Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT S«U* 3 isdiias, Rheuma, Gldif Htägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Kohlensäurebäder, Diathermie Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8-6 Uhr Heilanstalt „Thermla" L, Franz Joseiskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer und jedesmal ihm über die Finger geklopft, sobald er diesen Knebel herausziehen wollte. Die Zeitung „Unser Zeit" erklärt, daß solche Torturen und inquisitorischen Terrorakte gegen Juden in Bessarabien nicht vereinzelt sind. Fast täglich erhält die Zeitung Briefe mit Schilderungen haarsträubendster Torturen, denen jüdische junge Leute und ältere Juden, auch wenn sie niemals etwas mit Kommunismus zu tun gehabt haben, ausgesetzt sind. Die Zeitung richtet an die Regierung die Frage, ob dem Schutz des Staates gegen Kommunismus damit gedient sei, wenn man die unschuldige jüdische Bevölkerung dem frevelhaften Sadismus perverser und betrunkener Beamter aussetzt, von denen jeder in seinem Bereich als ein kleiner Despot herrscht. Die Torturen werden angewendet, ohne daß auch nur der Versuch gemacht wird, festzustellen, ob die gegen die Opfer erhobene Beschuldigung, daß sie Kommunisten seien, irgendeine Grundlage hat. Wir können, schließt die Zeitung ihren Leitartikel, nicht schweigend die Fortdauer solch furchtbarer Terror- und Torturakte zusehen. Diese fürchterlichen Tatsachen werden durch keine noch so klug erdachten Regierungsdementis aus der Welt geschafft werden wird. Die Judengesetzgebung der Kaiserin Maria Theresia und das Toleranzpatent Kaiser Josef IL Festrede des Präsidenten Dr. Jakob Ornsteih. (Fortsetzung.) Den Gipfelpunkt dieses Strebens, die Ueberzeugung von der fälschlich behaupteten Schädlichkeit der Juden, durch welche das Gefühl der Verachtung gegen diese Schädlinge des Volkswohles und die Abneigung gegen dieselben immer mehr gesteigert wurde, im Volke stets rege zu erhalten, hat die Kaiserin selbst durch ihre eigenhändig geschriebene Resolution vom 14. Juni 1777 erklommen. In dieser Resolution gibt sie ihrem leidenschaftlichen Hasse gegen das Judentum ungezügelten Ausdruck. Sie verlangte, wie bereits in 1. a. ausgeführt wurde, daß kein Jude ohne ihre schriftliche Erlaubnis in Wien Aufenthalt nehmen dürfe, „die Juden seien, soviel sein kann, von hier abzuhalten und zu vermindern". Und gewissermaßen zur Begründung dieses so harten Auftrages beschimpft sie ihre, gegen jede noch so schmachvolle Beleidigung insbesondere von höchster Stelle wehrlosen jüdischen Untertanen mit den folgenden Worten dieser Resolution. „Ich kenne keine ärgere Pest von statt als diese Nation, wegen Betrug, Wucher und Geldvertragen Leut in Bettelstab zu bringen, all üble Handlungen ausüben, die ein anderer, ehrlicher Mann verabscheut" Dieses Urteil fällt dieselbe Kaiserin, die wissen mußte, weil es ihr von ihren Ratgebern wiederholt gesagt wurde, daß die jüdischen Bewohner Wiens zum größten Teile hart mit des Lebens Notdurft kämpfen; so heißt es z. B. in dem durch ihre Resolution erledigten Staatsratsgutachten vom 24. August 1764, „denn die mehriste derend seien arm"; die Kaiserin mußte auch wissen, daß es ihre eigenen Gesetze und Verordnungen waren, welche dem größten Teile der Juden den Aufstieg aus der Armut zu einem besseren Lebensstandard verwehrten (s. P. 5., Vortrag der Hofkanzlei vom 7. September 1788) und sie die in dem vorhin erwähnten Gutachten den Ausspruch las; mit Betteljuden ist dem Staate nicht gedient, sollte sie wirklich glauben, daß diese Betteljuden durch Betrug, Wucher und Geldvertragung Leute in den Bettelstand bringen? Sie selbst schrieb doch den Juden eine höhere Funktion im wirtschaftlichen Leben ihres Reiches zu; sie verhielt die Juden insbesonders zur Anlegung von Fabriken; sie hielt sie also für eine höhere Form des Wirtschaftsbetriebes geeignet. Auch ihre Ratgeber waren über den wirtschaftlichen Nutzen der Juden für das Staatsganze anderer Ansicht; die Hofkanzlei beantragte in ihrem Vortrage vom 22. November 1776, daß allen Juden, „die einen bedeutenden Handel leiteten, im Interesse des Handels gestattet sein möge, nach Wien zu kommen; ja, sie sollten sogar von der Leibmaut befreit, und ihnen erlaubt sein, nach Belieben zu essen und zu wohnen". Dieser Vortrag übte nur eine geringe Wirkung auf die Kaiserin; denn sie gewährte diese Vergünstigung nur den gezeigtermaßen (P. 5 b.) von ihren übrigen Glaubensgenossen bevorzugten Triester Juden; aber im übrigen vermochte diese Anerkennung der Handelstätigkeit der Juden ihre Anschauung nicht zu ändern; sie fand in ihrer hier behandelten Resolution ihren ungeschminkten Ausdruck. Die Juden aber haben keine Ursache, sich ihrer so schwer unter ungerechtem Drucke leidenden Vorfahren zu schämen. Die Resolution der Kaiserin wurde nach mehr als 150 Jahren von den erbitterten Judenfeinden, den österreichischen Nationalsozialisten, als Beweisdokument in ihre judenfeindlichen Hetzschriften aufgenommen, sie haben aber der Kaiserin keinen guten Dienst erwiesen, denn gerade diese Aufnahme charakterisiert die kaiserliche Resolution als ein haßatmendes Pamphlet einer Judenfeindin. Die Rechtlosigkeit der Juden auf allen Gebieten der menschlichen Betätigung, und insbesondere die andauernde ungünstige Beeinflussung der öffentlichen Meinung, mußte selbstverständlich auch auf die Behandlung der Juden durch die andersgläubige Bevölkerung von Wirkung sein. Die Kaiserin hatte selbst in der Einleitung zur Judenordnung von 1753 die Besorgnis ausgesprochen, daß ihre Kundmachung vielleicht bei dem letzten Pöbel eine unanständige Lebhaftigkeit wider die Judenschaft verursachen dürfte (s. Einleitung). Einen Beweis einer solchen Lebhaftigkeit bietet ein Dekret der Niederösterreichischen Regierung an den Wiener Magistrat vom 1. August 1755, „es kommt vor, daß in den Vorstädten, sonderbar in der Rossau und weiteren dortigen Gründen bis in Lichtenthall oder auch sonsten auf denen Gassen gehende Juden von denen ausgelassenen und mutwilligen Purschen mittels schimpflichem Anschreien und verschiedentlichen anderen Imperdinenzen angefochten werden". Es muß dankbar anerkannt werden, daß die Regierung solche Exzesse nicht dulden wollte, daß sie vielmehr den „Puben und Gesellen, welche sich solchen Anschreiens- und sonstigen spätlichen Antastungen" schuldig machen, Zuchthausstrafe, ja, nach Lage der Umstand sogar noch eine .^chartere" Strafe androhte, auch die Meister, welche diesen Mutwillen duldeten, sollten in schwerste Verantwortung gezogen werden. (Fortsetzung iolgt) Veröffentticffungen der „Union" Die Angelegenheit der Bad Gasteiner Kurkapelle hat auf Grund der Veröffentlichungen in den verschiedenen Blätter, insbesondere in unserem Organe, weite Kreise gezögen. Von nah und fern kamen Anfragen jüdischer Persönlichkeiten, die bisher seit vielen Jahren Bad Gastein besuchten und nun angesichts der Haltung der dortigen Kurkommission dem Kurorte fernbleiben wollen. Im Sekretariate der „Union österreichischer Juden" und in der Redaktion der „Wahrheit" langten in den letzten Tagen mit jeder Post solche Zuschriften, auch aus dem Auslande, insbesondere aus Deutschland ein; darunter befand sich auch ein Schreiben des „Central-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens",, der mehr als 300.000 deutsche Juden bei der Wahrung und Durchsetzung ihrer staatsbürgerlichen Rechte vertritt, an die Kurverwaltung Bad Gastein. Das große Interesse, das die leidige Angelegenheit in jüdischen Kreisen auslöste, wie auch das Bewußtsein ihrer Pflicht, unseren jüdischen Mitbürgern Rechtsschutz angedeihen zu lassen, veranlaßte die „Union öster- Lebensversicherungs - Gesellschaft PHÖNIX" I » Gegründet 1882 Gegründet 1882 Versicherungsbestand per Ende 1931 .... 2800 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahme im Jahre 1930 150 Millionen Schilling Garantiemittel per Ende 1930 .... 378 Millionen Schilling Auszahlung an die Versicherten im Jahre 1930 . . . 35>5 Millionen Schilling Filialen in allen Bezirken Wiens sowie in den Landeshauptstädten und allen größeren Städten Oesterreichs. Tätigkeitsgebiet außerhalb Oesterreichs: Deutsches Reich, Tschechoslowakische Republik, Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn. Polen. Jugoslawien, Bulgarien. Griechenland. Rumänien, Palästina. Syrien. Türkei, Aegypten. Broftaid BräberaissrJiaütJiiiii «ärmere! eknsi secimeb Gründan gsjahr 1830 XL, Simmerlnger Hanptstrafte Nr. 381 III. Tor, Zentralfriedhof, Haltestelle der Elektrischen 71 Telephon U 14-2-61 Unter Bernfang auf „Die Wahrheit" 10*/. Rabalt reichischer Juden", sich an die Kurkommission Bad Gastein mit der Anfrage zu wenden, wie weit der in den Blättern bekanntgegebene Sachverhalt auf Richtigkeit beruht. Mit einer ganz bezeichnenden Promptheit wurde dieses Schreiben von der Kurkommission wie folgt beantwortet: Die gefertigte Kurkommission beehrt sich, in sofortiger Beantwortung Ihres Schreibens mitzuteilen, daß es wohl selbstverständlich ist. daß einer Verwaltungsbehörde eines so hervorragenden Bades, wie dies Badgastein ist. vollkommen ferne liegt, irgendwie, sei es aus rassischen oder konfessionellen Gründen, jemand nahe zu treten, und so auch nicht in dem angezogenen Falle. Das Orchester für den Sommer 1932 mußte aus Ersparungsgründen um acht Mann verringert werden. Daß darunter auch drei Mitglieder waren, die Israeliten sind, ist Zufall, nicht Absicht... Die Kurkommission und Gemeinde Badgastein war und ist immer der Ansicht, daß das von ihr verwaltete Heilmittel ein Geschenk Gottes ist. das der leidenden Menschheit ohne Unterschied zu dienen hat. Für die Kurkommission Badgastein: Der Bürgermeister als Vorsitzender: Mühlberger. Der Kurdirektor: Polt. Nach den von uns zuständigen Orts angestellten Erhebungen ist die Darstellung der Kurkommission, wonach das Orchester aus Ersparungsgründen von 32 auf 24 Mann herabgesetzt wurde, richtig. Die Informationen, die wir jedoch in Musikerkreisen über die Art der Restringierung des Orchesters erhalten haben, beweisen uns, daß dennoch bei der Auswahl des neuen Orchesters eine gewisse Tendenz vorherrschte, die mit „Ersparungsgründen" nicht zu rechtfertigen ist. Uns wird nämlich aus vertrauenswürdiger Quelle berichtet, daß in der Liste, die der Kapellmeister des Orchesters auf Grund der Ersparungswünsche der Kurkommission derselben vorgelegt hat, zwei jüdische Solo-Musiker enthalten waren, die bereits seit vielen! Jahren in der Kapelle zur vollsten Zufriedenheit mitwirkten. Diese beiden Musiker, die Instrumente spielen, die für die Harmonie des Orchesters notwendig sind, wurden von der Kommission abgelehnt und durch „arische" Kollegen ersetzt, von denen einer sogar erst neu aufgenommen werden mußte. Der Sachverhalt ist also nach unseren Informationen folgender: Es wurde wohl gespart, allein lediglich im Falle der beiden Juden machte die Kurkommissian von ihrem ausbedungenen Ablehnungsrechte Gebrauch; Facit: Das Orchester ist judenrein. Es klingt also recht unwahrscheinlich, daß so gar keine Absicht vorgeherrscht hat, vielmehr muß das Vorgehen der Bad Gasteiner Kurkommission zu Schlüssen führen, die wahrlich nicht geeignet sind, die unleugbare Anziehungskraft des Bades Gastein zu verstärken. Wenn man die Haltung der Kurkommission gegenüber den jüdischen Musikern in Betracht zieht, dann versteht man erst, warum sie sich ein Auswahl- und Ablehnungsrecht im neuen Vertrage mit dem Leiter des Orchesters vorbehalten hatte. Man merkt die Absicht — und wird verstimmt. Daß die Kurverwaltung die Auswirkungen dieser Verstimmung unter den jüdischen Kurgästen im Interesse ihrer Kassa fürchtet, zeigt ihre obzitierte Zuschrift, die nach bewährtem Muster die währen Absichten aus pekuniären Erwägungen verhüllt. Wie sagt der Jude Heine? Ein guter Franzmann mag keinen Deutschen lefden, doch seine — Weine trinkt er gern. Die „Union" wird die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Ueberllüsslgkeiten. Die „Judengasse" ist seit einer Woche in aller Mund. Seitdem sich die Hakenkreuzler am vorigen Dienstag dort blutige Köpfe geholt haben, spricht man von ihr mit den lautesten Tönen der Begeisterung. Das Verhalten der Juden in der viel verlästerten Gasse berechtigt auch zur Anerkennung. Sie haben sich den Ueberfall der wütenden Hakenkreuzler-Meute nicht gefallen lassen und in berechtigter Notwehr zu Maßnahmen gegriffen, an die die Nazis bei den „feigen Juden" wohl nie dachten. Damit schien der Fall erledigt und die