Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 25 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ÜiE WAHRHEIT S»«e a D£mk$agung. Außerstande, all den vielen, die uns anläßlich des furchtbaren Verlustes unseres geliebten Herbert in so teilnahmsvoller Weise ihr aufrichtiges Mitgefühl bekundeten, persönlich zu danken, benutzen wir diesen Weg zur Abstattung unseres innigsten, herzlichsten Dankes. Oberkantor J. Müller und Frau. 20 Jahre Agudas Jisroel. Am 11. und 12. Sivvan 5692 (15. und 16. Juni 1932) waren es 20 Jahre, seitdem auf einer Konferenz in K a 11 o w i t z. nach längeren Verhandlungen maßgebender orthodoxer Persönlichkeiten Deutschlands mit orthodoxen Führern des Auslandes, namentlich mit russischen Rabbinern, die Agudas Jisroel als eine interterritoriale Vereinigung der gesetzestreuen Juden gegründet wurde. Dieser Gründungskonferenz gingen Besprechungen in Homburg v. d. Höhe voraus. An der Kattowitzer Konferenz nahmen 300 der bedeutendsten Persönlichkeiten und hervorragendsten Rabbiner der Orthodoxie Deutschlands. Oesterreichs. Rußlands und Englands teil. Alle gesetzestreuen Verbände ließen sich durch Delegierte vertreten. In dem offiziellen Referate Jacob Rosenheims, des derzeitigen Präsidenten der Weltorganisation Agudas Jisroel. und den Berichten über die Lage der gesetzestreuen Judenheit in den verschiedenen Ländern kam der Wunsch zum Ausdruck, durch organisatorischen internationalen Zusammenschluß aller Gesetzestreuen die Heiiigha'.tuns religiöser Vorschriften zu ermöglichen und ein einigendes Band für alle zu schaffen, die in der Thora das Wesen des Judentums erblicken, die Thora-Kenntnis und die jüdische Intensität des Ostens mit der modernen Lebensführung des gesetzestreuen Westeuropäers und nach dem Wahlspruch „Thora im derech erez" mit den ewigen jüdischen Pflichten des modernen Menschen zu verbinden. Daneben enthielt das angenommene Programm Punkte, die sich auf die „Besserung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen für die jüdischen Massen in den Ländern der Not und in Palästina", sowie „Vertretung der thoratreuen jüdischen Gesamtheit nach außen und die Abwehr der gegen die Thora und ihre Bekenner als solche gerichteten Angriffe" beziehen. — Im Anschluß an diese Tagung erfolgte überall die •Gründung von Landesverbänden und Ortsgruppen der Agudah. Der Sitz des Hauptbüros wurde Frankfurt a m M a i n. 1919 fand in Zürich die erste größere Zusammenkunft der Welt-Aguda seit dem Kriege und im August 1923 die Kenessiio gedaulo (Große Versammlung) in Wien statt. Seit 1920 führte Rabbiner Doktor Pinchas K o h n. Wien, die Geschäfte der Agudas Jisroel. Die zweite „Kenessijo gedaulo" wählte Herrn Jacob Rosenheim zum Präsidenten der Weltorganisation. Die „Kenessijo gedaulo" tritt alle fünf Jahre zusammen. Die Agudas Jisroel hat in Polen die orthodoxe Arbeiterbewegung (Poale Agudas Jisroel) und eine orthodoxe Frauenbewegung (Benaus Agudas Jisroel). sowie über 70 orthodoxe Töchterschulen mit mehr als 10.000 Schülerinnen ins Leben gerufen. Die Herrscherstellung der Thora innerhalb der Organisation gelangt zum Ausdruck in der „Mo'ezet chachme hatora" (der rabbinische Rat), die die oberste Instanz bildet und deren Genehmigung alle Beschlüsse unterliegen. Die gesetzliche Vertretung der Aguda bildet der von der „Kenessijo gewählte, aus 100 Männern bestehende Zentralrat, der jährlich zusammentritt. Die Mitgliederzahl der Weltorganisation Agudas Jisroel wird auf mehr als 500000 geschätzt. Es bestehen 30 Landesorganisationen. Für die kulturelle und wirtschaftliche Palästina-Arbeit der Aguda Jisroel ist die Palästina-Zentrale (Sitz Frankfurt), für die Erziehungsarbeit der Keren hatora (Sitz Wien) geschaffen worden. Die Agudas Jisroel-Jugendorganisation ist territorial nach Ländern aufgebaut und untersteht der jeweiligen Landeszentrale. I Lebensversicherungs - Gesellschaft : PHÖNIX I » Gegründet 1882 Gegründet 1882 Versicherungsbestand per : Ende 1931 .... 2800 Millionen Schilling : Prämien- und Zinsenein- : nähme im Jahre 1930 150 Millionen Schilling jj Garantiemittel per : Ende 1930 .... 378 Millionen Schilling Auszahlung an die Versicherten : im Jahre 1930 ... 35K Millionen Schilling \ m Filialen in allen Bezirken Wiens sowie in den ■ Landeshauptstädten und allen größeren Städten : Oesterreichs. : : Tätigkeitsgebiet außerhalb Oesterreichs: : » Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik,! Belgien, Holland, Frankreich. Spanien, Italien, ■ : Ungarn. Polen. Jugoslawien, Bulgarien, Griecheni ■ land. Rumänien, Palästina, Syrien. Türkei, ■ ' Aegypten. : Jeden JLesertkat dasWortl Xusefixiften aus dem (PubCifnxm. Antisemitismus in den Kurorten. Die Krankheit unseres Zeitalters — der Haß im allgemeinen, ganz besonders der Judenhaß — hat keinen Zweig des Zusammenlebens mit Andersgearteten und Andersgesinnten unverschont gelassen: Gewerbe, Schulwesen, wie geselliges Leben ist von diesem gefährlichen Gift infiziert. Breite Schichten der andersgläubigen Gesellschaft sind uns längst verschlossen, aber Luft, Licht und Wasser, die Gott allen seinen Geschöpfen als Lebensbedingungen verheißen, sollte uns doch kein Sterblicher versagen dürfen! Daß unsere Widersacher uns aber auch von diesen' Segnungen der Natur ausschalten möchten, ist ein Faktum, von dem diese Blätter ein (häßliches) Lied singen können. Aber glücklicherweise hat die Menschheit nicht allerorts der Vernunft und Humanität Valet gesagt! Folgender Brief, der mir dieser Tage vom Stadtrate Franzensbad zugekommen ist, beweist, daß Persönlichkeiten von hoher Stellung und hoher Intelligenz das antisemitische Treiben, das alle Grenzen der Menschlichkeit niedergerissen, entschieden zurückweisen. Er lautet : „Sehr geehrter Herr Oberkantor! Durch ein paar unreife Burschen wurde vor einigen Tagen vor dem Laden eines hiesigen Geschäftsmannes eine beleidigende Aeußerung bezüglich des Religionsbekenntnisses dieses Geschäftsmannes getan. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Oberkantor, überzeugt zu sein, daß die Franzensbader Bevölkerung derartige Vorfälle auf das schärfste verurteilt und schon mit Rücksicht auf die Bestimmung von Franzensbad als internationaler Kurort derartige Belästigungen nicht duldet usw. Es zeichnet hochachtungsvoll R. Anders, Bürgermeister." Mit bestem Wissen und Gewissen darf ich behaupten, daß Franzensbad — sowohl Kurverwaltung als auch Bevölkerung — den jüdischen Kurgästen Hochschätzung entgegenbrachte und bringt. Daß aber auch in der schönen Gartenstadt nutzloses Unkraut wächst, das der Ausjätung zugeführt werden soll, ist eine trübe Erscheinung, die keinem Kurbedürftigen die Laune rauben darf. Annin Wilkowitsch, Eger. * * * Not kennt kein Gebot! Wir erhalten von einem Freunde unseres Blattes folgende Zuschrift: Wer jetzt an schönen Frühlingstagen einen Spaziergang zum Kobenzl macht — wohlgemerkt, Spaziergang, und nicht Spazierfahrt im rasch dahinsausenden Auto oder Autobus —, der bemerkt, wie diese ganze Gegend hakenkreuzlerisch verseucht ist. Nicht nur von jeder Planke, sondern buchstäblich von jedem Baum der die Kobenzlstraße säumenden Allee grinst einem in ellenlaingen Buchstaben noch von der Wahlzeit her der Wahlaufruf entgegen: „Wählt Hitler", daneben ebenso schreiend groß überall das Hakenkreuz. Das gleiche sieht man überall an den Wänden, an Planken, selbst an Dächern in Döbling, Grinzing, Sievering, Währing, Pötzleinsdorf usw. Leider haben wir Juden nicht die Macht, das zu verhindern. Aber eines können und müssen wir tun: all diese Gegenden meiden, meiden den Kobenzl, meiden die „Heurigen"- Lokale, meiden die Garten-Cafes und Garten- Restaurants in diesen Gegenden! Wir müssen nämlich wissen, daß dieser so mächtig gewordene Adolf Hitler unser allergrößter Feind ist, der uns systematisch zugrunde richten, uns am liebsten ausrotten möchte. Wer sein Geld zu Cafetiers und zu Wirten dieser Gegend trägt, fördert damit die Schaufler unseres Grabes. Diese Cafetiers und Wirte mögen sich dann für minder guten Geschäftsgang bei jenen öffentlichen Beamten bedanken!, die kurzsichtig genug sind, durch Förderung der Nazi die Existenz der Juden zu untergraben und damit eine sehr belangreiche Steuerquelle zu verschütten. Mit Protestversammlungen ist gar nichts getan — wir haben uns zu wehren, jeder einzelne, so wirksam, wie nur irgend möglich!! E. * Zu der obigen Zuschrift, die eine von vielen ist, die wir in den letzten Tagen erhalten haben und die alle den gleichen Vorschlag enthalten, Bruft- und BraberaasscIimuEhuBg Gärtnerei ERNST SEEmiED Gründaogsjahr 1880 XL, Simmeringer Hauptstraße Nr. 381 III. Tor, Zentralfriedhof, Haltestelle der Elektrischen 71 Telephon ü 14-2-61 Unter Benifang auf »Die Wahrheit" 10»/0 Rabatt nämlich jene Orte in und außerhalb Wiens, in denen ungehindert eine wüste Hakenkreuz-Propaganda entfaltet wird, zu meiden, wäre folgendes zu bemerken. Es muß natürlich in einer demokratischen Republik jeder Partei unbenommen bleiben, propagandistisch mit allen gesetzlich erlaubten Mitteln aufzutreten. Allein die Propaganda der Hakenkreuzler überschreitet, wie wir es beinahe tagtäglich beobachten können, in ihren Methoden die gesetzlich erlaubte Grenze. Insbesondere in ihrem Kampfe gegen uns Juden schrecken die Hakenkreuzler vor keinem Mittel zurück. Es ist nur selbstverständliche Reaktion, ja Bekundung eines natürlichen Selbstbewußtseins, wenn heute von jüdischer Seite Anregungen fallen, alle jene zu meiden, die mittelbar oder unmittelbar die Hakenkreuz-Propaganda fördern oder auch nur dulden. Man kann es wahrlich Juden nicht verdenken, wenn sie selbst solche Gaststätten meiden, deren Besitzer wohl nicht antisemitisch sind, die aber in und rings um ihr Lokal eine Propaganda gestatten, durch die wir in unserer Ehre aufs infamste beleidigt werden. Die Wirte, die der Konjunktur wegen diese Propaganda erlauben, dürfen sich nicht wundern, wenn sie durch diese Konjunktur empfindlichen Schaden erleiden. * * * Juden Eintritt verboten! Wir erhalten folgende, ganz berechtigte Zuschrift: Löbliche Redaktion! Sie wußten in Ihrer letzten Nummer in dem hochinteressanten Aufsatz des Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. O r n s t e i n zu berichten, die Kaiserin Maria Theresia sei sehr erbost gewesen, daß sich zu ihrer Regierungszeit Juden zu Bällen und Redouten in prächtiger Kleidung herandrängten. Aber selbst von ihr berichtet Dr. Ornstein nicht, es sei öffentlich angeschlagen gewesen, daß Juden der Eintritt zu einer großen gesellschaf tlich-künstlerisch-sportlichenVeranstaltung verboten sei. Diese Schmach blieb Wien für die Veranstaltung der christlichdeutschen Turnerschaft im von der sozialistischen Gemeinde vermieteten S t a d i o n, das von Steuergeldern der ganzen Wiener Bevölkerung erbaut wurde, vorbehalten. Ich hoffe, in Ihrem geschätzten Blatte demnächst den Ausdruck des Bedauerns des Bürgermeisters und der „Wipag" zu finden. Ganz ergebenst Clotilde Benedikt. UNION, FRÜHLINGSFEST Samstag, d. 2. Juli 1932 abends, im reservierten Garten des Cafe-Restaurant „Constantinhügel" (Erstklassige Akademie, Tanz im Freien, Tombola, Juxzelte etc.) Entree S 2"50 Karten im Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Telephon A 19-2-77, in der Redaktion der „Wahrheit", II., Heinestraöe 13, Telephon R 46-2-16, und bei den Komitee-Mitgliedern erhältlich. Das Fest wird bei ungünstiger Witterung am Dienstag, den 5. Juli abgehalten.