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Die Wahrheit · 1932-06-10 · Heft 24 (10.6.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 24 (10.6.1932)
Date
1932-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e Die UUrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der ErsAeint jeden Freitag Israelitischen Kulttisgemeinde Wien imiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiw in m n"! ii hu m Iii LUTiiuidiui Wir' «ribii ukiu nwi i mnu 1111 mnun i immm Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — F ostspark asser konto Wien: A 100.918 XLV11I. Jahrgang Wien, 10. Juni 1932 Nummer 24 Israel, wie Gott, einzig und ewig. (Eth H. heemarto hajaum) „Dem Ewigen hast du heute dich verlobt, daß er dir Gott sei" (w'H. heemirecho hajaum...) „und Gott hat auch dich heute erkoren, daß du ihm ein teures Eigentum bleibest" (5. Mose 26, 17, 18). Das ist in knappen Worten Sinn, Inhalt und Bedeutung jenes heiligen Bündnisses, das Gott, der Herr, und das am Fuße des flammenden Sinai versammelte Volk inmitten der Pracht eines erblühenden Frühlings und unter dem Stürmen und Toben aufgepeitschter Naturgewalten miteinander für die Ewigkeit geschlossen haben und dessen Erinnern in unserem Geiste das Fest erneuern will, das wir heute begehen. „Bejaum chathunothau (Hohesl. 3, 11) seh Sinai", sagt der Midrasch. „Es war ein heiliges Vermählungsfest, da Gott und Israel ewige Liebe und Treue einander zuschwuren." Unsere alten Schriften haben ein sinniges und zärtliches Liebesgeständnis aufbewahrt, ein Zwiegespräch von dichterischer Kühnheit, von einer ergreifenden Poesie zwischen Gott und Israel an dem Bündnistage. Israel ruft begeistert: „Wer gleicht dir unter den Mächtigen, Herr, prangend in Heiligkeit?" (2. Mose 15, 11). („Weruach hakaudesch aumereth") Da ertönt die Stimme der göttlichen Majestät und spricht: „Heil dir, Israel! Wer ist dir gleich?" (5. Mose 33, 2°). — Israel jubelt: „Höre, Israel, der Ewige, dein Gott, ist einzig" und die göttliche Stimme antwortet: „Israel, du bist ein unvergleichlich, einzig Volk auf Erden" (2. Sam. 7. 23). — Israel singt: „Wie der Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so mein Trauter" (Hl. 2, 3) und die Gottesstimme erwidert: „Gleich der Rose unter den Dornen, so meine Traute" (HI. 2, a). Israel frohlockt: „Du bist die Zierde aller Macht" (Psalm 89, 18). Und die Gottesstimme erklingt darauf: „Du bist es, Israel, an dem ich mich verherrliche" (Jes. 49, 3). Der tiefe Gedanke aber, den; der alte Agadist in diese poetische Form hat kleiden wollen, besagt: wie Gott einzig und ewig ist, so ist auch Israel, der Träger und Bewahrer des monotheistischen Vermächtnisses, der Prophet und Zeuge des einzigen Gottes, eine besondere, einzigartige Individualität, unvergleichbar allen anderen Völkern. Was der uralte Dichter mit seiner kühnen Phantasie in schwärmendem Ausdruck verkündet hat, das hat die spätere Geschichte bestätigt — als flammende und strahlende Wahrheit für alle Zeiten. Einzig ist Gott in den Himmeln, einzig ist Israel auf Erden. Nur eine Volksgemeinschaft gibt es, die seit dem Anfang ihres Daseins bis auf den heutigen Tag durch ein Prinzip vereint und zusammengehalten wurde. Nur eine Volksgemeinschaft, die getragen vom höchsten Idealismus für dieses ihr Prinzip zu aTen Zeiten Gut und Blut geopfert hat. Nur eine Volksgemeinschaft, die m den Wanderungen durch die Wüste, in allen Stürmen und Bedrängnissen ihres Erlebens stets die leuchtende Wolke! erblickte, der sie zu folgen hatte und der sie folgte, nur eine, die an ihrer Mission nicht Eine Schowuausrede. verzweifelte zu Zeiten, da die Erde sich rötete von dem Blute ihrer Söhne und der Himmel von dem Brande ihrer Wohnstätten. Das ist die uralte Volksgemeinschaft, zu der wir gehören, deren intuitiver Anschauung am Sinai dde Gottheit sich für alle Zeiten offenbart hat. Zu einer Zeit, in der die trostloseste und unhaltbarste aller philosophischen Theorien, da der Materialismus sein unseliges Szepter über die Geister und Herzen schwingt, wo sein schleichendes Gift verheerend die ethischen Ideale der Menschheit zerstört, da tönt so oft selbst aus unserer Mitte der Ruf: weshalb sind wir Juden, weshalb bleiben wir Juden? Weshalb sollen wir die schwere Fessel tragen, die unsere Vorväter uns geschmiedet, weshalb sollen wir, verfolgt von dem Vorurteü und gemieden durch die Mißgust, die schnell vergehenden Tage des kurzen Erdendaseins in Kummer und getrübter Freude verbringen? Weshalb sollen wir nicht, wie andere, freier atmen des Himmels Luft, inniger hängen an diesem schönen Planeten in dem beseeligenden Bewußtsein, nicht angefeindet, sondern geachtet zu werden von den Menschen, die auf dieser Erde leben und lieben und leiden? Oder bleiben wir deshalb Juden, weil unser Herz, unser Innerstes sich empört gegen die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit und Grausamkeit, mit der von Geschlecht zu Geschlecht unsere Vorfahren von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt den wilden Tieren gleich gehetzt wurden, ohne Mitleid, ohne Barmherzigkeit und Gnade, und das alles, weil unsere Väter dem am Sinai geschlossenen Bündnis Treue bewahren? Und droht uns selbst nicht eine Zukunft, für die uns die Zeit, in der wir leben, das Schlimmste befürchten läßt? Nein, sondern darum sind und bleibem wir Juden, weil die innere Wahrheit der Lehre Israels, sowie sein überwältigendes historisches Zeugnis mit solcher Gewalt zu unserem Verstände und unserem Herzen sprechen, daß, wenn die entsetzlichen Schrecken vergangener Zeiten sich heute wiederholten, wir heute noch ebenso, wie unsere Väter und Mütter, unser Gut und Blut hingeben müßten und würden für die Lehre, in der sich wie in den ewigen Gesetzen der Natur das Wesen und der Wille des lebendigen Gottes offenbart. Der gesunde Menschenverstand kann nun einmal nicht begreifen, daß diese schöne Erde, daß diese Myriaden von Welten, die, m dunkler Nacht leuchtend, schweigend über unseren Häuptern dahinziehen, daß die ungezählten Millionen leidender, fühlender Menschen mit ihrem Streben und Sehnen, mit ihrem Hoffen und ihrem Verlangen ein zufälliges Gemisch unbegreifbarer Atome sein sollen. Der Mensch geht in seinem Ursachenerforschungstriebe weit hinaus über die Erscheinung und fragt sich, was dieses ruhelose Dasein bedeute, weshalb er geboren ist, weshalb er schaffen und wirken, lieben und leiden soll, um dann, nach den schnell verrinnenden Tagen nie mehr zu empfinden, nicht mehr zu sein. Wir kommen aus unserer Religion nicht heraus, ohne entweder jeden Glauben aufzugeben odeT uns zu irgend einer anderen Religion zu bekennen, deren Lehren dem menschlichen Verstände widerstreiten, den Geist bevormunden, dem Denken unerträgliche Schranken ziehen und darum jeder fortschrittlichen Entwicklung ein Hemmnis werden. Aber die Worte, die vom Sinai tönten, sie tragen den Stempel ewiger Wahrheit, so daß ihr Echo widerhallen wird, so lange die Schwingungen der Luft die Harmonien des Weltalls von Stern zu Stern, von Sonne zu Sonne tragen. Am Fuße des Berges knien die Myriaden Israels, entflohene Sklaven aus Aegypten. Die Elemente sind im Aufruhr, durch den verdunkelten Tag zucken die Blitze, hallt der Donner und die Stimme des Schöpfers ertönt. Losgerissen von allen irdischen Banden, erbebend in allen Sinnen, ihre Vergänglichkeit in jedem Pulsschlag fühlend, vernimmt das Volk in diesem gewaltigsten Augenblick der Weltgeschichte plötzlich und mit elementarer Gewalt die Offenbarung: (Onauchi H. elauhecho) „Ich bin der Ewige, dein Gott." Das Prinzip, nach dem alle Philosophen vergeblich gestrebt, die Wahrheit, nach der alle Erkenntnis vergebens gesucht, sie erleuchtet mit diesem Wort das Volk, das sich der Ewige erwählt. Im ewigen Wandel der Erscheinungen, im ewigen Werden lebt ein Gott, der keine Veränderungen erleidet, der nie entstand und der nie vergeht — zeitlos, ewig. „So wahr ich, der Ewige, mich nicht geändert, seid ihr, die Söhne Jakobs, nicht geschwunden." (Ani H. lau schonithi...) Zeitlos, ewig sind wir, ist das Haus Jakob. Durchweht vom Hauche des Sinai, lebt in unserer ewig sich wandelnden Form die ewig beharrende Gottheit. Ihr Wesen ist Freiheit. Die erste Tat, das große Prinzip, das verkündet wurde, ist die Freiheit. (Ascher hauzethicho...) „Aus Aegypten habe ich euch erlöst, aus dem Hause der Knechtschaft." Gott, Unsterblichkeit und Freiheit, diese Ideen, die der große Königsberger Philosoph drei Jahrtausende später als die Postulate der praktischen Vernunft hinstellt, die zu erfassen die Grundbegriffe des menschlichen Erkenntnisvermögens nicht ausreichen, werden einem Sklavenvolk verkündet und stellen dieses Volk für alle Zeiten in die Vorderreihe der Nationen. Die naturgemäße Folge der menschlichen Freiheit ist die moralische Verantwortlichkeit — an ihrer Seite gehen in der Verkündunig das Mitleid und die Liebe. Von den Höhen des Olympos, so geht eine heidnische Sage, entwandte dem höchsten der Götter Prometheus das verzehrende Feuer und brachte es im hohlen Stabe der leidenden Menschheit. An einen Felsen gekettet büßte er dafür, zerfleischte ein Geier ihm täglich die Leber, aber sie wuchs in der Nacht, daß am Tage neu die Qual ihn verzehre. Aber am Ende vieler Tage erlegten des Herakles Pfeile den Geier und befreit

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