Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 19 (6.5.1932)
- Date
- 1932-05-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT JUGEND-UNION DC, BERGGASSE 4 * TELEPHON A 19-2-77 Einladung { zu dem am 10- Mai 1932, um : i/,8 Uhr abends, im Festsaale des | österreichischen Handelsmuseums, ■ IX., Berggasse 16, stattfindenden ] JQdlsdien foffislicder-Abend j MAX HOENIG j (Am Klavier: Trude Zerner) j Sarah Stuckart, Klavier { ■ Wenige restliche Karten zu S2.— u. i S3.— im Sekretariat der „Jugend- ■ Union" und an der Abendkassa. ter Höhe entrichten müssen. Auch in Ansehung der Gebühren für die Totenbeschau scheinen die Juden ihren christlichen Mitbürgern nicht gleichgestellt gewesen zu sein, zumindest scheinen die Totenbeschauer selbst an die Juden höhere Anforderungen gestellt zu haben; denn die Niederösterreichische Regierung schärfte dem Wiener Magistrate durch Dekret vom 9. Juli 1784 im Hinblicke auf die Ueberhaltung der Juden bei den Totentaxen ein, „daß die Juden bei Abnahme dieser Gebühren den Christen gleich zu halten sind". In dem vorerwähnten Vortrage der vereinigten böhmischösterreichischen Hofkanzlei wurde auch anerkannt, „daß man für das zu Hause verrichtete Gebet wohl keine Gebühr einheben könne"; diese bessere Einsicht währte allerdings nicht lange, da, wie schon angeführt, mit Hofkanzleidekret vom 11. April 1766 eine Taxe von 24 fl., respektive 50 fl. für das Hausgebet eingeführt wurde; allerdings wurde schon nach einigen Monaten (siehe oben) verfügt, daß von Einhebung dieser Taxe bis auf weiteres abgesehen werden soll. (Fortsetzung folgt.) Die Geschichte wiederholt sich. Der Talmud über Krisenzeiten. Die ganze Welt macht gegenwärtig eine schwere Krise durch und die Weisen dieser Welt finden keinen Rat. keinen Ausweg aus dieser drückenden Situation. Es lohnt daher, einen Blick darauf zu werfen, was unsere Talmudweisen über die Krise dachten. Wir machen hierbei die interessante Entdeckung, daß schon damals, in jenen längst vergangenen Tagen, die Talmudisten — diese Menschen des Buches — sehr viel Verständnis für Krisenerscheinungen zeigten, daß sie sich in ihren Berechnungen nicht täuschten und die Situation sehr nüchtern beurteilten. „In Zeiten der Krise, in den Tagen des Hungers" — heißt es im Talmud — „soll man sich einschränken, allem entsagen, sparen, sich mit dem Wenigsten und nur zur Erhaltung des Lebens Erforderlichem begnügen." Es sind dies Ratschläge, die wir auch aus dem Munde vieler zeitgenössischer Oekonomisten und Staatsmänner hören können. Den Talmudweisen war auch bekannt, daß die Ouelle alles Uebels jene Krise ist, die durch den Mangel an Lebensmitteln hervorgerufen wird. Der Welt droht stets Kriegsgefahr, sobald es an Nahrung fehlen sollte. Der Rat, Rettungs- und Hilfskomitees zu gründen, Küchen für die Hungernden zu eröffnen, die Nackten und Bedürftigen zu bekleiden und zur Linderung der Krise Steuern aufzuerlegen, ist keine neue Erfindung. An zahlreichen Stellen finden wir im Talmud die Mahnung, daß der Mensch in kritischen Zeiten an seinen Nächsten denken muß. Die Rabbiner pflegten in Zeiten der Hungersnot sogar Waisenkindern Steuern aufzuerlegen. „Die ärgste Zeit ist jene" — behauptet der Talmud — ,.in der das GeMi teuer ist und die Lebensmittel billig sind." Betrachten wir die schwere Zeit, die wir heute durchleben, so finden wir die Richtigkeit dieser These des Talmud vollauf bestätigt. Während des Weltkrieges war das Geld billig, manche Valuten fast ganz wertlos, die Lebensmittel jedoch waren teuer und gerade damals lebte man im Wohlstand und viele häuften große Reichtümer an. Heute ist gerade das Gegenteil der Fall, das Geld ist teuer, während Lebensmittel immer billiger werden. Die Weisen des Talmuds kannten zwar weder Radio noch Telegraphie, trotzdem waren sie in vielen „Geheimnissen" nicht schlechter bewandert als wir. Sie lehren: „In Tagen der Krise und der Not suchet die Lösung ja nicht in der Anwendung von Halbmitteln, wollet sie nicht durch Wunderbannen! Suchet die Lösung auf praktischem Wege, im natürlichen, eisernen Gesetze des Lebens und der Natur." Welcher Rat bleibt nun übrig, wenn alle Halbmittel nicht helfen und Wunder die Krise nicht verscheuchen können? Die Weisen des Talmuds gelangten zur Ueberzeugung, daß die wesentliche Schuld an jeder Krise in der Unfähigkeit der Lenker des Staatsschiffes liege. Die Erde ist reich genug, um die ganze Welt zu ernähren, und wenn trotzdem Krisen eintreten, so ist das ein Beweis dafür, daß die Führer 'der Menschheit ihrer hohen Aufgabe nicht gewachsen sind. Die Geschichte wiederholt sich . . . YORNEBflE Helfet der „Einheit/ Die Pessachfeiertage führten den Schreiber dieser Zeilen in eine, jüdische' WoMfahrtsmstntution. In der Malzgasse 12 befinden sich die Ausspeisungssäle der „Einheit", die nicht nur den Aermsten, sondern, vor allem dem verschämten Mittelstand weit unter den Gestehungskosten reichlichen Mittagstisch bietet. Man kann, wenn man als stiller Beobachter an einem der Tische Platz nimmt, sehen und hören, wie dankbar diese Armen dafür sind, daß man ihnen, ohne daß sie es als ein Almosen empfinden, ein reichliches Essen bietet. Dazu kommt noch die seelische Befriedigung dieser Menschen, ein Essen zu erhalten, das nach dem streng jüdischen Ritus hergestellt ist. Schon diese Art der Wohltätigkeit wäre Grund genug, um dieser Anstalt reichlich Opfer zu bringen. Doch der Vorstand dieser Institution begnügt sich nicht damit, jedem Juden, der an die Türen pocht, sie bereitwilligst zu öffnen, sondern er sucht in den Elendsquartäeren den Leopoldstadt und der Brigittenau nach greisen, gebrechlichen Juden, die selbst nicht kommen können; ihnen wird das Essen ins Haus geschickt oder hilfsbereite Nachbarn diüirfen für diese unglücklichen Menschen das Essen abholen. Während der Pessachfeiertage wurden Sederabende veranstaltet, welche dem Worte der Hagadah „Jeder Hungrige komme und esse mit" praktische Geltung verschafften. Die Türen standen offen, jeder Arme durfte kommen, er wurde nicht danach gefragt, wie und ob er zeitgerecht den minimalen Obulus für das Essen geleistet habe. Er konnte sich niedersetzen, die vorbereitete Hagada — die bei jedem Gedeck lag — zur Hand nehmen und das Befreiungsfest des jüdischen Volkes mitfeiern. Es war ein überwältigendes Empfinden erfüllter jüdischer Pflicht für alle, die mithalfen. Der Vorstand dieser Anstalt Vergaß aber auch nicht jener unglücklichen Jüdischen Brüder, die auf dem Wege des Rechtes gestrauchelt hinter Kerkermauern für ihre Tat büßen mußten. Auch diese unglücklichen Juden, die eine unnachsichtliche Gesellschaftsordnung zu verstoßen scheint, durften erfahren, daß das Herz aufrechter Juden auch für sie schlägt In munifizenter anerkennenswerter Weise hat die israelitische Kultusgemeinde in Wien jene Kosten getragen, die aufgebracht werden mußten, um den Häftlingen der Wiener Landes- und Bezirksgerichte an den Pessachfeiertagen, nicht nur die Einhaltung religiöser Pflicht zu ermöglichen, sondern auch diese unglücklichen Menschen in dem Bewußtsein zu erstarken, daß die verzeihende Liebe des Judentums nicht untergehe, sondern als ein heiliges Licht im Herzen jedes Juden zeitlebens brennen werde. Es wßrde zu weit führen, sollte man der Oeffentlichkeit einmal erzählen, was die „Einheit" unseren Glaubensbrüdern geleistet. Jeder Jude, der Gelegenheit hat, Jn den Räumen dieser Anstalt den Opfermut der jüdischen Bevölkerung zu bewundern, kann beruhigt in die Zukunft blicken. Solange das Feuer jüdischer Liebe eine so gewaltige Wärme ausstrahlt, werden Juden nicht elend zugrundegehen müssen. Es war bisher wohl möglich, all das viele zu leisten, was hier kurz angedeutet wurde. Es muß in der Zukunft möglich sein, nicht nur dasselbe, sondern noch mehr zu Jeisten. Die Not schreitet fort, die Verelendung der Jüdischen Massen, gepeitscht durch den schleichenden Antisemitismus in dieser Stadt wird immer größer, die Anforderungen an die Wohlfahrtsanstalten der Kultusgemeinde und der Wohlfahrtsvereine sind Ifibermäßig. Es ist daher Pflicht jedes Juden, mehr denn je, in Erinnerung an die Lehren der Vorfahren, den Zehent auf dem Altar der Liebe zu den Glaubensbrüdern niederzulegen. Nicht bitten dürfen die Wohlfahrtsinstitutionen, nicht mit ihrem Zusammenbruche drohen, um unterstützt zu werden, sondern freiwillig sollte jeder, jedes Opfer seinen Mitmenschen bringen. Es ist in dieser schweren Zeit nicht leicht, vom kargen Einkommen sich Entbehrungen aufzuerlegen. aber Opfer, die von Menschen gebracht werden, denen das OpfeT selbst weh tut, sind Opfer, die des Dankes wert sind. VERANSTALTUNGEN DER JUGEND - UNION. Klublokal: Goldsaal des Cafe Silier, Wien L, Schwedenplatz. Voranzeige! Dienstag, den 17. Mai, *A9 Uhr abends, Kulturell-politischer Diskussionsabend. Dr. Ernst Feldsberg spricht über „Jüdisches im Christentum." ^^MW^^i -SliflS^fi: rüMILICN - PENSION REstaupation.HaffEBhaus täglich 5-Uhr-Tee ^lÄilBIl fc'-^^ SEPIMERING TELEPHON 11 {Hochstraße 43 neben Hotel Panhans! Mäßige Preise, Zimmer mit PensionS 12.—aufwärts; Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser in jedem Zimmer. AusKunlf: Wien Telephon U 27-6-24.! Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer VonWoAe zuWoctke Ruhiger Verlauf des Nebi-Musa-Festes. Das Nebi-Musa-Fest ist in ganz Palästina ruhig verlaufen. Die Prozessionen der mohammedanischen Araber gingen in vollster Ordnung vor sich. Es gab fast keinen einzigen Zwischenfall. — Die Polizei hatte wenige Tage vorher in den Wohnungen der Kommunisten Israel Pevsner und Joseph Rubinstein tausende kommunistische Flugblätter beschlagnahmt, in denen die arabischen Bauern aufgefordert werden, das bevorstehende Nebi- Musa-Fest auszunützen, um sich gegen die Regierung und die Zionisten zu erheben. Pevsner und Rubinstein wurden verhaftet. Generalgouverneur Sir Isaac Isaacs ausgezeichnet. König Georg von England hat den Generalgouverneur von Australien, Sir Isaac Isaacs, der bekanntlich Jude ist, zum Ritter des Großkreuzes St. Michael-St. Georg ernannt. Professor Einstein bleibt in Deutschland. New Yorker Zeitungen meldeten, daß Professor Albert Einstein, um weiteren antisemitischen Angriffen in Deutschland aus dem Wege zu gehen, sich entschlossen hat, die ihm angebotene Professur an der Wilson University anzunehmen und nach Süd-Kalifornien zu übersiedeln.- Diese Nachricht wurde auch von einem Teil der Presse in Deutschland übernommen. Wie der „JTA" aus der Umgebung von Professor Einstein mitgeteilt wird, gedenkt Professor Einstein nicht, Deutschland zu verlassen; er habe eine Professur an der Wilson University nicht angenommen, eine solche sei ihm auch nicht angeboten worden. New York. Eine vor kurzem in New York stattgefundene Sitzung des American Jewish Congress war ausschließlich der Erörterung der wirtschaftlüchen Lage der jüdischen Bevölkerung m den Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit der herrschenden Krisis, sowie den Problemen der wirtschaftlichen Umschichtung gewidmet. Es wurde ein Komitee zur Untersuchung der wirtschaftlichen Fragen des amerikanischen Judentums unter Leitung von Dr. Joseph Temen bäum gebildet. Der Vorsitzende des American Jewish Congress. Dr. Bernhard Deutsch, Dr. Tenenbaum, Professor Max Winkler. Joseph Sliesberg, das frühere Mitglied des Kongresses der Vereinigten Staaten Jacobson. L. Brown und Ab. Goldberg legten in eingehenden Referaten die Wirtschaftslage der amerikanischen Juden dar und machten Vorschläge für wirtschaftliche Belebung und Umschichtung. Doktor Deutsch führte aus, das Problem der Umschichtung interessiere nicht allein die Jugend, sondern auch das ajtf-e Geschlecht. 1908 bis 1928 seien mehr als eine Million Juden nach Amerika eingewandert, die sich auf die Kleiderfabrikation und einige wenige andere Berufe konzentriert und so einen abnormalen Zustand geschaffen haben, dessen Folgen sich erst in der Wirtschaftskrise zeigen. Die ökonomische Umschichtung der jüdischen Bevölkerung Amerikas ist die Frage des Tages. Rabbiner Cohen behandelte die Frage der Hinausdrängung von Juden aus der Angestelltenschaft gewisser Berufe, sowie die des versteckten und offenen Antisemitismus an den Universitäten. Prof. Wimkler von der New Yorker Universität legte an Hand konkreten Materials dar, daß vom amerikanischen Riesenkapital höchstens % Billion Dollar sich in jüdischen Händen befindet Da sei es nun lächerlich, von der „jüdischen Herrschaft in der Finanzwe11" zu sprechen. Ab. Goldberg sprach sich optimistisch über die Zukunft des Judentums in Amerika aus und erwartet ungeachtet der Sperrung der Tore gegen Neueinwanderung einen allmählichen Aufschwung des jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten. Dr. A. Mark, der Oberrabbiner von Czernowltz, ein bekannter Gelehrter auf dem Gebiete der alttestamentlichen Forschung, spricht am 17. Mai um 'A8 Uhr abends in der Urania über „D a s Gleichnis im alten Testament".