Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 21 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 40 Jahre Verein „Ferienheim"\ Unter kolossaler Beteiligung hielt der Verein „Ferienheim" am 11. d. M. anläßlich des 40jährigen Jubiläums eine Fest-Generalversammlung ab. Staat, Stadt und religiöse Behörden hatten ihre Vertreter entsendet. Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde, Professor Dr. Pick, der Leiter des Wiener Jugendhilfswerks. Obermagistratsrat Dr. Franz Breunlich, der Delegierte der Polizeidirektfore, Oberpolizeirat Doktor Traube, Hofrat Dr. Frankfurter, die Vertreterin des Bundes österreichischer Frauenvereine, Frau Nini Fürth, die Präsidentin der „Weiblichen Fürsorge", Frau Regine Ulmann. die Präsidenten der B. B. Logen Richard Petschek. Kommerzialrat Theodor Laßner. Kommerzialrat Julius Schwarz, Dr. Werne r. die Rabbiner Dr. F e u c h t w a n g, Dr. T a g 1 i c h t und Dr. R o s e n m a n n. Regierungsrat Lenk von der „Union", Chefredakteur Oskar Hirschfeld, die Vertreterinnen aller Frauenvereine, Stadtbaumeister Gemeinderat Edmund Melcher und viele andere waren erschienen. Frau Sofie Grünfeld, die Präsidentin des Vereines, die diese Institution vor 40 Jahren gegründet hat und seit diesem Tage unentwegt in emsiger Tätigkeit an ihrer Spitze steht, eröffnete die Sitzung mit einer Begrüßung der Festgäste und gedachte der verstorbenen Ehren- und Vorstandsmitglieder. Schriftführerin Else Ehrlich gab im Tätigkeitsbericht ein Bild des Wirkens des „Ferienheim" in den Jahren 1927—1932. Aus diesem Elaborat geht hervor, daß bei den alljährlich ca. 200 entsendeten Kindern infolge der guten Nahrung, der außerordentlich hygienischen Unterkünfte, der Bade- und Turngelegenheiten und der Gewöhnung an Regelmäßigkeit und Ordnung außerordentlich günstige Gewichtszunahmen zu verzeichnen waren, die sich in einzelnen Fällen bei einem 30tägigen Aufenthalt bis zu sieben Kilogramm erstreckten. Nachdem beim Umsturz das Heim des Vereines in Tischnowitz (Mähren) beschlagnahmt worden war, gelang es der Präsidentin Sofie Grünfeld, von der tschechischen Regierung, die das Heim erwarb, eine Wiederholung der ersten Schätzung, die nur Kc 150.000.— als Wert ergeben hatte, zu erlangen, und nach eingehenden Verhandlungen wurden dem Vereine „Ferienheim" Kö 500.000.— überwiesen, was nach dem damaligen Wert 250.000.— österreichische Kronen bedeutete. Nachdem sich aber die Tschechenkrone im Laufe der Zeit hob, war das „Ferienheim" imstande, für diesen Betrag dem „Müh 1 hof" in Bad Vös 1 au zu erwerben, in welches er jetzt alljährlich 180 Kinder in drei Serien unterbringt. Der Verein „Ferienheim" läßt es sich an der Sommeraktion nicht genügen, sondern sucht, durch Winteraktionen, insbesonders durch Kohlen-, Kleider¬ und Schuhspendeff, den Familien seiner Sommerzöglinge ihre Armut zu erleichtern. Im Winter 1931/32 hat der Verein „Ferienheim" mit der israelitischen Kultusgemeinde eine Jausenstation in der Toynbeehalle im 20. Bezirk unterhalten, in der täglich 150 Kinder eine ausgiebige Jause erhielten und in wohigeheizten Räumen ihre Aufgaben machten!. Außerdem wurden 40 Familien regelmäßig mit Lebensmittelpaketen beteilt. An diesen Bericht schloß sich der Dank der Schriftführerin an alle staatlichen, städtischen und religiösen Behörden, die dem Vereine die Kindertransporte ermöglichten, und insbesondere an die Wiener Tagespresse und an „Die Wahrheit". Nach Verlesung des Kassen-, Tätigkeits- und Revisionsberichtes, die genehmigend zur Kenntnis genommen wurden, beglückwünschte Präsident der Kullusgemeinde, Professor Dr. Pick, die Präsidentin und den Verein, der im Verlauf der Jahre 15.000 Kindern eine Sommererholung geboten hat. Obermagistratsrat Dr. Breunlich zog eine interessante Parallele zwischen öffentlicher und privater Fürsorge und hob lobend hervor, daß der Verein „Ferienheim" einer der wenigen Wohlfahrtsvereine sei, die immer ihrem Prinzipe treu blieben, private Wohltätigkeit zu pflegen, selbst zu recherchieren, und unabhängig von jeder städtischen Fürsorge ihre eigenen, gut gepflegten Wege gegangen sind. Primarius Dr. Karl Grünfeld dankte namens der Aerzte der Präsidentin, die durch ihre richtige Führung die Aufgabe der Aerzte erleichtert und ihnen ihre Arbeit zur Freude gemacht habe. Namens des Bundes österreichischer Frauenvereine erwähnte Frau Nini Fürth, daß im „Ferienheim" wie in keinem anderen österreichischen Frauenvereine Männer und Frauen in einträchtiger Arbeit das Volkswohl fördern. Namens der „Weiblichen Fürsorge" und aller ihr angeschlossenen Vereinigungen beglückwünschte Frau Regine Ulmann die Präsidentin und sagte humoristisch, daß sie die Hefe im Kuchen sei, die durch ihren sprühenden Geist und ihr lebhaftes Temperament immer Neues ersonnen und ihre Mitarbeiter zu erhöhter Tätigkeit angeregt habe. Nachdem der juridische Beirat Dr. Ernst Lamber g die Statutenänderung vorgeschlagen, nach welcher den Beiräten künftighin volle Stimmberechtigung zugestanden wird, nahm die Präsidentin neuerlich das Wort; sie schlug vor, die langjährigen verdienstvollen Vorstandsmitglieder Prof. Dr. Julius Zappert und Frau Adele Zins die Ehrenmitgliedschaft des Vereines zu verleihen, welcher Vorschlag mit Akklamation angenommen wurde. Hierauf erfolgte die Neuwahl des Vorstandes, der in seiner Gänze per Akklamation wiedergewählt wurde. Professor Zappert hielt nun den Vortrag: Rückblicke und Ausblicke. Er gedachte des langsamen Werdens des Vereines „Ferienheim", dem er selbst seit. 37 Jahren angehört, und schildert das Wachsen und Gedeihen der Institution, welche unauflöslich mit den Ideen und der Arbeit der Präsidentin verknüpft ist. Er gedachte jener besten Jahre des Vereines, in welchen er über 500 Kindern in seinem Tischnowitzer Heime einen Sommeraufenthalt bieten konnte, und schilderte die bösen Kriegsjahre, in denen der Verein sein Tischnowitzer Heim der Verwundetenpflege zur Verfügung stellte, aber seine Tätigkeit nicht aus dem Auge verlor, sondern in den verschiedensten ungarischen Orten, in erster Linie 200 Kinder in Diosjeirö, unterbrachte. Als die Nachkriegszeit und damit die böseste Hungerzeit kam. bot der Ideenreichtum der Präsidentin die Möglichkeit, Kinder solange in verschiedenen österreichischen Orten, aber auch in Marienbad und Karlsbad, unterzubringen, bis endlich durch die Erwerbung vom „Mühlhof" in Bad Vöslau die Arbeit in jene ruhigen Bahnen gelenkt wurde, in denen sie sich während des ganzen Jahres Tag für Tag fortbewegt, um die Mittel herbeizuschaffen, welche notwendig sind, um fast 200 Kindern Sommererholung und körperliche Ertüchtigung zu bieten. Der Verein aber bleibt nicht stehen, sondern arbeitet unentwegt weiter, um endlich sein Heim in Vöslau ausbauen und die Anzahl der Kinder noch vergrößern zu können, die er dortselbst unterbringt. Zum Schlüsse wurde das Bildnis der Präsidentin Sofie Grünfeld enthüllt, das Maler Karl Schneider in treffender Aehnlichkeit mit impetuosem Schwung gemalt und dem Verein „Ferienheim" anläßlich seines 40jährigen Jubiläums gewidmet hat. * Mitglieder und Freunde des Vereines vereinigte nach der eindrucksvollen Generalversammlung ein gemeinsames Festbankett, das von Restaurateur S. Grüner (II. Zirkusgasse 30) gediegen beigestellt wurde. Gemeinde - 'Chronik Zagreb. Hier starb 67iährig Oberrabbiner Dr. H. E. Kaufmann, eine allgemein verehrte und beliebte Persönlichkeit. Geboren 1865 in Brzezowo (Qalizien), wurde er nach Absolvierung rabbinischer und Universitätsstudien Prediger in Wien und wirkte seit 1894 als Oberrabbiner in Virovitica (Jugoslawien). Seit 1889 betätigte er sich publizistisch. Als glänzender Redner und ausgezeichneter Popularisator der jüdischen Lehre, Wissenschaft und Geschichte wirkte er fast 40 Jahre unter den Juden Jugoslawiens. Amtsjubiläum. Am 1. d. M. "vollendete Rabbiner Prof. Dr. Emil Hofmann in Reichenberg das 40. Jahr setner dortigen Amtstätigkeit. Allgemein beliebt und durch sein literarisches wie karitatives Wirken in weiten Kreisen bekannt, wurde der Jubilar von seiner Gemeinde durch Gründung eines „Prof.-Dr.-Emil-Hofmann-Fonds" geehrt, dessen Erträgnis an jedem 1. Mai nach seinen Wünschen wohltätigen Zwecken gewidmet werden soll. Rab- DqüiCHlsdics K0nlgslichf tUmMmmmmmmmmmmmm fSeit vielenjahren dasa..erkannt f)Q3{g MM gas. gesch. Mark* „Hygtan. Königslicht" und Name Schule Braui^hirKhangasss« 3 Den allgemeinen Wünseken des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung »Hygienisches Königslichf Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 steift. Wien L, Seftenatettengasse 2, Tel. U 28-1-28 XL, Zentralfrledhof, üKt tm I. Öt, TeL U 18-0-86 biner Dr. Hofmann ist Vorsitzender-Stellvertreter des tschechoslowakischen Rabbinerverbandes, Mitglied des Obersten Rates der Gemeindeverbände in der Tschechoslowakei, Mitgründer und Expräsident der Loge „Philanthropia" B. B., führendes Mitglied der Prager Großloge usw. Auch wir senden dem würdigen Jubilar unseren herzlichen Glückwunsch. Israelitischer Bethaus-Verein „Chewra Betb Hatiilah" (Müllnertempei). Wien, IX., Müllnergasse 21. In der am 11. d. M. stattgehabten Vorstandssitzung hat sich der Vorstand wie folgt konstituiert: Obmann: Börserat Ignatz Glück, Obmann-Stellvertreter: Hofrat Professor Dr. S. Frankfurter, Schriftführer: Max Eisner, Kassier: Friedrich K r a u ß. Todesfall. Kürzlich ist nach langem, schwerem, mit gottergebener Geduld ertragenem Leiden Herr Isidor Blatt, Disponent der Firma Schwarz & Co., 53 Jahre alt, aus dem Leben geschieden. Mit ihm ist ein Mann in allzu frühen Jahren dahingegangen, der im wahrsten Sinne des Wortes als Edelmensch bezeichnet werden darf. Vornehm und charaktervoll, war er alle Zeit bestrebt, wo immer erwirkte, Bestes und Gediegenstes zu schaffen. In seinem Berufe war er auf Grund langjähriger Erfahrungen eine Kapazität ersten Ranges, der jüdischen Gemeinschaft diente er als eifriges Vorstandsmitglied des Döblinger Tempelvereines, dessen Ehrenmitglied er war, und wohltätigem Tun widmete er sich stets mit offener Hand und vollstem Herzen. Innigste Liebe verband» ihn mit seiner Gattin Rosa, geb. Kessler, es war eine harmonische Ehe, die 20 Jahre währte und auf dem Gleichklang schöner Gefühle basierte. Wie beliebt und geschätzt der Heimgegangene in weitesten Kreisen gewesen, das konnte man aus der überaus starken Beteiligung seiner vielen Freunde und Verehrer ermessen, die ihm am Sonntag, den 15. <fe. M., das letzte Geleite gaben. Rabbiner Dr. A. Frankfurter hielt eine eindrucksvolle Trauerrede, die einen rührenden Abschied von einem prächtigen Mitglied unserer Gemeinschaft darstellte. Er skizzierte das arbeitsreiche Leben Isidor Blatts, rühmte seine hervorragenden Charaktereigenschaften und gab dter Ueberzeugung Ausdruck, daß das Andenken dieses braven Mannes niemals erlöschen werde. Der Obmann der Döblinger Chewra Kadischa, Direktor Josef Brüll, entbot tiefgerührt dem Verewigten den besten Dank seiner Mitarbeiter für seine großartigen Leistungen im Dienste der jüdischen Sache, insbesondere auf dem Gebiete der Wohltätigkeit. Die kantorale Funktion versah Oberkantor D. B oh o m i 1 n y in ergreifender Weise. Die allgemeine Teilnahme wendet sich der schmerzgebeugten Witwe des Heimgegangenen zu. Wien beherbergte dieser Tage einen interessanten Gast. Dr. Jakob Rivilis. der kürzlich an die Londoner Rothschild-Synagoge gewählte Oberkantor, weilte zwei Wochen auf Erholungsurlaub in Wien, um sich hier mit seiner Gattin und seinem achtjährigen Sohne zu treffen. Der Werdegang dieses ungemein begabten Oberkantors, der heute im 39. Lebensjahre steht, ist ein sehr interessanter. In Kischinew geboren, fiel er schon als Knabe durch seine prachtvolle Stimme auf und wirkte auch im Chor des berühmten Kantors Rasumy. Nach Absolvierung des Gymnasiums studierte er in Odessa gleichzeitig an der Universität Jus und am Konservatorium Gesang. Cr erlangte das Doktorat und praktizierte zwei Jahre in Odessa in einer bekannten Advokaturskanzlei. Die Revolution vertrieb Dr. Rivilis von Odessa und er wandte sich wieder in seine Geburtsstadt Kischinew. wo er sich endgültig für seine Jugendneigung, das Chasones. entschied. In Bukarest und Kischinew wirkte er mit großem Erfolge als Oberkantor, bis ihm vor einiger Zeit eine Berufung nach London erreichte, wo er an die New Synagoge engagiert wurde. Dort hörten ihn mehrere Vorsteher der berühmten Rothschild-Synagoge, einer der ältesten Syn* agogen Englands, deren Oberkantorposten gerade vakant war. Unter 200 Bewerbern aus aller Weit gefiel er der Majorität des Vorstandes, an dessen Spitze Lionel Rothschild steht, und der Gemeinde so gut. daß er nach einem glänzend gelungenen Probevortrag sofort akzeptiert wurde. Dr. Rivilis. dessen herrliche Tenorstimme sehr gerühmt wird, kann auf Grund dieser blendenden Karriere noch eine schöne Zukunft vorausgesagt werden. i . f i