Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 26 (24.6.1932)
- Date
- 1932-06-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064426--18893-3083971- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seit« 5 UNION* FRÜHLINGSFEST Samstag, d. 2.Juli 1932 abends, im reservierten Garten des Cafe-Restaurant „Constantinhügel" (Erstklassige Akademie, Tanz im Freien, Tombola, Juxzelte etc.) Entree S 2'50 Seldiwarenbüfetl der Firma PETYAN & Co. Karten im Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Telephon A 19-2-77, in der Redaktion der „Wahrheit", II., Heinestraße 13, Telephon R 46-2-16, und bei den Komitee-Mitgliedern erhältlich. Das Fest wird bei ungünstiger Witterung am Dienstag, den 5. Juli abgehalten. „Judenrein". Ein Wort, das uns're Zeit geprägt Und liebevoll gehegt, gepflegt. Du hörst's auf allen Plätzen, Straßen, In Wald und Flur, auf grünem Rasen, Auf Bergen, Seen, in Tal und Trift. Verätzend wirkt sein bitt'res Gift. Durchtränkt sind Wissenschaft, Natur, Vergebens fragst du nach Kultur. Und selbst die Kunst hat es durchdrungen, Sein Zauber hält sie fest umschlungen, Den Sinn der Führer tief verwirrt, Die früher ernst und unbeirrt Des ganzen Volkes Wohl bedachten Und keine Unterschiede machten. Wo bleibt der Jugend reines Streben, Die Sehnsucht nach dem höhern Leben? Hochschulen selbst dies Wort entweiht. Dort stehen sie zum Kampf bereit, Für dieses Wort sie sich begeistern, Die Knüppel sportgewandt sie meistern. Welch Hochgefühl man doch genießt, Wenn Judenblut in Strömen fließt. Doch schmachvoll ist dies Heldentum Und traurig der erworb'ne Ruhm. Der Aermste läßt sich nicht gelüsten, Mit solchem Sieg sich frech zu brüsten. Wenn Hundert Einen niederzwingen, Ist das ein adeliges Ringen? Eh'mals hat man in deutschem Land Nur ritterliche Art gekannt. Dies Wort hat alles umgekehrt, Das Gute, Edle wild zerstört. Sie kennen Not nicht und nicht Leid, Sie fühlen nicht die schwere Zeit. Sonst stillten sie, des Hasses frei, Der Arbeitslosen Wehgeschrei, Ein Ziel sie suchten unverwandt, Wie Arbeitslosigkeit man bannt. Und übten ihre ganze Kraft, Wie man den Aermsten Hilfe schafft Und setzten alle Summen ein Statt für das Wörtchen „Judenrein" Für jenes Wörtchen „Arbeitslos", Dann wär die Wirkung rein und groß. Es strahlte allen, die da darben, Das Dasein doch in lichtem Farben. Dann naht ihr Tag, erlöst von Pein, Wenn stirbt das Wörtchen! „Judenrein". Beate Baumgarten. nT-~»*> ~>~^~Ml——W'M V,W*MVl~W*~lg<T-rillM~«rVV)|T^I ((■^^■^_^BQmH Wir verweisen unsere Leser auf das auf Seite 6 befindliche Inserat des Dr. Krüger-Heimes, IL, Malzgasse, dessen verschiedene Institutionen für jüdische Mädchen vor ihrer Berufswahl ganz wesentlich in Frage kommen. Eine neue Gefahr für den Zionismus! Der French-Bericht übergeben. Das Londoner Colonial Office hat am 13. Juni nachmittags der Londoner Exekutive der Jewish Agency ein Exemplar des Berichtes des Landentwicklungsdirektors Lewis F r e n c h über die landwirtschaftlichen Bodenverhältnisse in Palästina übergeben und sie aufgefordert, sich zu demselben von ihrem Standpunkt aus zu äußern. Gleichzeitig hat der High Commissioner, General Sir Arthur Wauchope, der Palästina-Exekutive der Jewish Agency und der arabischen Exekutive je ein Exemplar des French-Berichtes mit der gleichen Aufforderung übergeben. In Jerusalem erwartet man eine Erklärung des High Commissioners betreffend die zukünftige Prozedur im Zusammenhang mit dem Bericht. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, wird eine Veröffentlichung des French-Beriches nicht eher erfolgen, als bis die Jewish Agncy und die arabische Exekutive der Regierung ihre Bemerkungen zu dem Bericht übergeben haben werden. Nach Erhalt dieser Bemerkungen wird das Colonial Office eine Darlegung seiner Politik in der Frage der Landentwicklung ausarbeiten und gleichzeitig mit dem French-Bericht veröffentlichen. Ob auch die Memoranda der Juden und der Araber von der Regierung werden veröffentlicht werden, steht noch nicht fest. In eingeweihten Kreisen nimmt man an, daß die gleichzeitige Veröffentlichung der Darlegung der Regierung über ihre Bodenpolitik in Palästina den eigentlichen French-Bericht in den Hintergrund treten lassen wird; denn schließlich hängen ja Tendenz und Form der Landentwicklung von der Richtung der Palästinapolitik der Regierung ab. Welche Richtung aber diese Politik der Regierung haben wird, steht heute noch nicht fest, da die Regierung von der Meinung des Parlaments, bzw. von der Bewilligung der zur Landentwicklung usw. benötigten 2/4-MiIlionen- Pfund-Anleihe abhängig ist In gewissen politischen Kreisen wird daran gezweifelt, ob die Regierung es unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen für zweckmäßig halten wird, die parlamentarische Sanktion für die Anleihe zu er- B ruft-and EräliBPaissctiinflchung Gärtnerei ERNST SEEfRiED Gründungsjahr 1880 XL, Slmmerlnger Hauptstrafie Nr. 381 III. Tor, Zentralfriedhof, Haltestelle der Elektrischen 11 Telephon U 14-2-61 Unter Berufung auf „Die Wahrheit" 10% Rabatt bitten, diese Kreise glauben vielmehr, daß die Regierung zunächst versuchen wird, jene Punkte des Landentwicklungsprogramms zu verwirklichen, die sie mit Hilfe des regulären Palästinabudgets durchführen kann, um sich auf diese Weise der Notwendigkeit zu entziehen, die Angelegenheit vor das Parlament zu bringen. Sollte die Regierung diesen letzteren Weg einschlagen wollen, so wird sich, wie die JTA erfährt, die Jewish Agency einem solchen Kurs widersetzen. Die Jewish Agency setzte eine Sachverständigen-Kommission zur Prüfung des ihr durch die Regierung übermittelten Berichtes des Landentwicklungsdirektors Lewis French und zur Abfassung des Memorandums der Jewish Agency zu diesem Bericht ein. Der Kommission gehören u. a. an: Dr. Arthur Ruppin, Granowsky, Wilkansky, Smielansky und der Geschäftsführer der Palestine Jewish Colonization Association (PJCA), Victor Cohn. Die arabische Exekutive wurde für die nächste Woche zu einer Tagung einberufen, in der zu dem French-Bericht Stellung genommen werden soll. Obwohl also die Uebergabe des French-Berichtes noch keineswegs einen definitiven Zustand schafft, sondern die Verhandlungen und Beratungen sich noch bis zum Herbst hinziehen dürften, ist zu befürchten, daß in dieser oder jener Form der Inhalt des French-Berichtes jetzt schon zu Propagandazwecken benutzt werden wird. Schon aus den bisherigen Andeutungen ist zu entnehmen, daß der Bericht, ebenso wie der Simpson-Bericht, eine Einschränkung der zionistischen Siedlung in Palästina als notwendig bezeichnen wird. iMMHMaaaaai Die Jadengesetzgebung der Kaiserin Maria Theresia und das Toleranzpatent Kaiser Josef IL Festrede des Präsidenten Dr. Jakob Ornstein. IL Das Toleranzpatent Kaiser Josef IL 2. Jänner 1782. A. Geschichtliches. „Die anmaßende Kleidungstracht und der allzufreie Umgang mit den Christen" (s. P. 7, I. Teil) legten den Regierungsstellen die Erwägung nahe, ob nicht Verschärfungen der Judenordnung vom 5. Mai 1764 zu erlassen seien, bzw. ob diese nicht durch eine neue, solche Verschärfungen enthaltende Judenordnung zu ersetzen sei; langwierige Beratungen wurden über diese Frage abgehalten, aber sei es, daß die mit diesen Beratungen befaßten Männer schon von dem Geiste des Thronfolgers beseelt, also selbst von der Ueberzeugung getragen waren, daß die kommende Zeit andere Regierungsgrundsätze gegenüber den jüdischen Untertanen erheische, oder sei es auch, daß sie wußten, daß Josef, der kommende Mann, die Fortsetzung der Regierungsmethoden seiner Mutter ablehnen werde, jedenfalls gelangten sie zu dem Schlüsse, daß diese erst vor zwölf Jahren publizierte Judenordnung alle nur immer möglichen Einschränkungen des Judenvolkes enthalte, eine neue Judenordnung aber zu machen, oder die alte noch weiter zu verschärfen, scheine keine Notwendigkeit zu sein (Staatsratsgutachten 10. Oktober 1778); und wiewohl die Kaiserin noch am 22. Oktober 1778 es für nötig befand, „daß der Judenschaft einige Einschränkung gemacht werde" (P. 7, I. Teil) so entschloß sie sich dennoch, die vorangeführten Beratungen durch ihre eigenhändige Resolution vom 1. Dezember 1778 zu beendigen, daß nämlich „für dermalen in betreff der Beschränkung der hiesigen Juden keine neue Anordnung zu erlassen, sondern lediglich darauf zu sehen sei. daß die Judenordnung de anno 1764 aufs genaueste beobachtet werde". Kaiser Josef hat sich nun schon im ersten Jahre seiner Regierungszeit mit der Aenderung der Rechtsstellung seiner jüdischen Untertanen beschäftigt. Er bezeichnet selbst, als den Zweck seiner die Juden betreifenden Reformen in seinem Handschreiben vom 13. Mai 1781 an den obersten Hofkanzler Grafen Cajefan von Blümegen, ebenso wie im Toleranzpatent selbst „die in seinen Erblanden so zahlreichen Glieder der jüdischen Nation dem Staate nützlicher und brauchbarer zu machen". In diesem Handschreiben, welches gewissermaßen als Einleitung zu den Beratungen, welche schließlich zur Erlassung des Toleranzpatentes führten, anzusehen ist, gelangt der Bruch mit den bisherigen, in Ansehung der Juden geltenden Regierungsmaximen auch zum deutlichen Ausdrucke; denn Kaiser Josef wollte nach den einleitenden Sätzen dieses Handschreibens „die ■III Mitglieder und Freunde der „Union" der ,jag«id-Union« - treffen sich wahrend der Sommermonate jeden Dienstag, ab V28Uhr abends, im reservierten Teil des Cafe-Restaurant „Zum braunen Hirschen", IL, Prater Hauptallee. Juden dem Staate nützlicher machen, „als sie bei den ihnen sj sehr beschränkten Nahrungszweigen und auch nicht zulänglich verstatteten Aufklärungsmitteln nicht werden konnten". Kaiser Josef anerkennt demnach, daß die Ursache der nach seiner Meinung damals nur in geringerern Maße vorhandenen Nützlichkeit der Juden für den Staat nicht in den Juden selbst gelegen sei, daß das Verschulden vielmehr nur ihrem Ausschlüsse von den wichtigsten Gebieten menschlicher Tätigkeit zuzuschreiben sei: und so legt schon die Loszählung der Juden von einem solchen Verschulden und dessen Ueberwälzung auf die durch die bisherigen Regierungsmethodon vorgeschriebene Bedrückung und Entrechtung Zeugnis für die hohe und edle Gesinnung des in der Geschichte Oesterreichs und auch der Juden für immerwährende Zeiten unvergeßlichen Kaisers ab. Die äußere Form des dem Kaiser zur Unterzeichnung vorgelegten Entwurfes des Handschreibens vom 13. Mai 1781 zeigt auch, daß der Kaiser sich nicht mit der bloßen Unterfertigung begnügte, sondern daß er selbsttätig an dem das Toleranzpatent vorbereitenden Arbeiten mitwirkte dies beweisen die dem Entwürfe dieses Handschreibens mit seiner eigenen Handschrift beigefügten Korrekturen. In seiner Resolution vom 1. Oktober 1781 ordnet nun der Kaiser ausdrücklich die Abfassung und die Vorlage des Entwurfes eines „Patentes" an, welches die für die Juden in Niederösterreich zu treifenden Anordnungen enthalten soll. Diese Resolution, welche viele bereits in dem Handschreiben vom 13. Mai 1781 vorgesehene Bestimmungen wiederholt, erscheint auch deshalb von besonderer Wichtigkeit für das künftige Toleranzpatent, weil Kaiser Josef ausdrücklich anordnet, daß es „solchergestalten" von der Judenordnung von 1764 „gänzlich abzukommen hat". „Solchergestalten" bedeutet im Zusammenhange mit den in dieser Resolution zusammengefaßten, im Patente zu erlassenden neuen Anordnungen, daß der Fortbestand dieser die Judenschaft so bedrückenden und so demütigenden Judenordnung mit dem den Behörden vorgezeichneten Inhalte des Patentes sich nicht vereinbaren lasse, und so bezeichnet die Aufhebung der Judenordnung die Abkehr von dieser bösen Vergangenheit. Die Behörden leisteten rasche Arbeit, so daß der Kaiser schon in seiner Resolution vom 30. Oktober 1781 anordnen konnte, „daß der von ihm „rektifizierte Patentaufsatz" dem Sonnenfels in Absicht auf die Verbesserung des Stils übergeben werden solle". Nach der durch Sonnenfels erfolgten Durchsicht sollte dieser Entwurf dem Kaiser wieder zur Einsicht und Bestätigung vorgelegt werden. Josef von Sonnenfels, ein hervorragender Mitarbeiter am Toleranzpatente war ein Sohn des Perlin Lipmann (I. Teil, P. 4 b); er wurde im Jahre 1732 als Jude geboren, 1763 wurde er zum Professor der politischen Wissenschaften an der Universität Wien und im Jahre 1779 zum Hof rate ernannt; 1794 erlangte er die Würde des Rektors an dieser hohen Schule und im Jahre 1810 die des Präsidenten der Akademie der