Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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beite 2 DIE WAHRHETI Seebad | Crikvenica äfften). das billigste und beste Seebad an der jugoslawischen Adria. Die orth. *W3 PCDSlOD JOSCl ML Engel befindet sich dieses Jahr direkt am Strand. 20 Schritte vom Wasser, im Zentrum. Pensionspreis Jnit Zimmer 75 Dinar. Prospekte gratis. Im Haus f 3& - n-fln *TBD__^ „Schutzhaft" genommen — offenbar, weil er es gewagt hatte, sich zur Wehr zu setzen . . . Diese Vorgänge zeigten noch einmal, daß man mit platonischen Versicherungen des Sicherheitsministers das Auskommen nicht findet und daß die Regier uiig-nur dann ihrer Aufgabe gerecht werden würde, wenn sie die gebotene Energie aufbringt, derartige Versuche im Keime zu ersticken. Schließlich ist es ein unmöglicher Zustand, wenn die Radauhelden immer zunächst , die Möglichkeit haben, sich auszutoben und erst dann die Sicherheitsorgane eingreifen. Noch einmal sei die Regierung gemahnt und gewarnt — nicht nur im Interesse der Juden. Aber nicht weniger müßten die Juden gewarnt und gemahnt werden, sich beizeiten umzusehen und für eine geschlossene Abwehrfront Sorge zu tragen. Die Gefahr ist sehr ernst geworden und kein Mensch weiß, was die nächsten Tage und Wochen bringen werden. Heute müßten alle innerjüdischen Divergenzen in den Hintergrund treten; heute gilt für die Juden die Parole: „Alle Mann an Bord!" «Airiha Causa Popper. Die Wiener Judenschaft hat seit einigen Tagen einen peinlich „interessanten" Gesprächsstoff. Wen immer man trifft, nach wenigen Worten, die gewöhnlich den schlechten Zeiten und den Hakenkreuzexzessen gelten, kommt das Gespräch auf die „Affäre Popper". Seit mehreren Wochen Gegenstand wildester Gerüchte, ist die Angelegenheit seit vorigem Dienstig, da ein Spät- Abendblatt die erste Meldung darüber brachte, durch die ihr folgenden Nachrichten der Tageszeitungen, die ebenfalls viele Entstellungen ent¬ Welten, sozusagen stadtbekannt geworden. Als „Die Wahrheit", die bekanntlich Mittwoch früh in Druck geht, am vorigen Freitag ohne eine Publikation über die leidige Angelegenheit erschien, Wörden der Redaktion unseres Blattes von verschiedenen Seiten Vorwürfe wegen dieses Stilisdhweigens gemacht. Die Leser, die von unserem Organe eine prompte Stellungnahme zu der Sache erwarteten, bedachten nicht, daß — abgesehen von den erwähnten technischen Schwierigkeiten — uns auch ein anderer Umstand zur Reserve zwang. Die „Affäre Popper" war uns natfirlidi, wie verschiedenen anderen Stellen und Personen, ver- .tranlich schon seit einiger Zeit bekannt. Wir wußten aber auch, daß im selben Momente, da — wie so oft in solchen Dingen — durch einen kleinlichen Zufall dem Kultuspräsidium die Verfehlungen des Materialverwalters zur Kenntnis gelangten, dasselbe eine Disziplinarkommission einsetzte, das in tage- und nächtelanger Unterjsuchung den Fall zu klären versuchte.*) Aus Gründen des Taktes haben wir — wie übrigens auch bis zur Vorwoche die anderen Wiener jüdischen Zeitungen — in dieses „schwebende Verfahren" nicht eingegriffen, wohl aber — leider vergeblich — getrachtet, eine öffentliche Pressedarstellung des Falles durch die Kultusgemeinde zu beschleunigen. Seit vorigen Freitag nun ist ein anderes „schwebendes Verfahren" eingetreten, das uns *) Hierzu wird uns von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien amtlich folgendes mitgeteilt: Für Montag, den 30. v. M.. war die Disziplinarverhandlung gegen den Materialverwalter Max Popper und die ihm zugeteilt gewesene Beamtin Lina Bernat vor dem Vertreter'kollegium der Israelitischen Kultusgemeinde Wien als Disziplinargericht anberaumt. Gemäß § 67 des Kultusgemeinde-Statutes ist der Beschuldigte berechtigt, in der Verhandlung zu erscheinen und alle zu seiner Verteidigung dienenden Umstände geltend zu mächen. Da jedoch dem Ansuchen des Kultusvorstandes um Vorführung des in landesgerichtlicher Haft befindlichen Materialverwalters Max Popper vom Untersuchungsrichter im derzeitigen Stadium der Untersuchung keine Folge gegeben werden könnte, mußte dem Antrage seines Verteidigers auf -Vertagung -der Verhandlung entsprochen werden. Die Durchführung der abgesonderten Verhandlung gegen die infolge bescheinigter "Erkrankung gleichfalls ferngebliebene Mitbeschuldigte Lina Bernat erschien derzeit nicht zweckmäßig, so daß auch diese Disziplinarverhandlung bis auf weiteres vertagt wurde. j LaurananeiAbbazia, j : m PENSION weiss ->m i ■ ' ■ Zimmer mit Balkons unmittelbar am Meer. Jj ■ Erstklassige Küche, Vollpen- S ■ sion pro Tag ab Lire 25 — J[ BHHBUMaHBMUMMMBSMBI!»■■■■■" neuerlich zum Stillschweigen zwingt. Das Strafverfahren gegen Max Popper ist eingeleitet und bekanntlich ist es einem öffentlichen Organe bei schweren Strafen verboten, in ein solches schwebendes Verfahren einzugreifen. „Die Wahrheit" könnte also nur die Meldungen der Tageszeitungen, denen gewöhnlich der Polizeibericht zugrunde lag, wiederholen, was angesichts des starken Interesses, das diese Nachrichten ohnehin gefunden haben, ziemlich überflüssig wäre. Konklusionen aus dem Falle können aber, so lange er nicht seinen prozessualen Abschluß gefunden hat, aus preßgesetzlichen Gründen nicht mit aller wünschenswerten Deutlichkeit gezogen werden. Im übrigen hören wir, daß beim Kultuspräsidium der Plan besteht, in allernächster Zeit eine allen Gemeindemitgliedern zugängliche Versammlung abzuhalten, in der über die leidige Affäre in aller Offenheit Bericht erstattet wird. Es wird sich also noch genügend Gelegenheit bieten, über die Affäre das zu sagen, was zu ihr zu sagen ist. Gewarnt aber muß schon heute vor den oberflächlichen Schlüssen werden, die jetzt „in der jüdischen Gass" aus ihr gezogen werden. Sicherlich, die Verfehlungen des betrügerischen Materialverwalters, die auf mehr als zehn Jahre zurückreichen, sind, insbesondere in manchen ihrer Details, einfach haarsträubend. Es ist unglaublich, daß ein Mann, der von der Kultusgemeinde ein so hohes Einkommen bezog und auch als Häuserverwalter ein schönes Nebeneinkommen besaß, sich solche Dinge hat zuschulden kommen lassen. Es ist unverständlich, daß diese Verfehlungen so viele Jahre möglich waren; hier steckt ein Organisationsfehler Im Verwaltungssystem der Kultusgemeinde, der mit aller Promptheit wird behoben werden müssen. Die Tatsache, daß in einem" Amt der Kultusgemeinde Betrügereien vorkamen, wiegt tfeuifteton Karlsbader Brief. . So und nicht anders hat der Herrgott die Menschen geschaffen: dem Berliner schmeckt während der Ferien sein „Brötchen" besser, wenn es „Semmel" heißt und von einem österreichischen Bäcker gebacken wurde; wohingegen es den Wiener hinauszieht in einen anderen Staat, in dem zwar die Bürger ebensogut ihre Geld- und Existenzsorgen haben wie er. was ihn aber Gott Sei Dank nichts angeht. Sie verstehen, daß diese Zeilen eine Entschuldigung sein sollen — und eine Bitte um Strafmilderung, falls vielleicht inzwischen auf das Baden im Ausland 2 bis 6 Jahre Kerker stehen sollten. Hiernach darf ich vielleicht auf den wichtigsten Gegenstand kommen, auf den alle „spannen", denen man vom Reisen spricht und der heißt: Geld. Zu jeder Reise gehört Geld; zum Reisen nach Karlsbad gehört tschechisches Geld: um dieses zu erlangen, begibt man sich zunächst zum Amtsarzt____ Allen Ernstes. Und gestatten Sie mir erst noch eine kleine Abschweifung. Vielleicht wundern Sie sich, daß ich der „Wahrheit", einer Zeitschrift für Angelegenheiten des Judentums, einen Karlsbader Brief schreibe; ich verspreche Ihnen, daß ein zweiter, über das jüdische Karlsbad, nachfolgen soll, wofür viel interessantes Material vorhanden ist Heute aber schreibe ich mit voller Ueberlegung nur von Karlsbad als Kurort; denn es ist ein weltbekanntes Geheimnis, daß die Krankheiten, für die Karlsbad angezeigt ist. wie Zuckerkrankheit Gallenleiden und — verzeihen Sie das harte Wortl — Fettsucht "(eine Krankheit wie die Liebe, nämlich lächerlich für alle, die nicht von ihr betroffen sind; für diese aber, die daran Erkrankten, sehr ernsthaft), daß diese Krankheiten viel unter uns Juden zu treffen sind: und der alte jüdische Grundsatz, daß ..die Gesund" auch bei schwersten Verhältnissen über alles geht, hat sich noch nicht als falsch erwiesen. Darum also schreibe ich über Karlsbad. Und komme zur Geldbeschaffung zurück. Wie man sich die nötwendige Schulinggrundlage verschafft, dafür kann ich leider keine Anweisungen geben. Ist diese aber vorhanden, dann bekommt man von der Nationalbank, auf Grund einer amtsärztlichen oder kassenärztlichen Krankenbescheinigung, den notwendigen TschechenkroneWberrag bis zur Höhe von 6Ö00 Kronen. (Ohne Obligo.) Schreibt sich leichter, als es ist. Bis man das Geld hat. ist man der Ueberzeugung, neben der eigenen unerschöpflichen {Jeduld einer glücklichen Fügung des Himmels es zu verdanken, daß man für die Reise nach Karlsbad wirklich tschechisches Geld in der Tasche trägt. Dieses Glücksgefühl dauert bis Gmünd. Dort werden einem soviele Tschechenkronen gegen Schilling angeboten, wie man nur haben will — allerdings zu einem wesentlich niedrigeren Kurs. (Wer irgendwie auf rechtliche Weise an deutsche Reichsmark kommen kann, verliert beim Umtausch bedeutend weniger. Und wer so geschickt ist wie ich. den Rest des Wechselgeldes zum Fenster hinausfliegen zu lassen — für den spielt der Kurs schon gar keine Rolle.) Karlsbad ist billig, im Vergleich zu früheren Jähren. Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe — niemals hat dieses Zitat besser gepaßt als hier — geht alles im Preis herunter, wobei sich die Anstrengungen verdoppeln. Sogar die Herren Aerzte haben letzthin eine Preisermäßigung um 25 Prozent beschlossen. Die Kurhaus-Lesekarte kostet die Hälfte des Preises, der im Führer vermerkt steht — was ich als symptomatisch verzeichne. Diese kleinen Nebenspesen spielen bekanntlich in ihrer Gesamtheit keine geringe Rolle. Dem unbeschreiblich schönen Naturphänomen Karlsbads, dem Sprudel ist Göttseidank nichts bewußt von der Weltwirtschaftskrise; wenn morgens und abends die Gäste im Schlenderschritt promenieren und der Becher anscheinend meTir zur Betonung des Nichtstuns als zur Heilung Schlückchen für Schlückchen leergetrunken wird — dann ergreift den Kurgast genau so wie in guten Jahren jene illusionistische Stimmung der Sorglosigkeit und der heiteren Gesundungs-Zuversicht, die für sich allein schon Entspannung und Heilurigsfaktor darstellt. Elegant — um der Wahrheit die Ehre zu geben — so elegant wie in anderen Jahren ist Karlsbad heuer nicht; vielleicht auch, daß der Mai noch nicht der rechte Monat für die mondänen Badebesucher ist. Aber der Flieder blüht die Tepl entlang in denselben herrlichen Farbenmischungen von Lila und Weiß, an den rätselhaften Karlsbader Bergen — wer kann ihre majestätische Wirkung bei ihrer geringen Höhe erklären? — schwingt sich das Spiralenband der Häuser aus dem Tal empor: und die sparsame Seele, die sich zugeschworen hat mit den schwer errungenen Tschechenkronen geizig hauszuhalten, wird sie dennoch mit Vergnügen los bei Pupp, im Richmond. in all den Gaststätten und Cafes, die dem (mehr oder auch weniger) bescheidenen Kürgast den anspruchsvollen Rahmen bieten, und sich dabei in eine reizvolle Landschaft einschmiegen. Soll ich einen Roman erzählen, der sich durch das Tepltal hindurchspinnt, über die Mühlbrunnen-Kolonnade, den baulich, reizvollen Markt, die Alte Wiese, sich in die Wälder verliert und zurückkehrt zum Sprudel, der im Dunkeln, einsam, hinter verschlossenen Türen, seine Dampfwolken in die Höhe sendet? Er wäre reizvoll und verlogen, wie die ganze Karlsbader Sorglosigkeit. Es geht uns nicht gut: wir tun nur so. Aber so zu tun, herausgerissen aus der Alltäglichkeit zu sein, und die wohltuende Wirkung der Kur innerhalb weniger Tage zu spüren: das gibt neue Kraft____ Also Teden wir wieder von praktischen Dingen. Karlsbad ist wohl nicht leer, doch auch keineswegs überfüllt, was für die Kurgäste seine Vorteile hat; Preise zu nennen, ist bei der großen Unterschiedlichkeit der Ansprüche sowohl wie des Gebotenen unmöglich: immer aber wird man spüren, daß die Karlsbader in einer Hinsicht klug sind: sie rechnen mit der Zukunft Sie wissen, daß man ein Stammpublikum schneller durch die Ungunst der Verhältnisse verliert, als später wieder erwirbt. Deshalb kann man immer damit rechnen, in vernünftigen Grenzen Entgegenkommen zu finden. Wer auf Ermäßigungen Anspruch erheben will — solche der Kurtaxe, der Bäder usw. — es gibt auch das — indessen: Papiere mitbringen. Auf nichts kann man rechnen, ohne die notwendigen Dokumente, während man mit diesen bereitwilliges und großzügiges Entgegenkommen findet. Und so will ich jetzt hinunterwandern, meinen Brunnen trinken, mein Bad nehmen („Recht angenehmes Bad. gnädige Frau", so wohlerzogen und höflich wie ein Gentlemen ist hier jeder Bademeister), und sehr beschäftigt sein, wie es jeder ist, da. wo er den ganzen Tag nichts tut — im Kurort. Und dann werde ich dorthin zurückkehren, wo ich in der Obhut der Karlsbader Israelitischen Kultusgemeinde vorbildlich aufgehoben bin: in das Israelitische Kurhospital. Doch von dieser, einer echt jüdischen Vorsorge (und für die Armen auch Fürsorge) entsprungenen Einrichtung, ferner vom Altersheim, vom jüdisch-politischen LeTjeii und vielem anderen sei in meinem nächsten Brief die Rede. Karlsbad, in der letzten Maiwoche 1932. Luise Fischer-Treu.