute Giacomo ist noch lange kein überwundener Drache und die jungen Stümper sollten lieber ihre Nasen in seine Partituren stecken, als sie über ihn rümpfen." 3L So äußerten sich hundertprozentige Deutsche über den jüdischen Künstler Meyerbeer. Deutsche, die von Kunst etwas verstehen müssen, mehr jedenfalls als Herr von Gregory. Wie dithyrambisch sich Emil 011 i vi er. Richard Wagners Schwager, bei der Leichenfeier über Meyerbeers Schaffen aussprach, hier wiederzugeben, wäre zwecklos, weil Ollivier Franzose war. Interessant ist. was Carl Maria Weber einmal über ingendein Werk Meyerbeers sagte: „Echtes deutsches Originalwerk, das dramatische Kürze voll lebendiger reger Phantasie, liebliche, oft üppige Melodien, stets richtige Deklamation, viele reiche Harmoniewendungen und sorgfältige, oft in überraschenden Zusammenstellungen gedachte Instrumentation auszeichnen". 32. Wir müssen der Objektivität Kapp's vollste Achtung zollen: er verschweigt nichts, was der Erforschung der Wahrheit zweckdienlich ist. So sagt er Seite 36, von Meyerbeers Lehrer, Abt Vogler, Darmstadt, sprechend: „Dieser stete Umgang mit einem so genialen Kopfe, wie Vogler, mußte in einem so aufnahmefähigen, äußeren Einwirkungen so leicht unterworfenen Gemüt wie Meyerbeer reiche Frucht tragen. Allerdings barg er bei Voglers Extravaganzen und Neigung zu schrullenhaften Uebertreib u n g e n auch eine igroße Gefahr in sich. Für manche, später fühlbare Schattenseite der Mayerbeerschen Werke ward hier der schädlich© Keim ausgesät Sehr interessant! Extravaganzen und Uebertreibungen galten bisher als typisch orientalische Eigenschaften und siehe da. sie kommen auch bei reinrassigen Ariera vor! 33. Sehr interessant ist auch, was Kapp über die Beziehungen von Meyerbeer und Richard Wagner zueinander. Seite 122, aussagt. Bei all dem. daß er Wagners schöpferische Kraft turmhoch über jene Meyerbeers stellt, berichtet er mit bewundernswerter Objektivität: „In ihrem gegenseitigen, rein menschlichen Verhalten stehen Recht und Vornehmheit unbestreitbar auf Seiten Meyerbeers. während Wagner sich ihm gegenüber von Anfang an ziemlich taktlos und wenig anständig benommen hat Mag man den Ueberschwang seiner ewigen Bettelbriefe aus Paris an den abwesenden Maestro und sein zu den geschmacklosesten, devotesten Kriechereien ausartendes Dankgestammel noch mit der trostlosen Notlage und vielleicht ehrlicher Begeisterung entschuldigen, so gewinnen diese Bekenntnisse einen weit peinlicheren Beigeschmack, wenn man sieht daß sie später unaufrichtig sind und nur in bewußter Berechnung auf persönlichen! Vorteil geschehen. Denn wie ist es anders zu nennen, wenn Wagner noch von Paris aus in einem Brief an Schumann Meyerbeer einen absichtlich schlauen Filou nennt, ihm selbst aber als ein