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Die Wahrheit · 1932-05-20 · Heft 21 (20.5.1932) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 21 (20.5.1932)
Date
1932-05-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT judenfeindliche Tendenz bemerkbar, aber der Umstand, daß Juden und Nichtjuden immer bereit waren, wo es galt, derartige Symptome festzustellen und zu bekämpfen, stand einer Verbreitung antisemitischer Gefühle sehr im Wege. Das jüdische Problem als solches war in Holland noch nie Gegenstand einer Wahlagitation, wenn auch ein einziges Mal ein Kandidat mit dem Argument bekämpft wurde, daß er den Juden wenig gerecht gesonnen sei. Wird dies sich alles jetzt ändern? Wird bei einer kommenden Wahlkampagne die Staatsbürgerschaft der jüdischen Einwohner Gegenstand der Debatte sein? Und wird zugleich versucht werden, eine Aenderung der Staatsverfassung und der Gesinnung des holländischen Volkes durchzusetzen, um zu vermeiden, daß Bekenner der jüdischen Religion von Staatsämtern oder auch nur von irgendwelchem Einfluß auf Staats-, Provinz- und Stadtangelegenheiten ausgeschlossen werden? Die übergroße Mehrheit des holländischen Volkes wird — so glauben wir noch immer — daran nicht denken. Aber . . . auch Adolf Hitler wird' im Jahre 1920 kaum die Vermutung gewagt haben, daß gut zwölf Jahre später fast eine Million Männer hinter ihm stehen würden — ungerechnet die vielen Millionen Mit- und Nachläufer. Die Liberale Partei Hollands hielt es deshalb kürzlich für notwendig, eine öffentliche Versammlung zu veranstalten. Fähige Redner haben bei dieser GeSegenheit auseinandergesetzt, was der Nationalsozialismus will und wie entgegengesetzt er dem liberalen Gedanken ist, der in Holland Gemeingut ist. Es wurde ernstlich davor gewarnt, die Nazibewegung in diesem Lande zu bagatellisieren; man soOIe vielmehr ihrer Ausbreitung durch kräftige Bekämpfung vorbeugen. Der Führer dter holländischen Nationalsozialisten, Adalberto Smit, stellte sich zur Aussprache und forderte einen der Redner zu einer öffentlichen Debatte heraus. Das bekannte Mitglied der Zweiten Kammer des holländischen Parlaments, Dr. G. A. Boon, erklärte sich bereit, dieser Herausforderung Folge zu leisten, sobald Herr Smit nachweisen könne, daß er zweitausend Mitglieder hinter sich habe. Das holländische Blatt „D e Aanval" (Uebersetzung des deutschen geistesverwandten Blattes „Der Angriff") versucht immer, die Liberalen zur nationalsozialistischen Bewegung hinüberzulocken; Kürzlich fand unter Vorsitz des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick eine Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes statt, deren erster Teil — Einlauf und Präsidialbc rieht, die vom Amtsdirektor Reg.-Rat G. Fuchsgelb zum Vortrage gebracht wurden. — öffentlich war. Zu Beginn der Sitzung hielt der Präsident den jüngst verblichenen Gemeindemitgliedern Hofrat Dr. Josef Löwner, Hofrat Dr. Wilhelm Herzka und Geheimrat Dr. Adolf Bach räch tief empfundene Nachrufe. Der E i n 1 a u f enthielt zunächst eine Fülle von Dankeskundgebungen, die bei verschiedenen Anlässen, über welche meistenteils in der „Wahrheit" bereits berichtet wurde, der Israelitischen Kultusgemeinde zugekommen sind. Traurig interessant sind die Ziffern, die vom Matrikelamte üher die jüdische Bevölkerungsbewegung im ersten Quartal 1932 mitgeteilt wurden. Sie ergeben eine ganz gewaltige Bevölkerungs-Unterbiianz der Wiener jüdischen Gemeinde. Denn 787 Sterbefällen und 173 Austritten stehen 264 Geburten (davon 144 männliche und 120 weibliche) und 83 Eintritte in das Judentum gegenüber. Vor allem fällt die weite Distanz zwischen der Zahl der Sterbefälle und jener der Geburten auf, die fast genau ein Drittel der ersteren beträgt Bleibt die Sterblichkeit auf der gleichen Höhe, so würden sich für das Jahr 1932 über 3000 Todesfälle ergeben, die Sterblichkeitsziffer somit (auf 1000 gerechnet) 14 bis 15 betragen, während sie sich im Jahre 1900 auf 12,5 belief. Die Geburtenziffer hinwiederum würde, auf das ganze Jahr berechnet, etwa 5 sein, während sie noch 1927 7.3 betrug. Erfreulicher ist, soweit man in diesem Fall von erfreulich reden kann, das Fallen der Austrittsziffer; sie betrug im Jahre 1927 4.5 und dürfte heuer bloß etwa 3 sein. Im ersten Quartal 1932 gab es 234 Trauungen und 82 Scheidungen. Nach den Ausweisen des Steueramtes der Israel. Kultusgemeinde Wien sind in der Zeit vom 1. Jänner bis 31. März 1932 unter den aus dem Judentum ausgetretenen Personen 48 Kultussteuerträger zu verzeichnen. Von diesen waren 12 Personen mit einer Kultussteuer von S1.— bis S10.—. 22 Personen mit einer solchen von S 10.— bis S 50.—, 4 Personen mit einer solchen von S 50.— bis S 100.—, 5 Personen mit einer Kultussteuer von S 100.— bis S 150.—. 3 Personen mit einer solchen von S 200.— bis S 300.—, je eine Person mit S 360.— und S 1200.— Kultussteuer bemessen. es weist dabei auf die Wirtschaftskrise hin, die auch Holland plagt, und schiebt die Schuld 'daran auf die angebliche Mißverwaltung der Sozialisten in Amsterdam und Rotterdam, die eine Verschärfung des Steuerdruckes zur Folge habe. Dabei wird dann gern erwähnt, daß in Amsterdam von sechs Stadträten vier Juden und von diesen drei Sozialisten und einer radikal seien. Die Liberalen wären jedoch kraft ihrer Grundsätze wohl die letzten, die mit Sack und Pack in die Reihen derer, die Holland in das gefährSiche Abenteuer von Bürgerkrieg und Unruhen stürzen möchten, überlaufen würden. Sie erklären immer wieder, daß sie die internationale Zusammenarbeit und die nationale Einigkeit wollen. Einheit, Friede und Ruhe zwischen den Staatsbürgern — also auch mit den jüdischen. Die Nationalsozialisten suchen jetzt durch Zeitungsanzeigen Propagandisten wie in Deutschland, sie suchen mit Industriellen und Fabrikanten Kontakt, um eine Stärkung ihrer Parteikasse herbeizuführen. Ob sie damit Erfolge buchen können, muß man abwarten. Abwarten — aber auch wachsam sein — ist also die Parole, die in Holland Widerhall finden sollte. Die Stadt- und Landbehörde ist auf ihrer Hut und die nichtjüdische Bevölkerung zeigt teilweise ihre Abneigung, indem sie den holländischen Nationalsozialisten z. B. Versammlungssäle verweigert, Zeitungen wie „Völkischer Beobachter", „Illustrierter Beobachter" usw. nicht kauft, die bei verschiedenen Bahnhofskiosken sowie bei einigen Buchhändlern zu haben sind. Im ganzen zeigt das holländische Publikum vollständige Interesselosigkeit gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung. Ein Einschreiten der Polizei gegen die holländischen Nazis war bis jetzt nur bei der liberalen Versammlung im Haag notwendig, wo der Saal1 schließlich geräumt werden mußte. Und' die holländischen Juden? . . . Ihnen sind zwei echt holländische Eigenschaften gleichsam angeboren. Sie wollen erst abwarten, wie der Hase läuft, und dann trösten sie sich achselzuckend: „Es wird wohl nicht so schlimm werden!" -' Deswegen ist ihre Stimmung in bezug auf die Ausbreitung des Hitlerianismus in Holland im allgemeinen optimistisch. An Spenden sind eingelaufen: Dr. Philipp Rez e k S 3000.— für das Spital der Kultusgemeinde. Anonymus (unter dem Namen Weiß) S 500.—, von welchen je S 100.— für das Spital und die Versorgungsanstalt und je S 50.— für den Waisenverein 1. Bezirk, das Merores-Waisenhaus, das Israel. Biindeninstitut, Kinderheim Purkersdorf. Verein „Zukunft" und das „Le!e Bondi-Heim" bestimmt sind. Von Herrn Rechtsanwalt Dr. Gustav Leipen, aus dem Nachlasse des Laryngologen Dr. Otto Leipen s. A., wurde dem Spitale der Kultusgemeinde ein überaus reichhaltiges laryngo-otologisches Instrumentarium gespendet. Es lagen ferner eine Reihe von Dankschreiben für Interventionen des Herrn Prof. Dr. Kupfer bei Behörden usw., der Familienmitglieder der Inhaftierten sowie Interventions- und Pastorierungsberichte des Herrn Prof. Dr. K. Kupfer vor. Der Präsidialbericht enthalt zunächst Mitteilungen über die verschiedenen Veranstaltungen für die Schuljugend, über die in diesem Blatte bereits ausführlich berichtet wurde. Die Feiern (Chamischo-Osser-Jugendgottesdienste. Purim- und Sederfeiern und Sabbatfeiern für die reifere Jugend) beweisen die eifrigen Bemühungen der unter Leitung von Dr. Josef T i c h o stehenden Unterrichtskommission und des Schulamtes der Gemeinde. Die Eingänge der Notstandaktion 1931/32, über die ebenfalls schon ausführlich berichtej wurde, beliefen sich insgesamt auf zirka S 145.000.—. Eine separate Aktion (Schülerfür- REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN ll.i TABORSTRASSE Nr. 20a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL IN HEBROIKA UND JUDAIKA In englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBÜHR! 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J. im Rahmen der von dieser Vereinigung veranstalteten Festversammlung anläßlich der 150. Wiederkehr des Tages, an welchem das Tcleranzpatent von Kaiser Josef erlassen wurde, gehalten hat. Der Inhalt und die Form der Aufmachung eines Plakates der Nationalsozialistischen Partei mit den in großen Lettern gedruckten Sätzen: „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt" und „wer hat wasdagegen", veranlagte das Präsidium zu einer Vorsprache beim Herrn Polizei-Vizepräsidenten und beim Herrn Justizminister Dr. Schuschnigg, bei welcher eine Verfügung des Justizministers an die Staatsanwaltschaft auf Beschlagnahme des Plakates gefordert wurde. In einem ausführlichen Schreiben an das Präsidium teilte der Justizminister mit, daß nach den gegenwärtigen preßgesetzlichen Bestimmungen für ihn kein genügender Anhaltspunkt zu dem gewünschten Einschreiten gegeben sei. Die Ausführungen des Herrn Justizministers wurden in einem Schreiben des Präsidiums zu widerlegen versucht. Ueber Einschreiten des Präsidiums wurde durch Intervention der Bundespolizeidirektion die Entfernung der in einem Anschlagkasten des I. W r. Turnvereines befindlichen Zeitungsausschnitte mit antisemitischem Inhalt erwirkt. Durch entsprechende Einteilung von Räumen, die bisher anderen Zwecken dienten, konnten insgesamt 4 neue Plätze in der Versorgungsanstalt mit einem Gesamtkostenaufwand von S 1500__für die notwendige Adaptierung geschaffen werden. Gemäß den Anträgen der Fürsorgezentrale gelangten zur Verleihung nachfolgende Stiftungen und Widmungen: die Ignaz Blumenfeld-Widmung für Künstler an einen Bildhauer, zwei Technikerstipendien, die Julius Engeiberg-Ausstattungsstiftung an 2 Bräute und aus anderen Ausstattungsstiftungen weitere 6 Stiftplätze, die Georg Steiner-Stiftung; für 2 jüdische Ohrenkranke, die Markus Engels Paulinenstiftung für vierzehn jüdisch-konfessionelle Wohltätigkeits- und Armenanstalten und 10 christlich-konfessionelle Wohltätigkeits¬ und Armenanstalten sowie für Verwandte des Stiftungserrichters. Aus einem Berichte des Steueramtes geht hervor, wie schwierig sich angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse das Eintreiben der Kultussteuer gestaltet. Tausende Zensiten, die nie im Amte vorgesprochen, die immer anstandslos ihre Kultussteuen entrichtet haben, reklamieren jetzt, bzw. suchen um Ratenzahlungen an. Während in der gleichen Berichtsperiode des Vorjahres zirka 3500 Rekurse eingelangt waren, zählt das Steueramt heuer bereits über 7000 Rekurse. Im Jahre 1931 konnten 56.475 Bemessungen mit einer Gesamtvorschreibung von rund S 2,700.000.— ausgesendet werden, während die Zahl der Bemessungen im heurigen Jahre sich bestenfalls auf rund 52.000 mit einer Gesamtvorschreibung von S 2,400.000.— belaufen werde. Ein Beschluß des Vertreterkollegiums, wonach mit Rücksicht auf den überkompletten Stand an geprüften zur Verfügung stehenden Lehrern und im Hinblick auf die auch in den nächsten Jahren leider noch zu gewärtigende Verminderung der Kinderzahl bis auf weiteres die Abhaltung von Lehramtsprüfungen für Volks- und Hauptschulen einzustellen sei, entfesselte eine lebhafte Debatte. Die Herren Prof. Rath und Dr. Glanz wandten sich gegen diesen Beschluß, da man den mitten im Studium stehenden Lehramtskandidaten die Möglichkeit zur Absolvierung der Prüfung geben müssen. Der Obmann der Unterrichtskommission. Dr. Josef Tic ho. verteidigte den Beschluß, da. wie er mit Recht betonte, man angesichts der derzeitigen Verhältnisse nicht noch mehr jungen Menschen Hoffnungen machen dürfe, die sich bestimmt nicht erfüllen. Das Verantwortungsgefühl gebiete, hier eine vorübergehende Maßnahme zu treffen, die sich für die Folge segensreich auswirken würde. Die Angelegenheit wurde, nachdem, sich Dr. Tic ho damit einverstanden erklärt hatte, an .die Unterrichtskommission zurückvejwiesen. Dr. Ticho erklärte aber, daß er sich nach wie vor bemühen, werde, in dieser Sache nicht Illusionen entstehen zu lassen, durch die junge Menschen gleich am Beginne ihrer Laufbahn schwere Enttäuschungen erleben. Aus der Wiener Kaltusgemeinde.

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