Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 28 (8.7.1932)
- Date
- 1932-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 die wAHnmn l HOTEL ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang I dem allmächtigen Dominikanerorden und damit mit der ganzen katholischen Kirche auf. Und so wurde aus der Abwehr der Angriffe Pfefferkorns der Kampf zwischen Humanismus und Mittelalter und der Beginn einer neuen Zeit für ganz Europa. Nicht nur der Name des neuen Antisemitenhäuptlings Peperkorn erinnert uns an die damalige Zeit, auch die Methoden sind heute dieselben, wie sie damals gewesen sind. In der Kulrurdebatte des Landtags hat Peperkorn folgendes erklärt: „Wohin wir blicken, sehen wir die bestellten Zersetzer des deutschen Volkes: die Juden, die Juden und immer wieder die Juden! Es ist eine klare Zielsetzung mit einer ganz präzise innegehaltenen Marschrichtung, die hier erfolgt. Es ist die Absicht, die Seele, das Gemüt des deutschen Volkes erst einmal zu entleeren; und wenn die Seele erst einmal entleert ist, dann soll sie, dann soll das Gemüt bis an den Rand mit Gift gefüllt werden. Ist aber erst einmal die Seele, das Gemütsempfinden Ötes deutschen Volkes getötet, dann können die Feinde dieses deutschen Volkes ihm den Fuß auf den Nacken setzen und es wirtschaftlich knechten. Wir bleiben für alle Ewigkeit Antisemiten (stürmisches Händeklatschen bei den Nationalsozialisten). Dabei erklären wir: wir denken nichtan Judenpogrome." Genau so ließ sich Pfefferkorn vernehmen. Auch er predigte zuerst Zurückhaltung und richtete die Bitie an die Christen, die Juden nicht auszuweisen, da sie bisher stets von einem Exil ins andere gehetzt worden seien, ihnen auch keinen allzu unerträglichen Druck aufzuerlegen, da sie doch gewissermaßen auch Menschen seien. Diese „Freundlichkeiten" waren aber bei Pfefferkorn ebenso wie heute bei den Nationalsozialisten nur leerer Schein. Späterhin empfahl Pfefferkorn, das deutsche Land genau so gründlich von den Juden zu säubern, wie dies bereits — in damaliger Zeit — in England, Frankreich und1 Spanien geschehen sei. Ebenso hat auch der nationalsozialistische Abgeordnete Bauer in einer Versammlung in München erklärt, „den Juden in Deutschland, die nicht durch einen rein arischen Gerichtshof „streng legal1" abgeurteilt würden, würde man das Leben so sauer machen, daß sie in Deutschland keine Lebensmöglichkeit sähen und auswanderten. Das Dritte Reich werde die Juden wie Blattläuse behandeln. Er habe einmal in seiner Schule die Aufgabe gestellt, wie man sich am besten gewisser Schmarotzer erwehren könne. Er habe die Juden zwar nicht genannt, aber die Kinder hätten es sofort verstanden, zumal er versteckt auf Rußland, Oesterreich und Deutschland hingewiesen habe, die die Juden nacheinander abgegrast hätten." Allen den nationalsozialistischen Parteiführern, die es in erster Reihe auf das Geld der Juden abgesehen haben und sich die jüdische Konkurrenz vom Halse schaffen wollen, möchte man das entgegenhalten, was Reuchlin in seinem Kampf gegen die Kölner Dominikaner an den Kaiser Maximilian geschrieben hat: „Ich bitte Dich darum, gestatte den Kölnern, die Juden vor ihr Inquisations-Tribunal zu ziehen, zu treten und zu berauben, und laß sie es wissen, daß sie es meinem Dazwischentreten zu verdanken haben, ihre Säcke mit jüdischem Gelde zu füllen. Wenn Du meiner Bitte Gehör schenken wirst, dann werden sie meine geschändete Ehre wieder herstellen. Denn dann werden sie meine Aeußerungen nicht mehr skandalös und ketzerisch empfinden." Die Methoden sind seit 400 Jahren und mehr die gleichen geblieben. Es ist dasselbe, ob der lauteste Schreier Pfefferkorn oder Peperkorn heißt, ob er ein g e t a u f t e r J u d e ist — wie es Pfefferkorn war — oder der Pfarrer eines kleinen Nestes in Schleswig-Holstein. Stets hat man versucht, die niedrigsten Instinkte gegen die Juden aufzuhetzen und seine Rache- und an- Feuilleton Allerlei Wahrheiten! Von Ego. 1. Die Nationalsozialisten" wissen offenbar nicht, was sie tun. Durch die Untergrabung der Existenz der Juden würden sie eine sehr ergiebige Steuerquelle verschütten: sie schlachten die Henne, die ihnen die Eier legt 2. Es heißt, daß nur die Juden zersetzend wirken. Die Wahrheit ist, daß die großen Weltrevolutionen ohne die allergeringste Einflußnahme der damals noch in Ghetti befindlichen Juden vor sich gingen. In England im 17. Jahrhundert, zur Zeit Cromwell's, in Frankreich 1789 und der so entsetzlich viel Opfer erheischende Nordamerikanische Bürgerkrieg 1861—1865 unter Lincoln. Da waren nirgends Juden dabei beteiligt 3. Es gilt jetzt coute que coute, den Nicht-Gesinnungsgenossen verächtlich machen, in den Kot hinabzerren. Der Jude minderwertig! Nun denn. Eine Menge Errungenschaften rühren von Juden her. Das ganze Radiowesen basiert auf den Entdeckungen des Volljuden Theodor v. Lieben und des Halbjuden Hertz! 4. A propos Halbjuden! Dazu gehört der Aegyptolog Georg Ebers, der Schriftsteller Paul Heyse, der Maler Hans von Marees. der große Chemiker Baeyer, der große Nobel — von dem die Nobelpreise stammen —, der große Eduard Sueß, Schöpfer der Wiener Hochquellen-Wasserleitung und viele, viele andere Weltberühmtheiten. 5. Die Nationalsozialisten" mögen uns auch nur eine einzige solche positive Tat seit ihrem I3jährigen Bestehen aufweisen, wie es die des Volljuden Max Reinhardt ist Salzburg zu einer internationalen Stätte der Kunst erhoben zu haben. Bei den Nationalsozialisten" stehen die positiven Leistungen in diametralem Gegensatz zu ihrer Großsprecherei. 6. Zu der großen Weltwirtschaftskrise haben nachweisbar die Wahlen vom 14. September 1930 in Deutschland den ersten Anstoß gegeben. Von da nahm die Vertrauenskrise ihren Anfang. 7. Der erste, der auf den Klassengegensatz von Arbeitgebern und Arbeitnehmern hinwies, war der Graf Claude Henri de Saint-Simon (1760—1825), er war der erste große Bekämpfer jedweder Ausbeutung. 8. Die Nationalsozialisten" sind der katholischen Kirche gegenüber feindlich gesinnt, weil deren Oberhaupt außerhalb Deutschlands ist. Das muß viele Denkende mit banger Sorge erfüllen. 9. Aus Carl Graf Sforzas (kein Jude!) Artikel in World Copyright 1932 by Cooperation abgedruckt in der „Vossischen Zeitung" vom 21. Mai, Nr. 244: „Wer das heutige Programm Hitlers mit etwas kritischem Sinn liest und es mit dem ihm aufs Haar ähnlichen Programm Mussolinis vergleicht, das dieser 1919 in Mailand herausgab, als er den Faschismus gründete, der sieht sofort daß diese beiden Dokumente geschickter Demagogie die widersprechendsten Vorschläge zusammenwürfeln, mit dem einzigen Ziel, überall Stimmen zu sammeln." — „Für diejenigen Deutschen, die den italienischen Faschismus und das Hitler-Programm bewundern, wird die Kenntnis lehrreich sein, daß die Wiedergabe des ersten faschistischen Programms (dem das Hitler-Programm so sehr gleicht) heute in Italien streng verboten ist Die öffentlichen Bibliotheken verleihen nicht einmal die Sammelbände der Mussolinischen Zeitung jener Epoche, aus Furcht selbst Leser mit weniger kritischem Geist möchten etwas bemerken und sich vielleicht wundern." Also nicht einmal das Programm der National- „Sozialisten" ist Eigenbau, so wenig wie die Tracht, wie die Grußform. Und der Rassen-Antisemitismus ist auf des Franzosen Grafen Gobineau Mist gewachsen. Das ist nordische Originalität! 10. Nordisch! Die Engländer gehören wohl nicht dazu, die sind ja nur ein Krämervolk. (Siehe Sombarts: „Händler und Helden.") Wohl aber müssen die Schweden und Norweger dazugehören. Nun kennen wir aus Ibsen und Strindberg eine ganze Menge dieser Nordländer. Man würde lügen, wenn man sagen wollte, daß man ihnen gerne ähnlich sehen möchte. Womit durchaus nicht gesagt werden soll, daß die Schweden und Norweger im Durchschnitt geistig und moralisch hinter irgend einem anderen Volke der Welt zurückstehen, trotz Ivar Kreuger! .Es wäre ein Verbrechen für die Vergehen eines Einzelnen, das ganze Volk verantwortlich zu machen. 11. „Das Blut spricht", so lautet eines der national- „sozialistischen" Schlagworte. Wie spricht es? — Nicht immer so, wie man es zu politischen Zwecken brauchen würde. So z. B. sagte der bekannte Judenfeind Heinrich von Treitschke u. a.: „Heine ist sogar in seiner Sprache, wie alle unsere großen Schriftsteller, nicht ohne einen leisen landschaftlichen Anklang. Wie Goethe den Franken, Schiller den Schwaben nicht verleugnen kann, wie Lessing und Fichte, so grundverschieden unter sich, doch beide unverkennbar Obersachsen sind, so zeigt Einziges jüdisches Geschäft BAD AIISSEE (Salzhammergut) empfiehlt den p. t Sommergästen, ihren Bedarf an stein Herren- und Knabenkleidern, Leinen- und Lodenjankern, stein Hosen, Damenkleidern, Original Dirndlkleidern, sowie sämtlichen Bedarfs- und Kurzwarenartikeln, Spielwaren, Andenken und Ansichtskarten zu besorgen nur bei FANNY KOHN Ischlerstraße, neben Cafe" Mein! deren Gelüste an ihnen zu befriedigen. Stets aber hat das jüdische Volk über die Zeit solcher Verfolgungen hinaus die innere Kraft und den Lebenswillen sich bewahrt und sich allen Anfeindungen zum Trotz erhalten. *' Das Echo der preußischen Landtagsbeschlüsse. Die antisemitischen Beschlüsse des Preußischen Landtages in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni haben im In- und Auslande ein starkes Echo gefunden. Der Beschluß auf N i c h t a n s t e 1lung jüdischer Künstler an den Staatstheatern hat einzelne Künstlerverbände auf den Plan gerufen, die gegen die Kulturfeinldlichkeit derartiger Beschlüsse energisch Protest einlegen. Der Beschluß auf Enteignung der Ostjuden hat, offenbar weil er zunächst gar keine praktische Bedeutug hat und vielleicht auch aus technisch-berichterstatterischen Gründen, in der liberalen Presse Deutschlands nur geringe Aufmerksamkeit erregt. Hingegen fühlte sich die „Deutsche Allgemeine Zeitung", die sonst mit den Nationalsozialisten sympathisiert, zu der Bemerkung veranlaßt, daß der Beschluß, das Vermögen der Ostjuden sofort zu beschlagnahmen und das der Parteibeamten sicherzustellen, dem Spitzelwesen Tür und Tor öffnet, ohne daß finanziell etwas dabei herauskommt. Die „D. A. Z." schließt ihre Bemerkungen mit den Worten: „Wenn der innerpolitische Kampf in den Formen der letzten Wo che weitergeht, sogesich Heine, wo seine Kraft rein zutage tritt, als der Sohn des Rheinlandes." 12. Hat man jemals in England etwas von Verjudung gehört trotz ihrem durchaus nicht philosemitischen Chesterton? Der kühl denkende und bedächtig wägende Engländer hat für so etwas nur ein überlegenes Lächeln; er würde das als eine Schmähung und Beleidigung seiner geistigen Superiorität ansehen. Hat der Jude besondere Fähigkeiten — her mit ihm, er soll Führer (Minister wie in Frankreich und Italien) sein. Hat er Großes für die Allgemeinheit geleistet, so stellen sie sein Denkmal in ihrem Pantheon auf. (Disraeli in der Westminster-Abtei.) Zweifellos werden sie auch dem kürzlich verstorbenen jüdischen General Monash für seine großen Leistungen im Weltkrieg ein Denkmal errichten. Ist es bei dieser absoluten Vorurteilslosigkeit ein Wunder, daß England ein Weltreich wurde. 13. In Deutschland rückten im Kriege 100.000 (von 550.000 Juden), also 17 Prozent ein, davon 10.000 freiwillig, allen voran der Mannheimer Rechtsanwalt und sozialdemokratische Abgeordnete Franck — er fiel schon im September 1914 —, 35.000 Juden wurden dekoriert über 2000 rückten zu Offizieren vor, es gab 12.000 Tote und Verwundete, der jüngste Freiwillige der deutschen Armee war ein dreizehnjähriger jüdischer Knabe namens Josef Zipper. Demgegenüber lasen wir dieser Tage, daß ein jüdischer Knabe namens Mandelbaum, der überfahren wurde, von einem nationalsozialistischen" Arzt nicht behandejt wurde, als er den Namen Mandelbaum vernahm. (Es war der österreichische Dichter Grillparzer, der das Wort prägte: Von Humanität durch Nationalität zur Bestialität!) 14. Nietzsches Wort (Wille zur Macht, 172): daß es nicht darauf ankommt, ob etwas wahr ist, sondern wie es wirkt —: absoluter Mangel an intellektueller Rechtschaffenheit. Alles ist gut die Lüge, die Verleumdung, die unverschämteste Zurechtmachung, wenn es dient, jenen Wärmegrad zu erhöhen — bis man „glaubt" —. Dies wirkt sich jetzt tagtäglich in Entsetzen erregender Weise vor unseren Augen aus. 15. Wie gleichsam paradiesisch kommen einem demgegenüber die Zeiten vor, als Varnhagen van Ense zwei Jahre nach Raheis Tod (1833) von ihr schrieb: „Je wahrer und vollständiger man Rahel kennen wird, desto schöner wird sie dastehen! Ich weiß alles von ihr, was ein Mensch vom anderen wissen kann und ich sage mit reinster und kräftigster Ueberzeugung: Unschuldiger, zarter, reiner, liebevoller, gütiger, aufrichtiger, rechtschaffener, frömmer und keuscher im höchsten Sinne, habe ich keinen Menschen gekannt!" Ein schöneres Denkmal für Rahel Levin kann man sich wohl nicht vorstellen. (Fortsetzung folgt.)