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Die Wahrheit · 1932-07-08 · Heft 28 (8.7.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 28 (8.7.1932)
Date
1932-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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nm WAHRHEIT Sott« a RESTAURATION in dem berühmten JOÖ- U. SdlWClellMMl Bad Deutsch-Alf enburq Reelle Bedienung — Mäflige Preise Auch für Diabetiker Inhaber: Emanuel Lipschütz raten wir auch wirtschaftlich in Zustand e, 'd'ie unausdenkbar sind." Es ist interessant, daß man im bürgerlich-nationalen Lager von dieser Entwicklung überrascht ist. Die gemeinsame Gegnerschaft gegen links hat diese Kreise früher dagegen blind gemacht, daß die Methoden der Nationalsozialisten zu „unausdenkbaren Zuständen" in jeder Hinsicht führen müssen. In diesem Zusammenhange verdient Erwährung, daß Hugenberg auf einer Tagung der Deutschnationalen am 26. v. M., einen Tag nach der Annahme -des Enteignungsgesetzes gegen die Ostjuden mit Hilfe der deutschnationalen Abgeordneten, in einer großen Rede einen Grenzstrich zwischen sich und den Nationalsozialisten zog. Hugenberg erklärte, er sei einig mit den Nationalsozialisten in der harten Unduldsamkeit gegenüber allen Behinderungen eines einigen nationalen Deutschlands, hingegen bestünde zwischen seiner Richtung und den wirtschaftlichen Ansichten der Nationalsozialisten ein kaum geringerer Gegensatz als gegenüber den Marxisten. Zu deutsch gesagt: Sofern d'ie Nationalsozialisten sich darauf beschränken, antisemitische Gesetze vorzuschlagen und zu beschließen, so werden die Deutschnationalen mit sich reden lassen. Hingegen lehnen sie jedes sozialistische Beginnen der Nationalsozialisten ab. In der auslän'd'isehen Presse haben die Beschlüsse selbstverständlich das größte Aufsehen erregt. Es wird in diesen Zeitungen unter anderem darauf hingewiesen, daß der Enteignungsantrag mit Hilfe der kommunistischen Stimmen zum Beschluß erhoben wurde. Die Kommunisten ihrerseits erklären ihr Verhalten in 'd'er Frage des gegen die Ostjuden gerichteten Enteignungs- .gesetzes mit einem Mißverständnis; sie haben sogar im Zentrum Berlins, wo viele Juden wohnen, Flügzettel verteilt, in denen sie ihr Verhalten zu entschuldigen versuchen. Die nichtjüdische Presse in Polen veröffentlichte zunächst nur eine Mitteilung der amtlichen polnischen Telegraphen- Agentur über die Annahme des Enteignungsgesetzes ohne Kommentare. Als erste polnische Zeitung äußerte sich zu diesem Beschlüsse der dem Pilsudski-Kreise nahestehende „K urjerPolsk i", der schrieb: „Im 20. Jahrhundert ist der Enteignungsbeschluß gegen die Ostjuden eine Provokation der ganzen Kulturwelt. Diese Kampfansage müssen alle freiheitlichen Kreise zur Kenntnis nehmen, Blum in Paris, MacDonald in London und1 Borah in Washington. Der Versuch zur Verübung offener Gewalttaten gegen Menschen, weil sie den Hitlerischen Reaktionären nicht gefallen, erfordert eine kategorische Verurteilung durch die zivilisierte Welt . . . Das Unrecht, das gegenüber den Ju'd'en in Preußen verübt wird, bleibt ein Unrecht. Der Vorschlag der Nationalsozialisten muß als Schande des 20. Jahrhunderts betrachtet werden." Die JTA. weiß unter dem 27. aus Warschau zu melden, daß die polnische Regierung sich mit dem vom Preußischen Landtag angenommenen Gesetz befassen müsse, wenn bei der eventuellen Durchführung eines derartigen Gesetzes auch Juden polnischer Staatsangehörigkeit in Mitleidenschaft gezogen werden sollten. Die polnische Regierung werde alle aus der Durchführung eines derartigen Gesetzes sich ergebenden Konsequenzen ziehen. Sie wird in keiner Weise zugeben, daß polnischen Bürgern in Deutschland eine andere Behandlung zuteil wird als Bürgern anderer Staaten. Sie wird nicht zulassen, daß gegen Bürger ihres Landes, die in Deutschland wohnen, Ausnahmsgesetze zur Anwendung kommen. In einer Unterredung mit jüdischpolnischen Abgeordneten erklärte der polnische Ministerpräsident Oberst P r y s o r, daß er bereits dem polnischen Gesandten in Berlin Weisung erteilt habe, die Entwicklung in bezug auf polnische Staatsburger in Deutschland genau zu verfolgen und gegebenenfalls alles zum Schutze dieser polnischen Staatsbürger zu veranfassen. Es ist kein Zweifel, daß auch andere Staaten sich nicht tatenlos damit abfinden werden, daß ihre Staatsangehörigen in Deutschland unter Ausnahmegesetze gestellt werden, die sich speziell gegen ein bestimmte Kategorie von Ausländern in Deutschland1 richten. Der Jude Ofner. Tut Denkmalenthüllung am 9. Juli. Von Kommerzialrat Josef Lemberger. Man war vielfach der Meinung, gegen Julius Ofner, den großen ethischen Sozialreformator, den Kämpfer für Recht und Menschlichkeit, den Vorwurf erheben zu können, daß er seine ganzen geistigen Kräfte, sein scharfes Denken und sein tiefes Empfinden nicht genügend zur Linderung der Not des jüdischen Volkes eingesetzt hätte. Diese Anschauung ist jedoch völlig grundlos und entspricht keineswegs dem wahren Wesen des grundgütigen Mannes. Sein jüdisches Gemüt war tief und aufrichtig, sein Sinn für jüdische Bestrebungen voll Eifer und regem Bemühen. Man vergegenwärtige sich nur unter anderem, wie Julius Ofner durch 25 Jahre für die jüdischen Hausierer, gegen die sich die Agitation der parlamentarischen Vertreter richtete, mit voller Hingabe eintrat und wie er mit dem Einsätze seiner Persönlichkeit für ihre Rechte kämpfte. Auch für Lohn- und Arbeitsbefugnisse der damals sehr unterdrückten jüdischen Angestellten entfaltete er eine erfolgreiche Tätigkeit. Seine echt jüdische Persönlichkeit zeigt sich in folgenden, in seinem Nachlaß vorgefundenen Aufzeichnungen: 1. Die Juden sind das auserwählte Volk der Religion. Nationalgott — Opfer — Prophet Hillel. Man kann den sozialen Geist der Religion nicht kräftiger ausdrücken. 2. Der soziale Geist entsteht nicht erst mit der Entnationalisierung, sondern sofort im Zweitafelgesetz. Ehre Vater — kein böses Zeugnis — kein böses Begehren. — (Vertieft bis zur Feindesliebe.) Reinheit des Denkens. Nicht bloß Familiensinn und Wohltätigkeit, sondern Gerechtigkeit, Reinheit. Badgastein Kurhotel »BRISTOL« Thermalbäder. Aller Komfort. Mäßige Preise gehen, dessen Jünger Lessing und Goethe gewesen sind. Der soziale Geist soll uns weiterführen und verbinden. Halten wir fest an den Worten Hiilel's. Der beste Mensch ist auch der beste Jude. Offen und freimütig bekannte sich Ofner jederzeit zu seinem Glauben, mit tiefem Verständnisse und warmem Empfinden erfaßte er die unwürdige Lage unseres jüdischen Volkes und in einer jüdischen Zwecken gewidmeten Denkschrift äußerte er sich darüber schmerzlich: Wir Juden sind keine Minorität, wir sind die Parias der Gesellschaft, wir müssen das Dreifache, oft das Zehnfache leisten, um als einfach gewertet zu werden. So war Ofner einer der edelsten Vertreter jüdischer Geistigkeit und wir Juden ehren uns selbst, wenn wir sein Andenken in unserem Gemüte festhalten. In der Errichtung seines Denkmales bekundet sich Anerkennung und Dankbarkeit für seine tiefmenschliche Gesinnung und für sein überzeugungstreues lauteres Wesen nach Forderung des Menschheitsrechtes. So steht sein Denkmal als unvergängliches Zeichen für sein hingebungsvolles Wirken zugunsten der Armen und Unterdrückten. (Kein doppeltes Gewicht — einerlei Recht dem Einheimischen und dem Fremden.) 3. Besonders zwei Eigenschaften, Freiheitssinn und Menschlichkeit, beides knüpft an den Auszug von Aegypten an. a) Sabbat, anders im zweiten und im fünften Buch Mosis. Du sollst dich einmal in der Woche als freier Mann fühlen, entsprechend: es soll kein Sklave unter Euch sein — im siebenten Jahr frei — wenn ihr einen König wählt, er soll sich nicht unterscheiden. Dieser demokratische Sinn ist dem Judentum verblieben bis auf den heutigen Tag. b) Wiederum der Sabbat: auch die Knechte und deine Magd und der Fremdling. Diese immer wieder erneute Erinnerung, denn du warst selbst Knecht gewesen, gehört zur erhabensten Sittenlehre alfer Zeiten. Keine stolzen Herrengedanken, sondern das große Mitleid, das selbst das Tier erfaßt. Auch der Ochs, der Esel soll am Sabbat ruhen, du sollst dem Ochsen das Maul nicht verbinden, du sollst das Zicklein nicht essen in der Milch der Mutter. Bis zum Feind erstreckt sich das Erbarmen. Zwei Jahrtausende sind vergangen, da stehen die Lehren der Bibel. Sonntagsruhe, Schuld-, Pfand-, Lohnfragen, Internationaler Fremdenschutz, Internationaler Kriegsschutz, Tierschutz. Pietät, Mitleid und Freiheitsgefühle als Grundlage aller Ethik. Wahrlich, die Lehre des Judentums verstehen, sie müßte Enthusiasten werben können. Eine Religion, deren gefeierter Lehrer erklären kann, Menschenliebe, das ist Judentum. Nur aus dem Judentum konnte der Philosoph hervor- Noch immer: Pogromgefahr in Aden. JVfassenflucht der Juden. — Telegramme an die JTA wurden beschlagnahmt. Die Jüdische Telegraphen-Agentur erhielt dieser Tage von ihrem Korrespondenten in Aden auf Umwegen — weil bisherige Telegramme des Korrespondenten an die JTA beschlagnahmt worden war'.-n — Mitteilungen, aus denen hervorgeht, daß die durch die Pogrome in Aden Ende Mai innerhalb der Judenschait entstandene Panik andauert, daß jüdische Familien aus Aden flüchten und massenhait Juden aus Aden nach Palästina abwandern. Der Korrespondent erhebt gegen die P o I iz e i in Aden oüen die Beschuldigung, daß sie sich der Lage nicht gewachsen zeigte und parteiisch vorging. Er erzählt, daß am 27. Mai auf Französisch-Somaliland ein Angriit aui die Juden organisiert worden war, aber von den Behörden rechtzeitig verhindert werden konnte: das gleiche hätte in Aden der Fall sein können, wenn die dortigen Behörden sich nicht so unfähig und voreingenommen gezeigt hätten. Dem Londoner „J e w i s h C h r o n i c! e" wird aus Aden berichtet, daß zehn Juden, die mit den Unruhen nichts zu tun hatten, verhaftet worden sind; vier von ihnen, die in Aden geboren sind, wurden freigelassen, die übrigen sechs aber nach Hodeidah verbannt. Als die jüdischen Repräsentanten die Behörden darauf aufmerksam machten, daß die Ankauft <fas jüdischen Verbannten zu antijüdischen Unruhen auch in Hodeidah Anlaß geben würde, wurden die sechs nach Lahaj deportiert. Aui einen von der Jüdischen Telegraphen-Agentur beim Londoner Indien-Amt erhobenen Protest wegen der Beschlagnahme der Telegramme ihres Korrespondenten wurde erklärt, die Behörden in Aden hätten vorübergehend die Telegrammzensur eingeführt. Sie haben die Pflicht gehabt, von dieser Tatsache dem Korrespondenten Mitteilung zu machen; über die Gründe,, warum diese Pflicht vernachlässigt wurde, wird jetzt eine Untersuchung geführt. Die JTA gelangte erst spät in den Besitz der beschlagnahmten Telegramme, in denen eine eindrucksvolle Schilderung der Vorgänge in Aden während der Pogrom-Tage gegeben wird. Es wird u. a. erzählt, daß von Juden bewohnte Straßen lange Zeit ganz dem ex zedierenden arabischen Mob ausgeliefert waren, ohne daß die aus Moslemiten bestehende Polizei eingriff. Die Familie Menahem. anerkannte Führerin der jüdischen Gemeinde in Aden, bemühte sich vergebens, sich mit dem britischen Oberkommissär in Verbindung zu setzen. Wären nicht die meisten jüdischen Häuser in Aden iestungsartig gebaut, so hätte es zu einem noch schrecklicheren Blutbad kommen können. So aber blieb das

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