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Die Wahrheit · 1932-05-06 · Heft 19 (6.5.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 19 (6.5.1932)
Date
1932-05-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAttRHEh WIEDERERÖFFNUNG des •«p SelchwarenbuffIet in der Hauptallee Restaurant Praterfee, Prater Hauptallee der Finna Petyan & Co., Wien XX. Bei schöner Witterang stets frische Selch- und Wurstwaren, kalt u. warm in anerkannt vorzüglicher Qualität zu billigsten Preisen Sie, Herr Justizminister, machen es sich doch nicht so bequem, wie Ihr Klubgenosse, Abgeordneter Schmitz. Obwohl er nicht Führer von Sturmscharen ist, ist er doch schneidiger als Sie. Er kündigt uns Juden die Offensive an, wenn wir nicht parieren, und droht sogar mit „Lösungen des Judenproblems, die einen bedauerlichen Inhalt miteinschließen würden". Er bekennt sich zwar als Gegner von Ausnahmsgesetzen, spielt aber ganz merklich mit dem Gedanken eines Numerus clausus, indem er auf die Analogie ki unserem Inlandarbeiterschutzgesetz verweist In diesem Teii seiner Ausführungen ist Abgeordneter Schmitz, wir müssen es zugeben, offenherziger, als man es sonst gewohnt ist, wenn er wörtlich sagt, daß „die wirtschaftliche Not immer, zu allen Zeiten die Haupttriebkraft für die Radikalisierung des Antismitismus gewesen ist, denn im Kampfe um die nackte Existenz kommt der Selbsterhaltungstrieb, der mächtigste, der im Menschen wirksam ist, natürlich ungehemmter und stärker zur Geltung, als in anderen Zeiten, in denen solche Existenzkämpfe nicht mit der gleichen Schärfe und unbarmherzigen Härte sich abspielen". Soweit ganz gut, aber wie verschmitzt wird seine Argumentation, wenn er über das Ueberwuchern der Juden in den freien Berufen spricht. Glaubt Herr Schmitz nicht, daß die Zahl der jüdischen Aerzte und Anwälte geringer wäre, wenn die Cbiistlichsozralen nicht ihren Cevauern und die Großdeutschen — wenigstens bisher — ihren Konnationalen fast hundertprozentig die Posten in sämtlichen öffentlichen Aemtern und Behörden vorbehielten? Er weiß sehr gut, daß dieser Numerus nulius die Flucht der jüdischen Akademiker in die freien Berufe verursacht. Nicht minder verschmitzt ist es, wenn er zwar zugibt daß auch die jüdische Jugend unter der Wirtschaftskrise und unter den Erschwerungen, im Handel und Gewerbe unterzukommen, leidet aber sich zu der unerhört frivolen Behauptung versteigt, daß „die Verhältnisse zu Ungunsten der Kinder des christlichen Volkes verschoben scheinen". Seine ganze jesuitische Versclimitztheit kommt aber darin zum Ausdruck, wenn er zwischen Juden und Juden unterscheidet, die einen an sein christlich fühlendes Herz drückt, die anderen aber mit seinem Bannstrahl belegt Die einen, die sich an die „eigene Religion und Sittenordnung" halten, und die anderen, die einem „zersetzenden Freisinn, ob bürgerlicher oder sozialistischer Färbung, verfallen" sind. Herr Schmitz beliebt, den Kopf in den Sand zu stecken und dabei die anderen glauben zu machen, als wenn diese Unterscheidung nur auf die Juden zuträfe, als wenn nicht auch in der Christenheit Oesterreichs, wie der ganzen Welt, diese Differenzierung in religiösen und weltanschaulichen Dingen bestünde, als ob nicht in Vergangenheit und Gegenwart gerade aus christlichen Kreisen der Aufklärung und dem Freisinn Führer entsprungen wären. Wir Juden, Herr Schmitz, lehnen jene unter uns, die sich, um mit ihren Worten zu sprechen, „nicht an ihre eigene Religions- und Sittenordnung halten", genau so ab, wie Sie jene Christen, die sich nicht auf dieser Linie bewegen. Wir können ebenso wenig dafür, daß jene von jüdischen Eltern abstammen, wie Sie dafür können, daß die zehntausenden christlichen Freidenker in Bürgertum und Arbeiterschaft von christüchen Müttern geboren wurden. Wir kennen diese Melodie, der Herr Schmitz einen etwas geänderten Text unterlegt hat, aus Luegers Zeiten, der im Kampfe gegen das liberale Bürgertum die gleiche Dialektik sich zurecht legte und in der Abwehr Schönerers den „Rassenantisemitismus" verleugnete. Auch die Sirenengesänge des Herrn Schmitz werden uns nicht verführen. Sein leutseliger Appell an die Judenschaft „nicht nur den Antisemiten das Studium der Judenfrage zu überlassen, sondern auch ihrerseits dazu beizutragen, um zu einer Lösung dieser Frage zu kommen", gemahnt uns an das lateinische Wort, die Danaer zu fürchten, auch wenn sie Geschenke bringen. Sollen wir uns vielleicht mit ihm an einen Tisch setzen, um perzentuell einen Numerus clausus für alle Gebiete des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens auszuarbeiten? Vielleicht findet er eher als bei uns bei unseren jüdischnationalen Brüdern Gehör. Wenn diese auch nicht Herrn Schmitz zustimmen werden, der als einen der vielen Gründe für das Ansteigen der antisemitischen Stimmungen „die Gründung des jüdischen Nationalstaates und die Vergrößerung der zionistischen Bewegung" anführt und einen klaren Zusammenhang zwischen der Judenfrage und dem „Studentenrechte" im Hinblick auf das Erwachen des nationalen Bewußtseins im Judentum herstellt, so liegt doch der Plan eines Numerus clausus den Verfechtern des Minoritätenrechtes näher als jenen Juden, die sich auf die geltende Bundesverfassung und ihr Staatsbürgerrecht stützen. Wir wollen sicherlich nicht Argumente gegen die jüdischnationale Politik aus der Rüstkammer unseres gemeinsamen antisemitischen Gegners beziehen, sicherlich nicht, wenn sie auch noch so naheliegend sind, in diesen für die gesamte Judenschaft überaus kritischen Zeiten. Doch können wir es uns nicht versagen, in einem Augenblicke, in dem man darangeht, gegen die große antisemitische Front mit dem Kleingeschütz einer neu zu gründenden „Jüdischen Volkspartei" aufzufahren, den ernsten Appell an unsere jüdischnationalen Glaubensgenossen zu richten, in unserem eigenen Hause die Einigkeit herzustellen, denn ohne sie würde es unseren Gegnern allzu leicht gemacht, über uns zur Tagesordnung überzugehen. Selbst geeint werden wir dem gewaltigen Ansturm der Nationalsozialisten, die durch die unkluge und unaufrichtige Taktik der anderen Parteien leider neuen Zustrom erwarten dürfen, nur schwer trotzen können. Dr. Lenk. Nach dem 24. April. Brief aus Deutschland. Die Wahlen vom 24. April haben in Preußen den übrigens nicht unerwarteten großen Erfolg der Nationalsozialisten gebracht Die Hitler-Partei hat über 36 Prozent der abgegebenen Stimmen auf ihre Kandidaten vereinigt und zieht nunmehr als die stärkste Gruppe in den preußischen Landtag ein. So traurig dieses Ergebnis auch ist, hätte es keinen Sinn, sich einer Illusion hinzugeben und die Bedeutung desselben irgendwie unterschätzen zu wollen. Es ist vielmehr notwendig, den Dingen klar ins Auge zu schauen und sich auf eine Entwicklung gefaßt zu machen, die besonders für die Juden Deutschlands beträchtliche Gefahrenmomente in sich birgt. Wohl ist es den Hakenkreuzlern nicht gelungen, die Mehrheit im Landtage zu erreichen, sie werden also noch immer nicht in der Lage sein, die Macht an sich zu reißen und nach Gutdünken schalten und walten zu können. Aber der Umstand, daß sie imstande waren, diesmal aus eigener Kraft, ohne Unterstützung der anderen Rechtsgruppen, über 8 Millionen Stimmen auf ihre Liste zu vereinigen, zeigt evident, daß der Siegeszug Hitlers auch nach der Präsidentenwahl noch immer im Fortschreiten ist und dies gibt den Nationalsozialisten nicht ohne Berechtigung den Mut, die Hand nach der Macht auszustrecken. Freilich sind sie auf Bundesgenossen angewiesen und, wie die Dinge nun einmal liegen, kommt hierfür bis auf weiteres nur das Zentrum in Betracht, da die kleineren Rechtsgruppen allein noch nicht genügen, zusammen mit den 163 Hakenkreuzlern die Mehrheit zu bildeni, die Sozialdemokraten und die Kommunisten aber für ein Zusammengehen mit den Hitlerianern nicht zu haben sind. Tatsächlich sollen bereits zwischen den Führern des Zentrums und den Nationalsozialisten unverbindliche Vorbesprechungen über die Koalitionsfrage im Gange sein und die nächsten Tage dürften darüber Klarheit bringen, ob eine solche, immerhin naturwidrige Bettgemeinschaft möglich sein werde. Gerade das Zentrum dürfte eine solche Koalition höchst peinlich empfinden und nur die Rücksicht auf eine geordnete Fortsetzung der staatlichen Entwicklung dürfte diese Partei veranlassen, in den sauren Apfel zu beißen und sich mit diesen destruktiven Elementen an einen Tisch zu setzen. Allein, gerade darin liegt vielleicht das einzig Tröstliche der Situation. Die Hitlerianer haben _ sich bereits unmittelbar nach diesem großen Wahlsieg veranlaßt gesehen, trotz aller bombastischer * Fanfaren Wasser in ihren schäumenden Wein zu gießen. Sie wissen es wohl, daß das Zentrum für keinerlei radikale Experimente zu haben sein wird. Wenn sie auf die Mitwirkung desselben angewiesen sind, so werden sie bis auf weiteres darauf verzichten müssen, ihr „Programm" durchzur führen. Es wird ihnen vielmehr obliegen, den Beweis zu liefern, daß sie nicht nur in der Kritik der bestehenden Zustände groß sind, sondern auch imstande sind, aufbauende Arbeit zu leisten. Damit dürfte es freilich ein wenig hapern und somit ist die Hoffnung vorhanden, daß dem Siegeszug des Hakenkreuzes eine Grenze gesetzt sein wird. - Allerdings müßten sich die Juden Preußens, zumindest für die erste Zeit, auf allerlei Unannehmlichkeiten gefaßt machen. Mag auch die Teilnahme des Zentrums an der Regierung die Durchführung der von den Hitlerianern angekündigten judenfeindlichen „Gesetze" verhindern, so werden die Hakenkreuzminister in ihren Wirkungsbereichen zweifellos alles tun, um die Juden auf dem Verwaltungswege zu schikanieren und zu bedrängen. Damit wird in den jüdischem Kreisen offen gerechnet und dieser Umstand dürfte dazu beitragen, die Abwehrmaßnahmen nach dieser Richtung zu konzentrieren. Ein anderes Gefahrenmoment liegt freilich darin, daß Hitler nunmehr darauf drängt, auch den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen vorzunehmen. Es ist! nicht anzunehmen, daß Reichspräsident Hindenburg diesen Plänen nachgeben wird. Sollte dies jedoch der Fall sein, dann allerdings könnten für die Juden .des Reiches sehr ernste Gefahren entstehen. Im preußischen Landtag blieb den Hakenkreuzlern zusammen mit den anderen Rechtsgruppen vorläufig die Mehrheit versagt. In einem neugewählten Reichstage könnte sich eine andere Konstellation herausbilden. Eine rechtsradikale Mehrheit im Reichstag würde naturgemäß für die Juden Deutschlands eine ernste Gefahr bilden. Aber — wie gesagt — es ist zu erwarten, daß es bis auf weiteres nicht dazu kommen wird. Hierfür spricht auch der Umstand, daß die Auslieferung der Macht im Reiche an Hitler und Genossen außenpolitisch von unabsehbaren Gefahren für Deutschland begleitet sein müßte. Wenn es auch Hitler gelungen ist, breite Volksmassen mit seiner Phraseologie!zu .betören — die maßgebenden Faktoren des Reiches dürften doch noch soviel klaren Blick bewahren, um die drohenden Gefahren nicht zu verkennen., Gleichzeitig mit den Landtagswahlen in Preußen haben auch in Bayern, Württemberg, Anhalt und Hamburg Landtagswahlen stattge; fanden. Auch in diesen Gliedstaaten des Reiches konnten die Hakenkreuzler weitere Erfolge erzielen, wenn auch nicht in dem Ausmaße wie ,in Preußen. Einen wesentlichen Machtzuwachs habpji sie besonders in Bayern erhalten, wo sie in gleicher Stärke wie die bayrische Volkspartei in den Landtag einziehen. In der Mehrzahl dieser Länder sind jedoch die Parteienverhältnisse immerhin noch derart, daß die Heranziehung des Hitlertums zur Macht hintangehalten werden dürfte. Alles in allem hat der 24. April für die Juden Deutschlands eine ernste Gefahr in die Nähe gerückt — es bleibt vorläufig nur 4ie Hoffnung übrig, daß auch hier nicht so heiß gegessen wie gekocnf wird und daß die Nationalsozialisten, wenn sie regierungsfähig sein wollen, sich einer gewissen Mäßigung befleißigen werden. Anderseits darf erwartet werden, daß die Juden Deutschlands die angesichts der ernsten Lage gebotene Abwehrkraft aufbringen werden. Austriacus. Ingenieur mit Auszeichnung, sprachenkundig (Deutsch, Russisch, Englisch, Französisch, Tschechisch und Hebräisch) sucht Hofmeisterposten, als Uebersetzer oder ähnliche Verwendung. Chiffre: „Sehr bescheidenes Honorar" ari d. Adm. d. Bl. Unversorgte Witwe aus achtbarer jüdischer Familie bittet um Stellung zur Führung eines kleinen Haushaltes gegen Verpflegung und kleinen Gehalt Gütige Verständigung erbeten an: Ida BohaS. X.. Landgutgasse 3/15.

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