Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 29 (15.7.1932)
- Date
- 1932-07-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 Wien I., Seiten itettengasse 2, Tel. ü 28-1-28 XI., ZentrUfriedhof, Itttl im I. t«, Tel. U18-0-85 der Beschluß des Patrioten-Verbandes werde von der öffentlichen Meinung Bulgariens als eine Erleichterung empfunden werden. Die rumänische Regierung mißbilligt . . . Die rumänische Gesandtschaft in den Vereinigten Staaten veröffentlicht die folgende Erklärung des Unterstaatssekretärs der neuen rumänischen Regierung Vajda Voevod, M. Tillea, zum Fall-Samson Braunstein, der in Jedinetz durch die Gendarmerie in noch nicht dagewesener Weise gefoltert wurde: Mit bezug auf die bedauerlichen Ereignisse in Jedinetz, die sich noch unter der früheren Regierung (Jorga) abgespielt haben, habe ich mitzuteilen: Die Regierung mißbilligt aufs schärfste die gegen jüdische Einwohner begangenen Brutal i t ä te n und hat gegen die Urheber eine strenge Untersuchung eingeleitet, die jetzt im Gange ist. Der Gendarmeriehauptmann Panisoara, der an den angeblichen Ausschreitungen teilgenommen haben soll, wurde im Disziplinarwege versetzt. Der Chef des Gendarmeriepostens wurde wegen der begangenen Gewalttat seines Amtes enthoben, gegen ihn wird eine gerichtliche Untersuchung durchgeführt, nach deren Beendigung er sich vor Gericht zu verantworten haben wird. Die Regierung ist entschlossen, mit äußerster Strenge gegen die Verantwortlichen vorzugehen und alle notwendigen Maßnahmen zur Verhütung einer Wiederholung solcher Exzesse zu ergreifen. * So sieht die „äußerste Strenge" aus. In den Dörfern der nördlichen Moldau betreibt die „Eiserne Garde" Corneliu Zelea Codreanus seit einiger Zeit im Zusammenhang mit der Wahlpropaganda eine z u schwerster Beunruhigung Anlaß gebende Pogrompropaganda. Es wurden eigene, hauptsächlich aus Gymnasiasten und Lyceisten bestehende Propagandatrupps gebildet, die in hemmungslosem Fanatismus die Bevölkerung gegen die „Bauernschinder und Jidanis" aufhetzen. In den verelendeten Gebirgsdörfern, wo ein Funke genügt, um die Leidenschaften hell auflodern zu lassen, werden Manifeste in ungeheuren Mengen verbreitet, aufwiegelnde Plakate angeschlagen, Hetzreden gehalten. In einem dieser Flugblätter heißt es wörtlich: „Ergreifet Sensen und Knüppel und schlaget ohne Schonung drein!" Die Wahlagitatoren des Professors C u z a betreiben in den Provinzorten ebenfalls eine beispiellose antisemitische Hetze, die unter der jüdischen Bevölkerung Erregung und Panik hervorruft. In Falticeni hat der Cuza- Student Gheorghe Georgian den jüdischen Fuhrmann Itzig Nuchim durch Schläge auf den Kopf ermordet, weil dieser ihm auf die Frage, ob er für Cuza stimmen werde, eine ironische Antwort gab. Antisemitische Angestellte dürfen nicht entlassen werden. Das Berliner Arbeitsgericht hat unter dem Vorsitz von Amtsgerichtsrat Dr. Schulz entschieden, daß beleidigende antisemitische Aeußerungen eines Angestellten einen jüdischen Arbeitgeber nicht berechtigen, den Angestellten fristlos zu entlassen. In einer Großhandlung, die zahlreiche jüdische Angestellte beschäftigt und von jüdischen Inhabern geleitet wird, arbeitete ein Kriegsbeschädigter als Kontorist gegen ein Gehalt von 228 Mark monatlich. Drei Tage nach den Preußenwahlen kam der Kontorist sehr ansriffslustig zur Arbeit und verbreitete sich auf dem Korridor über seine Ansichten zur Judenfrage. Neben anderen aggressiven Bemerkungen äußerte er, daß „die Juden nach dieser Wahl wohl die Nase ein bißchen voll haben" würden. Die Reinmachefrau, sein Gesprächspartner, wehrte sich gegen die unerwünschte politische Aufklärung und wurde daraufhin von ihm beschimpft und bedroht. Die anderen Angestellten und Inhaber wollten nach diesen Vorfällen mit dem antisemitischen Mitarbeiter nicht länger zusammenbleiben. Man zahlte ihm sein Gehalt für den laufenden und den nächsten Monat und verzichtete auf sein weiteres Erscheinen. Mit der Klage vor dem Arbeitsgericht beantragte der Entlassene, festzustellen, daß sein Arbeitsverhältnis weiter fortbestünde, weil er ohne Zustimmung der Hauptfürsorgestelle entlassen worden sei. Er habe die Bemerkungen auch nicht „tendenziös" gemeint. Das Gericht gab der Klage statt. Das Arbeitsverhältnis mit einem Kriegsbeschädigten dürfe nur dann ohne Zustimmung der Hauptfürsorgestelle gelöst werden, wenn der Angestellte einen Grund zur fristlosen Entlassung gegeben habe. Das sei aber hier nicht der Fall. Die allgemein gehaltenen antisemitischen Aeußerungen hätten sich nicht auf die Inhaber der Firma bezogen und wären auch nicht zur Weitergabe bestimmt gewesen. Sie könnten lediglich eine fristgemäße Kündigung rechtfertigen, falls die Inhaber „nicht vermögen, in großzügiger Weise über diese sehr erheblichen und taktlosen allgemeinen Redensarten des Klägers h i n w,e g z u s e h e n." Die verurteilte Firma hat bereits Berufung beim Landesarbeitsgericht eingelegt. Verkaufsverbot für antisemitische Zeitungen in der Schweiz. Das Bezirksamt St. Gallen hat verfügt, daß der „Eiserne Besen", ein nationalsozialistisches Hetzorgan, im Straßenhandel nicht vertrieben werden dürfe. Das zuständige Departement sah sich aus Gründen des konfessionellen Friedens, gestützt auf den Art. 6 des Gesetzes über den Hausierverkehr, veranlaßt, zu dieser Maßnahme zu greifen. Rechtsanwalt Dr. Ursprung von Zurzach reichte namens der „Nationalen Front" einen Rekurs an den Gesam t r egie r ungsrat ein. Dieser stellte sich ebenfalls auf den Standpunkt, daß im Sinne des Hausiergesetzes kein Patent erteilt werden darf, wenn mit der Ausübung des Gewerbes in sittlicher Hinsicht Anstoß erregt und durch den hausiermäßigen Verkauf das religiöse Empfinden gröblich verletzt wird. Daß diese Voraussetzung gut für den „Eisernen Besen" zutrifft, wurde an Hand der letzten Nummern erwiesen. Das „Isr. Familienblatt für die Schweiz" spricht die Erwartung aus, daß gleicheMaßnahmen nun auch in anderen Kantonen ergriffen werden würden. Germanisch-asiatische Rasseverwandtschaft. Jüngst fand in Berlin ein politischer Prozeß gegen einige persische Emigranten statt, in der das Regime des „Peykar" herausgegeben hatten, in der das Regime des gegenwärtigen Perser-Schahs Riza Khan kritisiert wurde. Bei dem Prozeß kam zur Sprache, wie sehr jeder freie Gedanke in Persien unterdrückt wird und wie politische Gegner des Schah in Massen hingerichtet werden. Sogar fünf Briefträger in Teheran, die mit der Post eingetroffene Exemplare des „Peykar" ohne Kenntnis des Inhaltes derselben ausgetragen hatten, wurden gehängt. Die Berliner demokratische Presse fand in der Tatsache, daß man in Berlin auf Wunsch des Schah von Persien Prozesse gegen dessen Gegner machte, sowie an der Art, wie dieser Prozeß geführt wurde, mancherlei auszusetzen. Mit dieser Kritik beiaßt sich „Der Angriff" vom 4. Juli unter der Ueberschrift: „Jüdische Hetze stört deutsche Auslandsbeziehungen". Das nationalsozialistische Organ nennt Riza Khan eine „bedeutende Herrscherpersönlichkeit", die aus der nordpersischen Provinz Mazenderan, „wo noch heute das nordische Blut der alten Perser, unserer Rasseverwandten, stark ist", stammt. Im vorigen Jahre, erzählt „Der Angriff", erfolgte gegen Riza Khan ein Attentat, das ein Gardeoffizier Pulardin „auf Anstiften eines jüdischen Rabbiners aus Hamadan" angezettelt hatte. Das Attentat mißglückte, Pulardin wurde erschossen, der „Jude verdientermaßen ohne langes Federlesen aufgeknüpft". Seitdem, schreibt „Der Angriff weiter, entfaltete die Judenpresse, voran das „Berliner Tageblatt" eine niederträchtige Hetzkampagne gegen den Schah und warf dem tüchtigen und ernsten Herrscher Tyrannei vor, bloß weil er sich vor den Anschlägen eines verbrecherischen Juden geschützt hatte. Wegen dieser Hetzkampagne wurde der deutschfreundliche Gesandte Farsin abberufen, die Beziehungen zwischen Persien und Deutschland wurden sehr kühl, und jetzt wurde ein großer Bahnauftrag in Persien, ein Objekt von 400 Millionen Mark, der betreffenden deutschen Firma abgenommen und nach Schweden gegeben. So ist, schließt „Angriff", aus jüdischem Haß gegen einen tüchtigen Herrscher dem deutschen Volk wieder einmal Schaden getan worden, dazu ein Herrscher, der sich und sein Land tapfer gegen Juden verteidigt hat. verärgert worden. Zu den Ik GROSSFLEISCHHAUEREI HIGH, KORNMEHl UMMHMIBflHMHiHHnHHHHIHI WIEN HL» BIMjUSHI NR. 1» F1LNU.li XVIII., WÄHaiNOlRSnUUSM »7 Telephon Nr. A 17-349und A 18-9-34 Lteterwrt für Hallanatalton AbteilungenfQrKoscherfleisch Mater Aufsteht des mhrm. RaMiiMte* kter lar. KaltiMgenMiad* WHut. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Auslassungen des „Angriff" ist zu bemerken, daß man bis jetzt nichts davon gehört hat, daß ein „jüdischer Rabbiner aus Hamadan" an einer Verschwörung gegen den Schah beteiligt gewesen und gehängt worden wäre; wohl aber wurde vor einigen Monaten, wie wir ausführlich berichteten, der einstige jüdische Abgeordnete im persischen Parlament Joseph Levy nach fast 10jähriger qualvoller Haft gehängt, weil man ihn beschuldigte, daß er vor zehn Jahren an einer Verschwörung gegen den Schah teilgenommen hat. In Wirklichkeit besteht gegen Levy nicht der Schatten eines Schuldbeweises. Im ganzen Lande herrscht die Ueberzeugung vor, daß man ihn darum in den Prozeß verwickelte, der mit einem Todesurteil endete, weil er im Parlament oüen gegen der jüdischen Bevölkerung angetanes Unrecht auftrat und darum den Machthabern unbequem wurde. Lieber den Fall Levy hat aber die Presse, die „Der Angriff" als „Judenpresse" tituliert, nicht e.n Wort gebracht. Gemeinde - Cfaonifc Budapest. Unter Vorsitz des Gemeindepräsidenten Hofrat Samuel Stern fand am 5. Juli die diesjährige Generalversammlung der Repräsentanz der Pester israelitischen Religionsgemeinde statt Präsident Stern gedachte in Worten tiefer Dankbarkeit des bisherigen Vorstandsmitgliedes Dr. Baron Adolf K o h n e r, der seinen Rücktritt angemeldet hat Auf Vorschlag des Präsidenten beschloß die Generalversammlung, die unvergänglichen Verdienste Baron Adolf Kohners um die jüdische Glaubensgemeinschaft Ungarns im Protokoll zu verewigen. Es wurden sechs neue Vorstandsmitglieder gewählt und zwar Dr. Karl B a r n a, Dr. Edmund Blum, Heinrich Kaiman, Moritz Ledermann. Bartholomäus Magyar und Dr. Max Rosenak. Die Generalversammlung genehmigte in weiterer Erledigung der Tagesordnung die Schlußrechnungen für das Jahr 1931 und den Jahresbericht Reichstagsabgeordneter Dr. Johann V a z s o n y i gab der Anerkennung der Generalversammlung für die Arbeit des Präsidenten und der Religionsgemeinde Ausdruck und riei im Sinne seines Vaters Wilhelm V a z s o n y i alle Faktoren des Gemeindelebens zu friedlicher Zusammenarbeit auf. Die Vorlagen wurden von der Generalversammlung mit Stimmeneinhelligkeit genehmigt Durch Zuruf wurden in den Gemeindeausschuß Michael Hoff mann, Dr. Edmund K e r e k e s und Jakob D. K r a u s s gewählt. Marseille. Der bekannte Wiener Bibelforscher Rabbiner Dr. Armand K a m i n k a weilte vor kurzem in Paris. Ueber Einladung prominenter Marseiller Kreise entschloß sich Herr Dr. Kaminka, hier Samstag, den 2. Juli, im Großen Saal der Kultusgemeinde einen Vortrag über die „gegenwärtige Lage im zentraleuropäischen Judentum" zu halten. Die Vortragskunst dieses Gelehrten ist in Wien genügend bekannt, aber niemand hier konnte sich vorstellen, daß Herr Doktor Kaminka so meisterhaft die französische Sprache beherrscht, fließend und ohne Manuskript. Mehr als VA Stunden lang hielt er das zahlreich erschienene, gewählte Publikum in Spannung. Deutschland, Rumänien und die Nachfolgestaaten Oesterreichs wurden berührt. Herr Dr. Kaminka schilderte die vielen Vorteile, die die Juden Zentraleuropas im Verhältnisse zur Vorkriegszeit verloren haben. Hingegen ist das religiöse Leben sehr intensiv geworden und dart das Westjudentum nicht verzweifeln, sondern muß Anschluß an die großen jüdischen Gemeinden suchen und die entwurzelten jüdischen Massen in ihrem Schöße auinehmen. Der Bericht über die große jüdische Not in vielen Ländern machte einen tiefen Eindruck und lebhafter Beifall wurde dem Redner gezollt. Den Vorsitz führte Kultuspräsident Georges David, Advokatenkammerpräsident und Mitglied der Academie von Marseille. Im Präsidium saßen u. a. Oberrabbiner von Marseille Israel S a I z e r, Advokat S a 1 z e d o vom Zentralkonsistorium in Paris, Armand Nizard, Präsident mehrerer jüdischer Organisationen usw. Im zahlreich erschienenen Publikum bemerkten wir: Ernest Mosse. Präsident der Talmud Thora in Marseille, Cesar Morpurgo de Livoli, Administrateur des Tempels, Aron P a r i e n t e. Präsident der Jeschiwa „Etz Haim", Paul Calamaro, Secretaire der Alliance Israelite Universelle, Joseph S p i t e s k i. Vize-Präsident des Foyer Israelite u. v. a. Die Anwesenden, begeistert von den Ausführungen des Herrn Dr. Kaminka, beschlossen, hier eine Filiale des Maimonides-Instituts zu gründen. Ein provisorisches Komitee, bestehend aus den Herren Moise Alchech, Bernhard Großfeld usw., wurde ernannt. Wir hoffen, daß Herr Rabbiner Dr. Kaminka bei seiner nächsten Reise nach Frankreich uns wieder mit seinem Besuche beehren wird. Max Katzenellenbogen.