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Die Wahrheit · 1932-05-27 · Heft 22 (27.5.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 22 (27.5.1932)
Date
1932-05-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DEC WAHRHEn Seebad | Crikvenica gjgten) das billigste und beste Seebad an der jugoslawischen Adria. Die orth. Pension Josef N. Endel befindet sich dieses Jahr direkt am Strand. 20 Schritte vom Wasser, im Zentrum. Pensionspreis mit Zimmer 75 Dinar. Prospekte gratis. Im Haus fse - rmn tbd Wiens durch Dr. Lueger eine der zündendsten Ideen war. Aus staatspolitischen Erwägungen ist es damit in der Partei bedenklich still geworden — damit hat aber die Partei eines ihrer „volkstümlichsten und agitatorisch wirksamsten Schlagwörter" verloren. Nunmehr müsse es anders werden: die Partei bedarf zugkräftiger Agitationsmittel und da sollten — die Juden wieder einmal herhalten . . . . Krasser, um nicht zu sagen schamloser, ist noch nie ein Programm entwickelt worden. Jedermann wußte wohl, daß Dr. Lueger seinerzeit den Antisemitismus nur als Steigbügel benützte, um sich in den Sattel schwingen zu können. Aber zumindest hatte er so viel Schamgefühl, um dies nicht offen einzugestehen. Heute aber hören wir vom Obmann der Christlichsozialen unverblümt, daß der Antisemitismus als „agitatorisch wirksamstes Schlagwort" wieder hervorgekehrt werden müsse. Keine Ideologie, keine Weltanschauung, sondern ein „agitatorisches Schlagwort", das herhalten müsse, obwohl staatspolitische Erwägungen heute noch mehr dagegen sprächen, als zu Zeiten Luegers, damals, als die Christlichsozialen sich als Staatspartei deklarierten .... Man greift sich wahrlich an den Kopf angesichts einer solchen Unverfrorenheit .... Die Partei, die noch immer vorgibt, die Trägerin der Staatsidee par excellence zu sein, die den Regierungschef und die meisten Kabinettsmitglieder stellt, der der Bundespräsident angehört und die um das Vertrauen des Auslandes wirbt, schämt sich nicht, offen einzugestehen, daß ihr ein „agitatorisch wirksames Schlagwort" recht ist, selbst wenn staatspolitische Erwägungen dagegen sprechen. Ob es der Partei nützen wird, bleibt abzuwarten. Schließlich verstehen sich die Hakenkreuzler besser auf die Ausnützung „agitatorisch wirksamer Schlagworte" und wenn es zum Wettkampf kommt, könnten die Hitlerleute über die Mannen der Krasser und Genossen, das Hakenkreuz über das Christuskreuz siegen .... Der Niedergang, den die Christlichsozialen in der letzten Zeit erlebten, konnte wahrlich nicht klarer in Erscheinung treten als durch diese „Begründung" des Antisemitismus .... Wie dem auch sein mag: die Partei, die die Hauptstütze des neuen Kabinetts bildet, der die Mehrheit der Minister angehört, bekennt sich zum verschärften Judenhaß — es ist gut, daß man das weiß .... Man wird sie auch darnach beurteilen und bewerten .... Vor neuen Schwierigkeiten in Palästina Große politische Rede Weizmanns in Kapstadt Dr. Chaim Weizmann, der frühere Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, hielt vor seiner Abreise aus Südafrika bei Gelegenheit eines in Kapstadt ihm zu Ehren gegebenen Empfanges eine große politische Rede, die ihres stark pessimistischen Tones wegen besondere Beachtung verdient. Weizmann führte u. a. aus: Die Unruhen, die im Spätsommer 1929 in Palästina ausbrachen und die eine Reihe von Untersuchungskommissionen und Weißbücher zur Folge hatten, sind noch heute nicht gänzlich liquidiert. Seit der Veröffentlichung des Briefes des Premierministers Ramsay MacDonald an mich, in welchem das vom früheren Kolonienminister -Passfield herausgegebene Weißbuch über Palästina in wesentlichen Punkten richtig gestellt wurde, ist bereits ein Jahr vergangen; dennoch fürchte ich, daß wenig Fortschritte nach der Richtung der Erfüllung der im MacDonald-Brief enthaltenen Versprechungen gemacht worden sind. Ja, es will scheinen, als ob wir in naher Zukunft neuen Schwierigkeiten werden begegnen müssen — Die Mitteilungen über die bevorstehende Veröffentlichung eines neuen Berichtes über Palästina (gemeint ist der Bericht des Vorsitzenden der Landentwicklungskommission, French, D. Red.), der schmerzlich an den Simpson-Bericht erinnern soll, fuhr Weizmann fort, erfüllen mich mit böser Ahnung. Wir haben den Simpson-Bericht, der voller pseudo-wissenschaftlicher Behauptungen war, überwunden und hofften, daß das Kapitel solcher Berichte geschlossen sei. Es will aber scheinen, daß irgend eine Seite geradezu darauf erpicht ist, durch konstante Veröffentlichung solcher Berichte Palästina in einem Zustand der Gärung und der Unruhe zu halten. Gemeinsames Merkmal aller dieser Berichte ist die unaufhörliche Betonung einer Tatsache, die uns nur zu gut bekannt ist: Palästina ist ein kleines Land. Aber wir wollen doch nicht unsere Heimat auf dem Rücken Anderer bauen. Die Araber haben es nicht nötig, gegen uns in Schutz genommen zu werden; sie haben ihre eigenen Nationalheime, die sich vom Euphrat bis zum Indischen Ozean erstrecken. Alles, was wir wollen und um was wir bitten (!), ist, daß auch uns gestattet werde, zu arbeiten und uns unsere eigene Heimstätte zu bauen. Ja, Palästina ist ein kleines Land, aber als die Politik des Jüdischen Nationalheims erdacht und angenommen wurde, stellten Palästina und Transjordanien eine untrennbare Einheit dar. Wären sie es auch heute noch, es gäbe hinsichtlich der Kleinheit des Landes keine Schwierigkeiten. Transjordanien ist beinahe unbewohnt, dennoch wird dieses natürliche Hinterland Palästinas dem Zugang der Juden durch künstliche Grenzen und Mittel versperrt. Trans Jordanien wurde von Palästina losgetrennt aus Gründen, die nichts mit der zionistischen Politik zu tun haben. Wir beanspruchen nach wie vor das Recht, nach Transjordanien zu gehen und das Land in Zusammenarbeit mit seiner Bevölkerung zu entwickeln. Brief aus Rumänien. Von unserem Korrespondenten. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß das unhaltbare politische Chaos in Rumänien bald ein Ende nehmen muß. Man kann der gegenwärtigen Regierung unter Prof. J o r g a, die sich der Freundschaft des Antisemitenführers Cuza und seiner Anhänger erfreut, den Vorwurf nicht ersparen, daß sie die an sie geknüpften Hoffnungen nicht erfüllt und dem Lande nur Enttäuschungen verursacht hat. Die Argumente der führenden Staatsmänner, welche die allgemein herrschende Weltkrise zur Rechtfertigung der Misere in Rumänien ins Treffen führen, sind nicht stichhältig, denn Rumänien ist ein von Gott gesegnetes Land, in welchem Milch und Honig im wahrsten Sinne des Wortes fließen. Bei dem Reichtum an Agrar- und Naturprodukten, bei der Fülle des Segens, der unser Land vor allen anderen Ländern auszeichnet, bedarf es nur eines verständigen Sinnes und einer ordnenden Hand, und wir könnten die beneidenswertesten Menschen auf der ganzen Erdoberfläche sein. Leider fehlt uns aber diese ordnende Hand. Deshalb müssen die Beamten, Lehrer und! Funktionäre auf ihre Bezüge, die Pensionisten auf ihre wohlverdienten Ruhegenüsse und die Lieferanten auf die Realisierung ihrer Guthaben lange warten. Das Ergebnis ist ein unheimlicher Stillstand und eine Verwirrung in der langen Kette der volkswirtschaftlichen Organisarion. Wenn der Staat kein Geld gibt kann der Beamte seinem Hausherrn, dem Greißler, dem Fleischer, dem Handwerker STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. LMO-4-53 auch nicht zahlen; diese können wiederum ihren Verpflichtungen nicht nachkommen und so pflanzt sich das Chaos bis in die Unendlichkeit fort. Sonst pflegten in Rumänien Parteiregierungen den Staat zu führen. Jetzt ist aber eine Regierung der sogenannten Spezialisten an der Macht, deren Spezialitäten sich aber gar nicht bewährt haben. Nutznießer dieser mißglückten Regierungsperiode wird wohl die Nationalsozialistische Partei sein, die sich in jüngster Zeit in Siebenbürgen ge7 biklet hat und eine Koalition mit Herrn Cuza und Genossen aus dem Regate eingegangen ist, welcher Koalition auch andere bedeutende Persönlichkeiten nicht fern stehen dürften. Der Frühling hat nun in das politische Leben unseres Landes einen neuen Zug gebracht. Allen voran marschiert die Partei der National-Liberalen, welche in der Geschichte Großrumäniens eine bedeutende historische Rolle spielt, indem sie vor nahezu 70 Jahren den König Carol I. von Hohenzollern auf den Thron Rumäniens berufen' und eingeführt hat. Aber nicht nur das Alter und die historische Bedeutung allein sprechen für diese Partei, bewährter noch ist ihr festes Gefüge, das in allen Schichten der Bevölkerung Großrumäniens ohne Unterschied der Konfession und der Rasse verankert ist. Für die Juden Großrumäniens hat die liberale Partei auch deshalb eine besondere Bedeutung, weil unter ihrem Regime alle früheren Ausnahmsgesetze gegen die Juden Großrumäniens abgeschafft und die konstitutionelle Gleichberechtigung derselben gesetzlich gewährleistet wurde. Der Wechsel der Regierung stellt aber die Juden jedesmal vor neue Situationen und so sind sie vorläufig auf sich selbst angewiesen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend hat denn auch die zweitgrößte Judengemeinde unseres Landes, die Judengemeinde Czernowitz, die Initiative zur Begründung eines eigenen jüdischen Gymnasiums ergriffen, dem noch andere Anstalten bald folgen dürften. Es ist überhaupt die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, daß die Mitglieder des Rates dieser Gemeinde die Streitaxt beiseite gelegt und sich zur ersprießlichen Arbeit aufgerafft haben. Und wenn die positiven Leistungen noch keinen besonderen Umfang aufweisen, so. machen sich die Früchte eines friedlichen und umsichtigen Wirkens doch schon vorteilhaft bemerkbar. Man bedenke, wie die Krise den Säckel dieser Gemeinde eingeschnürt hat und welche Leistungen trotzdem vollbracht wurden! Wenn es auch nur die großzügige Ausspeiseaktion, die klaglose Beteilung der unbemittelten jüdischen Bevölkerung mit Unterstützung anläßlich der Osterfeiertage, die Verköstigung der Massen jüdischer Soldaten, Kranken, Sträflinge u. a., die Erhaltung der Institutionen und Anstalten betrifft, so bedeutet diese Leistung bei den minimalen Einnahmen schon einen glänzenden Erfolg. Man ist aber nicht dabei stehen geblieben. Denn es wird auch die Erbauung eines Kinderspitales projektiert, das mit einem bedeutenden Kostenaufwande verbunden sein dürfte. Die Aufgabe des Vorstandes der Judengemeinde Czernowitz ist um so schwieriger, als es sich hier um eine Körperschaft handelt, welche auf zehn Kandidatenlisten gewählt worden ist. Jede Fraktion hat Verpflichtungen ihren Wählern gegenüber zu erfüllen, und gar so unbescheiden in ihren Wünschen sind unsere Glaubensgenossen nicht, wenn es sich um ihre speziellen Interessen handelt. Die wenigen Mitglieder des Kultusvorstandes müssen daher viele Schwierigkeiten überwinden, um allen Wünschen gerecht zu werden! Mit um so lebhafterer Genugtuung muß also anerkannt, werden, daß die Wirtschaft dieser Gemeinde, selbst bei allen Schwierigkeiten, jedesmal neue Fortschritte zum Besseren macht. ' ■] Bernhard Rippel, Cernauti.

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