Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 30 (22.7.1932)
- Date
- 1932-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien lillilliiililllllllillllllllllllll Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Die Wahrheit XLVII1. Jahrgang Wien, 22. Juli 1932 Nummer 30 Stadtbekannt ist 2 Qualität, Auswahl und Spottpreise "98 Knickerbocker, Jaquard-Strumpfe Haferlhosen S 790, S 6-90 s 4-90 Bauern-Janker S 19*80, S 17.80 „ 9-80 Sporthemden S 9 80, S 7 90, S 4'90 „ 3-98 Der jüdische Weltkongreß. Am 14. August soll die von dem American Jewish Congress einberufene Vorkonferenz in Genf zusammentreten, um über die Frage der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses, bzw. über die Schaffung dieser Institution als ständiges Instrument Beschluß zu fassen. So löblich auch die Intentionen der Proponenten sein mögen, so dringend geboten auch die Schaffung einer jüdischen Abwehrzentrale sein mag, besonders angesichts der großen Gefahren, von denen gerade zur Zeit Juden und Judentum bedroht sind, muß trotzdem schon heute gesagt werden, daß diese Vorkonferenz keineswegs die Legitimation haben wird, im Namen des Gesamtjudentums zu sprechen, und daß ihre eventuellen Beschlüsse keineswegs allgemeinjüdischen Charakter haben werden. Es ist bezeichnend für die einseitige parteiische Einstellung der Initiatoren und ihrer Hintermänner, daß sich die wichtigsten und maßgebendsten jüdischen Abwehrorganisationen dem Plane gegenüber ablehnend verhalten. Und wenn ein zionistisches Blatt darauf hinweist, daß diese Scheidung der Fronten von großer Bedeutung ist, so kann man dem nur vollinhaltlich zustimmen. Die ablehnende Haltung des American Jewish Committee, der Alliance Israelite Universelle, des Jewish Board of Deputies in England, der Weltorganisation orthodoxer Juden „Agudas Jisroel" und des sozialradikalen „Bund" zeigt, daß man überall sich darüber im klaren ist, daß es sich hier wieder einmal um den Versuch handelt, unter dem Deckmantel allgemein-jüdischer Interessen zionistische Politik zu machen, — und hierzu wollen sich diejenigen, die die zionistische politische Ideologie ablehnen, mit Recht nicht hergeben. Daß der Einberufer der Konferenz, der American Jewish Congress, seit jeher unter zionistischer Flagge segelt, ist eine bekannte Tatsache. Der Umstand, daß sich von allen großen jüdischen Organisationen nur die Zionisten beeilt haben, der Idee des jüdischen Weltkongresses ihr Placet zu erteilen, verdient besonders unterstrichen zu werden; wie nicht minder der Umstand, daß Initiatoren und Förderer des Kongreßplanes es nicht unterlassen, deutlich darauf hinzuweisen, daß es sich hier in der Hauptsache darum handelt, das „Komitee der jüdischen Delegationen" wieder aufleben zu lassen. Wir wissen, daß die Tätigkeit dieses Komitees mehr Schaden als Nutzen brachte; daß dieses es war, das in einer absichtlichen oder unbewußten Verkennung der wirklichen Verhältnisse für die Juden — Minderheitsrechte forderte anstatt Staatsbürgerrechte. Wir wissen, daß diese Forderung in verschiedenen Ländern den Judenfeinden die Handhabe geboten hat für die Forderungen nach dem Numerus clausus, nach der Behandlung der Juden als „Ausländer", nach der Verweigerung der Erteilung von Staatsbürgerrechten usw. Soll dieses Spiel eine Wiederholung erfahren — noch dazu angesichts der gewaltigen Gefahren, die ein weiteres Ansteigen des Nationalsozialismus mit sich bringt? Man muß wahrlich mit Blindheit geschlagen sein, um die sich aus einer solchen Politik ergebenden Gefahren nicht zu erkennen, — es sei denn, daß man nach wie vor eine Katastrophe n- Politik verfolgt____ Daß sich die verantwortungsbewußten jüdischen Faktoren nicht hierzu hergeben wollen, darf nur als logisch und begründet bezeichnet werden. Daß gerade die ernsten Tage, die wir erleben, eine starke jüdische Abwehrfront gebieterisch fordern, ist eine unbestreitbare Tatsache. Aber es muß eine jüdische Abwehrfront sein, deren Aufgabe es ausschließlich sein soll, die bürgerlichen Rechte der Juden zu schützen, ihr Leben, ihr Hab und Gut. Wenn heute die Hitlerparole lautet ,.Ho-ruck nach Palästina!", so wäre nichts gefährlicher, als durch die Aufstellung sogenannter jüdischnationaler Postulate diese Parole zu begünstigen und ihr den Boden zu düngen____Eine allgemeine jüdische Abwehrfront kann nur dann als Ausdruck der jüdischen Gesamtheit auftreten und wirksam sein, wenn sie alle innerjüdisch strittigen Fragen ausschaltet und sich auf den Kampf nach außenhin beschränkt. Eine jüdische Abwehrfront mit jüdischnationalen Forderungen wird nur geeignet sein, die Abwehr zu erschweren und zu paralysieren. Was in Wirklichkeit heute nottut, das ist die Schaffung einer Zentrale aller jüdischen Abwehrorganisationen, wie sie in der „W a h r h e i t" vom 22. Jänner 1. J. in einem Artikel des Herrn Regierungsrates J. Kreppel in Vorschlag gebracht worden ist. der in den in Betracht kommenden Kreisen lebhaften Anklang gefunden hat. Naturgemäß erfordert auch dieser Gedanke vorsichtige Erwägung und gehörige Vorbereitung; eine derartige Vorarbeit kann nicht urbi et orbi vor sich gehen, es ist auch gar nicht nötig, über technische Einzelheiten öffentliche Diskussionen abzuführen. Die Initiatoren des jüdischen Kongreßgedankens scheinen aber das Hauptgewicht auf die Schaffung einer öffentlichen Tribüne zu legen, mit dem ganzen Klimbim, der darum und daran hängt. Es ist ein altjüdischer Grundsatz: „Sprich wenig und leiste viel" — das Gegenteil ist nie von Vorteil. Was man mit großsprecherischen Deklarationen erreicht, das konnten gerade die Zionisten mit ihrer Araber-Politik in Palästina am eigenen Leibe verspüren. Wer wirklich nützen will, der muß auf den Kern der Sache eingehen und nicht einem äußeren Schein nachjagen. Es handelt sich nicht um Mut zu öffentlichem Auftreten — „Mut hat auch der Mameluk!" —, sondern um Erwägungen taktischer Natur. Wir rekapitulieren: die Schaffung einer einheitlichen, alle jüdischen Faktoren umfassenden Abwehrfront ist heutzutage eine gebieterische Notwendigkeit — aber diese könnte nur dann ihren Aufgaben voll gerecht werden, wenn sie nach innen und nach außen derart zusammengesetzt ist, daß es tatsächlich allen jüdischen Gruppen möglich wäre, sich an ihren Arbeiten zu beteiligen. Das Aufwerfen innerjüdischer Streitfragen, das Segeln unter einer bestimmten Flagge, das Erstreben gewisser einseitiger Parteiziele — all das kann nur die Arbeit hemmen und den Effekt schwächen. Dann ist es tatsächlich besser, wenn die Herren, die mit solchen Plänen an die Arbeit gehen, unter sich und wenn die Fronten geschieden bleiben. Die Zionisten haben ihren Zionistenkongreß; wenn die Nationaljuden noch außerdem ihre eigene öffentliche Tribüne haben wollen, sollen sie das nur unter der eigenen Firma und auf eigene Verantwortung tun. Es ist jedoch unzulässig, die Mitwirkung andersgesinnter jüdischer Gruppen anzusprechen und diese dann direkt oder indirekt ins zionistisch-jüdischnationale Fahrwasser hineinzulotsen. Die Zeitverhältnisse sind zu ernst für derartige Versuche ... Was uns heute nottut, das ist Abwehr der Gefahren von außenher, Schutz der staatsbürgerlichen Rechte der Juden, Schutz ihrer wirtschaftlichen und sozialen Positionen, unter Umständen sogar — leider Gottes — Schutz von Leben, Hab und Gut. Das kann jedoch nur dann mit Erfolg betrieben werden, wenn tatsächlich jeder einseitige Parteistandpunkt ausgeschaltet bleibt. Der Plan des jüdischen Kongresses, wie er seitens der Proponenten und seitens der seither aufgetretenen Förderer propagiert wird, bietet keine genügende Gewähr dafür — und darum findet er so vielfache Ablehnung. in beziig auf Kasdiruth übernimmt die Redaktion Del den Inseraten keine feranfworfnng