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Die Wahrheit · 1932-06-17 · Heft 25 (17.6.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 25 (17.6.1932)
Date
1932-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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igte! DIE WA.HRHEO (APÖA8T ,i h 'Sl i t k HOTEL ELISABETHHO Zeitgemäße Preise. Kein Mahlzeitenzwang! daran interessiert sind, das demokratische System ad absurdum zu führen. Aber diesen Elementen die Macht auszuliefern, das dürfte ihnen kaum zusagen. ... Alle diese Erwägungen haben, wie gesagt, in den jüdischen Kreisen eine ruhigere Auffassung der Lage veranlaßt Man gibt sich wohl über den Ernst der Situation keiner Täuschung bin und ist auf weitere Belästigungen und Drangsalierungen gefaßt Man steht weiterhin Gewehr bei Fuß und ist bereit, gegebenenfalls alle Mittel und Wege der Abwehr in Aktion zu setzen. Aber man will nicht voreilig handeln, man will den kommenden Dingen .nicht vorgreifen und vorerst die Taten der neuen Regierung abwarten. Man weiß, daß eine Panikstimmung nur den Hakenkreuzlern in die Hände arbeiten und Wasser auf ihre Mühlen sein müßte. Gerade weil die Gefahr so ernst ist, will man es vermeiden, mittels einer Flucht aus der Kampffront die Angriffslust des Gegners zu stärken. Die Juden Deutschlands werden, wenn es zum Aeußersten kommt ihre Haut teuer verkaufen und keineswegs vor den Drohungen der Hakenkreuzler das Hasenpanier ergreifen. Schließlich waren die Tage eines Stöcker, eines Treitschke, eines Ahlwardt und ihrer Genossen nicht minder ernst — aber man hat den Aufstieg und auch den Abstieg dieser Elemente gesehen und überstanden. Man will daher bis auf weiteres ruhig Blut bewahren und die Dinge an sich herankommen lassen. Austriacus. Bubokratie. Das Wort „Bubokratie" stammt nicht von uns. Es rührt von einem der neuen Wiener nationalsozialistischen Gemeinderäte, Herrn Dr. Walter Riehl, her. Er hat es zu einer Zeit geprägt als ihn die Hitler-Leute von damals (sein heutiger Klubkoliege Dr. Suchemwirth befand sich darunter) in weitem Bogen aus der Hitler-Bewegung hinausfeuerten. Dr. Riehl war damals für den Parlamentarismus, für das Kandidieren in die verschiedenen Vertretungskörper, Dr. Suchenwirth und sein Anhang dagegen. Dr. Riehl wurde mit Schimpf und Schande aus der Partei ausgeschlossen und zog sich auf seinen deutsch-sozialen Verein zurück. Er hielt Versammlungen ab, in denen es die Hitler-Knaben ganz wüst trieben, und damals prägte Herr Dr. Riehl das Wort von der Bubokratie der Hitler-Leute. Was Bubokratie wirklich ist das konnte man dieser Tage aus der Gerichtssaalrubrik der Wiener Tageszeitungen erfahren. Da wurde von einem Prozeß wegen schwerer Körperverletzung gegen zwei Hochschüler berichtet die in Weidling den 49jährigen kriegsinvaiiden Eisenbahnpensionisten Friedrich Fleischinger mit den Worten angehalten hatten: „BistduaucheinJudenbuboder nicht?", worauf Fleischinger von den beiden Studenten schwer mißhandelt und blutig geschlagen wurde. Ueber die erste Verhandlung gegen die beiden Herrchen — den 26jährigen Josef Hofinger, Sohn eines in Klosterneuburg stationierten Generals, und den 23jährigen Franz Seid! — haben wir in unserer antisemitischen Chronic scandaleuse bereits berichtet. Aus der unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Wilhelm durchgeführten zweiten Schöffenverhandlung wollen wir die Zeugenaussage des attackierten Fleischinger, der auf Verlangen des hakenkreuzlerischen Verteidiger beeidet wurde, wortwörtlich zitieren!. Er gab an: Es war um 2 Uhr nachts. Ich war auf dem Heimweg, da sind mir zwei Herren nachgekommen, die ich nicht gekannt habe. Der eine hat mich beim Rockkragen gepackt und hat mich gefragt: „Bist ein Judenbub oder kaner?" Ich war ganz paff und habe gesagt: „In erster Linie bin ich kein Jud und zweitens habe ich Ihnen ja nichts gemacht!" Ich habe dann gehört, wie Seid! gesagt hat: „Hau* man z'samm, den jüdischen Rotzbub'n!" Dann hat er mich niedergehaut. Ich hätte damals auch tot sein.können, weil ich.mit dem Kopf auf ein eisernes Geländer gefallen bin. Das Blut ist mir hu^s¥o"Tietrühtergeronnen. Trotzdem bin ich ihm nachgelaufen. Wie ich ihn eingeholt habe, hat er mir einen Schlag auf die Brust versetzt daß ich wieder gestürzt bin. Er war sehr roh mit mir. Dann .kommt der Herr Hofinger und sagt: „Machen Sie keine Geschichten, mein Vater ist General. Wo wohnen Sie?" Dann hat er mich um Entschuldigung gebeten, hat gesagt, er hat mich irrtümlich für einen Juden gehalten. Er ist Nationalsozialist, und das Motto der Nationalsozialisten lautet: „Jeden Juden niederschlagen!" Er hat mir dann auch erzählt, was für eine Apanage ihm sein Vater gibt und daß er die ganze Sache applanieren wird. Dann haben mir beide ihre Adressen gegeben. Die vom Herrn Seidl war aber falsch. Ich bin auch zum Herrn General hinauf. Der Herr General hat sich bei mir entschuldigt und mir einen alten Anzug als Ersatz für meinen bei der Geschichte beschädigten angeboten. Ich habe aber dankend abgelehnt... Der Seidl hat noch gesagt: „Ich werde mich aus der Partei ausstreichen lassen, wir haben schon allerhand Anstände gehabt." Seidl bleibt dabei, daß Fleischinger der Angreifer war. Zeuge (zum Angeklagten): Es ist sehr traurig, daß Sie hier vor Gericht die Unwahrheit sagen. Sie haben sich feig genug bei der Gendarmerie benommen. Mich haben Sie unglücklich gemacht. Die ganzen Wintermonate konnte ich nichts verdienen, weil mein Arm gebrochen war. Meine Frau ist schwer krank und mein Sohn arbeitslos. Diese Armverletzung, die den Mann den ganzen Winter hindurch arbeitslos machte, bezeichnete der Sachverständige merkwürdigerweise als eine leichte Verletzung. Auf Grund dieses Gutachtens wurde Seidl nur der Uebertretung gegen die körperliche Sicherheit schuldig erkannt und zu einem Monat strengen Arrest bedingt mit zweijähriger Probezeit, verurteilt. Wir sind es gewöhnt, daß in manchen Aemtern in letzter Zeit Juden gegenüber bei Beschwerden die kalte Schulter gezeigt wird. Wir müssen sogar beobachten, daß die Polizei bei Exzessen der Hakenkreuzler Rücksichten übt, die sie sonst Demonstranten gegenüber nicht bekundet. Daß aber auch Richter sich finden, die den Gewalttaten! antisemitischer Raufbolde so viel verzeihendes Verständnis entgegenbringen, das ist eine tieftraurige Erscheinung, die nur geeignet ist, den Hakenkreuzlern, deren Kamm ohnehin so sehr geschwollen ist, noch mehr Mut zu machen. Auf diese Weise wird man der Bubokratie der Hakenkreuzler nicht Herr werden. tfeuitteton Der „Grazer Stadtpoet". Am 30. Mai 1. J. ist, wie uns von befreundeter Seite geschrieben wird, Wilhelm Fischer, der „Grazer Stadtpoet", gestorben. Er wurde am 1. Juni unter starker Beteiligung des geistigen Graz am St Leonhardfriedhofe beerdigt Mit ihm ist zweifellos ein bedeutender Schriftsteller und Poet ins Grab gesunken, der in zahlreichen feingeschliffenen und in klassischer Ruhe abgetönten Schriften das deutsche Schrifttum bereichert hat Allerdings, weder mit seiner ersten Novelle „Eine Sommernachtstragödie", von der Hamerling sagte, sie sei ein poetischer Treffer, wie ihn selbst der Hochbegabte in seinem Leben nicht leicht öfter als einmal oder ein paarmal macht, nicht minder mit seinem großangelegten Epos „Atlantis", seinem im Jahre 1883 veröffentlichten Frühlingsidyll „Anakreon", noch aber mit seinen dramatischen Versuchen hatte er Erfolg. Anerkennung, ja Enthusiasmus löste er erst aus, als er sich an die Prosaerzählung heranwagte, und da namentlich, als er die Stadt Graz zum Gegenstände seines dichterischen Schaffens sich ausgewählt hatte. Da hatte er dichterisch Großes geleistet und es scheint tatsächlich, daß er „in der Landschaft der steirischen Hauptstadt das Feld gefunden hat, zu dessen Bestellung er vorausbestimmt war". Und es ist gewiß nicht übertrieben, wenn N a g 1 und Z e i dler in der von Castle herausgegebenen Deutschösterreichischen Literaturgeschichte {Wien 1931, 111 1214 f.) über diese Tätigkeit Fischers sagen: Dieses innige Einfühlen in den steirischen Menschen und in den Boden, der ihn bedingt, in die hohen ernsten Berge, die zu hartem Roden und des Lebens Notdurft zwingen und mit ihrer gottnahen schweigenden Einsamkeit den Blick nach innen lenken, in die heiteren Weingartberge, die in blauem Fernblick die strahlende Sonne des Südens ahnen lassen und das Herz in Sehnsucht weiten, in die bergumkränzte, festunggekrönte Stadt am grünen Alpenstrom, die einst eines Kaisers Residenz, vom Hauche der großen Welt berührt war, die für den Glauben Martin Luthers litt und Türken und Franzosen trotzte, dieses andächtige Versenken in die Seele des Landes begründet auch die nachhaltigste Wirkung des Romandichters Wilhelm Fischer. Diese seine einzigartige Stellung in der steirischen Dichtung hat Fischer viel Ruhm und Ehre gebracht, die namentlich an seinem 70., 80. und 85. Geburtstage begeisterten Ausdruck gefunden haben. Vielleicht dürfen aus der übergroßen Zahl der anerkennenden Worte hier doch einige aus Freundesmund kommende, die namentlich aus Anlaß seines 80. Geburtstages geschrieben oder gehalten worden sind, Raum finden; „Ein erwählter Bürger unserer Stadt, welches Licht ihm durch all die Jahre ein treues Geleite gegeben, das er so vielfach in seinen Werken erstrahlen ließ. Er ist ein Stück des alten Oesterreich, das trotz aller gegenteiligen Behauptungen ein Germanisationszentrum gegen den vordringenden östlichen Orient geblieben war, der in dichterischer Farbe jene himmelblaue Stadt, wie er Graz in einer seiner Novellen genannt hat verklärte, der prächtig in Farbe den Astronommathematiker Kepler malte und den der deutschösterreichische Sänger Robert Hamerling als Dichterkollegen auf dem deutschen Parnaß begrüßte, dem nie der Modegöttin Reklame Fanfarenklang erscholl, vielmehr mußte der lautere Geist seines dichterischen Schaffens sie schweigsam besiegen. Er ist durch seine liebevolle Schilderung der alten Hauptstadt von Innerösterreich, um mittelalterlich zu reden, ihr wohlbestallter Truchseß geworden, der sich an des Weisen von Weimar Spruch immerdar hielt, der da lautet: Wer recht wirken will, muß nie schelten. Sich um das Verkehrte gar nicht kümmern, Sondern immer nur das Gute tun. Der stille und ruhige Mensch ist ein erhebendes Symbol klassischer Ruhe und seelischer Zucht geworden. Darum ist die Zahl derer nicht gering, die sich an dem idealistischen Gehalt seiner gegenwartsfernen und doch so lebensvollen Dichtung aufrichten zur Reife und Erkenntnis. Ausgezeichnet hat den Dichter schon das Schicksal, indem es ihm ein Dichterherz einpflanzte, aus dem immer wieder die leuchtendsten Blüten wuchsen, indem er ihnen innere Kraft und Gewandtheit gab. Die Natur hat ihres Reiches Leben einem Würdigen in die Hände gelegt, der nicht müde wurde, es treulich sich und seinen Mitmenschen zur Genugtuung zu verwalten. Denn neben dem Stofflichen, neben der Schönheit und der Reinheit seiner Gedanken und Motive, die seine Dichtungen durchziehen, ist es vor allem der Wohlklang der Sprache, die Feinheit seines Stiles, die den Leser immer wieder für Fischer einnehmen. In seinem unbeugsamen Idealismus, auf der Grundlage der christlich-germanischen Ethik stellt sich Fischers dichterisches Wirken als ein Festhalten und Weiterentwickeln unserer besten literarischen und kulturellen Ueberlieferungen dar, es sichert ihm einen eigenen selbständigen Platz in der Geschichte unseres zeitgenössischen Schrifttums." Und in diesen dithyrambischen Worten geht es weiter (vgl. Grazer Volksblatt vom 18. April 1926, Nr. 89, S. 1). Und Hofrat Wastian, der feinsinnige und stilistisch meisterhafte Nachempfinder hat in seiner aus Anlaß des 80. Geburtstages gehaltenen gediegenen Rede folgende Worte gesprochen: Die heutige Veranstaltung sei ein Triumphfest des deutschen Idealismus: in Fischers Werken vereinigte sich die Schönheit der Antike mit der Ethik des Christentums, beide erfüllt von der Tiefe deutschen Denkens und Fühlens. Ja sogar Adolf Bartels, der z. B. von Hermann Bahr behauptet, auch wenn er ihm Taufscheine seiner Vorfahren bis ins zehnte Glied vorlegen könnte, er doch ein Jude sei, hat nicht genug lobende Worte für Wilhelm Fischer (vgl. darüber die Arbeit von D. Herzog in der Zeitschrift „Der Morgen", Jahrgang 1926. Adolf Bartels und Wilhelm Fischer). Wer nun noch mehr über Fischer lesen will, der greife zu der Arbeit von Franz Wastian, Wilhelm Fischer, der Grazer Stadtpoet, München 1912; der lese die von Ernst Friedländer besorgte Ausgabe von Otto v. Leixners, Geschichte der deutschen Literatur; Ludwig Hirschfelds Urteil in seinem Literarischen Echo, wo es heißt: Jedenfalls ist Fischer der größte Dichter der Steiermark. Größer als der überschätzte Rudolf Hans Bartsch und vielleicht auch Rosegger künstlerisch überlegen. Vgl. auch So er gel Albert, Dichtung und Dichter der Zeit, Lpz. 1916a, S. 782 ff.: Storck Karl, Deutsche Literaturgeschichte, Stuttgart 192610, S. 371 und die Arbeiten des dichterisch und künstlerisch hochbegabten Julius Franz Schütz im Grazer Volksblatt vom 18. April 1931 und 1. Juni 1932, über Wilhelm Fischer. Natürlich ist damit die Zahl der huldigenden Arbeiten von Fischers Muse noch lange nicht erschöpft. Wenn wir nun auch nicht immer in diesen Ueberschwang der Muse Fischers einstimmen können, so stehen wir nicht an, im großen und ganzen diesem Urteile beizupflichten, bis auf seine philosophische Arbeit über Nietzsche, wo Fischer tatsächlich zwerghaft gegenüber dem Geistesheroen erscheint Aber dies alles gehört nicht in den Rahmen dieser Arbeit. * So weit wäre nun alles fein säuberlich erledigt, wenn wir Juden nicht auch eine kleine Rechnung hier einzufordern hätten. Denn es entbehrt i

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