Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 25 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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PflE WAHRHEIT ä ßne/ aas Rumänien. Von unserem Korrespondenten. in« iwna» In unserem Lande hat sich ein Regierungswechsel vollzogen. Die Regierung J o r g a ist gegangen. Es wird ihr niemand eine Träne nachweinen, bis auf jene „Spezialisten", die, ohne persönliche Eignung und nur infolge ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen auf hohe Posten gestellt, sich als Diktatoren gebärdeten. Wenn der Rücktritt Jorgas auch unvermeidlich war, so ist er dennoch früher eingetreten, als allgemein erwartet wurde. Die Regierung ist also tot. Es lebe die Regierung! Die neue Regierung ist aus den Nationalzaranisten (Nationale Bauernpartei) gebildet mit Herrn Vaida-Voevod an der Spitze. Wohl hat diese verhältnismäßig junge, gutorganäsierte demokratische Partei in der Geschichte Großrumäniens eine Aktivpost von historischer Bedeutung aufzuweisen, denn sie hat unter der Regierung Manius vor zwei Jahren den König Carol II. auf den Thron Großrumäniens zurückberufen und dem verwaisten Lande den Herrscher zurückgegeben. Ihre gegenwärtige Regierung muß aber zwei der wichtigsten und schwierigsten Probleme lösen, nämlich die Bezahlung der Gehälter und Pensionen und die Durchführung der Neuwahlen vollziehen. Gelingt ihr die Lösung dieser zwei Aufgaben, so ist damit ihr Bestand gesichert. Im gegenwärtigen Zeitpunkte ist überhaupt die Existenz einer jeden Regierung von der Bezahlung der Beamten und Pensionisten abhängig. Und insolange diese Zahlung nicht erfolgt, fehlt der Regierung die Möglichkeit, festen Fuß zu fassen. Zeitungsmeldungen zufolge soll es der neuen Regierung schon gelungen sein, die Mittel sicherzustellen, um die Zahlungen für drei Monate leisten zu können. Ein Erfolg wäre also schon da, vorausgesetzt, daß diese Nachrichten auch auf Wahrheit beruhen. Für die Juden in Rumänien hat sich durch den Regierungswechsel die Lage nicht wesentlich verändert. Wie sagt doch Kohelet: „Das, was war, dasselbe wird sein, und was geschehen, das wird geschehen, und nichts Neues gibt es unter der Sonne." Von J o r g a war bekannt, daß er zu den intimsten Freunden und Gesinnungsgenossen des Antisemitenführers C u z a zählte, nur ist dieser in seiner Gesinnung konsequent, während Jorga, seiner Gesinnung im Innern treu, äußerlich den Mantel nach dem Wind gehängt habe. Derzeit soll er seinen Mantel wieder gewendet und mit Cuza und der Eisernen Garde ein Wahlbündnis abgeschlossen haben. Bemerkt muß noch werden, daß Jorga erst vor wenigen Monaten dieEiserneGarde wegen staatsgefährlicher Umtriebe aufgelöst hat. Wo ist also die Wahrheit? Das eine steht fest: die wahre Gesinnung Jorgas gelangt allmählich zum Durchbruche und fördert damit auch seine Regierungsunfähigkeit zutage. Eine Verschlimmerung ihrer ohnehin prekären Situation haben die Juden von der nationalzaranistischen Regierung nicht zu befürchten, schon aus dem einfachen Grunde, weil es ärger nicht mehr sein kann. Aber auch deswegen nicht, weil die Bauernpartei den Juden gegenüber tolerant ist, obgleich auch an ihrer Spitze manche Führer dem ■gfc RESTAURATION ia dem berühmten JOti- O. SdlWClCUNId Bad Deutsch-Alfenburq Reelle Bedienung — Mäßige Preise Ancb für Diabetiker Inhaber: Emanuel Lipschiitz LauranabeiADbaila, | PENSION WEISS tw| Zimmer mit Balkons unmittelbar am Meer. £ Erstklassige Küche, Vollpen- ■ sion pro Tag ab Lire 25.— 5 Judentum nicht gar günstig gesinnt sind. In diesem Zusammenhange sind einige Bemerkungen des Herrn Vaida betreffend die Juden noch in aller Erinnerung, wenn auch zugegeben wird, daß dieselben später dementiert wurden. Auch der Zwischenfall in Borscha bildet einen dunklen Punkt in der früheren Regierungsperiode der Nationalzaranisten. Nichtsdestoweniger wäre es verfehlt anzunehmen, daß die Verhältnisse der Juden unter der neuen Regierung sich ungünstiger gestalten würden. Ausschlaggebend ist allenfalls in erster Linie die Lösung der großen Staatsprobleme. .Wenn der Regierung diese gelingt, könnten auch die jüdischen Forderungen Berücksichtigung finden. Demm die Judenfrage in unserem Lande ist noch immer ein Problem, welches im engsten Zusammenhange mit der wirtschaftlichen Situation und den geordneten politischen Verhältnissen steht. Geht alles glatt vor sich, leben auch die JudejL,. unangefochten in Frieden und erfreuen sich ihrer Rechte. Ist aber der wirtschaftliche Boden unterwühlt und sind die politischen Wogen aufgepeitscht, dann wenden sich die aufbrausenden Elemente gegen die Juden, um hier ihre Opfer zu suchen. Aus Erfahrung muß aber gesagt werden, daß die nationalzaranistische Regierung sich aus Männern zusammensetzt, die mit Wissen und Verständnis für die Erfordernisse des Landes und der Bevölkerung ausgestattet sind. Es besteht daher begründete Hoffnung, daß sich eine Umwandlung zum Besseren vollzogen hat. Bernhard R i p p e 1, Czernowitz. OsfemkNscIie luden! Denkt an Euren Schutz! / Werbet für Eure „Union"! nicht der Pikanterie, daß just in der deutschesten Stadt ausgerechnet ein Jude zum „Stadtpoeten" erhoben wurde. Denn Fischer ist, trotzdem dies überall verschwiegen wurde, waschechter Jude, der, wie die Geburtsmatrikel der israelitischen Kultusgemeinde C a k ovec (Jugoslawien), Geburtsprotokoll I; Seite 11; Zahl 366 ausweist, am 18. April 1846 dortselbst als Sohn des Karl Fischer und der Johanna geborenen Heinrich geboren und am 25. April von Efraim Pollak beschnitten wurde. Hebamme war A. Ziegel und Pate Aharon Heinrich. Dort in C akovec besuchte Fischer die Volksschule, ging dann ans Gymnasium in Stuhlweißenburg, kam dann nach Graz, wo er zunächst Jus, dann einige Semester Medizin und schließlich Philosophie und Geschichte studierte. Als Student trat er in die älteste Burschenschaft „S t i r i a" ein, deren Band er bis zu seinem Tode getragen hat. Der Vorsitzende des Altherrenverbandes Medizinalrat Dr. Klausner hat ihm am Grabe einen Nachruf gehalten, in welchem er die Treue des verblichenen poeta lauratus Graecensis, sowie die Lauterkeit seines Schaffens in hinreißenden Worten schilderte, nicht minder seine Arbeit im Dienste des Deutschtums und der Heimat. Fischers Vater, ein strenggläubiger Jude, der, um dem Sohne das Studium zu erleichtern, nach Graz übersiedelte, starb dann bei seinem Sohne, dem Vizepräsidenten der israelitischen Kultusgemeinde in Kroatisch-Kreuz, und die Mutter starb am 9. Mai 1886 in Graz und liegt auf dem dortigen israelitischen Friedhofe begraben. Trotzdem müssen wir Fischer ablehnen. Denn selten hat ein Renegat so sein Judentum gemieden und selbstgehaßt, wie es Fischer in seiner Verbissenheit getan hat. Abgesehen davon, daß er ängstlich jeden Verkehr mit Juden gemieden hat, auch als Direktor der Joanneumsbibliothek ließ er sich bei Anliegen von Juden gern vertreten, möchte der Schreiber dieser Zeilen folgende zwei verbürgte Geschichten hier mitteilen, die ein bezeichnendes Licht auf den Charakter Fischers werfen. Eine alte, hochachtbare und edle Frau, in deren Elternhause Fischers Eltern und er selbst sehr viele Wohltaten genossen, traf den Poeten kurz nach seinem 80. Geburtstage am Schloßberge und gratulierte ihm. Wie erstaunt war aber die alte Frau, als ihr Fischer auf die Frage, ob er sich ihrer, die er einst unterrichtet hatte, erinnere, mit einem barschen „Nein!" erwiderte. Ein anderer Fall: Ein Schulkollege Fischers, ebenfalls getaufter Jude, wurde nach Graz versetzt und als er Fischer zum erstenmal begegnete, ging er auf ihn zu und wollte ihn begrüßen. Aber auch in diesem Falle versagte das sonst nicht schlechte Gedächtnis Fischers vollkommen. Aber sein jüdischer Selbsthaß ging noch weiter. Er hatte seiner Mutter, dieser braven und guten Jüdin, unendlich viel zu danken — Wastian, der sie genau kannte, schreibt von ihr, die Wundergabe der Poesie, die Lust zu fabulieren, hatte Wilhelm Fischer, wie Goethe von sich in seinem bekannten Spruche sagt, vom Mütterlein. Fischers Mutter, an der er mit abgöttischer Verehrung in Liebe und Treu hing, hatte den entschiedensten Einfluß auf die geistige Entwicklung des Dichters und ihr teilte er alles mit, was seine literarische Tätigkeit betraf. Sie war eine in jeder Beziehung feinfühlende Seele, die für die Zeit und die Verhältnisse, in denen sie lebte, sehr viel gelesen hatte und für gute poetische Sachen ein sehr fein ausgeprägtes Kunstverständnis besaß. Als diese treue Frauenseele im Jahre 1886 für immer schied, können wir mit dem Dichter den un- ersetzlichen Verlust, der ihn traf, voll und innig empfinden. In mehreren seiner späteren Novellen und Erzählungen hat der Dichter hernach die verklärten Züge seiner Mutter verwoben und so ihr ein unvergängliches Denkmal treuer Kindesliebe gesetzt — und doch hat er es nicht ein einzigesmal der Mühe wert gefunden, das Grab dieser guten Frau zu besuchen, geschweige denn gar schmücken zu lassen. Und es hätte ihm gewiß sehr weh getan, wenn er es erfahren hätte, daß nach seinem Tode ein vorlauter Schreiber auf seine jüdische Abstammung hinweisen würde, wie das in kleiner Notiz in der „Tagespost" geschehen ist. Man hat es dem Schreiber auch in anderen Kreisen verübelt. Denn es hört sich nicht gut an: Stiriate und Asiate. Aber die Rassenantisemiten, die doch den Juden jede Ethik, jeden Idealismus, jede Heimatliebe, mit einem Worte alles Schöne und Gute absprechen, sollten doch auch im Falle Fischer nicht inkonsequent sein, weil man sonst ihre ganze Theorie als lächerlich abtun müßte. Man sieht aber daraus, wie fadenscheinig alle diese Theorien sind und wie man in Fällen, wo man sich mit einem poeta laureatus schmücken kann, auch seine so festgefügten Meinungen so gern über Bord wirft und so gerne alles in germanischchristlicher Kultur verankern möchte. Wir sagen dies nicht darum, weil wir Fischer für uns reklamieren wollen. Denn wir wollen mit Renegaten, und mögen sie noch so hoch gekommen sein, nichts zu tun haben. Wir verübeln es darum auch den jüdischen Encyclopädien, daß sie solchen Juden einen Platz in ihren Spalten gewähren. Daß aber auch brave und anständige Christen solche Menschen verurteilen, dafür möge neben anderen Fällen folgendes recht charakteristische Beispiel angeführt werden. Als aus Anlaß seines 80. Geburtstages in einem Aufsatze Fischers Abstammung dargelegt wurde, konnten von dieser Arbeit . — sogar von Fischer sehr nahestehenden Bekannten — nicht genug Exemplare verlangt werden. Es geschah dies gewiß nicht aus Liebe und Freundschaft zu Fischer, sondern aus heimlicher Schadenfreude. Ja, ja, es ist wirklich zuweilen schwer, eine Satire nicht zu schreiben.