Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 21 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Aus ulier Welt Zweieinhalb-MiUionen-Dollar-Kampagne des Joint. Rabbi Jonah B. Wise, der Präsident der Kampagne des American Joint Distribution Comtnitee, gibt bekannt, daß das Commitee an das amerikanische Judentum mit dem Appell herantreten wird, in diesem Jahre 2.500.000 Dollar aufzubringen, damit das vom Committee angenommene Minimal-Programm sozialer Hilfe und des Wiederaufbaues unter den notleidenden Juden Mittel- und Osteuropas zur Durchführung gelangen kann. Dieses Minimalprogramm, erklärt Rabbi Jonah B. Wise, basiert auf Tatsachen und Zahlen, die der europäische Direktor des Joint Distribution Committee Dr. Bernhard Kahn unterbreitet hatte. Dr. Kahn stellt in seinen Berichten die Lage der Juden in gewissen Ländern Mittel- und Osteuropas als „an Panik grenzend" dar. Die Summe von 2500.000 Dollar, fährt Dr. Wise fort, wird es dem Committee ermöglichen, eine sofortige Hilfe für die hungernden und verzweifelten Juden in Polen. Litauen, Sub-Karpathien. Rumänieo und in anderen Gebieten, wenigstens auf einer Miramalbasis, zu beschaffen und die medizinische, kulturelle und wiederaufbauende Tätigkeit fortzuführen, die die Selbständigmachung von hunderttausenden jüdischen Familien zum Ziele hat Die Kampagne des JDC wird überall in den Vereinigten Staaten organisiert. Ein aus 585 prominenten jüdischen Männern und Frauen gebildeter Nationalrat, dessen Mitglieder in 211 Bezirken des Landes gewählt worden sind, wird an der Aufbringung des Fonds mitarbeiten. Die aufgebrachten Gelder werden ausschließlich für Hilfe an Juden in Ost- und Mitteleuropa verwendet werden. 12 Prozent der Gesamtsumme werden für dringende Notfälle und andere unvorhergesehene Erfordernisse, 55 Prozent für Weiterführung des Programms der Wirtschaftshilfe und des Wiederaufbaues, 27 Prozent für Kinder- und Waisenfürsorge, medizinische und sanitäre Hilfe, für Förderung von Wohlfahrtsinstitutionen und Erziehungsarbeit und 6 Prozent für Verwaltungsausgaben verwendet werden. — Der Ehrenvorsitzende des American Joint Distribution Committee, Herr Felix M. W a r b u r g. der Vorsitzende des Committee Paul Baerwald und andere Mandatare des American Joint Distribution Committee erließen einen Appell an die jüdische Oeffentlichkeit in Amerika, in dem es u. a. heißt: In dieser schweren Zeit flehen die jüdischen Führer im Auslande uns an, es nicht zuzulassen, daß die amerikanische Hilfe für Europa aufhört. Mag sich auch die Summe, die wir jetzt aufzubringen in der Lage sind, auf bescheidenerer Basis halten, als die reichen Summen, die die amerikanische Judenheit in früheren Jahren, als sie dazu noch in der Lage war, für Hilfe in Europa spendete, so tut diese bescheidene amerikanische Hilfe doch not, nicht nur um des Hilfs¬ und Aufbauwerkes willen, das sie ermöglicht sondern auch darum, weil sie als ein Bollwerk moralischer Ermutigung für die Judenheit in Europa dient und den Völkern im Auslande das tiefe und nachhaltige Interesse der Juden Amerikas an den sozialen Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaften im Auslande symbolisiert Andauernde kommunistische Hetztätigkeit in Palästina. Zwölf Kommunisten, die am Vorabend des Nebi-Musa-Festes im Interesse der öffentlichen Sicherheit in Jerusalem verhaftet worden waren, sind zu Geldbußen in Höhe von 50 bis 300 Pfund verurteilt worden. Gegen diejenigen, die nicht palästinensische Staatsbürger sind, wurde auch auf Landesverweisung erkannt. Elf Kommunisten, die am 22. April in Tel Aviv eine Versammlung des Klubs der linken Poale Zion gestört hatten, wurden vom Gericht zu je sieben Tagen Gefängnis und Landesverweisung nach Verbüßung der Strafe verurteilt 3£a&enfateuz am Werft An diesem deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen. Tatsachen, die keines Kommentars bedürfen, beweisen mit eindringücher Deutlichkeit die niederträchtige Rohheit der Hakenkreuzler in ihrem Kampfe um das „Dritte Reich". Im folgenden seien verschiexlene Vorfälle registriert dDe sich allein in den letzten Tagen abgespielt haben und so empörend sind, daß sie jedem Kulturmenschen die Schamröte ins Gesicht treiben müssen. Aus Deutschland werden neue Friedhofs- und Synagogenschändungen gemeldet. Auf dem jüdischen Friedhof in Durbach bei Offenburg wurden 13 Grabsteine umgestürzt die Synagoge in Krossen a. d. O. wurde mit der Inschrift: .„Zerschlag* die Judenpest!" besudelt In Halberstadt wurden jüdische Aerzte mitten in der Nacht unter dem Vorwandle, bei schwerkranken Patienten benötigt zu weiden, aus ihren Wohnungen herausgeholt und von ihren Begleitpersonen, die sie so infam getäuscht hatten, blutig geschlagen; einer von ihnen wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht, Die Gattin des im Reichstage schwer mißhandelten Journalisten, der es gewagt hatte, Intimitäten aus dem Leben eines ruhmreichen Hakenkreuzführers ins Licht der Oeffentlichkeit zu stellen, wird nach dem Ueberfall telephonisch verständigt daß sie die Knochen ihres Mannes im Parlament abholen möge. Einer der Angeklagten im Prozeß wegen des tückischen Ueberfalles auf den Reichstagsabgeordneten Wels drückt lächelnd sein Bedauern darüber aus, daß der noch immer an den Folgen dieses Attentats schwer leidende Parlamentarier mit dem Leben davon gekommen sei. — Und schließlich zwei Nachrichten aus unserem Lande, das immer mehr die Segnungen der Hakenkreuzkultur zu spüren bekommt In der „Dötz" wird in einer Polemik gegen ein Wiener Mittagblatt der Meuchelmord an dem Schriftsteller Hugo Bettauer als nachahmenswertes Beispiel gefeiert und gesagt daß es mit Hilfe eines „kleinen Bleistückchens" gelang, diese Schande, nämlich Bettauer, zu beseitigen. In einem Steinbruch, auf dem Wege von Hütteldbrf auf die Biglerhütte heißt es: „Zutritt verboten! Lebensgefahr!" Dazu hat ein gelehriger Schüller der deutschen Mordbuben geschrieben: „Juden Eintritt erlaubt!" Nun auch in England. Ueber einen in England noch nicht dagewesenen Akt von Vandalismus an einer Synagoge wird aus Leeds berichtet. Am 12. Mai nachmittags brachen bisher nicht ermittelte Täter in das Gebäude der Talmud Thora- Schule von Leeds, das der Synagoge angebaut ist, ein und richteten dort ungeheure Verheerungen an. \fon der Schule kamen sie in den Betraum der Synagoge, brachen die Thoralade auf, warfen die Thorarollen auf den Boden und schlugen einen großen Teil der Einrichtung in Trümmer. Die Wände der Klassenräume in der Talmud Thora-Schule beschmierten sie mit obszönen Worten, sie zerrissen die Gebetbücher der Schulkinder, vernichteten die Unterrichtszwecken dienenden Wandbilder und streuten die Schulutensilien überall umher. Die Zerstörung wurde von jüdischen Schulkindern entdeckt, die abends zum Religionsunterricht in die Schule kamen. Die Polizei nahm sofort die Untersuchung auf. Sie sucht die Täter unter den christlichen Knaben der Nachbarschaft,.., die. mit den jüdischen Kindern in ständiger Feindschaft leben. Der angerichtete Schaden ist, obwohl nichts gestohlen wurde, beträchtlich. In der Jüdischen Gemeinde von Leeds herrscht ungeheure Entrüstung über den Vand a 1 e n a k t. Schächtverbot in Heidelberg. Der Mitte Februar von der stärksten Fraktion des Stadtrates, der NSDAP, eingebrachte Antrag, das betäubungslose Schächten zu verbieten, ist seinerzeit dem Ausschuß zur weiteren Behandlung überwiesen worden. Man hoffte, daß angesichts des internationalen Weltrufes Heidelbergs und der möglichen Schädigung der städtischen Belange der Antrag keine Zustimmung erlangen werde. Diese Hoffnung ist jedoch durch die Sitzung vom 11. Mai enttäuscht worden. In einer vom Stadtrat heute herausgegebenen Mitteilung heißt es kurz: „Der Stadtrat stimmt einem Antrag der Fraktion der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zu, wonach das betäubungslose Schächten im Gemeindeschlachthaus verboten werden soll." Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die jüdischen Instanzen gegen diesen, der Reichsverfassung widersprechenden Beschluß schärfsten Einspruch erheben werden. (Bekanntlich hat der preußische Innenminister Severing in Anlehnung an eine Interpretation der Reichsregierung sämtlichen Regierungspräsidenten aufgetragen, Schächtverbote, die von Einzelgemeihden etwa beschlossen werden, als der Verfassung widersprechend zu beanstanden.) Gegen die Ablehnung jüdischer Richter. Vor einiger Zeit waren Landgerichtsdirektor Brodauf (Chemnitz), der ehemalige staatsparteiliche Abgeordnete, und Landgerichtsrat Doktor Cohn, die in der Strafkammer Chemnitz als Vorsitzender und Beisitzer gegen mehrere wegen schwerer Körperverletzung angeklagte Nationalsozialisten zu verhandeln hatten, von der Verteidigung abgelehnt worden, weil sie als Mitglieder der Staatspartei, und Dr. Cohn überdies als Jude nicht als unk GROSSFLEISCHHAUEREI SliGM, KORNMEHL ■«■■«»■»■■■■■■■■■■■■Mi WIEN DL, BEROOASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINCMR STRASSE »7 Telephon Nr. A 17*99 und A 18-9-34 Lieferant für Heilanstalt«* Abteilungenfür Koscherfleisch Katar Aufsieht des ehrw. Rabbinates der im f. KaltHsgemeinde Wiei». Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen parteiliche Richter über Nationalsozialisten gelten könnten. Die über diesen Antrag erkennende Kammer unter Vorsitz des Chemnitzer Landgerichtsdirektors Hoffmann erklärte die Ablehnung für berechtigt. Wegen dieser Entscheidung hatte die staatsparteiliche und die sozialdemokratische Fraktion im Landtag eine Anfrage an das sächsische Justizministerium eingereicht. In seiner Antwort erklärte der sächsische Justizminister Dr. M a n s f e 1 d vor der Landtagssitzung am 10. Mai ganz offen, daß der Ablehnungsbeschluß auch ihm zu Bedenken Anlaß gebe. Der Chemnitzer Fall müsse in seiner Allgemeinheit zur Folge haben, daß in Strafprozessen mit politischem Hintergrund schließlich jeder Angeklagte einen Richter mit Erfolg ablehnen könnte, der irgendwie zu erkennen gegeben habe, daß er politisch anders eingestellt sei als der Angeklagte. Auch das Reichsgericht, auf das sich der Chemnitzer Beschluß berufe, habe immer daran festgehalten, daß nicht schon die Zugehörigkeit zu einer Partei und die politische Betätigung befangen mache. Zum Schlüsse erklärte aber der sächsische Justiz minister, daß er verfassungsmäßig nicht in der Lage sei, an dem Entscheid des Chemnitzer Landgerichtsdirektors Hoffmann etwas zu ändern. Schuld ist immer der Jud. Obwohl der Mörder des Präsidenten der französischen Republik Doumer, der Russe Pawel Gargulow, Antisemit ist und antisemitischen Verkehr gepflogen hat, nutzte die monarchistischantisemitische Tageszeitung „Action Francaise" die Tatsache des Mordattentats zur Erregung antisemitischer Stimmungen in Frankreich aus. Die Zeitung schrieb in auffälliger Aufmachung auf der ersten Seite, daß in dem Attentäter Gargulow ein neuer Klient für den jüdischen Advokaten Henry Tor res, den Verteidiger des Attentäters auf den ukrainischen Hetman Petljura, Schalom Schwarzbart, erwachsen sei. Pawel Gorgulow hat vor kurzem eine Broschüre herausgegeben, in der er das Programm des „nation allen christlichen Rußland" entwickelt. Es heißt da: „Wir werden denjenigen Juden kein Haar krümmen, die an der nationalen russischen Renaissance mitbauen wollen, ja, wir werden sie sogar dlarin unterstützen, einen jüdischen Staat in Palästina zu errichten. Aber kein Jude wird in dem kommenden Rußland ein Amt bekleiden, ja nicht einmal Dienst in der Postadministration tun dürfen. Sollte durch Irrtum oder rftorch Betrug ein Jude oder Kommunist zum Präsidenten Rußlands gewählt werden, dann wird die Armee nationaler russischer Bauern, deren Führer ich bin, ihn absetzen." * Das Attentat gegen Doumer geschah kurz vor Sabbath-Eingang. Bereits während des ersten Sabbath-Gottesdienstes am Freitagabend wurden in allen Pariser Synagogen Gebete für die Wiedergenesung des tödlich verletzten Präsidenten Doumer gesprochen. An der Bestattung des Präsidenten nahmen offiziell das französische Rabbinat, Vertretungen des Konsistoriums der jüdischen Gemeinden Frankreichs und des Verbandes der jüdischen Frontkämpfer teil. Am 13. Mal fanden in aHen Synagogen TTtauergöttesdiieinste für Präsfcfenten Doumer statt. ,. ■ i ■