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Die Wahrheit · 1932-06-03 · Heft 23 (3.6.1932) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 23 (3.6.1932)
Date
1932-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Lage und läßt es zu keinen weiteren Zusammenstößen kommen, aber die Stimmung unter Arabern und Juden ist weiter gespannt. Die Jüdische Gern einde von Aden hat sich an die englische Regierung und an die Regierung in Indien, deren Verwaltungsbereich Aden zugehört, um Hilfe gewandt, da sich*die Araber zu weiteren Angriffen gegen die Juden rüsten. Die englische Regierung ersuchte den Vizekönig in Delhi, sofort über die Lage zu berichten und ungesäumt die notwendigen Schritte zur Wiederherstellung der Ruhe zu ergreifen. * Aden besitzt eine sehr alte jüdische Gemeinde. Schon im Jahre 360 n. Chr. sollen Juden in der Stadt gelebt haben. Im British Museum befinden sich vier Grabsteine vom alten jüdischen Friedhof aus dem Jahre 1317. Als Jakob Saphir im Jahre 1860 Aden besuchte, fand er dort 250 Familien arabischer Juden und 300 Angehörige der „Beni Israel", d. h. schwarze Juden aus Bombay, vor. Im Jahre 1921 wohnten in Aden 3747 fast ausschließlich arabische Juden. Die Zahl der Beni Israel hatte schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts beträchtlich abgenommen. Die Juden Adens betätigen sich als Kaufleute, Mattenflechter, Blattbinder, Maurer, Buchbinder, Goldschmiede, Geldwechsler, Marketender und Lastträger. Die jüdische Gemeinde in Adeln) unterhält eine dauernde Verbindung mit den Juden des Yemen, sie besitzt vier Synagogen, ein Hospital und einige Schulen. YODNEflflE FAMILIEN - PENSION mmm** Cilrf *«£•}<--' .* /, •-•'.V w —■ ' —■ iiilüiti iiuiiiiMyi Die Aussprache über Antisemitismus im deutschen Rundfunk. Im Rahmen der Vortragsreihe „Gedanken zur Zeit" sandte die Deutsche Welle (KönigsWusterhausen) am 24. Mai ein Zwiegespräch „Antisemitismus", das vom Direktor des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Ludwig Holländer (Berlin), und dem Herausgeber der Zeitschrift „Deutsches Volkstum", Dr. Wilhelm Stapel (Hamburg), geführt wurde. Der Veranstaltung wurde im Zusammenhang mit dem Zwiegespräch „Antisemitismus" zwischen dem Schriftsteller von Oppeln-Bronikowski und Major a. D. Borck, das Ende vorigen Monats stattfand, allgemeines Interesse entgegengebracht. Damals hatte bekanntlich Borck eine Reihe von Verdächtigungen und Verleumdungen, schließlich auch Drohungen gegen die Juden ausgesprochen, ohne daß Oppeln-Bronikowski, der Nichtjude ist, in der Lage war, denselben mit dem nötigen geistigen Rüstzeug entgegenzutreten und sie restlos zu widerlegen. Es war der Wunsch laut geworden, daß einmal eine solche Aussprache zwischen einer jüdischen Persönlichkeit und einem auf geistige Argumente nicht verzichtenden Führer der antisemitischen Front ermöglicht werde. Diesem Wunsche hat die Leitung der Deutschen Welle, die selbst die Zügellosigkeit des Herrn Borck tief bedauert hat, stattgegeben. Dr. Stapel, der in der letzten Zeit von seiner ursprünglich geistigen Richtung abgewichen war und sich sogar dazu verstiegen hatte, Roheiten der Nationalsozialisten gefühlsmäßig zu rechtfertigen, kehrte in seiner Auseinandersetzung mit Dr. Holländer zu einer mehr abwägenden Haltung zurück. Er entwickeilte seine Anschauung vom Ursprung des Antisemitismus. Das jüdische Volk, so legte er dar, stehe nicht beziehungslos in der deutschen Lebensgemeinschaft, sondern nehme ideell und praktisch lebendigen Anteil an der Gestaltung der deutschen Dinge. Aus den notwendigen Grenzüberschreitungen, die damit gegeben seien, entstehe der Antisemitismus als eine Abwehr. Der Jude denke und handle aus seiner jüdischen Ethik, die durch die Struktur des jüdischen Volkes bedingt sei. Da das Judentum über viele Völker zerstreut lebt, bildeten sich Querverbindungen, die wie eine gemeinsame Front wirkten. Die jüdischen Werturteile erschienen in vielen Dingen unvereinbar mit deutschen Werturteilen. Wir sehen in dieser Fremdheit, sagte Stapel, einen gegen uns gerichteten Antigermanismus. Dieser hänge nicht .vom Willen einzelner Juden ab, sondern sei naturbedingt, da jedes Individuum durch sein Volkstum prädisponiert sei. Insbesondere über die Auffassung der Würde gingen die Urteile der Völker erheblich auseinander. Dr. Holländer erklärte die Angriffe gegen die Juden aus starken Fehlurteilen, die im wesentlichen von dem Gesichtspunkte ausgehen, daß viele Menschen alles, was sie als schlecht und minderwertig empfinden, einfach mit dem Worte „jüdisch" bezeichnen. In Wirklichkeit seien die Juden auf Grund geschichtlichen, II kulturellen und politischen Zusammenwirkens mit dem deutschen Volke zusammengewachsen, das keineswegs in seinen einzelnen Teilen gleicher Abstammung sei. Insolgedessen könnten sie Grenzen, die gar nicht vorhanden wären, nicht überschreiten. Die Juden hätten die Pflicht und das Recht, zu den Fragen der Gegenwart Stellung zu nehmen. Gewiß gebe es auch Juden, täglich 5-Uhr-Tee ISEMMER1NG TELEPHON 11 iHochstraße 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser M in jedem Zimmer. U AMkaalt: Wien TeiepMn n 2I-S-24. M Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer M die nicht immer mit der nötigen Zurückhaltung und der nötigen Ehrfurcht vor Gewordenem die Erscheinungen des Lebens auffaßten und beurteilten. Solche Menschen gebe es aber in allen Bevölkerungsschichten. Querverbindungen seien keineswegs mit der Möglichkeit und der Wahrscheinlichkeit einer landesverräterischen Gesinnung verbunden. Die größten; Patrioten in der Weltgeschichte stammten aus Querverbindungen und hätten für ihr Vaterland Entscheidendes geleistet. Was Würde sei, könne nicht blut- und abstammungsgemäß bestimmt werden, sondern ergebe sich aus der Gesamthaltung und Stimmung der tragenden Schichten eines Volkstums. Das deutsche Volkstum liege im Gemüte und nichtim Geblüte. Neue antijüdische Kampagne in Polen. Lemberg. Die Lemberger Polizei verhaftete mehrere antisemitische Studenten, die sich an dem Ueberfall auf den Professor am Lemberger Polytechnikum und früheren polnischen Ministerpräsidenten Bartel beteiligt haben. Prof. Bartel wurde bekanntlich mit faulen Eiern bombardiert, weil er sieh des jüdischen Studenten Bauer, des einzigen Juden an der dem Polytechnikum angegliederten Forstakademie, den die Antisemiten aus dem Territorium der Akademie fortgewiesen haben, angenommen hat. Der Senat des Poly-technikums hat Prof. Bartel sein Mitgefühl ausgedrückt. Bartel selbst erklärte in einer Ansprache im Senat, er werde sich durch noch so verwerfliche Taten der außer Rand und Band geratenen Studenten nicht davon zurückhalten lassen, für Moral und Recht im Universitätsleben einzutreten. Prof. Bartel gingen von verschiedenen Institutionen und Persönlichkeiten aus Lemberg und Warschau Sympathiekundgebungen zu. Warschau. Die Ereignisse in Lemberg haben nun auf Warschau übergegriffen. Die, nationaldemokratischen Studenten der Warschauer Universität und die antijüdischen Boykottorganisation „Grünes Band" verbreiteten in Massenexemplaren einen Aufruf, der mit den Worten schloß: „Laßt Euch nicht von den Juden-Kommunisten provozieren, die das Land in ein Chaos stürzen wollen!" Der Senat der Universität hat in Befürchtung von Unruhen Legitimationszwang auf dem Boden der Universität eingeführt. Die jüdischen Studenten vermeiden es aus Vorsicht, das Universitätsgebäude zu betreten. Die an die Universität grenzenden Straßen sind polizeilich stark besetzt. Dennoch konnten sich am 25. Mai 250 nationaldemokratische Studenten zu einem Zuge sammeln, der unter Ausrufung antijüdischer Parolen durch die Straßen zog. Die Polizei jagte die Demonstranten mit Hilfe von Wasserspritzen (Wien zur Nachahmung empfohlen! Die Red.) auseinander. Den nationaldemokratischen Studenten gelang es schließlich, die Universitätswache zu überwältigen und vor dem Haupteingang zur Universität eine Versammlung abzuhalten. Die Redner hielten vom Portal der Universität aus Hetzreden gegen die Regierung und die Juden. Sie forderten die Austreibung führenalle Züge jüdischen der Juden aus allen Universitäten und Hochschulen Polens. Unterdessen waren die Professoren in ihren Kabinetten und Lesesälen eingesperrt und durften diese nicht verlassen. Hernach formierte sich ein Zug von 2000 Studenten, der unter judenfeindlichen Rufen durch die Straßen zog. Polizei zu Fuß und zu Pferde umsäumte den Zug und ließ es nicht zu Ausschreitungen kommen. Sie hatte alle zum jüdischen Viertel den Straßen besetzt und löste auf, die sich nach der Richtung des Viertels bewegten. Pomerellen. In Weiherowo (Pomerellen) drangen Anhänger des Nationalistenführers General Ha 11 er in die Greinske-Gasse, wo Juden aus Kongreßpolen Geschäfte eröffnet hatten, ein, schrien „Nieder mit den Juden, die an der Arbeitslosigkeit schuld sind!", raubten den Laden von Moses Izkowicz vollkommen aus und plünderten auch die übrigen jüdischen Läden. Izkowicz und einige andere jüdische Geschäftsinhaber wurden schwer mißhandelt und verletzt. Die Polizei traf zwei Stunden zu spät an Ort und Stelle ein. Die geschädigten jüdischen Kaufleute wandten sich an die Regierung in Warschau mit der Bitte, Maßnahmen zu treffen, daß die schuldigen Huligans zur Verantwortung gezogen und die geraubten Waren den Besitzern zurückgestellt werden. In der Petition heißt es, wenn solche Taten ungesühnt bleiben, werde nicht allein die Autorität der Regierung geschwächt, sondern auch der Name Polens im Ausl'ande herabgesetzt. Mitglieder und Freunde der „Union" der »jugend-Union'4 ==ggg=ggggg==gggggg———— treffen sich, wahrend der Sommermonate jeden Dienstag, ab x/t8Uhr abends, im reservierten Teil des Cafe-Restaurant „Zum braunen Hirsdien", II., Prater Hauptallee. Inquisition in Bessarabien. Die in Kischinew erscheinende jiddische Tageszeitung „Unser Zeit" teilt mit, daß in Jedinetzin der Nähe von Chotin in Bessarabien der Führer der dortigen Poale-Zionisteni Samson Braunstein von lokalen Beamten unter der Beschuldigung, daß er Kommunist sei, so lange gemartert wurde, bis er unter den Händen seiner Peiniger starb. Die Zeitung gibt eine genaue Schilderung des Inquisitionsaktes. Brei Gendarmen stellten sich auf die Brust des Unglücklichen und bearbeiteten ihn ununterbrochen, der vierte Gendarm schlug mit einem Stock auf die nackten Fußsohlen so lange, bis sich die Haut vom den Muskeln löste und Blut von den Füßen des unglücklichen Braunstein floß. Dann wurde ein Gemisch von Lehm und Salz hergestellt und auf die zerfleischten Fußsohlen gelegt und zuletzt die Füße in einen Kübel gesteckt, der mit Essig gefüllt war, damit er sich die Füße abwaschen kann. Damit Braunstein nicht schreien soll, wurde ihm ein Knebel in den Mund gesteckt

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