Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 20 (13.5.1932)
- Date
- 1932-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 QBE WAHRHEiT die Zuhörer in die Agenden eines Armenbüros genauen Einblick gewähren ließen. Seinen beifällig aufgenommenen Vortrag schloß er mit folgenden Sätzen aus Arthur Schnitzlers Erzählung „Die Frau des Weisen": „In einer seltsam wehmütigen Schönheit steigen jene Jahre vor mir auf und ich durchlebe alles aufs neue; ich erinnere mich an meine Arbeit Selbst alle Nichtigkeiten ergreifen mich so tief, als wenn sie meine Jugend zu bedeuten hätten. Wahrscheinlich würden alle diese Tage im tiefen Schatten des Vergessens liegen, wenn nicht ein geheimnisvoller Glanz auf sie zurückfiele." — In der anschließenden Debatte sprachen die Herren Rabbiner Dr. J. M. Bach, Rabbiner Rothschild und Herr Donath dem Referenten in ausdrucksvollen Worten iden wärmsten Dank für seine im Dienste der Humanität lange Jahre opferwillig geleisteten Arbeiten aus, die ihm die Anerkennung weitester Kreise verschafft haben. Regierungsrat Dr. L e n k und Schriftführer Felix Wachsberger gaben verschiedene Anregungen, die darauf hinausgingen, der unliebsamen Hypertrophie von Wohltätigkeitsaktionen zu steuern. * Von einem Besucher der gelungenen Versammlung, der infolge vorgerückter Stunde nicht mehr das Wort ergreifen konnte, werden wir auf folgenden Fall aufmerksam gemacht, den er gerne in dieser Versammlung, in der so vieäe Vertreter und Vertreterinnen von Wohltätigkeitsvereinen anwesend waren, zur Sprache gebracht hätte. Es handelt sich um einen Wiener jüdischen Frauenverein, der in seinem Gebarungsausweise für das Jahr 1931, der übrigens Beweis für die recht rührige humanitäre Tätigkeit des Vereines ablegt, auch eine Ausgabenpost von S 100.— für eine ausgesprochen jüdisch-politische Frauenorganisation enthält. Unser Gewährsmann findet es mit Recht vollkommen unangebracht, daß ein Wohltätigkeitsverein einem evident politischen Zwecke Beträge zuführt, noch dazu in einem Ausmaße, das in keinem Verhältnisse zu den sonstigen Subventionen des Vereines steht. Denn für die „Weibliche Fürsorge", diese verdienstvolle Zentralorganisation, wurden im Berichtsjahre lediglich S 30.—, für die „Winterhilfe" bloß S 50.— gegeben. — Zur Rechtfertigung der Leitung des betreffenden Frauenvereines können wir wirklich nur annehmen, daß ihnen die politische Tendenz der durch sie subventionierten Frauenorganisation nicht bekannt war, oder daß sie von dieser darüber mit Absicht nicht hinreichend aufgeklärt worden ist 3iafce.nfove.u3z am Wevfc Die Judenhetze der Nationalsozialisten. Der DeutscheVolksgemeinschaftsdienst Berlin-Wilmersdorf hat vor kurzem ein Handbuch für den Kampf gegen die N. S. D. A. P.: „Der Anti-Nazi", herausgegeben. Es ist dies ein nach Namen und Stichworten geordnetes Nachschlagewerk über den Nationalsozialismus und seine Führer. Es enthält auch Proben aus der Judenhetztätigkeit der Nationalsozialisten, aus welchen folgende Beispiele aus dem Jahre 1931 bemerkenswert sind: Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Mutschmann sagte in einer Viersammlung in Langenwetzendorf: „Es wird einmal abgerechnet und gerächt werden. Und es werden einmal Synagogen rauchen. Es kommt der Tag der furchtbaren Abrechnung." — Die „Führer- und Schulungsbriefe" der Organisationsabteilung der N. S. D. A. P. enthalten den folgenden Passus: „Die naturgegebene Feindschaft der Bauern gegen den Juden, seine Feindschaft gegen den Freimaurer als Judenknecht muß bis zur Raserei aufgestachelt werden." In Nr. 42 des „Stürmer" vom Oktober 1931 heißt es unter der Ueberschrift „Der Jude und die deutsche Frau": „Der Jude ist der geborene Rassenschänder. Verbrecherische Auswürflinge aus den verschiedensten Völkern schlössen sich einst unter der Führung des Gesetzgebers Moses in der Wüste zusammen und bildeten das jüdische Volk. So entwickelte sich durch jahrtausendelange Inzucht eine Köterrasse, die wir im heurigen Juden vor uns sehen. Dieser wird; durch sein Blut getrieben, alle anderen Rassen und Völker zu verderben und zu zersetzen. Er wird durch sein Blut getrieben, nichtjüdische Frauen und Mädchen zu schänden." — Dr. Goebbels sagte am 4. September 1931 im Sportpalast: „Wenn jüdische Banditen unsere Führier mit Dreckkübeln begießen, dan kann es passieren, daß die Massen über die Köpfe der Führer hinweg zur Revolution greifen." Ein bestrafter Rassenschützler. Der bekannte Rassenschützler Universitätsprofessor Dr. Ludwig M e h e 1 y veröffentlichte im Oktober 1931 in der Zeitschrift „A Cel" einen Artikel gegen die Juden, in welchem er folgende Behauptungen aufstellte. „Die Religion der Juden gestattet und gebietet die Ausbeutung der Andersgläubigen ... Sie sind Parasiten, Sadisten ... Sie verachten die Arbeit und Heben von Auswucherung der Gojim . . ." Wegen dieses Artikels hatte sich Professor Mehely vor dem Staatsgerichtshof wegen Aufreizung gegen eine Konfession zu verantworten. Mehely verteidigte sich dahin, er habe sich einer konfessionellen Aufreizung nicht schuldig gemacht weil das Judentum keine Konfession bilde, sondern eine Rasse. Was israelitische Religion genannt wird, sei nichts anderes, als eine Sammlung von Regeln zum Schutze der jüdischen Rasse und der Weltherrschaft der Juden. ( t <^^n T^^ h i rn^M, , ' '^j'^^'^f f^^pp** illlffilg, -IfilÄit w v^^iMl&^ täglich 5-Uhr-Tee ü SEMNERINGI TELEPHON 11 M iHochstraße 43 | _ neben Hotel Panhans §§ || Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts g s Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser ü in jedem Zimmer. Ü ansfcunlt: Wien Telephon u 27-6-24. m Ü Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer liiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiinniim Ich hatte, fuhr Mehely fort, nicht die Absicht, aufzureizen. Ich wurde für meinen Artikel sogar von allerhöchsten Stellen warm begrüßt. Ich bin nicht mehr Antisemit, als jeder brave Ungar es zu^sgü^ ha^. Ich behandle meine Hörer jüdischer Konfession freundschaftlich und strebe eine Symbiose an. Ich möchte den Juden ihr Parasitentum abgewöhnen. Meine Broschüre hat in Deutschland allgemeinen Beifall gefunden. Der Gerichtsvorsitzende unterbrach den Angeklagten wiederholt und forderte ihn auf, keine rassenschützlerischen Theorien vor Gericht zu entwickeln. Nach einer Beratung von etwa zwei Minuten verkündete der Gerichtshof sein Urteil, womit Professor Mehely wegen konfessioneller Aufreizung mit Strafaufschub zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt wird. Midernde Umstände wurden ihm in Berücksichtigung seines vorgeschrittenen Alters zugebilligt. Ivar Kreuger bleibt der Idealtyp der Nazis. Ivar Kreuger scheint auch nach Aufdeckung seiner grandiosen Betrügereien und Fälschungen der Idealtyp der Nationalsozialisten zu sein. Der „Freiheitskampf", das Dresdener Blatt der Nationalsozialisten, brachte vor kurzem einen Verteidigungsartikel für Kreuger mit der Ueberschrift „Die schmutzige Wäsche der Juden". Darin heißt es: „Die Taktik der internationalen jüdischen Hochfinanz wird im Fall Kreuger immer verleumderischer und niederträchtiger. Alle Mittel sind diesen Buben recht, um die an und für sich schon gefallenen Kreuger-Papiere durch Lügenmeldungen aller Art noch tiefer sinken zu lassen . . . Man bezichtigt den toten Kreuger der Bilanzfälschung. Um des schnöden Mammons willen machen die internationalen Großschieber und Gauner nicht einmal Halt vor einem Toten . . . Immer und immer wieder sind es die Juden, die die Schiebungen und Gaunereien engros vornehmen und die Völker bis aufs letzte aussaugen." Cuzistenexzeß in Czernowitz. Am 3. Mai wurde eine Gruppe von 30 jüdischen Ausflüglern, meistens Jugendliche, im „Horeczaer Wäldchen", einem beliebten Erholungsort der Czernowitzer am Pruth, von etwa 150 Cuzisten, unter denen sich mehrere Studenten befanden, überfallen und schwer mißhandelt. Die Cuzisten veranstalteten eine förmliche Treibjagd auf diie jüdischen jungen Leute, von denen viele mehr oder weniger ernste Verletzungen erhielten. Die meisten Verletzten konnten sich selbst nach Hause begeben, andere, unter ihnen einige Mädchen, mußten mittels Rettungswagen in die Stadt zurückbefördert werden. Unter der jüdischen Bevölkerung von Czernowitz herrscht wegen dieses Vorfalles große Erregung. Man fordert von den Behörden Maßnahmen zur Verhütung ähnlicher Exzesse in der Zukunft. Die Folgen. Antisemitische Huligans haben in der Nacht von Mittwoch, den 28. April, die Schaufenster dreier großer jüdischer Geschäfte im Haupthandelszentrum von Saloniki eingeschlagen. Die polizeiliche Nachforschung nach den Tätern blieb erfolglos. In der Stadt C aV a 11 a, bei Saloniki, wo bekanntlich einige Tage vor dem Pessach- Fest ein Ritualmordtumult stattfand, in dessen Verlauf der jüdische Kaufmann Moise Levy durch Huligans angegriffen und verletzt wurde, wurde am Vorabend des Pessach-Festes der jüdische Musiker Jacob Benmayer in einem Cafe, in dem er musizierte, von einem durch Ritualmordgerüchte aufgehetzten Pöbel überfallen und durch Messerstiche im Gesicht schwer verletzt. Er wird längere Zeit das Bett hüten müssen. — In Cavalla wurde eine Abteilung der Nationalen Hellenistischen Union, deren Zentralsitz sich in Saloniki befindet und die seit kurzem ausgesprochen hitleristische Tendenzen verfolgt, gegründet. Die judenreine Lemberger Landwirtschaftshochschule. An der dem Lemberger Polytechnikum angegliederten Hochschule für Land- und Forstwirtschaft waren seit einer Reihe von Jahren, nachdem sich dort antisemitische Unruhen schwerster Art ereignet haben, keine jüdischen Studierenden inskribiert worden. Als sich jetzt doch ein jüdischer Student, namens Bauer, inskribieren ließ, beschloß die Studentenschaft der Hochschule, daß sich „Bauer nicht auf dem Territorium der Anstalt in Dublany zeigen" dürfe. Als Antwort darauf beschloß der Senat des Polytechnikums, die Hochschule bis auf weiteres zu schließen. Was ist,, ChillulHaschem"? Die Beantwortung dieser Frage nimmt in der Nummer des „Oesterreichischen Lehrerblattes" vom 15. April ein „jüdischer Freund" dieses Organs in einer Weise vor, die nicht unwidersprochen bleiben darf, obwohl wir dadurch gezwungen sind, wieder einmal die schon zum Ueberdruß leidige Angelegenheit Pick zu berühren. In einem abermals mit der von antisemitischer Seite her gewöhnten Aufschrift „J ü d ische Unduldsamkeit gekrönten Aufsatze wird die Erklärung der Angestelltenschaft der Wiener Kultusgemeinde wiedergegeben, in der das unrühmliche Vorgehen des Herrn Religionslehrers Josef Pick mit Recht als „Chillul Haschern" bezeichnet wurde. Da die Redaktion dieses Fachblattes aus triftigen Gründen annehmen konnte, daß nicht gar viele Leser des Blattes diesen Ausdruck, verstellen würden, erbat sie sich Aufklärung von besagtem „jüdischen Freunde", der in einer Fußnote die gewünschte Erklärung abgab. Hier bestätigte sich wieder einmal das alte Wahrwort: Legt Ihr 's nicht aus, so legt Ihr 's unter. Der „j ü d i s c h e F r e u n d" schreibt nämlich: „Chillul Haschern heißt: Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen, oder auf deutsch: Du sollst einen Goj nicht mit d',en Angelegenheiten der Kultusgemeinde vertraut machen." Es erübrigt sich wohl, den Herrn darauf aufmerksam zu machen, daß Chillul Haschern wörtlich Entweihung des göttlichen Namens heißt und im landläufigen Sinne Herabsetzung des Judentumes bedeutet. Er hat mit seiner dem Wortschatze der Antisemiten bedenklich nahe kommenden Erklärung selbst bewiesen, was „Chillul Haschern" ist.