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Die Wahrheit · 1932-06-10 · Heft 24 (10.6.1932) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 24 (10.6.1932)
Date
1932-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT weniger auf Repressalien oder Retorsionen der anderen Länder ankommen lassen. Die kleine Republik wird es sich kaum mit der öffentlichen Meinung in den Weststaaten verderben wollen und wird gezwungen sein, den staatlichen Machtapparat in Bewegung zu setzen, selbst wenn es auch zu einem weiteren Ruck nach rechts kommen sollte. So ernst somit die Situation ist, so begreiflich und berechtigt die Befürchtungen sein mögen, mit denen man hier der weiteren Entwicklung der Dinge entgegensieht — so verfehlt wäre es dennoch, sich einer Panikstimmung hinzugeben. Vielmehr ist es höchstes Gebot der Stunde, sich zur Abwehr zu rüsten und es allen in Betracht kommenden Faktoren, auch den Hakenkreuzlern und ihren Hintermännern, begreiflich zu machen, daß die Juden keineswegs geneigt sind, die Flinte ins Korn zu werfen und die Flucht zu ergreifen, Die Juden werden überall und in jeder Hinsicht ihren Mann stellen und ihre Positionen zu verteidigen wissen — schließlich und endlich hat man es bei der Hakenkreuzlerbewegung mit einer Verirrung der Geister zu tun, die nicht von Dauer sein kann. Die ganze Welt ist doch nicht aus den Fugen geraten und dem Ausbreiten des Wahnwitzes sind noch immer Grenzen gesetzt. Bange machen gilt nicht; nur nicht allzusehr ängstlich sein. Es ist schon oft passiert, daß die Berge kreißten und eine — Maus zur Welt brachten . . . Wir Juden sind nicht nur ein hartgeprüftes Volk, sondern auch ein Volk, das dank seiner Zähigkeit, seiner moralischen und materiellen Widerstandskraft schon manchen Hitler überlebt hat. Warum soll es gerade jetzt anders sein? . . . Nicht Angst, sondern Abwehr! hui 1 VORNEHM: mmm&% Kritische Tage in Deutsehland. Jüdischer Dank an Brüning. Ludwig Holländer widmet in der letzten „C. V.-Zeitung" dem zurückgetretenen Reichskanzler Dr. Brüning die folgende Würdigung: „Die deutsche Judenheit schuldet Herrn Brüning Dank und Anerkennung . . . Ihm war immer die Hauptsache: der Friede im Innern, die Aufrechterhaltung der Gesetze, die Wahrung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller Deutschen . . . Wir hoffen und wünschen, daß jedes neue Kabinett auf den gleichen Boden treten und unser Land und unser Volk vor immer noch größerer Aufwühlung und vor den Gefahren schwerer innerer Zerwürfnisse bewahren möge." * Die neue Regierung. Im Zusammenhang mit den pessimistischen Betrachtungen, die in bezug auf die Gestaltung der inneren Lage in Deutschland jetzt angestellt werden, wird uns von einer gut informierten Persönlichkeit mitgeteilt, daß zu irgendwelchen Besorgnissen keinerlei Anlaß besteht. Allen bisherigen Aeußerungen des neuen Reichskanzlers von Papen und den offiziellen Regierungserklärungen ist klar zu entnehmen, daß die neue Reichsregierung entschlossen ist, im Sinne der vom Reichspräsidenten von Hindenburg ihr übertragenen Aufgabe die Verfassung strengstens zu handhaben und es nicht zuzulassen, daß die Gleichberechtigung des einen oder anderen Teiles der Bürger angetastet oder daß sonst von Staats wegen einer Klasse oder Religion mit Voreingenommenheit begegnet wird. Auch die in den letzten Tagen vollzogenen Neuernennungen hoher Beamter bieten hierfür eine Gewähr. * Pressekonferenz im C.-V. Die Gestaltung der Lage im heutigen Deutschland berührt stark das jüdische Schicksal. Immer ungestümer drängen die Nationalsozialisten zur Macht, und es fehlt nicht an gewichtigen Stimmen, die meinen, daß bei den jetzt vor sich gehenden Regierungsbildungen im Reiche und in den Ländern nicht nur weitgehenden Ansprüchen der Nationalsozialisten Genüge getan werden soll, sondern daß die jetzigen Zwischenlösungen nur Etappen auf dem Wege der Uebernahme der Macht durch die Nationalsozialisten sein sollten. Auf mehrfach ausgesprochenen Wunsch hat der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die Vertreter der jüdischen Presse in Berlin zu einer Aussprache eingeladen, in der die Führer der C.-V.-Arbeit über die politische Lage unter dem Gesichtspunkte der C.-V.-Arbeit berichteten und seitens der zahlreich erschienenen Pressevertreter an sie gerichtete Fragen beantworteten. Syndikus Dr. Alfred Wiener leitete die Konferenz. Dr. Hans Reichmann gab einen Umriß der gegenwärtigen politischen Entwicklung in Deutschland und erklärte, daß es eine Täuschung wäre, einen Rückgang der nationalsozialistischen Flut für absehbare Zeit voraussagen zu wollen. Die Dinge sind so weit gediehen, daß das Anschwellen der nationalsozialistischen Stimmen bereits automatisch, rein nach der Schneeball-Theorie erfolgt. Es seien durchaus keine Anzeichen dafür vorhanden, daß die Nationalsozialisten sich von ihrer Judenentrechtungstheorie abgekehrt haben. Die Entdeckung des Boxheimer Dokuments wirkte sich negativ aus; deren Urheber Dr. Best wird heute in Hessen als Nationalheros gefeiert. In einer nationalsozialistischen Versammlung bei Anwesenheit Hitlers rief Kube in den Saal: „Heute werde ich über die Judenfrage sprechen. Wir sind eine antisemitische Partei, und wenn wir zur Macht kommen, werden wir in die Aemter hineinrufen: Juden raus!" Man hört jetzt weniger von antisemitischen Terrorakten, weil nicht alle in der Oeffentlichkeit bekannt werden. In Berlin kamen letztens wiederholt Terrorakte vor, in Plauen wurden innerhalb weniger Tage sechsmal Juden überfallen. Die Verwilderung aber hat nicht alle Kreise ergriffen, der C.-V., der durch seine Abwehrarbeit Gelegenheit hat, Einblick in die Psyche der Massen zu gewinnen, kann feststellen, daß weite Kreise des deutschen Volkes dem nationalsozialistischen Gift einen starken Widerstand entgegensetzen. — Dr. Alfred Hirsehberg gab ergänzende Ausführungen und zitierte Reden nationalsozialistischer Führer, denen zu entnehmen ist, daß die Nazis im C.-V. den geistigen Generalstab der antinationalsozialistischen Propaganda sehen. — Dr. Bruno Weil warnte davor, Gerüchten Glauben zu schenken oder solche Gerüchte gar zu registrieren, wonach deutsche Juden den Nationalsozalismus finanziell oder auf andere Weise unterstützen. Solche aus verärgerten deutschen Linkskreisen stammende Gerüchte, so absurd sie sind, werden geglaubt und als Beweis für jüdische Würdelosigkeit angeführt. Zudem entsteht die falsche Meinung, daß der Nationalsozialismus dem Juden gar nicht gefährlich werden und daß man die Juden füglich ihrem Schicksal überlassen könnte. — Artur Schweriner gab Aufschluß über die Stimmung auf dem Lande. Mit einer regen Aussprache zwischen Pressevertretern und C.-V.-Führern schloß die Konferenz. :K Wüste nationalsozialistische Judenhetze in Berlin. In einer in diesen Tagen abgehaltenen Versammlung der nationalsozialistischen Berufsverbindung für Industrie, Handwerk, Handel und Gewerbe in Berlin-Schöneberg erklärte der Referent K1 u t h e u. a.: „Es soll mir keiner kommen und sagen, ich kenne da seit 20 Jahren eine jüdische Familie, die ist so anständig, daß man ihr nichts nachsagen kann. Der Jude ist kein deutscher Volksgenosse und Ausnahmen macht der Nationalsozialist nicht. Wer so v fc^jgiS-^iu^-- r FAMILIEN-PENSION RBStauratiQB.HaffBBliaas täglich 5-Uiir-Tee StMMERINO 'ul- ViEäii TELEPHON 11 Hochstraße 43 _ neben Hotel Panhans f= Ü Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts g H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser m in jedem Zimmer. m Aushnnlt: Wien Telephon l) 27-6-24. m H Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer iMPlIilliilllllllllllllllillilllllllllllM spricht, dem sage ich nur: Die anständige Judenfamilie ist Rekrutendepot für die nächste Generation Schweinehunde. Und haben diese Juden Geld ins Ausland verschoben, dann werden wir das auch zu erfassen wissen, indem wir rücksichtslos alle hier noch lebenden Juden einsperren und so lange zwiebeln, bis auch die Schieber dieses Geld wieder zurückgebracht haben." Zehn Jahre C.-V.-Zeitung. Die C.-V.-Zeitung, das Organ des Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hat kürzlich ihren 10. Jahrgang abgeschlossen. Eine große Reihe von Politikern, Gelehrten und anderen Persönlichkeiten, die iu der gleichen Richtung wie der Centralverein an der inneren Befriedung Deutschlands arbeiten, hat der C.-V.-Zeitung, unserem deutschen Schwesterblatte, aus diesem schönen Anlaß Glückwünsche übersandt, denen auch wir uns auf das allerherzlichste anschließen. Aus der überaus großen Fülle dieser Briefe geben wir nachstehend zwei wieder: Der Preußische Minister des Innern schrieb: Seit zehn Jahren kämpft die „Centralvereinszeitung, Blätter für Deutschtum und Judentum", gegen „die Kulturschande des Antisemitismus", gegen die Propaganda des Hasses und der Aufreizung niedrigster Instinkte. Es könnte manchmal scheinen, als ob die politischen Ereignisse der letzten Wochen und Monate Zeugnis dafür sein wollten, daß dieser Kampf nutzlos gewesen wäre. Aber wie der Arzt nicht aufhören darf, gegen die Krankheit anzukämpfen, selbst wenn die Fieberkurve höher und höher steigt, so dürfen auch die Anhänger der Ideen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit nicht ermüden, gegen Ungeist und Gewalttat laut und unverzagt ihre Stimme zu erheben. Deshalb möchte ich meinen Glückwunsch aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der „C.-V.- Zeitung" mit dem Wunsch verbinden, daß sie unbeirrt weiter kämpfen möge für die Gleichberechtigung aller deutschen Staatsbürger, gleichviel, welcher Konfession und Rasse, daß sie nicht erlahmen möge im Streit gegen Verleumdung und Rassenverhetzung, bis in hoffentlich nicht allzu ferner Zeit ein Tag die Verwirklichung der Ziele bringt, denen der Kampf der „C.-V.-Zeitung" galt und gilt. S e v e r i n g. Der Präsident des Deutschen Reichstages schrieb: Die Bemühungen der „C.-V.-Zeitung" um Vermittlung der Wahrheit im politischen Ringen, ihre Suche nach Gerechtigkeit im Kampfe, ihre Abwehr jeder persönlichen und Rassenhetze habe ich seit dem Entstehen Ihrer Zeitschrift verfolgt und kann Ihnen zum zehnjährigen Jubiläum nur meinen Dank dafür übermitteln. Möge bald die Zeit kommen, wo in Deutschland die ritterliche, vornehme und menschliche Auseinandersetzung unter politischen Gegnern eine Selbstverständlichkeit ist — bis dies aber der Fall ist, wird Ihre Zeitschrift auch weiterhin eine wichtige Mission zu erfüllen haben. Löbe. Mitglieder und Freunde der „Union" VncLder «Jugend-Union« -— ——. treffen sich wahrend der Sommermonate jeden Dienstag, ab 7*8 Uhr abends, im reservierten Teil des Cafe-Restaurant „Zum braunen Hirschen", IL, Prater Hauptallee. Vornehme Ver einiauita sucht Klubräume. eventuell Errichtung eigener Lokalitäten. Zuschriften A unter „EINMAL WÖCHENT- LICH" an die Administration 'S? dieses Blattes.

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