Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 27 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064427--18899-3083978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 ME WAHRHEfi iAPSÄSTHINI I HOTEL _ ELISABETHHOF Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang! jedtoch nicht mehr hakenkreuzlerisches Produkt — dafür zeichnet auch die österreichische Tradition, somit die österreichische Regierung verantwortlich, die bis heute trotz aller traurigen Erfahrungen nicht den Mut aufbrachte, dem „autonomen Prügelrecht" an den Hochschulen ein Ende zu bereiten... Und all das geschieht in a!em Augenblicke, da der Bundeskanzler in Lausanne im Schweiße seines Angesichts dafür kämpft, für Oesterreich die Hilfe der Kulturstaaten zu erwirken... Wenn sich die Hakenkreulzer schon heute derartige Exzesse an den Hochschulen erlauben dürfen, obwohl der gegenwärtige Rektor sich wiederholt redlich bemühte, ihren Ausschreitungen eine Grenze zu setzen, so kann man sich ohne viel Phantasie vorstellen, welche Entwicklung die Dinge im kommenden Schuljahre nehmen werden, da den Hakenkreuziern wieder das Glück zuteil werden dürfte, in einem ihnen nahestehenden Rektor eine Stütze zu besitzen. Der neugewählte Rektor Prof. Abel ist zweifellos ein großer Gelehrter — aber seine allzu große Freundschaft für den Nationalsozialismus ist bekannt und die Hakenkreuzler. triumphieren bereits, daß die Periode der „großen" (sie!) Rektoren Gleispach und Uebersberger eine Renaissance erleben werde... Diese Hoffnung gibt ihnen auch schon den Mut zu fordern, daß der neugewählte Dekan der medizinischen Fakultät, Professor Pick, diese Würde nicht annehme, da er sonst mit den üblichen Mitteln zur Resignation gezwungen werden würde... Die Herren scheinen sich bereits tatsächlich als die Herren von Oesterreich zu fühlen — wo hin wird es in diesemStaate kommen, wenn die maßgebenden Faktoren nicht rechtzeitig eingreifen?! Selbst der Gerichtssaal wird von diesen Radauhelden bereits unsicher gemacht Die Vorgänge während und nach der Gerichtsverhandlung wegen des Hakenkreuzüberfalles auf Chefredakteur Klebinder zeigen kraß, wohin die Entwicklung geht... Wenn die Regierung solche Vorgänge duldet, wenn auch in Wien die Schießprügel und1 die Stilette bei jeder Gelegenheit in Aktion treten — dann werden es sich die maßgebenden Faktoren selbst zuzuschreiben haben, wenn eine Verrohung der Sitten um sich greift und wenn die Laudenbachs und Genossen zur täglichen Erscheinung werdlen. Noch einmal richten wir an die Regierung und die Behörden die ernste Mahnung und War- Einziges jüdisches Geschäft in BAD AUSSEE (Salzfeammergiit) empfiehlt den p. t Sommergästen, ihren Bedarf an stein Herren- und Knabenkleidern, Leinen- und Lodenjankern, steir. Hosen, Damenkleidern, Original Dirndlkleidern, sowie sämtlichen Bedarfs- und Kurzwarenartikeln, Spielwaren, Andenken und Ansichtskarten zu besorgen nur bei FANNY KOHN Ischlerstraße, neben Cafe Meinl nung, imöffentlichen Interesse rechtzeitig einzugreifen, bevor es zu spät wird. Wir Juden werden uns schon zu schützen und zu helfen wissen — aber die Zeche für die allgemeine Sittenverrohung wird die Gesamtbevölkerung zu zahlen haben. Staatsbankrott? Es ist bös, wenn ein Staat seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen kann. Schon das heilige römische Reich deutscher Nation, das ja nach Schillers „Kapuziner" besser „römisch arm" hätte heißen sollen, ist öfter in diese fatale Situation gekommen und auch das aus ihm abgesplitterte österreichische Kaiserreich ist infolge der Napoleonischen Kriege in die größte Geldkatastrophe geraten. Aber zugrunde gegangen ist daran weder das alte noch das neue Reich. Man wußte immer wieder ausreichende Subsidien dem Staatssäckel zuzuführen, meistens stellte man das Wirtschaftsgenie der Juden in den Dienst dieser Sache; Rothschild und amdere Glaubensgenossen haben sich bei solchen Gelegenheiten den Adel verdient. Damals gab es allerdings noch keinen Hitler, der den Unterschied zwischen raffendem und schaffendem Kapital erfunden, keinen Gregor Straßer, der als Hauptaufgabe der notleidenden deutschen Wirtschaft die Ausschaltung des jüdischen Kapitals gepredigt hätte. Ein Jude; der auf dem Boden des einstigen römischen Rje^es deutscher Nation mit der Sanierung der Wirtschaft betraut wurde und zur Erfüllung deser Aufgabe auch befähigt gewesen wäre, war Walter Rathenau. Er wurde vor zehn Jahren mitten in seinem Aufbauwerke von den Kugeln nationalsozialistischer Meuchelmörder hinweggerafft. Seitdem haben sich die wirtschaftlichen Verhältnisse im Reich und1 bei uns rapid verschlechtert. In Oesterreich wurde zwar kein Finanzgenie von Mörderkugeln getroffen, dagegen blutet die gesamte Wirtschaft, die öffentliche wie die privat-kommerzielle aus tausend Wunden, die ihr die Unfähigkeit des auf dem Prinzip der Rassenauslese aufgebauten Verwaltungsapparats zufügte. Das ist, wie gesagt, bös, sehr bös, aber noch nicht das Aergste. Viel schlimmer als die Unfähigkeit des Staates, aus den Steuergeldern pünktlich die Beamtengehalte bereit stellen zu können, ist sein Versagen gegenüber den ideellen Verpflichtungen, aus deren Uebernahme ihm dlas moralische Recht zum Steuereinheben überhaupt erst zusteht. Wofür zahlt der Staatsbürger Steuer? Um Feuilleton Sdiülerfürsorge. Von Anna M a n d e 1 - F r i e d m a n n. Eine neue Art der Fürsorge, noch ein neuer Verein etwa, werden manche unserer Leser sagen, besonders die, welche eine neuerliche Attacke auf ihre Taschen nicht gerne sehen. Wozu noch eine Fürsorge, da es doch schon ein ganzes Netz von derartigen Vereinen gibt, da sich die jüdische Jugendfürsorge in der Kultusgemeinde doch mit der Hilfe für die Jugend besonders beschäftigt und seit Jahren Ausgezeichnetes leistet? Nun, es kann ja wohl in dieser trostlosen Zeit unfaßbarer Not, grausamsten Elends nie genug getan werden, nie Vollkommenes geleistet werden für die jüdische Jugend. Und ein Schüler, der wohl ein Kind, ein Jugendlicher ist wie jeder vor und nach der Schulzeit, braucht während seiner Lernjahre eine erhöhte Aufmerksamkeit seitens der Eltern und Lehrer. Ein Schüler, der seine Pflicht in der Schule erfüllen soll, muß pünktlich aufstehen, sauber und wetterfest gekleidet sein, möglichst vor Krankheiten geschützt werden, sorgenlos und in gleichmäßiger Ruhe leben können, er muß genügend Nahrung haben und alle Lernmittel erhalten, die er braucht. Doch wie viele Eltern gibt es heute, die dies alles ihren Kindern bieten können, da die Armut in den jüdischen Kreisen immer mehr Platz greift, da die Arbeitslosigkeit immer größer, die Schwierigkeit im Handelsverkehr immer drückender wird. Wie viele Eltern gibt es heute, die die Sorge um die Begleichung des Zinses nicht schlafen läßt, die keine Kohle beschaffen können, damit das Kind es am Nachmittage im Zimmer warm hat, um seine Schularbeiten zu machen, denen es nicht möglich ist, Kleidung, Schuhe, und selbst geringe Nahrung zu kaufen. Wie oft gehen solche arme Schüler des Morgens ohne Frühstück zur Schule, weil keine Milch, kein Brot noch da ist, weil der Vater vielleicht erst mittags einige armselige Groschen heimbringt, damit sie wenigstens eine warme Suppe bekommen. Was soll aus solchen Kindern werden, die doch ihre Pflichten erfüllen müssen, ohne daß die Vorbedingungen für dieselben gegeben sind? Wie können sie, wie werden sie den hohen Anforderungen genügen können, die das Leben an ihre Kraft, ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten stellen wird, wenn sie schon in frühester Jugend die primitivsten, lebensnotwendigsten Dinge wie Nahrung und Kleidung entbehren! müssen? Wenn sie in Sturm und Regen, bei Schnee und Frostwetter in zerrissenen Schuhen, in defekten Kleidern den Weg zur Schule machen sollen? Ohne von den seelischen Foltern, den Kränkungen zu sprechen, denen diese armen Kinder ausgesetzt sind! Manche werden vielleicht dadurch frühreif zum Lebenskampfe, aber viele, viele unterliegen oder sie nehmen ein Maß voll Gedrücktheit, Unlust, Verzweiflung mit ins Leben, wenn nicht gar Krankheit und Siechtum. — Die Eindrücke, die ein Mensch in seiner Kindheit erhält, wurzeln tief in seiner Seele, sie bedingen vielfach seine Einstellung im späteren Leben und es ist merkwürdig, wie sehr von einer sorglosen Umgebung, von einer schönen Stunde, von lustigen Erinnerungen, von gut sitzenden Kleidern der Entwicklungsgang des Kindes beeinflußt wird, ebenso wie von traurigen und bedrückenden Ereignissen. Liebe und Freude sind die Faktoren, die am besten bei der Erziehung helfen und zumeist gute Früchte erzielen. Der erste administrative Leiter der Schülerfürsorge erzählte bei einer Komiteesitzung erläuternd folgende nette Geschichte aus seiner Klasse. Da war ein Junge, arm, schlecht gekleidet, unlustig, schlimm, rettungslos faul. Alles Zureden, Güte und Strenge fruchtete nichts. Die Lehrer sahen in ihm einen hoffnungslosen Fall. Da kam ihm, dem Religionslehrer, der Gedanke, dem Jungen einen neuen, gut passenden Anzug zu verschaffen, und er versprach sich von der Freude über das Geschenk, von dem erhöhten Selbstgefühl des armen Kindes eine Wendung zum Besseren. Und er hatte richtig empfunden. Er verschaffte ihm einen neuen Anzug, der dem Schüler tadellos paßte, und seitdem hatten Eltern und Lehrer nie mehr über den Jungen zu klagen. — So kann ein guter und einsichtsvoller Lehrer manchem Uebel abhelfen, er dringt oft tiefer in das Seelenleben seiner ihm anvertrauten Schar ein, er, der sie Gottes Lehre lehrt, in allem Guten unterweist, hat oft eher den Schlüssel zu ihren zutiefst verschlossenen und kaum noch nennbaren Empfindungen in der Hand als die Eltern. Und aus dieser Erkenntnis entstand die „Aktion der Schülerfürsorge der jüdischen Religionslehrer Wiens", eine Aktion zur Abwehr der Not, zur Linderung des Elends unter den Schülern, zur Rettung drohender körperlicher und seelischer Verwahrlosung derselben. Nein, die jüdischen Kinder dürfen nicht dieser Volksseuche anheimfallen, jüdische Eltern und Lehrer, die gemeinsam schon in der Erziehungsarbeit an den Schulen nur Gutes leisten, müssen und werden dies verhindern! Und so haben sich die jüdischen Religionslehrer zusammengesetzt unter Führung von zwei begeisterten Vorkämpfern dieses edlen Gedankens, so haben sie in Verbindung mit der Kultusgemeinde, mit Elternkomitees in allen Bezirken Wiens rastlos gearbeitet Es war keine leichte Arbeit, diese Organisation zu schaffen, und doch zeigte sich hier wieder, wie etwas Gutes, etwas Notwendiges durchdringt, wie es anerkannt und gefördert wird trotz Geldmangels, trotz der Krise, die schon heute viele wohlhabende Kreise erfaßt hat. Aber da es um das Leben, um das Werden unserer Kinder geht, da es die Lehrer sind, die trotz täglicher vielstündiger geistiger Arbeit noch viele Stunden dieser wichtigen Sache widmen, da wollten viele mithelfen und so kam es, daß diese Aktion in Kreisen Einlaß begehrte und fand, die sonst den Vereinen verschlossen sind, und daß sie eine Summe aufbrachte, die man nach der Sammlung der Kultusgemeinde im Winter kaum mehr erwarten konnte. Dem Religionslehrer ihrer Kinder sagten auch die Mütter nicht Nein, deren Herz kein Mitleid für die anderen armen Mütter aufbringt, die, scheu und bedrückt, ihren Kindern doch die ganze Not, die furchtbare Verzweiflung nicht zeigen wollen. Und die verschämte Arme empfindet die Gabe, die sie durch den Lehrer erhält, weniger bedrückend, als wenn ihr der eine oder andere Verein etwas gibt. — Und so arbeitet diese neue „Fürsorge für arme Schüler" seit dem Jänner dieses Jahres unentwegt und unermüdlich, voll Hingebung und Begeisterung. Eltern und Lehrer sind hier die Träger eines starken einheitlichen Willens, alie armen Schüler auf eine glatte, von Sturm und Unwetter geschützte Bahn zu bringen und sie vor den Schäden dieser traurigen Zeit so weit als möglich zu bewahren. Und sie haben einen Obmann gewählt, der sich dieser Aktion auf „Herz und Sinnen" verschrieben hat, der schon zu Pessach seinen getreuen, ebenso begeisterten Mitarbeitern zwei schöne Sederabende für arme Schüler veranstaltete, der nach Wochenschluß seines Geschäftes kein Weekend kennt, sondern im Fürsorgeamt der Kultusgemeinde in seinem Zimmer die Klagen der armen Väter und Mütter anhört und nach Möglichkeit zu helfen sucht. Sei es, daß er Unterstüzungen aller Art anweist, sei es, daß er gemeinsam mit der Jugendfürsorge Beiträge gibt zur Erholung und Genesung lungengefährdeter kranker Schüler. Wahrlich, ein heller Ausblick in dem hoffnungslosen Düster dieser traurigen Zeit! — Noch immer finden sich gütige Menschen, die selbstvergessen und hingebungsvoll dem Rufe zur Fürsorgearbeit folgen, die voll Eifer diesen selbstauferlegten Pflichten nachkommen und nicht weichen werden, bis diese neue Organisation, die noch so reiche Möglichkeiten enthält, ganz ausgebaut sein wird, bis sie es erreicht hat. daß kein jüdischer Schüler ohne Hilfe ist in diese Zeit der Not. Den heranwachsenden jüdischen Kindern im Verein mit der Kultusgemeinde und anderen Fürsorgevereinen bessere Daseins- und Entwicklungsmöglichkeiten zu ver schaffen, und so eine Generation zu stärken, die ganz besondere Kraft brauchen wird, um das Leben meistern und zur Blüte unseres Volkes beitragen zu können, ist die hohe Aufgabe dieser Aktion. Und indem sie das Gebot der Bibel: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" zu erfüllen sucht, erstrebt sie zugleich die Erstarkung und Festigung der Zusammengehörigkeit aller Kreise unseres Volkes, welcher Partei sie auch angehören, der Zusammengehörigkeit auch von Schule und Maus, von Eltern und Kindern, im wahrsten jüdischen Sinne!, und so muß es das Bestreben aller sein, diese wichtige und bedeutsame Arbeitsgemeinschaft zu fördern, sie zu unterstützen, ihr zu helfen, denn damit sichern und stärken sie die Zukunft des Judentums.