Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 25 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlidrangen der „Union österreichischer Juden'* und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die Wahrheit Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 17. Juni 1932 Nummer 25 Alles wieder billiger 2 ^__beim ■98 Bade-Anzug, alle Größen „Ripp-Ripp" in reiner Schafwolle S 8*90 Bade-Hosen....... von S 1*80 Bade-Schuhe S 1*98, Mätzen S 0*48 Hitler oder Hohen zollern4! (Brief aus Deutschland.) Der Sturz des Kabinetts Brüning und die Ernennung der Regierung Pape n—S c h l e i c h e r hat begreiflicherweise unter den Juden in Deutschland ernste Besorgnisse ausgelöst, die aucli zunächst in der Stellungnahme der jüdischen Presse und in Aeußerungen maßgebender jüdischer Faktoren ihren Ausdruck fanden. Die Art und Weise, wie Hindenburg Brüning zur Demission zwang, obwohl es gerade Brüning war, dem er in erster Linie seine Wiederwahl zu verdanken hatte, ließ die Meinung aufkommen, es handle sich dem Reichspräsidenten darum, einem radikalen Systemwechsel den Weg zu ebnen. Papen wäre in diesem Falle bloß der Platzhalter Hitlers, der über kurz oder lang selbst die Zügel der Macht ergreifen würde. Diese Annahme wurde noch bestärkt durch den Umstand, daß die neue Regierung nicht einmal den Versuch unternahm, vor dem Reichstag zu erscheinen, sondern diesen auflöste und Neuwahlen ausschrieb, die ja zweifellos Hitler einen neuen Erfolg bringen und vielleicht sogar die Mehrheit verschaffen dürften. Da die Hakenkreuzler trotz ihrer Bemühungen in jüngster Zeit, ihre Regierungsfähigkeit zu dokumentieren, sich in ihrer antijüdischen Agitation nicht die geringsten Hemmungen auferlegten, waren die Besorgnisse und Befürchtungen in den jüdischen Kreisen nur allzusehr begreiflich und begründet. Es muß jedoch festgestellt werden, daß diesen ersten Eindrücken bald eine etwas ruhigere Auffassung der Lage folgte, der zumindest eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden darf. Zunächst zeigten sowohl die bisherigem Erklärungen des Reichskanzlers Papen als auch des neuen Innenministers, daß diese sich keineswegs als Platzhalter irgend eines Dritten betrachten, sondern die Absicht haben, sich so lange als nur möglich an der Macht zu halten. Man weiß heute, daß der Sturz Brünings nicht Hitler zuliebe erfolgte, sondern den sogenannten preußischen Junkern zuliebe, die die Siedlungspläne Brünings als einen Angriff auf ihre wirtschaftlichen Interessen betrachteten. Diese Junker benützen wohl Hitler als Sturmbock, um das bisherige Regime aus den Angeln zu heben, aber es ist immer ihre Taktik gewesen, sich die Kastanien aus dem Feuer durch andere holen zu lassen, ohne jedoch diesen anderen später die Macht zu übergeben. Daß auch diese Elemente nichts weniger als judenfreundlich sind, ist eine bekannte Tatsache. Aber schon ihre stockkonservative Gesinnung verbietet es ihnen, der Demagogie allzu freie Hand zu lassen. Sobald Hitler einmal seine Aufgabe, die Beseitigung des Linksregimes, erfüllt haben wird, dann wird er den Laufpaß erhalten. Wenn diese Elemente, unterstützt durch die altpreußischen Militärs, es für geboten erachten sollten, in Deutschland eine radikale Umwälzung herbeizuführen, dann würden sie Sicher nicht Hitler, sondern einem Hohenzollern in den Sattel verhelfen. Bis zu einem ausgesprochenen Hitlerregime führt noch ein weiter Weg. Auch im heutigen Preußen wird nicht so rasch geschossen____ Abgesehen von diesen Erwägungen zeigte es sich, daß die konservativen und demokratischen Elemente im Reiche keineswegs gewillt sind, vor der Hitlerbewegung ihre Segel zu streichen. Nicht nur die organisierte Arbeiterschaft hat den Kampf .gegen die Nationalsozialisten mit der größten Energie aufgenommen, sondern auch das Zentrum hat eine scharfe Kampfstellung bezogen, die sich auch gegen das Papen-Kabinett kehrt. Dazu I:ain noch der Umstand, daß die Gerüchte über die angeblichen Pläne des neuen Regimes in Süddeutschland den heftigsten Widerstand hervorriefen, der seinen äußeren Ausdruck in der Vorsprache der Regierungsvertreter der süddeutschen Gliedstaaten bei Hindenburg gefunden hat. Es ist daraus zu ersehen, daß unter allen Umständen dafür gesorgt wird, daß die Bäume des Hitlerismus nicht in den Himmel wachsen____ Dies mußte auch in den jüdischen Kreisen eine kühlere Betrachtung der Dinge auslösen — die ursprüngliche Panikstimmung ist ein wenig gewichen und man ist bemüht, den kommenden Dingen mit mehr Ruhe und Kaltblütigkeit ins Auge zu schauen. Dieser Beginn eines Stimmungswechsels findet auch in den Betrachtungen der jüdischen Presse aller Richtungen seinen Niederschlag. Die Blätter weisen darauf hin, daß es zumindest voreilig .wäre, dem neuen Regime gegenüber eine Kampffront zu beziehen, bevor man auf Grund seiner Handlungen ein endgültiges Urteil fällen könne. Wenn die neue Regierung es mit ihren Versprechungen, vor allem für die Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung zu sorgen, ernst meint, dann hätten die Juden allen Grund, sich zunächst zuwartend zu verhalten. Es hätte wenig Sinn, die neue Regierung sofort in einen Topf mit Hitler zu werfen und vielleicht dadurch zu bewirken, daß diese tatsächlich dazu gelange, in den Juden einen Gegner zu erblicken!, den man mit allen Mitteln unschädlich machen müsse. Man darf auch nicht vergessen, daß Hindenburg nach wie vor seinen festen Entschluß verkündet, auf der Grundlage der Verfassung zu stehen und keinen Umsturz zu versuchen. Bleibt der Reichspräsident dabei — und vorläufig hat man keine Veranlassung, ihn eines Macchiavellismus zu zeihen —, dann wird er auch weit davon entfernt bleiben, Hitler die Macht zu übergeben. Schließlich haben die Monarchisten in Deutschland ihre eigenen Aspirationen und es dürfte kaum ihren Intentionen entsprechen, das Reich auch nur eine gewisse Zeit allerhand Desparados auszuliefern. Indirekt mag ihnen die Propaganda des Hitlerismus schon recht sein, da sie WECKRUF? Wirtschaftliche Entwurzelung und staatsbürgerliche Entrechtung der Juden sind das eingestandene Ziel des neuentflammten Rassen- Antisemitismus. Wir Juden sollen politisch, sozial und ökonomisch usw. wieder in die mittelalterlichen Verhältnisse zurückversetzt werden. Nirgends finden wir wirksamen Schutz gegen die täglichen Angriffe auf unsere staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Nur Selbsthilfe auf Grund unserer schwer genug erkämpften Rechte kann uns retten. Gegen den organisierten Antisemitismus muß die organisierte Kraft der Judenschaft eingesetzt werden. Die „Union österreichischer Juden" ist heute wie seit fast fünf Dezennien die einzige österreichisch - jüdische Schutzgemeinschaft. Sie führt unablässig und hartnäckig den Kampf um die Erhaltung und Verwirklichung unserer Gleichberechtigung auf allen Gebieten des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens. Soll sie aber in der gegenwärtigen, für uns Juden so überaus kritischen Zeit ihre Aufgaben erfüllen können, so bedarf sie der moralischen und materiellen Unterstützung aller jüdischen Bevölkerungsschichten. Noch können wir uns gegen die gesetzwidrigen Angriffe zur Wehr setzen. Doch niemand von uns — ob hoch oder niedrig, ob reich oder arm — darf sich ausschließen, darf untätig beiseite stehen, jeder von uns arbeite und wirke nach seinen Kräften auf seinem Platze — in Gemeinschaft mit unserer großen Organisation, jeder muß — trotz der wirtschaftlichen Krise — sein Teil beitragen, zu seinem und der Gesamtheit Wohl. Wehren wir uns, solange es noch Zeit! Lassen wir jetzt jeden innerjüdischen Streit beiseite, um die Front gegen den äußeren Feind zu stärken. Jeder Jude muß Mitglied unserer Organisation sein und in Freundeskreisen werben, um die Bedeutung unserer Schutzgemeinschaft zu erhöhen. Wenn jeder Jude in die „Union", jede jüdische Frau in die „Union'*-Frauengruppe, jeder jüdische junge Mann, jedes jüdische Mädchen in die „Jugend-Union", und jeder jüdische Student in die „Akademiker-Union" eintritt, ist uns um unsere Zukunft nicht bange, dann sind wir so mächtig, um jeden Angriff auf unsere rechtliche und berechtigte Stellung im Staate abzuschlagen. DER ZENTRALVORSTAND DER „UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN": Dr. Jakob Ornstein, Präsident. Dr. J o s e f T i c h o, Dr. K a r l S t e i n e r, Vizepräsidenten. Reg.-Rat Dr. Max Lenk, Schriftführer. Dr. Ernst Feldsberg, Kassier. Ober-Med.-Rat Dr. Heinrich Haase, Baurat Wilhelm Kempler, Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, Komm.-Rat Moritz Reif, Dozent Dr. Hugo Stern.