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Die Wahrheit · 1932-05-20 · Heft 21 (20.5.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 21 (20.5.1932)
Date
1932-05-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ME WAHRHEIT Stalte 3 dere Teile Asiens. Seitens des Anwalts wurde ins Treffen geführt, daß viele biblische Gebote nur im Gelobten Lande erfüllt werden könnten und daß die Rückkehr ins Gelobte Land ein Kernstück der jüdischen Religion sei. Dies akzeptiert das Gericht durchaus. Es rechtfertigt aber noch immer nicht den Anspruch auf Befreiung von Einkommensteuer, denn es ist nicht das Ziel der Gesellschaft, etwas zu tun, was an sich religiös sei. Wie die JTA erfährt, ist der Jüdische Nationalfonds entschlossen, sein Statut jetzt in einer Weise abzuändern, daß er in Zukunft vor ähnlichen Schwierigkeiten bewahrt werde. Norman Bentwich bleibt in London, um die Statutenänderung durchzuführen. Politik am falschen Objekt. Der Schuß, der den Präsidenten der französischen Republik niederstreckte, hat die ganze Welt mit aufrichtigem Entsetzen erfüllt, obwohl Gewaltakte gegen Politiker auf exponiertem Posten in unserem Zeitalter nichts Außergewöhnliches mehr sind. Die Ermordung Erzbergers und Rathenaus, die Schüsse auf den König von Albanien — um nur einige Beispiele aus der großen Menge vorhandener anzuführen — haben wohl auch die an den zehn Geboten vom Sinai geschulten menschlichen Gewissen vorübergehend! aufgerüttelt, aber von dem panischen Schrecken, von dem das Bewußtsein nur dann ergriffen wird, wenn es an der Mechanik seiner eigenen Denkgesetze irre wird, konnte man in den drei zitierten Fällen doch nicht sprechen. War es gleich Wahnsinn, was damals geschah, so hatte, um mit Shakespeare zu sprechen, der Wahnsinn dbch Methode. Man erschrak über die katastrophale Entladung politischer Gegensätze, man entrüstete sich, aber man verstand. Die Tat des russischen Hitler-Ethusiasten, der sein Gastrecht in Paris so blutig mißbrauchte, ist nicht so leicht zu erklären. Man versteht wohl ohne weiteres, daß die reaktionären russischen Emigranten weder mit ihrem eigenen Schicksal, noch mit dem ihres Vaterlandes zufrieden sind, und billigt ihnen das Recht auf tiefste Verbitterung zu. Aber wie konnte sich diese an sich verständliche Psychose just gegen das Oberhaupt eines Staates wenden, der den russischen Weißgardisten nicht nur menschlich entgegenkam, indem er ihnen eine neue Heimat bot, sondern auch politisch eine oft sehr aktive Sympathie für ihre auf den Sturz der Bolschewikenherrschaft bedachten Pläne an den Tag l'egte? Es ist die Sinnlosigkeit der Untat, die die politischen Bluttaten gegenüber wahrlich schon abgestumpfte Generation in diesem Falle zur Auflehnung treibt. Die subjektive Legitimation des fanatisierten Weißterroristen erscheint diskreditiert d'urch den Mißgriff am Objekt seines Terrors. Sehr mit Unrecht! Denn der den Traditionen des zaristischen Rußlands treu anhangende Attentäter handelte ganz im Sinne der politischen Erziehung, die die Weisheit des zaristischen Systems gebildet hatte. Diese Weisheit bestand ja gerade darin, die Unzufriedenheit der russischen Gemüter, die auch in dler Vorkriegszeit oft gigantische Ausmäße annahm, am fälschen Objekt zur Entladung zu bringen. Wenn der geknechtete Bauer, der ausgebeutete Arbeiter, der rechtlose Bürger die politischen und sozialen Verhältnisse ihrer Heimat unerträglich fanden, dann lenkte die vorsorgliche Obrigkeit rechtzeitig >d5e Wut und Erbitterung der Massen auf die — Juden. Was die Juden für die Mißstände im Zarenreich konnten? Ungefähr ebensoviel wie der ermordete Präsident von Frankreich für fdlas Bolschewikenregime in Rußland. Die Analogie ist unbestreitbar, aber der unglückselige Mörder, der ihr aufgesessen ist, hat dadurch verraten, daß er die Staatsweisheit der „Schwarzen Hundert", zu der er sich bekennt, nur an der Oberfläche gestreift hat, aber niemals zu ihrem tieferen Wesenskern vorgedrungen ist. Denn was die „Schwarzen Hundert" „oben" beliebt und „unten" populär gemacht hatte, war ihre vom reifsten Verständnis für die schon von Machiavelli entlarvte politische Moral getragene Erkenntnis, daß eine erfolgreiche Politik ihre Opfer nicht in der Richtung irgend einer Schuld, sondern in der der geringsten Macht sucht Der Mörder Doumers hat auch in dieser Hinsicht einen unbegreiflichen Mißgriff getan: Ein Präsident der französischen Republik ist selbst für Monarchisten keine quantitS negligeable, an der man sich nach Laune vergreifen darf. Dasselbe Frankreich, das (Jen vom Blute unzähliger Unschuldiger befleckten Zaren als würdigen Bundesgenossen jdler Republik gefeiert hat, wird den zaristisch gesinnten Mörder des republikanischen Staatsoberhaupts als einen der abscheulichsten Unholde der Geschichte brandmarken ... Viel besser als in dem wahrscheinlich kranken Gehirn dieses „echten Russen" ist die polirische Saat der „Schwarzen Hundert" in nichtrussischen Köpfen aufgegangen. Die griechischen Pogromisten, die das Judenviertel von Saloniki einäscherten, erhielten von dem Gericht, das über ihre Schandtat! zu urteilen hatte, eine philosophisch-historische Rehabilitierung ihrer Handlung. Es ist für das moralische Gewissen immerhin tröstlich, daß foerostratische Aktionen, dienen, weiß Gort, keine philosophischen Motive vorgeschwebt haben, solche Motive wenigstens nach schweben... Anderswo läßt man die Philosophie in solchem Fall überhaupt zu Hause. Wenn durch das Zusammenwirken der verschiedensten Faktoren die gjfllllllU^ YORNEüflE FAMMEN - PENSION lRBstanpatiDB,BaffBBhans täglich 5-Uhr-Tee ISErMEBING TELEPHON 11 (Hochstraße 43 _ neben Hotel Panhans M Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.— aufwärts m Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. m Ansknnli: Wien Täcpaon Ii 2T-6-24. M Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer iifteill MSIpüi üc; ^^^^nrnniinHüiiJä^^!^! innere und äußere Politik so verfahren ist, wie nach dem Weltkrieg die deutsche, dann läßt sich das Volk der Dichter und Denker den Leitsatz suggerieren: „Die Juden sind unser Unglück!" Und niemand findet es für wahnsinnig, wenn man sich für das unrühmliche Ende der Machtträume deutscher Imperialisten durch die Verprügelung jüdischer Studenten, den Boykott jükiSscher Geschäfte und die Verwüstung jüdischer Friedhöfe schadlos hält. Politik am falschen Objekt? Mein Gott — sie mag traurig sein für das Objekt, wenn sie nur die — Subjekte in die Höhe bringt... Umdi das tut sie! Beweis sind die unglaublichen Wahlerfolge der Nationalsozialisten in Deutschland und Oesterreich. Sie sind nur so zu erklären, daß auch viele, die Gewaltakte gegen Staatsoberhäupter und sonstige Machtfaktoren als Ausgeburt des Wahnsinns taxieren, die Parole „Juda verrecke!" als höchste politische Weisheit bewundern. Niemand denkt daran, die Verkünder dieser Tendenz ins Irrenhaus zu sperren. Aber man behandelt sie immerhin nach der von der Psychiatrie empfohlenen Methode, auf die Ideen von Monomanen liebevoll einzugehen. Nach ihrem Erfolg bei den Wiener Gemeinderatswahlen äußerten die Hakenkreuzler den Wunsch, auch ins Parlament einzuziehen. Prompt brachten drei Parteien des Nationalrats Anträge ein, das hohe Haus aufzulösen. Nur die christlichsoziale Partei, gehorsam dem kirchlichen Dogma, das den Selbstmord verbietet, leistet Widerstand... Es gibt eben Unterschiede zwischen Wahnsinn und Wahnsinn. Das weiß die Psychiatrie auch; während aber die Wissenschaft nur subjektive Abstufungen kennt, anerkennt die Politik auch objektive, das heißt Unterschiede in bezug auf das Objekt, an dem sich der Wahnsinn austobt. Attentate auf die wirklichen Beherrscher der Welt werden — mit Recht! — aufs schwerste geahndet. Dafür protegiert man wohlwollend Anschläge auf die politisch machtlosen Juden, weil sie angeblich nach der Wehherrschaft streben... Dr. Hugo Spie gl er. Nationalsozialismus in aller Welt /. Holland. Von B. Gobitz (Amsterdam). von „Die Ortsgruppe Amsterdam schreitet Erfolg zu Erfolg." „Volk. Beobachter" vom 10. Mai <LJ. Es ist ein trauriges Symptom unserer Zeit, daß selbst in Holland, dem klassischen Landle der Gewissens- und Religionsfreiheit, der Gastfreundschaft und Toleranz, öffentlich die Gründung einer antisemitischen Bewegung angekündigt werden konnte. Diese soll die Holländer nach auswärtigem Muster entgegen ihrem eigenen Willen von der angeblichen Herrschaft und dem vermeintlichn Druck der Fremden, namentlich der Juden erlösen. Holland! ist allerdings nicht arm an politischen Parteien und! an Sekten, denn fast nirgendwo in der Welt ist die Bevölkerung in religiöser und politischer Hinsicht so sehr zersplittert wie in dem Unterlande an der Nordsee. Zu den über zwanzig politischen Parteien und Gruppen, die es hierzulande gibt, von welchen jedoch nicht mehr als elf im Parlament vertreten sind, sind in kurzer Zeit ein halbes Dutzend neue faschistischer Färbung hinzugekommen; unter ihnen gibt es zwei, die ausgesprochen antisemitisch sind. Eine derselben nennt sich die Gruppe der N ational-Solid'aristen und steht unter der Führung der Herren Querner und Sinclair de Rocheraont, dessen Namen nicht unbedingt holländisch, vielmehr aber französisch klingt, so daß es wahrscheinlich ein Hugenotte, also ... ein Fremder ist. Diese erklärt sich nicht so sehr gegen die Juden als vielmehr für den Zionismus, dessen Verwirklichung man deshalb so gern innerhalb kurzer Zeh sehen möchte, damit alle holländischen Juden nach Palästina abreisen — so daß nach flirer Ansicht der verderbliche jüdische Einfluß in Holland ein Ende nähme. . Die zweite Gruppe, welche sich die NSNAP. (Nationalsozialistische Niederländische Arbeiterpartei) nennt und sehr romantisch in einem alten Schloß beim Haag, „De Binckhorst" genannt, das Licht der Welt erblickte, ist wohl die gefährlichere. Führer ist Adabert S m i t, der sich, ganz unholländischerweise aus heißer Liebe zu Mussolini — dar jedoch von Antisemitismus nichts wissen will — Adalberte Smit nennt und ausdrücklich erklärt hat, daß seine Partei eine richtig nationale ist, also ihr Programm nicht dem von Adolf Hitler und Doktor Gottfried Feder entnommen habe. Nichtsdestoweniger weichen die 24 Punkte des Programms der holländischen Hitlerianer nur wenig von denen ihrer deutschen Genossen ab. Auch sie, die holländischen Nazis, wollen den Kampf gegen die in ihrer Phantasie bestehende jüdische Herrschaft in Holland, gegen das jüdische Bankkapital, die Warenhäuser, Truste und Konzerne und schließlich, aber nicht an letzter Stelle, gegen Sozialismus und Kommunismus aufnehmen. Merkwürdigerweise stützen sie sich dabei auf das positiv christliche Prinzip, ohne daß sie die Katholiken abstoßen. Aber gerade in Holland bedeutet das Wort „christlich" so wenig und die verschiedenen Sekten und Richtungen im Christentum verstehen darunter jede etwas anderes. Soviel ist jedoch wohl klar, daß die NSNAP. versucht, auch in katholischen Kreisen festen Fuß zu fassen. Es ist noch fragheh, inwieweit ihr das gelingen wird. Bis heute übergeht die große katholische Presse die Sache mit Stillschweigen, während die kleinere entweder schweigt oder wenigstens keinen unfreundlichen Ton hören läßt Bis jetzt war in Hofland» von einem offiziellen Antisemitismus keine Rede, aber sogenannter gesellschaftlicher Antisemitismus war ganz entschieden zu spüren; so können in „De Groote Club" („Der Große Klub") in Amsterdam Juden und getaufte Juden nicht Mitglieder werden, obschon eine bedeutende Minderheiß der Mitglieder dieses Klubs sehr stark gegen diesbezügliche BaUotagemaßnahmen ist. Auch mehrere Abteilungen (Corpores) des Amsterdamer Studentenkorps sind für Juden nicht zugänglich. Auch machte sich dann and wann in einigen Presseorganen, namentlich in <Jer Provinz, eine

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