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Die Wahrheit · 1932-06-10 · Heft 24 (10.6.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 24 (10.6.1932)
Date
1932-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Mtel Dg WAiTRHETl 4 *i j, <f tt \tM! i Ii; |l ift .' '; is1 » ■l.r; S-l I* f .1 1' Seebad i | Crikvenica s&n) das billigste und beste Seebad an der jusoslawischen Adria. Die orth. *1W3 Pension JOSCl PI. Engel befindet sich dieses Jahr direkt am Strand. 20Schritte vom Wasser, im Zentrum. Pensionspreis mit Zimmer 75 Dinar. Prospekte gratis. Im Haus pe - mm tsd stieg der höhenentstammte Geist wieder auf zum Gipfel des Olymps. Von Sinais Höhen vernahmen unsere Väter die Verkündung der erlösenden Liebe und brachten die Gebote der ewigen Gottheit den Völkern der Erde. An Felsen gekettet, empfing Juda den Dank dafür, so zerfleischte der Haß der Welt das Herz unseres Volkes, doch in dem Dunkel der Nacht wurde von neuem stets die Liebe wach. Und am Ende der Tage überwindet der Genius der Menschheit die Feinde und der Geist unseres Volkes steigt zur Gottheit empor. Es ist die Liebe, es ist das Mitleid, die mit dem Judentum die Welt durchziehen. Der Heilige Israels offenbart sich dem Volke als (El rachum wechannun) barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld und Treue. Wo war vor jener Offenbarung eine Religion, ja nur eine Anschauung, die der Allmacht als erstes Attribut die Barmherzigkeit zusprach? Wer hat das Mitleid, wer die Liebe in die Welt gebracht? Wer hat die Freiheit und Gleichheit und die Brüderlichkeit verkündet, Jahrtausende bevor unter Strömen von Blut eine große Nation die Anerkennung dieser Prinzipien forderte? Wer hat Priestertyrannei, durch Jahrtausende die Geißel der Menschheit, mit den Worten entwurzelt: (2. M. 19, 6) weattem tihju Ii „Ihr, ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern und ein heiliges Volk"? Ist die Thora, das Erbgut der Gemeinde Jakobs, etwa veraltet, durch den Geist der Zeiten entwertet, durch unsere hohe Kultur und die ungeheuren Fortschritte der Wissenschaft „längst überholt" und gegenstandslos geworden? Alt freilich ist die Lehre (weohawto lereacho komaucho) (3. M. 19, 18) „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Bedarf unsere Zeit nicht mehr dieser Lehre? — Alt ist das Gesetz „Liebet den Fremdling", „wahawtem eth hager" (5. M. 10, 19). Hat unsere moderne Kultur mit ihren Fortschritten auf allen Gebieten der Technik dieses alte, schlichte und eindringliche Gesetz unbrauchbar und unzeitgemäß gemacht? Hat unsere Zivilisation die Sitten verfeinert, die Leidenschaften gezähmt, unser Empfinden dahin geschäft, in dem Fremden den Measchenbruder zu achten? Gehört es nicht gerade in unserer Zeit, wie einst in Sodom, zu den patriotischen Tugenden, den Fremden zu hassen, zu verachten und zu verfolgen? Alt, uralt ist das Gebot: (Lau thisno eth ochicho..) (3. M. 19, 17) „Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen, während du ihm äußerlich mit einem warmen Händedruck und süßen Worten begegnest." Ist dieses Gesetz unzeitgemäß? Uralt ist die Satzung: (Lau thikkaum) (3. M. 19, 18),, Du sollst dich nicht rächen, den Haß nicht in dir bergen." — Hat diese Vorschrift ihren Wert verloren? Oder die Gesetze: (Lau thelech rochil) (3. M. JL9, 16) „Gehe nicht als Spitzel, Zwischenträger, Ohrenbläser und Leisetreter in deinem Volke umher", oder (wechi jomuch ochicho) „Wenn dein Bruder sinkt und seine Hand erschlafft, greife ihm unter die Arme, unterstütze ihn, damit er sich wieder aufraffe, gleichviel ob er deinem oder einem anderen Volke angehört", — sind alle diese Gesetze und Vorschriften mit ihrem vieltausendjährigen Alter bereits verbraucht, haben wir sie überholt, daß sie,unzeitgemäß erscheinen? Alt, Jahrtausende alt ist Israels Lehre von der Würde des Menschen, der, im göttlichen Ebenbilde geschaffen, den Gottesgeist in sich trägt, darum keines Mittlers, keines Priesters bedarf, um an den Schöpfer und Vater im Himmel sich zu wenden; die Lehre, daß jedes Menschenkind sein eigener Erlöser werden kann, wenn es durch Reue und Buße den Weg zurück zu Gott sich bahnt — sind etwa diese Erkenntnisse heute nach Jahrtausenden veraltet? (Scheal no) „Erforsche nur die Zeiten frühesten Altertums, von dem Tage an, da Gott den Menschen schuf auf Erden, frage von einem Ende des Himmels bis zum andern, ob je etwas so Großes und seinesgleichen gehört wurde? (5. Mos. 4, 32). Fürwahr! Es ist ein Wunder, für den Verstand unfaßbar und doch eine geschichtliche Tatsache, daß aus der Mitte eines Volkes von Sklaven, von Parias eine Lehre hervorging, deren innere Wahrheit, deren tiefer Zusammenhang, | ■ ia t Feuilleton Aiszauber. Die Enthüllung des Aiszauberbrunnens in Wien weckt wehmütige Erinnerungen an fröhlichere Zeiten und an eine Kunst, die, in diesen Zeiten verwurzelt, noch in unsere, viel weniger heitere Epoche ihre unsterblichen Klänge herüberwehen läßt. Wie eine Mahnung aus einer anderen, besseren Welt tönen die Lieder der einst so berühmten, heute längst ausgestorbenen Volkssängerzunft in unseren Ohren. In Wien, der klassischen Musikstadt, verleugnet auch der Gassenhauer nicht ein gewisses künstlerisches Milieu und so kommt es, daß auch in unseren traurigen Tagen unsterblich fortlebt im Gesänge, was einst Bänkelsänger zum Ruhme der Wiener Lebenslust zu künden wußten, als das Leben wirklich noch eine Lust war. Auch jüdische Künstler. Da ist einmal der Dichterkomponist Krakauer, der während einer Straßenbahnfahrt das unsterbliche „Mein Liebchen wohnt am Donaustrand" schuf und Text samt Weise auf dem Fahrschein notierte. Da ist unter vielen, vielen anderen vor allem Pick, der Schöpfer des Fiakerliedes, zu nennen, dessen Werk geradezu als Inkarnation des Wiener Volksgesangs gilt Aus all diesen Schöpfungen jüdischer Volkssänger klang jubelnd und jauchzend eine glühende Liebe zu Wien und Oesterreich und jedes dieser zum Zauberlied gewordenen lokalpatriotischen Bekenntnisse wurde von allen Bewohnern der alten Phäakenstadt verständnisvoll aufgenommen, mitgesungen und weiterverbreitet von Mund zu Mund, von Generation zu Generation. Leider hat es die wirtschaftliche und politische Entwicklung mit sich gebracht, daß sich bei der Fortpflanzung der naiven Lieder von Geschlecht zu Geschlecht immer mehr ein falscher Ton eingeschlichen hat, der den Zeitgenossen der Dichter fremd war. Denn dazumal herrschte eine gesegnete Zeit, in der die Künstlerhände nur in die Saiten zu greifen brauchten, um die Töne zu finden, die in allen Herzen wiederklangen. Die Echtheit der Stimmung verbürgte die Echtheit der Gesinnung und kein von entartetem Nationalismus angekränkelter Nörgler beantwortete Krakauers Refrain „Mein Liebchen ist mein Vaterland, mein Liebchen ist mein Wien" mit dem Einwand, daß als Vaterland des Autors höchstens Palästina in Betracht komme. Kein von modernen Rassentheorien Verdummter widerlegte Picks dithyrambisches Bekenntnis: „Mein Stolz is: i bin halt a echts Weana Kind!" mit pseudowissenschaftlich drapierten Zweifeln an der Echtheit von Picks Wienertum. Er hätte sich damit unsterblich blamiert. Was, das wäre kein Wienertum, was da so anheimelnd und hinreißend den Ruhm der Stadt verkündete, die alles ästhetisch verklärt, ins Künstlerische erhebt, sogar das Kutschieren des Fiakers: „A Kutscher kann a jeder wer'n, aber fahr'n können s' nur in Wean!" Natürlich brauchte der Volkssängerhumor gelegentlich auch Opfer, auf deren Kosten er sich lustig machen konnte. Dann verulkte er den Juden und den Böhm'. Aber der Spott war harmlos und beeinträchtigte nicht die Gemütlichkeit, die für die Aera des liberalen Wiens charakteristisch war. Ungemütlich wurde die Sache erst, als die Politiker das Erbe der Volkssänger antraten. Es war die geniale Idee Dr. Luegers, um die von den Coupletdichtern populär gemachten Karikaturen seine Reden aufzubauen. So gerieten der Jud' und der Böhm' in die Politik. Noch lachten die Leute, wenn sie die altbekannten Stichworte von der „Pawlatschen" vernahmen, obwohl dort oben kein Sänger mehr stand, der mit seiner Stimme um ihre Gunst warb, sondern ein Volkstribun, der mit seiner Gunst um ihre Stimmen »■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■«ü s LauranabdAbbazla, [ : -m PENSION WEISS i<°: 5 Zimmer mit Balkons unmittelbar am Meer. 5 ■ Erstklassige Küche, Vollpen- ■ ■ sion pro Tag ab Lire 25.— 5 deren glühendes Gefühl von Liebe, Mitleid, Erbarmen und Achtung vor der Würde der Menschennatur noch heute nicht im ganzen Umfange erfaßt, begriffen und empfunden werden. Ein ganzes Volk ist Zeuge der Offenbarung, erhält sich im Laufe der Jahrtausende unter namenlosen Leiden durch seine Gesetze — eingedenk der Treue, die es am Fuße des flammenden Sinai seinem Gotte geschworen. Verachtet, verfolgt, zertreten und hingemordet, prägt es seinen Willen und seine Lehre den widerstrebenden Nationen der Welt ein. Und das Buch seiner Lehre ist zum Erziehungsbuch der Menschheit geworden. # Nicht weniger gewaltig als die innere Wahrheit der Sinailehre, als die Umstände, die ihre. Verkündung begleiten, als die ungeheure Wirkung, die sie im Laufe der Jahrtausende auf sämtliche zivilisierte und halbzivilisierte Völker der Welt ausübt, ist die Geschichte des Stammes Israel selbst. In Griechenland wurde der Stein, der die Inschrift trug, daß dreihundert Spartaner treu den Gesetzen des Landes gestorben, von Geschlecht zu Geschlecht Gegenstand höchster Verehrung, ein dauerndes Dokument griechischen Mutes und griechischer Pflichterfüllung. Aber kein Monument verkündet, und kaum lebt es in der Erinnerung, daß auf der Felsenburg von Masada tausend jüdische Männer mit ihren Frauen und Kindern es vorzogen, sich den Tod, als sich der Gnade der Römer anheimzugeben. In einer Höhle in der Nähe des Töten Meeres hatten sich über achthundert Männer, Frauen und Kinder verborgen. Des Antiochos Feldherr Philippos, der sie umzingelt hatte, bot ihnen die Erbuhlte. Sie gaben sie ihm willig. War damit die Gunst eines so gescheiten, feschen und hochmögenden Herrn nicht billig genug erworben? Aber „politisch Lied ist ein garstig Lied": Der Humor kam dabei sachte abhanden. Das lag wohl auch am Wandel der Zeiten. Die wirtschaftliche Lage hatte sich verschlechtert, Lied und Lachen verging den Wienern immer mehr, Scherz wandelte sich in Ernst, und so wurden die alten Schlager der Volkssänger allmählich zu Themen weltanschaulicher Diskussion. Der Jud' und der Böhm' blieben die beliebteste geistige Nahrung, aber was einst bloß die Zwerchfelle erschüttert hatte, darüber erhitzten sich jetzt die Köpfe. Der Weltkrieg hat dann noch den Böhm' aus der österreichischen Politik ausgeschaltet und so hat der Jude eine Monopolstelle in der politischen Auseinandersetzung erlangt, ohne daß er selbst sich zu bemühen braucht. Im Gegenteil: Gerade zu den Versammlungen, in denen es am heißesten um seinen Kopf geht, ist ihm sogar der Zutritt verwehrt. Besser ist es dadurch nicht geworden. Das Glück und die Zufriedenheit, von denen die Lieder der Volkssänger künden, haben die Politiker den Wienern nicht zurückgebracht. Die Als, an deren weinbekränzten Ufern das Wiener Lied am fröhlichsten widerhallte, ist eingedeckt und eingedeckt ist auch die Quelle, aus der das Volk seine Sangesfreude schöpfte. Der Liberalismus, der das wirtschaftliche Gedeihen aller Tüchtigen förderte, die gesellschaftliche Gleichberechtigung aller ehrlich Schaffenden verbürgte und aus diesen Vorbedingungen heraus die gleichgestimmte Liebe aller Bürger ohne Unterschied der Konfession zur gemeinsamen Heimat weckte. Wenn diesem vergangenen, zum Teil brutal zerstörten Aiszauber heute ein Denkmal errichtet wird, muß man die Hoffnung aussprechen, daß es sich nicht um einen — Grabstein handelt, der Erinnerung an dauernd Totes geweiht... Dr. Hugo Spiegier.

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