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Die Wahrheit · 1932-07-08 · Heft 28 (8.7.1932) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 28 (8.7.1932)
Date
1932-07-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Dg WAHRHEIT durch Erhängen und gegen die übrigen Angeklagten mehrjährige Kerkerstraien. Der Anwalt der jüdischen Prozeßpartei, der frühere Minister Professor Kuleff führte aus. die Ideologie des Hasses gegen die Juden sei vom wirtschaftlichen und politischen Standpunkte für Bulgarien schädlich. Der Antisemitismus war stets ein Argument der Reaktion zum Schutz ihrer egoistischen Interessen. Der bulgarische Jude liebt, sein Vaterland. Die angeklagten Antisemiten haben nachgewiesenermaßen ausschließlich aus Motiven des Eigennutzes heraus gehandelt und Verbrechen begangen. Hernach sprach der jüdische Advokat Menachem Fayonoff fast einen Tag lang unter außerordentlicher Spannung des Gerichts und des Publikums. Ergab eine Analyse der Ideologie der Antisemiten und schilderte im einzelnen ihre Organisation, die der österreichischen Heim wehr nachgebildet ist. Es wurden auch Sturmabteilungen gebildet, deren Leiter der Mitangeklagte Radan Radeff ist. Geistiger Inspirator der Bewegung ist der russische Imigrant M. Makawejew, der, wie polizeilich festgestellt ist, vom bulgarisch-jüdischen Konsistorium Geldunterstützungen verlangte mit dem Hinweis darauf, daß er eine Broschüre herausgegeben hatte, in der der frühere zarische Antisemitismus entlarvt wird. Als ihm diese Geldunterstützung verweigert wurde — es wurden ihm nur einige Broschüren abgekauft —, veröffentlichte er eine Reihe antisemitischer Broschüren, unter ihnen „Die historischen Aufgaben Israels"; aus diesem Buche schöpfte Kalpaktschieff die Inspiration für seine „Racheakte" gegen die Juden. Dimitcr Kalpaktschieff wurde zu sieben Jahren schweren Kerkers (Zuchthaus), der Beamte für „spezielle Dienste" der antisemitischen Organisation „Rodna Zastita" Radan Radeff wurde zu sechs Monaten Gefängnis, der Helfershelfer Torna Stojanoff wurde zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt In jüdischen Kreisen wird das Urteil als zu milde kritisiert; ein härteres Urteil, das die Angeklagten durchaus verdient haben, hätte abschreckender auf diejenigen Kreise gemeiner Verbrecher gewirkt, die ihre Opier vornehmlich unter den Juden suchen. Man nimmt an, daß Staatsanwalt Golüboff gegen das allzu milde Urteil Berufung einlegen wird. Als Kalpaktschieff aus dem Gerichtssaal in das Gefängnis zurückgeführt wurde, wurde ihm seitens seiner antisemitischen Freunde, die sich auch während des ganzen Prozesses durch ihr exzessives Benehmen bemerkbar gemacht hatten, eine Ovation bereitet, er wurde mit Blumen beworfen. 60 Jahre Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Große Leistungen und schwerer Existenzkampf. Die Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums blickt in diesen Wochen auf ein sechzigjähriges Bestehen zurück. Sie veröffentlicht aus diesem Anlaß einen Bericht, dem die fünf Dozenten kurz gehaltene, doch überaus wertvolle, wissenschaftliche Abhandlungen beigegeben haben, aus denen auch der Laie ein Bild von der Hochschule und ihrem Gebiet gewinnt. Dem Tätigkeitsbericht des Kuratoriums über das Jahr 1931 geht eine kurze Uebersicht über die Geschichte der Hochschule, ihren Auf- und Ausbau während der 60 Jahre, den Kampf um ihre Unabhängigkeit und um ihre Erhaltung, ihr Vorwärtsstreben, ihre Leistungen und ihre Anerkennung. Aus dem Geschäftsbericht des Kuratoriums ist vor allem der starke Besuch der Hochschule hervorzuheben. Obwohl immer wieder darauf hingewiesen wird, daß der Beruf des Rabbiners oder Religionslehrers augenblicklich keine Aussichten bietet, hat sich die Zahl der Studierenden abermals erhöht und ist auf 155 gestiegen. Besonders stark zugenommen hat die Zahl der weiblichen Studierenden. Sodann sei die durch das Vermächtnis von Frau Justizrat Margarete Hausmann ermöglichte Einrichtung und Einweihung des Heims für jüdische Akademiker in Arendsee erwähnt Das vornehme, vorzüglich geleitete Haus in herrlichster Lage erfreute sich seit seiner Eröffnung regen Zuspruchs und hat sich bereits in weitesten Kreisen jüdischer Akademiker Freunde erworben. Der Finanzbericht bietet ein überaus trauriges Bild, der diesjährige Etat schließt mit einem Defizit von 52.000 RM. ab. Die Landesverbände und Gemeinden konnten und können nicht mehr jene Beträge beisteuern, die unbedingt benötigt werden; die früheren Spender sind zum größten Teil selbst mittellos. Die Werbetätigkeit brachte infolge der Wirtschaftskrise nur geringen Ertrag. Trotz äußerster Sparsamkeit trotz wiederholter erheblicher Kürzungen der Gehälter der Dozenten und Angestellten hat die Hochschule behufs Deckung des Defizits zum Verkauf von Effekten greifen müssen und damit den größten Teil ihres Vermögens einbüßen müssen; dieses dürfte schnell völlig aufgebraucht sein, wenn nicht bald materielle Hilfe kommt Trotz aller finanziellen Nöte muß diese so wertvolle und für das Judentum lebenswichtige Anstalt deren Schüler in den verschiedensten Ländern und Erdteilen bedeutende Stellen bekleiden, erhalten bleiben. „Wir können uns" — so schließt der Finanzbericht — „nur so auf die eigene Kraft der deutschen Judenheit verlassen, wissen aber, daß diese, wenn sie auch geschwächt ist, bei rechter Einsicht und gutem Willen ausreicht eine Anstalt wie die unsere zu erhalten." Die Themen der dem Bericht beigegebenen Abhandlungen lauten: „Vom Ursinn der Bibel", von Doktor Harry Torcziner, „Zum Begriff Wissenschaft des Judentums", von Prof. Dr. Ismar E1 b o g e n, „Theologie und Geschichte", von Rabbiner Dr. Leo Baeck, „Die Idee der religiösen Gemeinschaft im Judentum", von Prof. Dr. Julius Guttmann, „Zur neueren Talmudforschung", von Dr. Chanoch Alb eck. JederXeser Hat dasWovtl Xustfkriften «ras dem (PubRßum. Mehr Mut, ihr Herren! Bezugnehmend auf Ihre Notiz „Mehr Mut, Ihr Herren" in der Nummer vom 1. d. M. erlauben wir uns, Ihnen folgendes mitzuteilen: Es entspricht nicht den Tatsachen, daß Herr Professor Meithner den Hakenkreuzlern Vorschub leistet. Wir kennen ihn seit Jahren und wissen, daß er immer aufs schärfste die Hakenkreuzexzesse verurteilt. Der genannte Vorfall hat sich im benachbarten Parke neben der Hochschule abgespielt. Professor Meithner ist zufällig vorbeigegangen. Er wurde auf den Vorfall erst aufmerksam gemacht, als sich bereits Polizei näherte. Ein Eingreifen seinerseits war auch insofern nicht möglich, als die überfallenden Techniker und die Ueberfallenen ihm unbekannte Hörer der Welthandelshochschule waren. Vereinigung jüdischer Hörer an der Hochschule für Welthandel. Was ist das schon wieder? In der letzten Ausgabe des Organes der österreichischen Buchhändler finden wir nachstehende Einschaltung einer Mariahiifer Buchhändlerfirma: Wir suchen ständig alles über Juden und Ritualmord speziell von folgenden Autoren und aus den Jahren 1880 bis 1900: Rohling August, Delitzsch Frz., Abbe Dr. Clemens Victor, Meyer Paulus, Nobel Josef, Kopp Josef, Bloch, Deckert J., Friedländer M. H., Löwenstein L. H., Zunz L., Laurent, Masaryk, Nußbaum Arthur, Horowitz M., Sonnenberg, Feuerstein Otto, Bruschkowski Brasul, Beyer H., Colewa de Pawlikowski, Desportes Henri, Morel A. JfaJzenlzreiiz am Wevik Friedhofschändung fällt nicht unter Amnestie. Der Preußische Staatsrat beschloß am vorigen Freitag entsprechend dem Vorschlage seines Verfassungsausschusses, gegendasvom Landtag beschlossene Amnestiegesetz für politische Vergehen und Verbrechen Einspruch zu erheben. Damit ist das Amnestiegesetz gefallen. Es kann nämlich nunmehr Gesetzeskraft nur erlangen, wenn tfer Landtag sich in einer neuerlichen Abstimmung mit einer Zweidrittel-Mehrheit dafür ausspricht. Eine Zweidrittel-Mehrheit für dieses Gesetz ist aber im Landtag nicht vorhanden. Aus der Begründung, die der Verfassungsausschuß und mit ihm tf'er Staatsrat für seine ablehnende Haltung gegenüber dem vom Landtag beschlossenen Amnestiegesetz gibt, ist hervorzuheben, daß der Staatsrat es nicht für angängig hält, das Vergehen der Friedhofschändung zu amnestieren. Hiergegen bestehen nach Auffassung von Verfassungsausschuß un'd' Staatsrat schwere Bedenken, da die Art der Ausführung der Tat und die Gesinnung des Täters bei Friedhofschändung ihn als der Amnestie unwürdig erscheinen lassen. In dem Amnestiegesetzentwurf, den nunmehr der Staatsrat vorbereiten wird, wird das Vergehen der Friedhofschändung also nicht mehr unter Kfie Amnestie fallen. Ebenso ist anzunehmen, daß Strafen gegen die Nationalsozialisten, die am letzten jüdischen Neujahrstage über jüdische Passanten am Kurfürstendamm hergefallen sind und sie niedergeschlagen haben, nicht unter die neue Amnestie fallen werden. Eine Erklärung des rumänischen Königs gegen den Antisemitismus? Einer Meldung der Bukarester Abendzeitung „Adeverul" zufolge hat König Carol II. von Rumänien am 27. Juni einen bedeutenden politischen Führer — es verlautet, daß es sich um den rumänischen Nationalrichter und Führer der national-agrarischen Partei, Oktavian G o g a, handelt — empfangen und sich durch ihn über die radikalen Strömungen im Lande, u. a. auch über die zügellose antisemitische Hetze der Cuzisten und der Mitgliederder„EisernenGarde" informieren lassen. Nach Anhörung des Berichtes gab der König folgende Erklärung ab, die als Kampfansage gegen den militanten Antisemitismus aufgefaßt wird: „Die Parteien (der König spricht hier von den großen! I Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitsrecht Staaisgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Dr. Hrügerheini, 11., Malzgasse? Tel. A 48 0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von Ii bis 12 Uhr. historischen Parteien Rumäniens, deren Existenz durch die subversiven Strömungen bedroht ist) haben die Pflicht, sich der Ausbreitung umstürzlerischer Ideen mit ihrer ganzen Macht entgegenzustellen. Diese Pflicht und diese Macht negieren oder den Kampf aufgeben, bedeutet Negierung der natürlichen Aufgabe dieser Parteien im öffentlichen Leben des Landes. In einem solchen Fall hätten die Parteien die Verantwortung für das, was kommen würde, zu tragen. Die Folgen. Das Landgericht Berlin I fällte am vergangenen Dienstag nachmittags das Urteil gegen den 17jährigen Zepernick und den 22jährigen Rühlow, die angeklagt waren, am 2. Februar d. J. a n d e m jüdischen Kaufmann Meyerhardt einen Raubmord begangen zu haben. Der junge Zepernick wurde zu sechs Jahren und einem Monat Gefängnis, Rühlow zu zwölf Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. In der Verhandlung vor Gericht erklärten beide Angeklagten, ihre Tat sei der nationalsozialistischen Ideologie entsprungen. Zepernick und Rühlow waren Nationalsozialisten. Zepernick war auch zeitweilig in der SA. Rühlow erschien in der Fortbildungsschule mit dem Hakenkreuz geschmückt und man war gezwungen, gegen ihn disziplinarisch vorzugehen. Vor Gericht sagten beide, in Tränen aufgelöst: „Wir dachten uns, Meyerhardt ist ein Jude, er saugt die Arbeiter aus, ihm kann man Geld w.egnehmen. Dem sollte man was zeigen." Und für die plötzliche Ernüchterung, Angesicht zu Angesicht mit dem Opfer, hatte Rühlow folgende Erklärung: „Wir verloren plötzlich den Mut und die Nerven, wir hatten uns gedacht, wir würden einen Mann mit einer Hakennase vor uns sehen, ein geiziges Gesicht. Statt dessen sahen wir ein gutes Gesicht. Deshalb rief ich: „Das ist er nicht!" Protest gegen Hitlertum in Amerika. Auf einer am 27. Juni in New York abgehaltenen Versammlung deutscher Nationalsozialisten in Amerika erbat sich Wilhelm R e i n b r e c h t, ein christlicher Deutscher, das Wort und protestierte heftig gegen die antijüdische Politik der Nationalsozialisten, die ein schweres Unrecht gegen die Juden darstellt und dem Ansehen und dem Interesse Deutschlands schadet. Er erklärte, daß im Kriege die deutschen Juden Seite an Seite mit ihren christlichen Kameraden tapfer für Deutschlands Bestand fochten; er, Reinbrecht, habe neben jüdischen Kameraden im Schützengraben gekämpft und wolle für die heroischen Opfer der Juden im Kriege zeugen. Tataren-Nachrichten. Vor einiger Zeit tauchte in einigen Zeitungen die Nachricht auf, daß nach dem Sieg der N a t i onalsozialisteninDessau eine Verordnung der Schulbehörden erlassen wurde, wonach die jüdischen Kinder gezwungen werden, am christlichen Religionsunterricht teilzunehmen. Die Nachricht wurde unkontrolliert von einer ganzen Anzahl jüdischer Zeitungen übernommen und drang über den ganzen Erdball. Wir finden jetzt in verschiedenen amerikanisch-jüdischen Zeitschriften, die nunmehr hier eingetroffen sind, längere Ausführungen über die Lage der Juden in Deutschland, die an diese Episode anknüpfen. Wir wissen nicht, wie diese Nachricht in die Presse gelangt ist. Aber mit Rücksicht auf die große Publizität, die sie erlangt hat, ist es erforderlich festzustellen, daß an diesem Gerücht kein

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