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Die Wahrheit · 1932-07-08 · Heft 28 (8.7.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 28 (8.7.1932)
Date
1932-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heine&traße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Die Wahrheit XLVIII. Jahrgang Wien, 8. Juli 1932 Nummer 28 Von der Judengasse — zur Hermesvilla. Die blutigen Exzesse der Hakenkreuzler scheinen in der Tagespresse eine ständige Rubrik zu werden. Kein Tag ohne Wirbel! Wenn wir Juden zu allen unseren „Untugenden", die uns unsere Feinde aridlchten, auch noch diejenige der Schadenfreude hätten, würden wir allen Grund haben, zuweilen der „lachende Dritte" zu sein, denn die Hitler-Buben, die angeblich den Juden auf eine Meile weit riechen, greifen auch hie und da daneben. Auch leibhaftige Diplomaten haben dieser Tage daran glauben müssen, sowie Hocharistokraten, von denen einer selbst ein eingefleischter Judenhasser ist und immer einen roten Kopf kriegt, wenn er einen Juden erblickt. Nun mußte 'der edle Herr Graf selbst am eigenen Leibe verspüren, wie gut Hakenkreuzlerprügel behagen! . . . Die Herren Nazis suchten mit ihren Stahlruten reiche Juden und trafen einen antisemitischen Schädel. Und wenn die maßgebenden Faktoren noch ein Auge zudrückten, insofange es gegen die Judengasse und gegen den Franz Josefs-Kai ging, so mußten sie nun vor den Überfallenen Diplomaten den Kotau machen und sich de- und wehmütig entschuldigen ... All das könnte uns ja mit einer gewissen Schadenfreude erfüllen — aber wir besitzen diese Untugend* nicht und da wir die Gefahr derartiger anarchischer Vorgänge wohl einzuschätzen wissen — so können diese Erscheinungen uns nur dazu veranlassen, unsere Mahnungen und Warnungen zu wiederholen und der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß die verantwortlichen Faktoren endlich ihre Pflicht erkennen und "darnach handeln v/ürden. Der Ueberfall der Nazi-Rowdys auf den Golfklub in Lainz zeigte diese Maulhelden in ihrer ganzen Erbärmlichkeit. Zu feig, sich zu dieser „Heldentat" zu bekennen, machter. sie zunächst'dfen Versuch, zu leugnen und die Behauptung aufzustellen, es wären „maskierte Kommunisten" gewesc-i-, die sich dieser Untat schuldig machten. Das Unglaubliche dabei ist, daß sich auch andere Elemente fanden, die dieser Taktik Vorschub leisten und) die Untersuchung auf eine falsche Bahn lenken wollten, um den Hitler-Buben das Auskneifen zu erleichtern. Aber die Spekulation mißlang kläglich; die Schuldigen konnten und mußten überführt werden und befinden sich nun teilweise hinter Schloß und Riegel, mit Ausnahme des Haupträdelführers, der vorsichtigerweise Fersengeid gab und sich anscheinend rechtzeitig über die Grenze in Sicherheit brachte ... Da es sich um ausländische Diplomaten handelte, konnte es kein Vertuschen und Beschönigen geben; man durfte es auch nicht wagen, die Ueberfallenen als die „provozierenden Angreifer" zu bezeichnen, wie dies bei anderen Gelegenheiten versucht worden ist. Aber auch nach diesem blutigen Ueberfall, der besonders im Auslande wenig freundlich kommentiert wurde und der wahrscheinlich noch in ausländischen Parlamenten ein Echo finden dürfte, haben die maßgebenden Faktoren es noch nicht für notwendig erachtet, mit der gebotenen Energie einzugreifen — und bald darauf folgte der Bluttag in Eisenstadt . . . Hätte sich eine andere Parteitruppe solche Schandtaten erlaubt, dann würde der staatliche Ordnungsapparat mit aller Macht eingegriffen haben und es hätten sich Mittel und Wege gefunden, um diesem blutigen Treiben ein rasches En'dfe zu bereiten. Aber die Herren Nazi, die der chrisilichsoziale Badener Bürgermeister Kollmann dieser Tage „dieParteides Terrors und des Tiefstandes der Sitten" nannte, scheinen noch immer an gewissen Stellen einflußreiche Protektoren zu besitzen; man wagt sich an sie noch immer nur mit Glacehandschuhen heran, um ihnen nicht allzu weh zu tun . . . Wie lange noch soll dies 'dtauern? Wie lange will die Regierung noch Geduld üben und Nachsicht vor Recht walten lassen? Ist der Umstand, daß die Hakenkreuzler in der Hauptsache es auf die Juden abgesehen haben, etwa ein Freibrief für diese Herrschaften!? Wii! man sie noch immer als Sturrnbock gegen die ..Judäo-Marxisten" verwenden und daher gewähren lassen? Es ist ein Spiel mitdem Feuer, das da getrieben wird — eines Tageskönnteeszuspätsein! Wenn diese Bewegung ihren Protektoren einmal über den Kopf gewachsen sein wird, dann werden die sich vorläufig im Hintergrunde haltenden Beschützer die Geister, die sie riefen, nicht mehr loswerden können . . . Wenn man heute in gewissen Kreisen mit einem verschmitzten Schmunzeln zuschaut, wie die Nazi den ..jüdischen" Vorsitzenden des Wiener Landtages an der Ausübung seines Amtes behindern wollen; wenn man es ruhig hinnimmt, daß die Hitler-Buben gegen die Wahl eines Juden zum Dekan der medizinischen Fakultät Front machen und diesen zur Demission zwingen wollen — dann könnte man eines Tages erfahren, daß die siegestrunkenen Nazi sich einbilden würden, auch an anderen Stellen diktieren zu wollen! . . . Dann aber: wehe Oesterreich! . . . Gerade dieser Tage ist es den Bemühungen des Bundeskanzlers gelungen, in Lausanne die for- Die Nationalsozialisten, 'die sich schon fast als die Herren in Preußen fühlen, feiern im preußischen Landtag antisemitische Rede- und Gesetzgebungsorgien. Den bisherigen Höhepunkt ihrer Betätigung erreichten sie, wie wir in unserer letzten Nummer ausführlich berichteten, in der Nachtsitzung von Freitag, den 24., auf Sonntag, den 25. Juni. Rufer im Streit in dieser denkwürdigen Nacht war Herr Pastor Peperkorn aus Vidi in Schleswig-Holstein, 'der bei der Aussprache» über Kulturfragen für seine Partei ein grundsätzliches Bekenntnis zum Antisemitismus abgab, wie man es in dieser Form selbst bei den Nationalsozialisten nicht gehört hat. Peperkorn? Der Name dieses Mannes, der uns bisher aüs geistiger Führer des deutschen Volkes noch nicht bekannt gewesen ist, kommt uns so sonmeüen Schwierigkeiten, die sich der Auslandshilfe für Oesterreich entgegenstellten, zu beseitigen und hinsichtlich der angestrebten Anleihe feste Zusagen zu erwirken. Aber das letzte Wort in dieser Sache ist noch nicht gesprochen. Noch liegt die Entscheidung bei den Parlamenten in den die Anleihe garantierenden Staaten. Es ist mit Sicherheit damit zu rechnen, daß die jüngsten Vorgänge in Oesterreich in 'im Parlamenten von Paris und London zur Sprache gelangen werden. Es wird keine Ehre für Oesterreich sein, die dort eingeheimst werden dürfte — vielleicht könnten die Gegner der Anleihe diese Erscheinungen dazu benützen, um gegen diese mit verstärktem Impuls Sturm zu laufen — will es die Regierung darauf ankommen lassen?! Es liegt uns ganz ferne, mit diesen Zeilen die Intervention des Auslandes anrufen; wir möchten und wünschen, daß man von Oesterreich im Auslande so wenig als möglich spricht — aber wenn tilie verantwortlichen Faktoren nicht rechtzeitig ihre Pflicht erfüllen, dann werden solche Auseinandersetzungen nicht su umgehensein!... Die große Welt ist des ewigen Kampfes müde. Die große Not, die alle Länder, a'rle Klassen und Schichten in Mitleidenschaft zog, hat auch auf die aüerextrernsten Chauvinisten ernüchternd gewirk:. Auch die eingefleischtesten Militaristen müssen nun ernstlich über die Abrüstung verhandeln; auch die wildesten Reparationsforderer mußten erkennen, daß es so wie bisher nicht weiter gehe und daß diese Fragen irgendwie bereinigt werde' müßten, um der Weh die nötige Ruhe und Sicherheit wieder zu geben ... In Genf und Lausanne wird ernstlich darüber verhandelt die alte Srrenaxr zu begraben und der schwergeplagten Welt •dlas normale Leben wiederzugeben . . . Nur gegenüber den Nazi soll es kein Heilmittel geben? Nur Hitler und Gnossen sollen weiterhin ihr Unwesen treiben dürfen? Das ist unmöglich! Auch da muß eingegriffen werden — je früher desto besser; je später, desto verhängnisvoller! Die Regierungenhaben es in d erHand, dem täglichen Naziwirbel ein Ende zu bereiten — sie müssen nur wollen: nicht gerade im Interesse der Juden! . . . derbar vertraut vor. Ist er nicht die norddeutsche Abwandlung des Namens eines Mannes, der vor mehr als 400 Jahren in der jüdischen Geschichte eine so traurige und bedeutungsvolle Rolle gespielt hat. JohannPfefferkorn ist für uns der Typ des letzten Kämpfers des deutschen Mittelalters gegen die herankommende neue Zeit. Pfefferkorns Angriffe gegen das Judentum, die von den „Dunkelmännern" in Köln, dem Dominikanerorden und seinem Anhang unterstützt wurden, waren es, die Männer wie R e u c h I i n und Ulrich von Hutten auf den Plan riefen. Nicht um das Judentum in Schutz zu nehmen, dem sie ebenso wie alle anderen ihrer Zeitgenossen fremd' und ablehnend gegenüberstanden, sondern um der Lüge und Gemeinheit, die von Pfefferkorn und seinen Beschützern verbreitet wurden, entgegenzutreten, nahmen Reuchlin und von Hutten den Kampf mit ■■■■■■■■■■•■■■■•■■«■■■«■■«■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■•■■■■■■■«•■■••■■«■■.•■.•..■•..••■■•■•.■^■■■■■■«■■■■■■■■■«■■■■■■■■uaaaMa Von Pfefferkorn zu Peßerkorn.

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