Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 27 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Dil WAHRHEIT II Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit Öffentlichkeitsrecht Staatsgültige Zeugnisse Einjährige Koch- und Haushaltungsschule mit erweitertem Lehrplan für allgemeine Bildung, streng rituell Dr.«rogerlieiBi, 11., naizgasse? Tel. A*8-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. obigen Trugschluß. Gewiß gibt es bei uns im allgemeinen keine so tiefe, erschütternde jüdische Not wie in der East side New Yorks, aber diese Not existiert hier auch nicht bei Einwohnern anderen Glaubens. In der Aeußerung des Verfassers liegt also letzten Endes ganz unbewußt der Widerhall der allgemein verbreiteten und von den Antisemiten immer wieder vorgebrachten Fiktion, daß niemand Geld hat, nur „dar Jud". C. H. JedevXesewtkat dasWowtl ZasdkrUKenaus «lern £Ftf&«ft u m „Jaden ist das Lesen verboten". Wenn man mit der elektrischen Straßenbahn von Mauer gegen Mödling fährt, gelangt man vorerst über einen Jieblichen Hang in die einst so beliebte Sommerfrische Rodaun. In der Hauptstation dieses Ortes findet man als herzlichen Willkommengruß auf der rechten Seite an einer Holzeinfriedung eine große eingerahmte Tafel, an deren Spitze als Leitspruch, beiderseitig mit dem Hakenkreuz geschmückt, der Saitz prangt: Juden ist das Lesen verboten! Der Inhalt der Veröffentlichungen trieft von nationalsozialistischem Geist, weiters sind Zeitungsausschnitte da und sonstige Nachrichten von nationalsozialistischen Belangen in einem Deutsch, das den armen Goethe zwingen müßte, sich im Grabe umzudrehen. An sich haftet ja dem obigen Verbot der Fluch der Lächerlichkeit an unldl man müßte sich als Jude nicht sonderlich darüber aufregen. Aber die Sache hat auch eine andere ernstere Seite, wenigstens für die Gemeinde Rodaun. Die Gemeinde wirbt um Sommerfrischler undl tatsächlich ist der nette Ort schon wegen seiner leichten Erreichbarkeit für den Landaufenthalt sehr geeignet Aber auch hier spielt die Krise eine Rolle, auf einer großen Anzahl von Haustoren findet man die Zettel „Sommerwohnung zu vermieten". Wenn nun die vielen hunderte von Passagieren, die täglich an obiger Tafel vorbeifahren, sowie die Besucher Rodauns, die in dieser Station aussteigen, diese Aufschrift lesen, werden sie zweifellos den Eindruck gewinnen, daß Rodaun keine jüdischen Gäste wünscht, wenn die Gemeinde es für richtig findet, derartige beleidigende Aufschriften an so hervorragender Stelle zuzulassen. Carl H o 11 u b. * Mehr Mut, ihr Herren! In jüdischen Studentenkreisen ist viel davon die Rede, daß bei den letzten Universitätskrawallen sich ein schwer bedrängter Student an Herrn Professor MacCallum um Schutz wandte, den dieser achselzuckend verweigerte, worauf der junge Jude von einer Horde von Hakenkreuzlern blutig geschlagen wurde. Kü/zlich wurds vom Bezirksgericht Döbling ein jüdischer Student wegen Notwehrüberschreitung verurteilt, weil er sich gegen dSe ihn mißhandelnden Völkischen zur Wehr gesetzt ha<tte. In dieser Verhandlung wurde erwähnt, daß der arme jüdische Junge in Gegenwart des Prof. M e i t n e r von der Hochschule für Welthandel zu Baden geworfen und durch Schläge auf den Kopf und Fußtritte mißhandelt worden war. Auf dieses Verhalten prominenter Hochschulprofessoren hinzuweisen, ist Aufgabe der jüdischen Publizistik; über diese Herren, die wohl von Juden Kollegiengelder nehmen, aber sonst dem Hakenkreuz Vorschub leisten, wird sich wohl jeder anständige Mensch das entsprechende Urteil bilden. Dr. Klein. VonWo&e xuWodte Die Schweiz kennt keinen Antisemitismus. Im Rahmen einer Veranstaltung der Deutschen Handelskammer in Zürich sprach der Nationalsozialist Dr. Reupke über „Das nationalsozialistische Wirtschaftsprogramm". Doktor Reupke hielt sich im allgemeinen frei von antisemitischen Ausfällen und griff nur hier und da die Ostjuden an. Nach ihm sprach Kantonsrat Dr. P. Gygax, erster Vizepräsident dies Großen Stadtrats von Zürich und Handesredakteur der „Neuen Züricher Zeitung",, der dem nationalsozial1 istischen Wirtschaftsprogramm jeden wissenschaftlichen Wert absprach, den Antisemitismus tter Nationalsozialisten brandmarkte und erklärte: „Die Schweiz hat den Antisemitismus nie gekannt und wird ihn nie kennen." Schächtverbot in der Tschechoslowakei verfassungswidrig. Der Gablonzer Stadtrat hatte bekanntlich das rituelle Schlachten im städtischen Schlachthaus von Gablonz verboten und, als dem Einspruch der Kulrusgemeinde Gablonz gegen dfiese Entscheidung von der politischen Behörde stattgegeben worden war, sich hierauf an das Oberste Verwaltungsgericht gewendet. Das Oberste Verwaltungsgericht hat nun in einer' für die gesamte Tschechoslowakei gültigen Entscheidung erkannt, daß „die Vornaihme von Schächtungen nach jüdischem Ritus unter die von der Verfassung geschützten religiösen Uebungen fallen. Die Verletzung dieses verfassungsmäßig gewährleisteten Rechtes kann auch darin bestehen, daß die Mitglieder einer Kultusgemeinde ihre Kultusbedürfnisse nicht an Ort und Stelle zu befriedigen vermögen. Auch wenn sie die Möglichkeit hätten, die rituelle Schächtung anderwärts vornehmen zu lassen, beziehungsweise das geschächtete Fleisch von auswärts zu beziehen, so könnte dieser Umstand sie doch nicht Idtes Rechtes berauben, die Befriedigung ihrer Bedürfnisse auch in Gablonz anzustreben." Durch diese Entscheidung scheint der Antisch ä.chtbewegung, die im letzten Jahr in mehreren Städten Böhmens sich bemerkbar machte unld1 antijüdischen Motiven entsprang, der Boden entzogen. „Schülerfürsorge." Unter den Mitwirkenden dies kürzlich am Konstantinhügel stattgehabten Gartenfestes der „Schülerfürsorge" fiel besonders die junge Gesangkünstlerin Grit Tüchler durch ihr Talent auf. flQgienisdics KönifislicM iiiiiiiiiriH^ Seit vielenjahren dasa..erkannt beste tD^-HÖtW Man achte auf die ges. gesch. Mark« „Hyglen. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhf rschengassse S Telephen R 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. TlmtttcQe Verfautßarungen öer Jsraeßtisdfen TCuftusgemeinbe Wien Predigt in der Bezirkssynagoge, IL, Pazmanitengasse 6. Samstag, den 2. Juli 1932, wird bei dem Hauptgottesdienst Herr Rabbiner Dr. Z. Taubes eine Deroscho abhalten. Bannizwah-Unterricht während der Ferialmonate. Um den Kindern mittelloser Eltern Gelegenheit zu geben, sich auch während der Schulferien für die Barmizwah vorbereiten zu können, hat der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien einen unentgeltlichen Barmizwah-Ferialkurs eingerichtet Einschreibungen und Unterrichtsbeginn. Die Einschreibungen firidlen Sonntag, den 3., 10. und 17. Juli 1932, jedesmal von 9 bis 10 Uhr vormittags, und der Unterricht ab Montag, den 4. Juli, jeden Montag und Donnerstag von 2 bis 4 Uhr nachmittags im Schullokale der israelitischen Kultusgemeinde, XX., Othmargasse Nr. 46, statt. Der Vorstand. J€afce.nfcreuz am Werft Ein antisemitisches Nachspiel zum Matuska- Prozeß. Nach dem Eisenbahnattentat bei Bia- T o r b a g y fand man am Tatort einen — wie sich später herausstellte von Matuska geschriebenen — Zettel folgenden Inhalts: „Die Kapitalisten geben uns keine Arbeit. Wir werden uns welche verschaffen! Wir werden es jeden Monat wiederholen!" Der Budapester Sachverständige Emil Szontagh fand, daß die Handschrift des im Auslande weilenden jüdischen Kommunisten Martin Leipnik mit der Schrift auf dem Zettel identisch sei. Dieses Gutachten war das Signal für die antisemitische Presse in der ganzen Welt, die Nazi-Presse in Deutschland und Oesterreich einbegriffen, eine blutrünstige Judenhetze zu beginnen. Als dann der Sachverständige Julius Fischhoff erklärte, die Zettelschrift sei nicht mit der Leipniks identisch, behauptete Szontagh, „derJudeFischhoffwolleseinen Judengenossen Leipnik retten und einen Ausbruch der Entrüstung gegen das Judentum verhüten". Wegen Beleidigung Fischhoffs hatte sich nun Szontagh vor dem Budapester Gericht zu verantworten. Szontagh suchte sich darauf hinauszureden, daß er von den Journalisten, die ihn interviewten, „mißverstanden" worden sei. Der Anwalt Fischhoffs beantragte die Einvernehmung der Journalisten, die bekunden werden, daß sich Szontagh in viel heftigeren antisemitischen Ausfällen ergangen habe, als dies in den Zeitungen reproduziert wurde. Szontagh habe den Journalisten auch seine Photographie zur Reproduktion übergeben. Zur Ladung von Zeugen wurde die Verhandlung vertagt. Milde Sühne für einen Judenmord in Saloniki. Das Gericht in Saloniki verurteilte den griechischen Nationalisten Pandeli Kiriakpoulos, der vor zwei Jahren den jüdischen Bürger Samuel Nefussi kaltblütig und überlegt niederschoß, wegen fahrlässiger Tötung zu 15 Monaten Gefängnis. In der jüdischen Bevölkerung herrscht Empörung darüber, daß ein so schweres, aus antisemitischen Motiven begangenes Verbrechen eine so milde Sühne gefunden hat. Man weist darauf hin, daß die Urheber aller antisemitischen Verbrechen der letzten Zeit in Saloniki, einschließlich des vorjährigen Pogroms und der Niederbrennung eines ganzen jüdischen Stadtteiles, mit kleinen Strafen davonkamen oder überhaupt freigesprochen wurden. Die rumänische Oeifentlichkeit schweigt... In den jüdischen Kreisen Rumäniens hat das Verhalten der großen rumänischen Zeitungen anläßlich der jüngst in Bessarabien vorgekommenen Folterungen grundlos des Kommunismus verdächtiger jüdischer Bürger peinliche Verwunderung erregt. Bisher hat die rumänische Presse diese Vorfälle, auch den Fall Braunstein in J edinetz, vollkommen verschwiegen. Erst jetzt kündigt die Bukarester Tages-