Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 23 (3.6.1932)
- Date
- 1932-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064401-3064423--18862-3083937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien mKummammim......im.....iiiiiiliuiM^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Di. ttUrU Erscheint jeden Freitag XLVIII. Jahrgang Wien, 3. Juni 1932 Nummer 23 98Knickebocker-S naiert-nose..........s 0.90 Dauern-Jonher........$ 9.80 Windjadien impraanlerf $16.50 VA1 BILLIG GERS Mahnung und Warnung! (Die Hakenkreuz-Exzesse in Wien.) Es war vorauszusehen, daß die Hakenkreuzler nach ihrem überraschenden Erfolg gelegentlich der Wahlen vom 24. April übermütig werden würden. Es war auch klar, daß sie, da sie nur einen Bruchteil der Bevölkerung um ihre Fahnen scharen konnten, es versuchen werden, durch Terror ihre Herrschaft aufzurichten. Man war somit auf Ausschreitungsversuche ihrerseits gefaßt. Worauf man aber nicht gefaßt war, das ist die Langmut, die die maßgebenden Faktoren diesen Herren gegenüber zeigen, und, was besonders überraschen muß, das ist der Umstand, daß diese Duldung den Braunhemden gewährt wird gerade in den Tagen, die für Oesterreich Schicksalstage bedeuten, da gewissermaßen die Augen aller Welt auf die Vorgänge in der kleinen Donaurepublik gerichtet sind. Was man nicht erwarten konnte, das war die Langmut gegenüber Ausschreitungen gerade in den Tagen, da Wien zu den Festwochen rüstet, da Gäste aus der Fremde erwartet werden^ die zweifellos nach Wien kommen wollen, um etwas anderes zu sehen und zu hören, als Straßenaufzüge im Zeichen des Hakenkreuzes und „Juda verrecke!" . . . Die maßgebenden Faktoren können nicht ernst genug gewarnt werden, diesem Treiben energisch Einhalt zu gebieten — nicht nur im Interesse der Juden . . . Die Juden selbst lieferten den Beweis, daß sie sich nicht einschüchtern lassen. Der erste Versuch der Hakenkreuzler, die „Judengasse" im Sturm zu nehmen, endete für sie mit einer kläglichen Niederlage. Die jüdischen Trödler der Judengasse haben sich nicht verkrochen, als die Hitlerbuben ihren Einbruch wagten, sondern setzten sich zur Wehr und schickten die traurigen Helden mit blutigen Köpfen heim; die Altwarenhändler zeigten, daß sie auch kräftige Fäuste haben und dreinzuschlagen verstehen, wenn es notwendig ist. Aber es muß offen gesagt werden: mögen die Juden Wiens auch zur Selbstwehr bereit sein, so ist es doch die verdammte Pflicht und Schuldigkeit der maßgebenden Behörden, sich nicht darauf zu verlassen, sondern rechtzeitig einzugreif en und die Exzeßbewegung im Keime zu ersticken, bevor diese ihnen über den Kopf gewachsen ist. Die Wut der Hitlerbuben mag begreiflich sein: ihre Hoffnung, daß es bald zu Neuwahlen kommen und sie dann ihren Einzug in den Nationalrat werden halten können, ist ein wenig zerronnen. Das Zustandekommen der neuen Regierung hat die Möglichkeit von Neuwahlen im Sommer ausgeschaltet. Sie sind also in höchstem Maße erbost und möchten auf anderem Wege die Macht an sich reißen: geht es nicht auf normalem Wege, dann — mit Gewalt. Aber gerade deswegen sollten die Regierung und die hinter ihr stehenden Parteien ihre Pflicht erkennen und darnach handeln. Die Sicherheitsbehörden verfügen über genug Machtmittel, um die Ruhe und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Sie müßten nur den guten Willen und die gebotene Energie aufbringen — und man müßte annehmen, daß es hierzu nicht erst der Mahnungen und Warnungen bedarf. Allerdings ist bereits Judenblut in den Straßen Wiens geflossen. Der Hakenkreuzstudent Schnaller, der den jüdischen Fleischhauergehüfen Jacques . Klar anstänkerte und von diesem verprügelt wurde, griff in der „Notwehr" — zum Stilett und verletzte seinen überlegenen Gegner blutig. Mag es sich auch um einen individuellen Vorfall handeln, so ist aus demselben doch zu ersehen, daß die Herren Hakenkreuzler bereits Mordwaffen bei sich tragen und daß diese in ihren Händen sehr locker sitzen. Wir haben allerdings ein Gesetz gegen das Tragen von Mordwaffen — aber wenn man gegenüber den „Heldentaten" der Braunhemden ein Auge zudrückt, dann gilt für diese kein Gesetz, dann ist ihr Wille das höchste Gesetz, und wenn es zum Aeußersten kommt, dann reden sie sich in ihrer Feigheit eben auf die „Notwehr" aus . . . . Die Regierung muß aber wissen, daß man in der Kulturwelt solche Vorgänge anders beurteilt und daß diese zu dem Notruf Oesterreichs um Hilfe eine eigenartige Begleitmusik abgeben . . . Wenn „die langen Messer" der Hakenkreuzlerin Aktion gesetzt werden, dann wird Oesterreich keinen Ruhm einheimsen und dann könnten seine Hilferufe ein ganz anderes Echo, als erwartet, f indem. Wir machen kein Hehl daraus, daß wir den kommenden Dingen mit ernsten Befürchtungen entgegensehen. Die ersten Anstürme der Hakenkreuzler auf die Judengasse und die Leopoldstadt wurden abgeschlagen und auch die nächsten dürften einen ähnlichen Verlauf nehmen. Aber schließlich und endlich ist es in einem Rechtsstaat nicht die Aufgabe der Bürger, ihre eigene Haut zu schützen, — dazu gibt es Ordnungsbehördenund st aatlicheMachtmittel. Wenn die Regierung es darauf ankommen lassen wollte, daß die Bürger selbst ihr Leben und ihr Eigentum schützen, dann bereitet sie direkt den Bürgerkrieg vor, dann bahnt sie den Weg für die Anarchie... Will sie das? Glauben die bürgerlichen Parteien, die sich angeblich mit Händen und Füßen gegen den Einbruch des Nationalsozialismus wehren, daß ein derartiges Gewährenlassen die richtige Abwehrtaktik sei? Sie könnten wohl sehr bald eines Besseren belehrt werden — aber dann wird das verhängnisvolle altösterreichische „zu s p ä t!" wieder im Erscheinung treten. Jede Regierung, die sich dem Terror der Straße beugt, hat damit abdiziert. Wenn gerade in den Tagen, da die Hakenkreuzler auf der Straße Politik machen wollen, davon gesprochen wird, das allgemeine Aufmarschverbot aufzuheben, dann heißt das nichts anderes, als eben diesem Terror Tür und Tor öffnen. Die Regierung darf sich auf ungenügende Machtmittel nicht ausreden. Wenn die Machtfaktoren genug energisch auftreten und die Zügel der Disziplin fest in Händen behalten, dann wird es keine Ausschreitungen geben, dann wird jede in Betracht kommende Stelle wissen, was sie zu tun hat. Wir sind keine Angstmeier — aber wir glauben, daß es in einem Ordnungsstaate nicht nötig ist, bei jeder Gelegenheit erst nach Polizei und Staatsanwalt zu rufen. Die Behörden sind dazu da, um angekündigte Exzesse hintanzuhalten, und würde man in einigen Fällen strenge Exempel statuieren, dann wird den Herren Braunhemden die Lust vergehen, ihre Rowdies-Manieren zu betätigen. Die Regierung sei rechtzeitig gemahntundgewarnt. Wer Wind säet, erntet Sturm. Wer Gewalttätigkeiten duldet, bahnt den Weg zur Katastrophe. Das arme, kleine Oesterreich darf sich nicht den Luxus solcher Ausartungen gestatten. Die Vorgänge in Hötting und Linz zeigen, wohin es führt, wenn man gegenüber offenen Drohungen eini Auge zudrückt. Man darf sich heutzutage auf die „Gemütlichkeit" der Bevölkerung nicht verlassen. Die berühmte „Wiener Gemütlichkeit" artet im Zeichen des Hakenkreuzes zur Brutalität aus. Oesterreich darf nicht der Schauplatz blutiger Exzesse sein — sonst wird es sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben haben. . . * Montag früh brachte ein Montagblatt Erklärungen des Sicherheitsministers Dr. Ach, wonach dieser für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung und für den Schutz der Kaufmannschaft die vollste Garantie übernehme. Noch aber war die Druckerschwärze, mit der diese Erklärung der Oeffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wurde, nicht trocken, als sich die vorwöchigen Exzesse wiederhotten. An der Universität und Technik und an der Hochschule für Welthandel wurde die Parole ausgegeben: „Rache für Innsbruck!" und als weitere Parole: „Juden hinaus!". Die Hakenkreuzler haben es hierbei derart arg getrieben, daß das Rektorat die Sperrung der Hochschule verfügen mußte. Dann versuchten die Hitlerbuben ihr Glück noch einmal in der Judengasse; glücklicherweise wurden die dortigen jüdischen Geschäftsleute rechtzeitig alarmiert und kennten ihre Geschäfte schließen — nur em Laden war noch offen und die Messerhelden überfielen den Eigentümer und versuchten, den Laden zu plündern. Sie haben auch diesmal ihre Schläge bekommen und mußten ebenso abziehen, wie tags darauf aus der Taborstraße. Merkwürdigerweise wurde aber der Ueberfallene in