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Die Wahrheit · 1932-05-06 · Heft 19 (6.5.1932) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 19 (6.5.1932)
Date
1932-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Judische Die Wahrheit mit den Veröffentlldmngen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IIMM^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 Erscheint jeden Freitag mmmmmmmmsm XLVIII. Jahrgang Wien, 6. Mai 1932 Nummer 19 Der offene, der verschmitzte und der selbstverständliche Antisemit Die Wahlschlachten im Deutschen Reich und in den österreichischen Landen sind geschlagen. Auf der Strecke blieb der gesunde Menschenverstand, als Siegerin triumphiert die rohe Gewalt. Hüben und drüben dürfen die Verkünder des „Dritten Reiches", die Träger der Heilsbotschaft für ein neues, vom jüdischen Geiste gereinigtes System, die Nationalsozialisten, Jubelgesänge anstimmen. Sie sind die wahren Hyänen eines anderen Schlachtfeldes, des Weltkrieges, sie bemächtigen sich der Seelen jener Massen, die durch die Katastrophe des Weltkrieges und seine letzten Auswirkungen um die Früchte der Vergangenheit, um die Segnungen der Gegenwart und um die Hoffnungen der Zukunft sich beraubt sehen. Sie sind auf dem politischen Kampfboden die eigentlichen Kriegsgewinner. Sie wollen die Umwelt vergessen machen — und es gelang ihnen wahrlich nur zu gut —, daß jene Männer, die zum Kriege schürten, zumindesten aber alle pazifistischen Bestrebungen perhorreszierten, daß jene Kreise," die diplomatisch und militärisch den Krieg geführt und verloren haben, daß jene Politiker und Industriellen, die in der Nachkriegszeit eine vernünftige Liquidierung des Krieges und seiner Folgen beharrlich ablehnten, Geist von ihrem Geiste und Blut von ihrem Blute sind. Und ihre Erfolge und Siege sind ausschließlich darauf gegründet, daß sie durch ebenso geschickte wie zügellose Propagandamethoden in die Köpfe ihrer aus Großmannssucht und Ueberheblichkeit erwachten Volksgenossen den Glauben einzuhämmern vermochten, daß nicht die tapferen und edlen deutschen Stammesgenossen und deren Führer, sondern die feigen und verworfenen fremden Eindringlinge und deren in Politik, Finanz und Wirtschaft allmächtigen Führer, die Juden allein, an Beginn und Ausgang des Krieges die Schuld tragen. Sie, die Nationalsozialisten, machten und machen aus ihrer Judenfeindschaft nicht das geringste Hehl. Sie sind sozusagen „sympathische", offene Antisemiten. Sie verabscheuen in ihrer hochgemuten nordischen Seele das jüdische Bastardenvolk, sie sprechen ihm offen jedes Empfinden für Ehre und Ehrlichkeit ab, jede Berührung mit einem Juden, sagen sie, bedeute eine Verunreinigung für einen deutschen Volksgenossen. Wenn es nach ihrem Programm ginge, das in jedem Orte und in einer Unzahl von österreichischen Gemeinden öffentlich angeschlagen ist, dann hätte ein Teil der ansässigen Judenschaft sein Vaterland zu verlassen und der Rest würde gnädigst unter „Fremdenrecht" gestellt werden. Kein Jude dürfte hoffen, als Anwalt, Arzt oder öffentlicher Beamter sein Brot zu verdienen. Industrie, Handel und Gewerbe wären ihm gleichfalls verschlossen, denn, so erklären diese reinrassigen Menschenfreunde, so lange auch nur ein einziger arischer Volksgenosse Mangel leide, müssen Juden auch von diesen Berufen ferngehalten werden. Wir Juden Xissen bis ins Detail, wie unser künftiges „Judengesetz" aussehen würde, wenn Hitler und Genossen am Ballhausplatz oder am Ring des 12. November ihre Hakenkreuzflagge hissen würden. Dürfen wir uns angesichts der Wesensart der österreichischen Stadt- und Landbevölkerung allzu sehr in Sicherheit wiegen, daß dies so ganz ausgeschlossen sei? Bietet uns die Aufgeklärtheit jener Schichten unserer christlichen Mitbürger, die derzeit in anderen politischen Lagern stehen, auch nur halbwegs Gewähr dafür, daß sie den Verlockungen widerstehen und nicht den ebenso großsprecherischen als blutrünstigen Propagandareden der nun massenhaft auftretenden größeren und kleineren nationalistischen Hetzprediger unterliegen werden? Woraus allein könnte man die Hoffnung schöpfen, daß sich in dem Körper der österreichischen Bevölkerung genügend starke seelische und geistige Abwehrkräfte gegen das nationalsozialistische Gift ansammeln? Nach unserer Anschauung, einzig und aHein aus der Führung der beiden großen politischen Parteien. TEPPICHE MÖBELSTOFFE VORHÄNGE TEPPICHHAUS S. SCHEIN ft NUR I., BAUIRNMARKT 12 - 14 Keine Filialen in Wien Wie d\ese Führung beschaffen ist, dafür bietet der Verlauf der in der vergangenen Woche im Nationalrat abgeführten ersten Lesung der Regierungsvorlage über das „S t u d e n t e n r e c h t" ein lehrreiches und zugleich warnendes Beispiel. Der Sprecher der sozialdemokratischen Partei, der — ehemals katholische — Abgeordnete Leuthn e r, unterzog das aus Gleispach'schem Geist geborene Machwerk des Ministers Czermak in seiner boshaft-witzigen Art einer scharfen Kritik. Er sieht, d. h. will nur sehen, in dem Kampf der Nationalsozialisten und der „Deutschen Studentenschaft" den „Haß des bürgerlichen Spießertums gegen die Arbeiter". Er, der freiheitliche und freidenkerische marxistische Führer, findet keine Worte, um dem verdammenden Abscheu vor dem demagogischen Antisemitismus der Nationalsozialisten Ausdruck zu geben. Viel beredter wird er in seiner Polemik gegen den „selbstverständlichen Antisemitismus" des Herrn Justizministers Doktor Schuschnigg, um den jüdischen Bankdirektoren eines zu versetzen. Wir sind überzeugt, Herr Abgeordneter Leuthner wird durch seine Aeußerungen über „jüdisch-kapitalistische Verbrechen" und über „die schmutzigen Hände jüdischer Bankiers" sich sicherlich das Wohlgefallen gar vieler seiner Parteigenossen erworben haben, in deren Reihen es auch nicht an gelehrigen Antisemiten fehlt. Wir glauben nicht, daß die sozialdemokratische Partei durch derartige antisemitelnde Methoden ihre Anhängerschaft gegen das Eindringen nationalsozialistischer Bakterien abzuhärten vermag. Wenn das am grünen Holze geschieht, wie sollten wir uns dann wundern über die Haltung des Führers der ostmärkischen Sturmscharen Dr. Schuschnigg, den eine unerforschliche Vorsehung zum Amte des österreichischen Justizministers berufen hat, wie sollte man sich wundern über die antisemitischen Fanfarentöne des Abgeordneten Schmitz, des Führers der klerikalen Gruppe der christlichsozialen Partei? Sie beide blieben nur ihrem Parteiprogramme treu, das dem zersetzenden Einfluß des Judentums auf kulturellem, politischem und wirtschaftlichem Gebiete den Kampf ansagt. Muß es nicht uns jüdischen Staatsbürgern ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit geben, wenn unser verehrter Herr Justizminister, der bei Antritt seines hohen Amtes pflichtgemäß den Eid auf die Verfassung ablegte, seinen Antisemitismus als etwas so selbstverständliches bezeichnete, daß er ihn gar nicht irgendwie betonen zu müssen glaubt. Wir fürchten aber sehr, daß seinen ostmärkischen Sturmscharen der Antisemitismus der Nationalsozialisten sympathischer sein wird als der von ihm neugeprägte „wirkliche" Antisemitismus. Er stellt dem nationalsozialistischen Antisemiten, der „mit dem Kehlkopf, dem Gummiknüttel und geschmacklosen Plakaten" arbeitet, den „wirklichen" Antisemiten gegenüber, der „mit Anspannung aller seiner Kräfte bestrebt ist, mehr und Besseres zu arbeiten und Höherwertiges zu leisten". Bravo, Herr Justizminister! Wenn auch ihre eigenen Leute und die Nationalsozialisten nicht mit Ihnen zufrieden sein werden, wir Juden könnten es in dem einen Punkte sein, wenn ihre Parteigenossen unter ihrem schätzenswerten Einflüsse in der Tat zum Wohle der Gesamtheit den Konkurrenzkampf gegen uns Juden durch höherwertige Leistung aufnehmen würden. Städtische VersichetuiMisaiisfalf Direktion: Wien. I., Tuchlauben Nr. S Telephon U Z7~5^-40 Alte VeisichefiHiosiwetee

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