Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 Wien L, Seitenstettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XL, Zentraltriedhol, Ittll I« I. Iw, Tel. U 18-0-85 Gemeinde - ttkronik Vor der Gründung eines „Reichsverbandes deutscher Juden". In Frankfurt a. M. fanden dieser Tage unter dem Vorsitz des Kammergerichtsrates Leo Wolff vertrauliche Beratungen der Vertreter der einzelnen Landesverbände statt, die zur Schaffung des „Reichsverbandes der deutschen Juden" führen sollten. Die Tagung war von allen Ländesverbänden außerordentlich stark besucht, allseitig kam in den Verhandlungen der Wunsch zürn Ausdruck, die Beratungen nunmehr mit Beschleunigung einem Ende zuzuführen. Wie die JTA erfährt, fand über die Gestaltung und Zusammensetzung der Verbandsorgane des Reichsverbändes ein eingehender Meinungsaustausch statt, der nach langwierigen Beratungen eine Verständigung zwischen den Auffassungen der Vertreter des Prenßenverbandes und den der anderen Landesverbände, insbesondere der „Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Landesverbände" anbahnte. Auf Grund dieser Aussprache wird ein Entwurf ausgearbeitet, der in etwa vier Wochen in einer neuen Beratung erörtert werden soll. Im Präsidium des Reichsverbandes sollen zwei Rabbimer und zwei Lehrer "sitzen, ein Zweikammersystem soll eingeführt werden, wobei in der einen Kammer die Reichstagung entsprechend1 der Seelenzahl der einzelnen Verbände zusammengesetzt wird, während das zweite Organ derart beschaffen sein wird, daß eine Majorfeierung der anderen Verbände durch den Preußenverband ausgeschlossen ist. Es wird erwartet, daß nach dieser Beratung in aller Kürze die Gründung des Reichsverbandes vollzogen werden wird. Dr. James Simon gestorben. Am 25. v. M. starb in Berlin Dr. James Simon, der als Wirtschaftsführer, Kunstfreund und Philantrop weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt war. Dr. Simon gehörte zu den Begründern des Deutschen HilfsVereines und war sein langjähriger Vorsitzender, als welcher er große Reisen durch alle jüdischen Zentren der Welt unternahm. Er gehörte auch dem Engeren1 Komitee der JCA. an und arbeitete bei allen Kolonisationsplänen dieser Organisation tapfer mit. Bekannt ist, daß Dr. James Simon ein persönlicher Freund und Vertrauter vom früheren Kaiser Wilhelm II. war, wodurch er sich den Haß der radikalen rechten und den Hohn der radikalen linken Parteien zugezogen hat. Religiös vollkommen desitfteressiert, galt er doch immer noch wegen seiner großen tätigen Liebe zu seinen Glaubensbrüdern und zu Palästina als Mann von einiger jüdischer Einstellung. Um so mehr überrascht und enttäuscht es weite Kreise, daß er letztwillig auf eine jüdische Beerdigung verzichtet und die F e u e r b e s t a ttung für sich bestimmt hatte. Diese hat in aller Stilfa stattgefunden, so daß die Presse erst nach der Einäscherung vom Tode erfahren hat. Auszeichnung. Der hochverehrten Präsidentin der humanitären Vereine „Ferienheim" und „Seehospiz", Frau Sophie Grünfeld, wurde für jahrzehntelanges philanthropisches Wirken das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Oesterreich verliehen und kürzlich im Rahmen einer Feier der Kuratoren beider Vereine überreicht. Barmizwahfeier. Samstag, den 28. v. M., fand im Pazmanitentempel die Barmizwah des Hans Politzer, Sohn des in weitesten Kreisen bekannten und überaus geschätzten Ehepaares Siegfried und Ottilie Politzer, statt. Der schöne Tempel war überfüllt und Mitglieder der . besten jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaft hatten durch ihr Erscheinen bekundet, welch große Sympathie Herr und Frau Politzer allseits genießen. Unter anderen waren erschienen: Kultuspräsident Prof. Dr. A. Pick, Vizepräsident Dr. J. Ornstein, Börserat I. Glück, der Gesamtvorstand des Tempelvereines „Aeschel Awrohom" mit Obmann Oskar Schrämek an der Spitze, zahlreiche Vertreter der verschiedenen jüdischen Vereine, in denen Frau Bundesstaatlicher Fürsorgerat Ottilie Politzer unermüdlich mittätig ist, so der „Union", des Schutzdamenkomitees des Merores-Waisenhauses, des Vereines „Nächstenliebe" u. v. a. Ferner sah man hervorragende Angehörige der nichtjüdischen Gesellschaft und der Theaterwelt. Besonderes Aufsehen machte das Erscheinen der greisen Mutter des Altbundespräsidenten Hainisch, der verehrten Frau Marianne Hainisch, die in Begleitung von Frau Helene Granitsch gekommen war, um als Präsidentin der „Oesterreichischen Frauenpartei" ihrer treuen Mitarbeiterin Ottilie Politzer einen dankenswerten Beweis für die Hochschätzung zu liefern, deren sich Frau Politzer auch in dieser Vereinigung erfreut. Frau Marianne Hainisch wurde von Herren des Vorstandes des Tempelvereines auf den Ehrensitz auf der Damengalerie geleitet und brachte in Erwiderung auf die freudigen Worte der Begrüßung wiederholt zum Ausdrucke, daß sie nicht nur aus Sympathie für das Ehepaar Politzer, sondern auch aus Interesse für das Judentum gekommen sei, denn konfessionelle Unterschiede zu machen, liege ihr vollkommen ferne. — Die Feier selbst war sehr schön, Der Barmizwa rezitierte die Segenssprüche und die Haftorah mit viel Verständnis. Oberkantor J. L. M ü 11 e r sprach einen feierlichen Mischeberach. Rabbiner Dr. Z. Taubes richtete an Hans Politzer eine überaus geistreiche Ansprache, in der er, ausgehend von dem Gelübde, das der Barmizwa geleistet, ihn zum treuen Festhalten am Judentum ermahnte. Er werde damit, führte Dr. Taubes aus, die schöne Tradition seiner Familie fortsetzen und Vater und Mutter ehren. Dr. Taubes rühmte lobend die Tätigkeit dieser beiden wackeren Menschen, sowohl des Vaters, der ein geachteter Geschäftsmann ist, wie auch der Mutter, die wegen ihrer hingebungsvollen Tätigkeit auf humanitärem Gebiete bekannt und geschätzt ist. — Am Nachmittag vereinigte Freunde und Angehörige der Familie eine schöne Gratulationsjause Tm Hotel „Excelsior", bei welcher Gelegenheit in herzlichen Glückwunschreden der Herren Präsident Dr. J. Ornstein und Börserat I. Glück neuerlich die Sympathien für die Familie zum Ausdruck gebracht wurden. Der Israelitische Frauen-Wohltätigkeits-Vereln für Marianiff und Neubau vollendete kürzlich das 50. Jahr seines Bestandes. Die Vereinsleitung durfte aus diesem Anlasse mit Befriedigung und Genugtuung auf hervorragendstes Wirken auf dem Gebiete der Nächstenliebe zurückblicken. Die Leistungen des Vereines haben seit seiner Gründung eine stete Erweiterung eriahren und ist seine Fürsorgetätigkeit gegenwärtig unter der Leitung eines Kreises hochherziger Vorstandsdamen, an deren Spitze seit mehr als einem Jahrzehnt die hochverdiente, unermüdlich um ihre Schützlinge besorgte Präsidentin Frau Ida Wolf steht, trotz der Wirtschaftskreise eine außerordentlich ausgebreitete. Sie erstreckt sich auf monatliche Unterstützung alter Frauen. Gewährung von Kur- und Erholungsbeiträgen, vollständige Winterbekleidung armer Schulkinder, Ausstattungsbeiträge an arme Bräute. Kohlen- und Lebensmittelverteilungen und sonstige Unterstützungen verschiedener Art. In der am 24. Mai 1932 abgehaltenen Generalversammlung wurde dem Vereinsvxjrstand von den Vertretern der Wiener Kultusgemeinde, der weiblichen Fürsorge und zahlreicher anderer Institutionen Dank und Anerkennung für sein segensreiches Wirken mit besten Wünschen für ein weiteres Gedeihen ausgesprochen. Der israelitische Frauenverein Brigittenau bewirtete am Muttertag in einer reichlichen Jause 200 Frauen des Bezirkes, denen zunächst eine hübsche Akademie geboten wurde. Rabbiner Dr. B. Marmelstein hielt eine gedankenvolle Ansprache. Vorsteher Goldstein überreichte im Namen des Tenroelveremes eine Spende. Um das Gelingen der schönen Veranstaltung, durch die armen Müttern eine große Freude bereitet wurde, hatten sich die Damen der Vereinsleitung, allen voran Frau Präsidentin Olga Friedmann, sehr bemüht und so durfte auch die Feier als eine durchaus gelungene bezeichnet werden. „Tbeologla". Verein jüdischer Hochschüler an der israeHtisch-theofogischen Lehranstalt. In der am 23. d. M. stattgefundenen Generalversammlung wurden als Obmann Herr abs. theol. et phil. Josef Babad. als Obmannstellvertreter Herr cand. theol. et phil. Dawid Ochs wiedergewählt. Dem Ausschuß gehören ferner Blum. Birnbaum. Groß. Lewin. Scbeibb und Kurz an. Trauungen. Sonntag, den 5. d. M., findet um Yt2 Uhr nachmittags im Tempel der Adas. Jisroel, IL, Große Schiffgasse 8, die Trauung des Fräulein Stella Leitner, Tochter des Ehepaares Kultusvorsteher Kommerzialrat Moritz L e i t n e r und Frau, mit Herrn Alexander Steiner, Sohn der Frau Koloman Steiner statt — Dienstag, den 24. v. M.. fand im Seitenstetten- Tempel die Trauung des Fräulein Lilly Goldhammer mit Herrn Nechama Seror statt Die Braut ist als Beamtin in der Friedhofskanzlei der Kultusgemeinde (IV. Tor) tätig und deshalb waren auch zahlreiche Beamte der Gemeinde zu ihrer Trauung erschienen, wie auch vom Merores-Waisenhaus. in dem GROSSFLEISCHHAUEREI S1EGM, KORNMEHL wnm uc, bummas» nr. i» FILIALE XVUL, WAMUNOUISIIUUSa 9T Telephon Nr. A 17-3-99und A 184-34 Uaforant fflr Hallanstalt» AbteilungenftrKoscherfleisch ■ater Aafsleht 4mm mhrm. fUbbhtate* dmr top. KaltmflMMlBd» ■!•■> Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu des billigsten Marktpftüwn sie ihre Kindheit verbracht viele Zöglinge und Lehrpersonen, sowie Damen des Schutzdamenkomitees dieser Anstalt erschienen waren. Ferner sah man den Präsidenten der Gemeinde Prof. Dr. A. Pick und Kultusvorsteher Obermedizinalrat Dr. H. Haase. Schließlich bekundete eine Abordnung der „Jugend-Union" die Sympathien, deren sich die Braut als Mitglied dieser Vereinigung erfreut. Dem Bräutigam zu Ehren waren zahlreiche Mitglieder der türkisch-sephardischen Gemeinde mit dem Präsidium erschienen. An die vom Vizepräsidenten Dr. J. Ornstein zur Chuppah geleitete Braut und an den Bräutigam richtete Rabbiner Dr. J. M. Bach eine herzliche Ansprache, in der er den Wunsch zum Ausdruck brachte, daß ihr Heim ein echt jüdisches werden möge. Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor M. M a t y a s. Todesfall Mittwoch, den 25. v. M.. ist die Gattin des bekannten Wiener Großfleischhauers Wilhelm Petyan. Frau Josefine Petyan. auf tragische Weise plötzlich aus dem Leben geschieden. Frau Petyan, geb. S z i I a g y i, die erst im 46. Lebensjahre stand, war eine seelensgute Frau, der wohltätig zu sein, eine Herzenspflicht war. Kein Armer klopfte vergeblich an ihre Türe und ungezählte Male, wenn sie von früh bis in die Nacht hinein sich mühend im Geschäfte stand, teilte sie unentgeltlich an Bedürftige Fleisch aus. Keinen' jüdisch-humanitären Verein im 20. Bezirk gab es. dem sie nicht an leitender Stelle angehörte, aber auch darüber hinaus war sie immer hilfsbereit bei jedem jüdischen Unterstützungsverein zu finden, wo es nur galt, die große Not zu lindern. Kein Wunder, daß ihr plötzlicher Abgang einen unersetzlichen Verlust darstellt, der beim Leichenbegängnisse in den herzzreißenden Szenen der Aermsten der Armen, die in unabsehbarer Zahl der teuren Toten das letzte Geleite gaben, so klar zum Ausdrucke kam. Eine unausfüllbare Lücke hat der Tod in der Familie Petyan und Szilagyi zurückgelassen, ein mustergültiges jüdisches Familienleben wurde zerstört: sie war die treneste Gattin und vier Kinder. Theodor, Viktor. Itcinka und Erika, trauern um die allerbeste Mutter. Das Leichenbegängnis, bei dem Oberkantor S. L a n d e r e r die kantorale Funktion versah, wurde Freitag, den 27. v. M.. im Sinne der Verstorbenen in aller Einfachheit abgehalten. Möge es den von dem schweren Schicksalsschlage betroffenen Familienangehörigen zum Tröste gereichen, daß Frau Josefine Petyan nicht nur in ihrem Herzen, sondern aueb in den Herzen der Aermsten der Armen und der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit fortleben wird. E. H. 60. Geburtstag. Am 22. v. M. feierte der in weiten Kreisen bestens bekannte und geschätzte Herr Ignaz Engel, Obmannstellvertreter der Bezirksorganisation XVI/XVII der „Union österreichischer Juden" und Vorstandsmitglied des Vereines zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder für den XVI. und XVII. Bezirk, seinen 60. Geburtstag, aus welchem Anlasse dem Jubilar viele Ehrungen zuteil wurden. Freunde und Anhänger des Jubilars veranstalteten im Cafe Nizza eine Gratulationsfeier, bei welcher der. Vizepräsident des Ausspeisungsvereines Herr Dr. Felix Reik eine sehr schwungvolle und mit großem Beifall aufgenommene Festrede hielt. Goldene Hochzeit Dienstag, den 7. d. M. feiern die Eheleute Adolf Braunfeld, gewesener Oberkantor und Sekretär der Isr. Gemeinde Holleschau, und Therese, geb. Goldstein, das Fest der goldenen Hochzeit in körperlicher und geistiger Frische im Kreise ihrer Kinder und Kindeskinder. Prag. Am 2. Mai gab der bekannte Prager Bariton Ferdinand Jura, Oberkantor des Tempels in der Dusni, im Mozarteum ein Konzert. Er sang, begleitet von Fr. Langer, bekannte Lieder von Schubert und Loewe, weiters Lieder von Hans Hermann, V. J. Novotny. A. Greöaninov, und schließlich Arien von Verdi und Rossini. Jura erfreute seine Anhänger mit den in Prag wohlbekannten Qualitäten seiner Gesangskunst, einer prachtvollen, warmen und mühelos gehorchenden Stimme und einem musikalischen Vortrag, der sich ohne jede Uebertreibung von allen Mätzchen und Unarten streng zurückhält Er erntete reichen Beifall. äfcfejftosten. Rund am die Affäre Popper sind uns von verschiedensten Seiten anonyme Zuschriften, darunter eines Herrn, der sich mit der Notlage der Absolventen des Religionslehrersminars beschäftigt, zugekommen. Wir lehnen es grundsätzlich ab, Einsendungen von Leuten zu veröffentlichen, die nicht den Mut besitzen, für ihre Ansicht mit vollem Namen einzustehen, oder die glauben, ihre Namen verschweigen zu müssen.