Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 21 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Pogromland Polen, Wann kommen die wirklichen Schuldigen dran? Der Jüdische Parlamentsklub hat an den Justizminister ein Schreiben gerichtet, in welchem darauf hingewiesen wird, daß, obwohl seit dem Wilnaer Pogrom, bei welchem die Geschäftsläden zahlreicher jüdischer Kaufleute zerstört und ausgeraubt und sehr viele Juden verletzt wurden, bereits ein halbes Jahr verflossen ist, von einer Verfolgung der Schuldigen noch immer nichts zu merken ist. Statt die wirklich Schuldigen zu lassen, wurden in einer Reihe von Prozessen J uden zu mehr oder weniger großen Gefängnisstrafen verurteilt. Man hört, daß die Prozeß-Akten bereits auf fünf Bände angeschwollen sind, aber es ist noch nicht abzusehen, wann die wirklichen Schuldigen vor Gericht gestellt werden. Der Klub fordert den Justizminister auf, dahin zu wirken, daß der Charakter des Wilnaer Pogroms nicht durch kleine Einzelprozesse bagatellisiert oder durch einseitige Verfolgung der Juden verfälscht wird, sondern daß durch eine ordentliche Durchführung des Verfahrens dargetan werde, daß der Staat nicht gesonnen sei, Ueberfälle auf unschuldige jüdische Bürger zu dulden. $ Antisemitische Exzesse in Rawa-Mazowiecka. In Rawa-Mazowiecka, unweit von Lodz, hat die im Sportverband „Sokal" organisierte nationaldemokratische Jugend am vergangenen Sonntagabend antijüdische Unruhen großen Stils veranstaltet. Mit Stöcken und anderen Schlagwerkzeugen bewaffnete Gruppen stürmten einen Saal, in welchem eine jüdische Pianistin zu wohltätigem Zweck musizierte, riefen „Schlagt die Juden" und fielen über die Konzertbesucher her. Dem Starosta, der dem Konzert beiwohnte, gelang es nicht, die Huligans zu beruhigen. Als das Publikum fluchtartig den Saal verließ, wurde es draußen von anderen Huiigan-Gnippen empfangen. Die Huligans schlugen unbarmherzig auf die Besucher ein und hörten auch, als die vom Starosta alarmierte Polizei auf dem Tatort erschien, damit nicht auf. Am Montag wiederholten sich die Exzesse. Kleinere und größere .,Sokal"-Gruppen verteilten sich über die Stadt. Jeder Jude, der ihnen in den Weg kam, wurde niedergeschlagen, Greise, Frauen und Kinder wurden nicht geschont. Mehrere jüdische Bürger erhielten ernste Verletzungen durch Messerstiche und Schläge. Mörderisch bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen wurde der von seinem Enkelkind geführte 65jährige erblindete Meier Bialkowicz. Die Huligans ließen den aus mehreren Wunden blutenden blinden Greis hilflos auf der Scraße liegen. Zwölf Sokalisten wurden verhaftet, aber nach Intervention des „Sokal"-Fommandanten sofort wieder freigelassen. * Polizei nimmt Rache. Vor einiger Zeit intervenierte der jüdische Parlamentsklub beim Innenminister in Sachen des jüdischen Einwohners von Wysznic (Kreis Wlodawa), Aron Soroko, der auf dem Polizeiamt bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen worden war. Die Ortspolizei, die in Erfahrung gebracht hat, daß die Intervention auf Grund einer Beschwerde jüdischer Bürger erfolgt sei, beschloß, an der jüdischen Einwohnerschaft Rache zu nehmen. Mehrere Wochen hindurch regnete es Strafmandate wegen irgendwelcher Vergehen gegen polizeiliche Vorschriften gegen die jüdischen Bürger von Wysznic. Hunderte von Verhören wurden mit den Bürgern angestellt. Die diktierten Strafsummen sind dazu angetan, mehrere Bürger wirtschaftlich zu ruinieren. Der jüdische Parlamentsklub hat sich an den Innenminister mit dem Ersuchen gewandt, diesem polizeilichen Terror ein Ende zu machen. Veröffentd'cffungen der „Union Verschärfter Sommerfrischenantisemitismus. Wir sehen in diesem Jahre von der Veröffentlichung der Liste der antisemitischen Sommerfrischen ab, weil das Material zu umfangreich ist und unter den gegebenen Verhältnissen dauernden Veränderungen unterliegt Wir werden statt dessen unseren Lesern, soweit uns Unterlagen zur Verfügung stehen, Auskünfte über einzelne Häuser und Sommerfrischen bereitwilligst erteilen. Wir bitten, schriftliche Anfragen mit genauer Angabe des Ortes und des in Frage kommenden Hauses unter Beifügung von Rückporto an das Sekretariat der „Union", 9. Bez., Berggasse 4, zu richten. Ebenso sind wir für Mitteilungen über Reiseerfahrungen jederzeit dankbar. * Die Hakenkreuzler beginnen bereits mit ihrer Wühlarbeit, den Juden dien Aufenthalt in den österreichischen Sommerfrischen möglichst unleidlich zu machen. In der letzten Nummer des „Kampfruf" finden sich an mehreren Stellen Anspiegelungen, die beweisen, daß die Hakenkreuzler bemüht sind1, ihre Anhänger zu Rüpeleien gegen die Juden aufzureizen. „Allerdings", meint der „Kampfruf", „wird es noch Arbeit kosten, die schönsten Gegenden Oestererichs von den Krummnasen und Plattfüßen zu befreien". An einer anderen Stelle, in der von der erstarkenden Tätigkeit im Semmeringgebiet 'die Rede ist, werden die dortigen jüdischen Gäste mit noch lieblicheren Worten belegt, sie werden als Leute bezeichnet, „die mit Läusen, Flöhen und einem Pinkel in den Nachkriegsjahren über die Grenze geschlichen kamen und jetzt das Hauptkontingent der Leute stellen, die sich überhaupt noch einen Kurort leisten können." Wenn die Saison sich so anläßt, so wird1 mancher zu dem Entschluß kommen, den ihm die leere Brieftasche ohnehin nahelegt, die so gastfreundlichen Stätten des eigenen Heimatlandes zu meiden und in Wien zu bleiben. Die Kurmusik Bad Gastein — judenrein. Nichts ist so verächtlich wie jene judenfeindliche Stellungnahme, die hinterhältig und charakterlos ihre wahre Gesinnung aus Gründen des Geschäftes verhüllt. Ein solcher Fall' wird der Oeffentlichkeit 'durch folgende Zuschrift bekannt, die an die Redaktion des Wiener Montagblattes „D e r Morgen" gerichtet wurde: „Das Orchester der Kurmusik von Bad Gastein besteht seit vielen Jahren aus Mitgliedern des Tonkünstler-Orchesters. Im heurigen Jahre erhielten nun die Mitglieder plötzlich die Verständigung, daß sich die Kurkommission ein Ablehnungsrecht vorbehält. Tatsächlich hat sie in diesem Jahre von den seit vielen Jahren der Kurmusik angehörenden Mitgliedern drei abgelehnt, und zwar bezeichnenderweise die drei jüdischen Musiker der Kapelle; das Ablehnungsrecht hinsichtlich der nichtjiidKschen Orchestermitglieder wurde von der Kurkommission nicht ausgeübt. Die Bemühungen, diese tüchtigen und bewährten Mitglieder bei der Kurkommission durchzusetzen, blieben vergeblich. Diese drei Musiker sind also während des Sommers stellenlos, und zwar offenbar nur deswegen, weil der Kurkommission wohl die jüdischen Gäste, nicht aber jüdische Musiker passen. Selbstverständlich bestreitet die Kurkommission, d!aß die Konfession dieser Mitglieder für deren Ablehnung entscheidend war, doch kann es nach dem Vorgesagten keinem Zweifel unterliegen, daß der wahre Grund für die Ablehnung eben die Konfession der d!rei Herren ist. zumal sie nicht nur künstlerisch, sondern auch sonst voll entsprochen haben und während viel er Jaihre in Bad Gas'tein anstandslos tätig waren." * Wir empfehlen diese Zuschrift der Kurkommission zum Zwecke der Gegenäußerung und den bisherigen Badegästen zur Danachrichtung. Infolge Raummangels entfiel in der dieswöchentlichen Nummer die Fortsetzung der Festrede des Herrn Präsidenten Dr. J. Ornstein. Bruft- und BraberaassGlimQchuna Gärtnerei ERNST SEEfBlED Gründungsjahr 1880 XI., Simmeringer Hauptstraße Nr. 381 III. Tor, Zentralfriedhof, Haltestelle der Elektrischen 71 Telephon UU-2-61 Unter Berufung auf „Die Wahrheit" 10% Rabatt Judische Volksmusik. Im Rahmen ihrer jüdischen Kulturarbeit räumte die Jugend-Union letztens zwei Abende dem jüdischen Volkslied ein. Am ersten derselben. Dienstag, den 3. ds. M., im Cafe Silier, hielt Professor Juliusz W o 1 f s o h n einen instruktiven Vortrag über das jüdische Volkslied. Die hierzu erforderliche musikalische Illustration steuerte der Vortragende durch sein Klavierspiel selbst bei, bzw. begleitete er zu' einigen Liedern den prächtig singenden Herrn Max H o e n i g. Professor Juliusz W o 1 f s o h n besonders einzuführen, wird wohl kaum notwendig sein. Sein internationaler Ruhm als Pianist und! Komponist, seine überaus fruchtbare und segensreiche Tätigkeit als Pädagoge stehen für ihn von selbst ein. Aber für noch eine Tätigkeit fand Professor Juliusz Wolfsohn Muße und Zeit. Noch gab es etwas, das sein Herz und Hirn völlig beanspruchte: die jüdische Musik. Er wurde — was ebenso weltbekannt ist — ihr glühender Bekenner und unermüdlicher Vertreter. In seinem oben erwähnten Vortrag wies er die nicht jedermann geläufige Tatsache nach, daß es eine jüdische Musik gibt, die — wie das auch in der Musik anderer Völker der Fall ist — idfer eigenen Volksmusik, der jüdischen Volksmusik, entspringt. Die letztere findet ihre Hauptpflege in Osteuropa, wo das jüdische Volk seine Eigenart bis heute unversehrt bewahren konnte. Auch auf einige Charakterzüge des jüdischen Volkslebens machte der Vortragende aufmerksam, wie sie die jüdische Musik wiederspiegelt. Auf die Rhythmik und Betonung der Alltagssprache, auf das immer forschende und.' letzten Endes mit der nie gelösten Frage endende Denken und Sinnieren, auf Sitten und Bräuche bei Tänzen und Festlichkeiten mit ihren ebenfalls rhythmischen Auswirkungen, welche in ihrer Gesamtheit die verschiedenen Einzelwemlungen der jüdischen Volkslieder auch menschlich verständlich machen. Das reiche Beispielmaterial, in das die Volks¬ und Kunstmusik anderer Völker ebenso hineinbezogen wurde, verdeutlichte am sinnfälligsten alle Absichten des um die jüdische Musik so eifrig bemühten und für sie so erfolgreich wirkenden Professor Juliusz W o 1 f s o h n. Max H o e n i g s eigener Liederabend bil- . dete die zweite diesjährige Veranstaltung, welche; die Jugend-Union der jüdischen Volksmusik widmete. Von der Pianistin Gertrude Z e r n e r aus- ,, gezeichnet begleitet, sang Herr Max Hoenig, Dienstag, den 10 d. M., im Festsaal des Oesterreichischen Handelsmuseums, jüdische Volkslieder. Er ist stimmlich, musikalisch und schauspielerisch gleichermaßen begabt. Seine große, umfangreiche Baritonstimme strömt frei und breit, sein Vortrag, von wahrer Musikalität getragen, steigert sich oft bis zur Plastik einer Theaterszene. Dabei besitzt er innigstes Verstehen für das in den vorgetragenen Liedern verkörperte jüdische Volksleben, so daß der rauschende Applaus des dicht gefüllten Saales ihm eine volle Bestätigung über die Richtigkeit des von ihm eingeschlagenen Weges geben konnte: des Weges zur jüdischen Musik und zur jüdischen Volksmusik, deren Schätze zu offenbaren sich auch Herr Max Hoenig zur Aufgabe gemacht hatte. Bei diesem Konzert wirkte auch die jugendliche Pianistin Sarah Stuckart mit, die mit ausgezeichnetem Erfolge jüdische Kompositionen ihres Meisters, des Professor Juliusz Wolfsohn, vortrug. Dr. J. T. Der Israelit. Frauen-Wohltätigkeits-Vereio in Mariahilf und Neubau (VI. Schmalzhofgasse 3), der in diesem Jahre sein 50jähriges Vereinsjubiläum feiert, hält Dienstag, den 24. d. M., Uhr abends, im Ve'reinssaal seine ordentliche Generalversammlung ab.