Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 26 (24.6.1932)
- Date
- 1932-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064426--18892-3083970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit c 4 DIE WAHRHEIT Marienbad Franzensbad Gold Schlüssel v Rest. Fürstenhof SIMON RAAB Den wirtschaftlichen Verhältnissen angemessen, bedeutend ermäßigte Preise. Frieden in der Berliner Gemeinde. Der Etat der jüdischen Gemeinde Berlin 1932: Mk. 10,281.312.10. Nachdem die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde vor mehreren Wochen nach erbitterten Kämpfen zwischen Liberalen und Volkspartei in den Fragen der Hechaluz-Subvention und des geplanten Abbaues des Schulwerks der Gemeinde im Zeichen des Sturms auseinander ging, so daß manche sogar eine Z e rreißung der Einheit der Gemeinde befürchten zu müssen glaubten, trat die Repräsentantenversammlung am 16. d. M. — inzwischen hatten die Verhandlungen zwischen den Führern der beiden Fraktionen einen Ausgleich in den strittigen Fragen erbracht — zu einer Sitzung zusammen, die ganz im Zeichen des Friedens, der Versöhnlichkeit unddes Willens zur Zusammenarbeit stand. Im Mittelpunkt der Tagesordnung stand die Beratung des Etats 1932, die den Rahmen zu grundsätzlichen Erörterungen gab. Diese Erörterungen waren überschattet von der in den letzten Wochen im Reich vor sich gegangenen Entwicklung: weiteres Anschwellen der nationalsozialistischen Welle; Eroberung einer Anzahl von deutschen Ländern durch die Nationalsozialisten; das Bestreben der Nationalsozialisten und ihrer deutschnationalen Verbündeten, nun auch Preußen in ihre Hand zu bekommen; schließlich der Sturz der Regierung Brüning. Von den Rednern aller Parteien wurde betont, daß das deutsche Judentum jetzt schweren Gefahren entgegengeht, so daß man nicht wissen kann, ob das, was heute beschlossen wird, auch wird zur Durchführung gelangen können. Allein von den Führern aller Parteien — Heinrich Stern, Bruno Woyda und Dr. Kurt Fleischer von den Liberalen, Dr. Alfred Klee und Alfred Berger von der Volkspartei, Dr. Alfred Wiener von der Arbeitsgemeinschaft der Mittel- und Ueberpartei, Heinrich Stahl und Wilhelm Graetz vom Vorstand — wurde die Entschlossenheit kundgetan, bis zum letzten an den jüdischen und den deutschen Pflichten festzuhalten im Glauben an die Unzerstörbarkeit und den ewigen Bestand des Judentums, sowie an eine bessere Zukunft Deutschlands und an eine Sinneswandlung der durch wirtschaftliche Not und politische Verhetzung in die Irre geführten Massen des deutschen Volkes. Der Vorsitzende Heinrich Stern streifte in seiner Eröffnungsrede die Vorgänge in der letzten Repräsentantenversammlung, die mit einem „Auszug der Kinder Israels" endete, der sich aber heute in eine Wiederkehr in den Schoß der alle umschließenden Einheitsgemeinde wandelte. Herr Dr. Walter Breslauer, der Verwaltungsdirektor der Gemeinde, gab einleitende Bemerkungen und Erläuterungen zum Etat. Alle an der Aufstellung des Etats Beteiligten, führte er aus, hatten zu überlegen, wie man mit den beschränkteren Mitteln auskommen und es doch der Gemeinde ermöglichen könne, Gutes und Schönes zu tun. Das Problem war: Abbau der Ausgaben, aber nicht Abbau der Leistung. Schwere Gefahren drohen uns, es kann jederzeit ein Ereignis eintreten, das unsere Ziffern umwirft. Man kann also von diesem Etat nicht als von einem gesicherten Ganzen sprechen. Der Referent sprach dann über die Opfer, die die A n g estelltenschaft der Gemeinde infolge dereinschneidendenKürzungderGehälter bringen mußte, damit der Etat balanciert werden kann. Der Referent gab eine kurze Führung durch den Etat und betonte dabei, daß man beim Abbau mancher Positionen in keiner Weise parteiisch vorgegangen sei. Die Gotteshäuser werden in vollem Umfange erhalten. In diesen Zeiten der Not sind die Gotteshäuser den Gemeindemitgliedern Bedürfnis und Trost; die Zahl der Besucher der Berliner Synagogen hat sich 1932 gegen 1931 um 15 bis 20 Prozent erhöht. Im großen ganzen zeigt der Etat das folgende Bild: Ausgabe Einnahme Zuschuß 1. Kultuswesen . 1,645.291.40 495.895.50 1,156.156.90 2. Friedhofsverwaltung . . . 1,154.986.10 1,151.892.—. 3.094.10 3. Schulverwaltung . . . . 1,167.482.75 362.670.— 804.812.75 4. Wohlfahrtswesen . . . 1,542.284.95 713.587.65 828.697.30 5. Anstalten . . 2,182.259.05 1,505.828.40 676.430.65 6. Allgem. Verwaltung . . . 507.981.15 19.900.— 488.081.15 7. Finanz- und Vermögensverwaltung . 2,081.026.70 1,139.738.— 941.288.70 Summe . . . 10,281.312.10 5,389.511.55 4,898.561.55 Steuerbedarf . Mk. 4,891.800.55 Mk. 4,891.800.55 Bei der Erläuterung der einzelnen Positionen betonte der Referent, daß das Schulwesen der Gemeinde und der Religionsunterricht, eben- YORNEttflE fAMILIEN-PENSION |HestauratrontRaffeehaus täglich 5-Uhr-Tee ISEMNER1NG TELEPHON 11 iHochstraße 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. Auskunft: Wien Telephon D 21-6-24. Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer wmmasamm '^..^g^^äg^^^^^^i so die wissenschaftlichen Institutionen, Bibliotheken und Kunstsammlungen aufrechterhalten werden. Bei Erläuterung des Kapitels Wohlfahrtsetat, das 3.6 Millionen erfordert, appellierte der Referent an die Gemeindemitglieder, das Wohifahrtswerk finanziell zu fördern; wer hiezu finanziell nicht in der Lage ist, möge seine Arbeitskraft der Gemeinde zur Verfügung stellen. Dr. Walter Breslauer gab schließlich einen Umriß der Tätigkeit des Werbereferats, einer Institution, die unserer Wiener Gemeinde dringend zur Nachahmung empfohlen werden könnte. Durch Veranstaltung von Gemeindeabenden u. a. m. wurde mit Erfolg versucht, die Gemeindemitglieder den Gemeindeaufgaben näher zu bringen. Abwehr, sagte der Redner, ist nicht direkte Aufgabe der Gemeinde, hiefür sind andere Organisationen da, aber es ist Aufgabe der Gemeinde, ihre Mitglieder zusammenzuhalten, sie zu ermutigen und sich derjenigen anzunehmen, denen physische und moralische Gefahren drohen. Die Zukunft ist ungewiß, aber die Gemeindeverwaltung ist fest entschlossen, im Vertrauen auf unsere Gemeinschaft auf ihrem Wege fortzuschreiten. Nach den eindrucksvollen Reden der Parteienvertreter wurde beschlossen, die Spezialdebatte zum Etat auf eine spätere Sitzung zu vertagen. Sodann trat der Vorsitzende Heinrich Stern in die Mitte des Saales und hielt eine bewegte Ansprache an die Repräsentantenversammlung, in der er etwa ausführte: Ich spreche heute nicht aus der Mitte meiner Fraktion, sondern stelle mich in die Mitte aller Fraktionen. Auf den heutigen Abend sind wir alle stolz. Ueber der Wirtschaftsnot vergessen wir nicht den Geist. Wenn sich Generationsunterschiede aufgetan haben, dann nur, weil uns Glaube und Zuversicht fehlen. Wir Juden wollen sorgen, daß die Hoffnung nicht ausstirbt. Niemand noch hat das Recht, das Totenlied der Persönlichkeit zu singen. Unser Judentum ist keine Schablone, wir lassen dem Einzelnen das Judentum, wie er es sieht, unerschütterlich aber ist unser Glaube an die Dauer und die Unauflösbarkeit unserer Gemeinschaft. Wir müssen unseren Kindern die Kraft geben, in Not und Gefahr auszuhalten. Wir glauben an die Zukunft des Judentums. (Allseitiger Beifall.) %mtfid}e Verfautßarungen ber Jsraefitisdjen Xuftusgemeinbe Wien Konkurs. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien beabsichtigt, anläßlich der diesjährigen hohen Feiertage Funktionäre (Kantoren, Vorbeter, die auch als Kaure wirken können, Chorsänger und Schofarbläser) für die temporären gottesdienstlichen Veranstaltungen zu bestellen. Es werden ferner geeignete Bewerber um Chorsängerstellen für die Gemeindetempel in Vormerkung genommen. In Betracht kommen solche stimmbegabte, musikalische Personen (Tenöre und Bässe), die des Blattlesens kundig sind und die erforderlichen Kenntnisse im Hebräischlesen besitzen. Nähere Auskünfte werden im Schulamte der israelitischen Kultusgemeinde Wien I., Seitenstettengasse 2, I. Stock, während der Amtsstunden von 9 bis 12 Uhr vormittags erteilt. * Konkursausschreibung. Im Spitale der israel. Kultusgemeinde, Wien XVIII., Währigner Gürtel 97, gelangt an der medizinischen Abteilung eine Sekundararztstelle zur Besetzung. Zur Anstellung sind erforderlich: Die österreichische Staatsbürgerschaft, lediger Stand, die Berechtigung zur Ausübung der Heilkunde in der österreichischen Republik, die körperliche Eignung (nachgewiesen durch ein von einem der Vorstände der medizinischen Abteilungen des eigenen Spitals ausgestelltes Zeugnis) und ein Alter von unter 35 Jahren. Mit der Stelle ist nebst dem in der Besoldungsordnung für die Abteilungsärzte des Spitales der israel. Kultusgemeinde fixierten Barbezug die Benützung einer möblierten Naturalwohnung samt Beleuchtung, Beheizung und Bedienung sowie die volle Verköstigung verbunden. Für die letztere werden die Eigenkosten von dem Monatsbezuge in Abzug gebracht, wobei der Abzug ein Viertel der Bezüge nicht überschreitet. Mit den Personaldokumenten (Geburtsschein, Heimatschein, Diplom, Nachweis der Zugehörigkeit zum Judentum, Zeugnisse über die bisherige fachliche Verwendung) belegte Gesuche sind an den Vorstand der israel. Kultusgemeinde, Wien I., Seitenstettengasse 4, bis längstens 10. Juli 1932 zu überreichen. # Anonyme Anzeigen an den Kultusvorstand. In den letzten Wochen laufen sowohl bei Mitgliedern des Präsidiums als auch des Kultusvorstandes anonyme Anzeigen gegen verschiedene Organe der Kultusgemeinde ein, in welchen ganz allgemein gehaltene Beschuldigungen erhoben werden. Die Prüfung erscheint in diesen Fällen mangels irgend einer konkreten Angabe, zumal in den Anzeigen zumeist auch nicht bestimmte Personen als Beschuldigte genannt werden, unmöglich. Der Kultusvorstand verschließt sich nicht der Tatsache, daß meistens Anzeiger ungenannt bleiben wollen, muß jedoch an diese den Appell richten, in ihren Anzeigen irgend welche konkrete Umstände anzuführen, damit diesen Anzeigen der Charakter grundloser Pauschalverdächtigungen benommen und die Untersuchung der gemachten Angaben ermöglicht werde. * Lele Bondi-Heim. Das seit vier Jahren in Wien bestehende, sich großen Ansehens erfreuende Lele Bondi-Heim, in einer schönen Villa im Prater gelegen, hat sich entschlossen, seine Tätigkeit zu erweitern. Es gedenkt, in den Sommerferien jüdische Mädchen im Alter von 10 bis 16 Jahren, die aus der österreichischen Provinz und dem Ausland kommen, bei sich aufzunehmen. Der Aufenthalt in Wien soll dazu benützt werden, die Kinder mit der Stadt, deren Kunstschätzen, deren Umgebung bekanntzumachen. Alles, was die Großstadt dem Kinde an Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten hat, Theater, Sport, Sprachvervollkommnung, soll diesen Kindern, auf die Schulferien zusammengedrängt, geboten werden. Die pädagogische Leitung liegt in den Händen einer liebevollen, mit allen Forderungen der Hygiene vertrauten Leitung, die zugleich über genügend Geschmack verfügt, um die Kinder nur mit jenen Dingen bekanntzumachen, die ihrem Alter und ihrer Auffassung entsprechen. Die Sehiafräume sind für je 2, 4 oder 6 Mädchen eingerichet, die Ernährung ist den Zeitverhältnissen entsprechend einfach, aber reichlich und schmackhaft rituell zubereitet. Da das Heim nicht auf Erwerb berechnet ist, so sollen von den Eltern der Kinder nur die bescheidenen Selbstkosten gedeckt werden. Anmeldungen schriftlich und mündlich im Sekretariat des Lele Bondi-Heimes, Wien IL, Böcklinstraße 59, von U bis 1 Uhr vorm., Tel. Nr. B 53-0-16.