Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Srtte s DIE WAHRHEIT amerikanisch-deutsche Jude Kahn der treueste Helfer der russischen Terroristen war (»ehe das Werk „Asev, der Verräter")? Ist es ein bloßer Zufall, daß deutsche, ungarische, polnische, amerikanische Juden sich in Rußland ein Stelldichein gaben, um den russischen Proletarier angeblich zu befreien, tatsächlich aber, wie Sie selbst treffend beweisen, in ungeahnte Sklaverei zu stoßen? Wie erklären Sie es. daß amerikanische Milliardäre angesichts von Millionen darbenden Heimatgenosscn ihren rasch erworbenen Goldstrom nach Rußland richten, um dort das Proletariat zu befreien, das ihnen ja ganz uninteressant ist und mit dem sie jede Berührung verabscheuen würden? Wie erklären Sie es. daß die jüdische Weltpresse, welche wegen eines einzelnen Justizmordes an einem Rassengenossen Ströme von Tinte vergießt (Sie erwähnen ja Dreyfus und Halsmann auch), angesichts von Millionen abgeurteilter und verhungerter Proleten planmäßig schweigt? Sie stehen als Paneuropamann vor einer Gleichung mit einer Unbekannten und finden keine Lösung. Setzen Sie einmal in dem russischen Rechenexempel für X=Welt-Judenherrschaft und bekennen Sie dann ehrlich, ob sich nicht vieles erklärt, was Ihnen heute unverständlich ist? Das absichtliche, verschämte, dauernde Totschweigen einer ..Judenfrage" im großen Weltgeschehen mag noch vor zwei Menschenaltern ohne augenblickliche Folgen geblieben sein. Heute ist es «rückschrittlich", über diese überaäl vorherrschende Frage zu schweigen, sie als nicht bestehend zu behandeln und zu tun. als lebten wir noch im gemütlichen Biedermeier-Zeitalter. „Rückschrittlich" im weitesten Sinne des Wortes ist es. dieser Frage aus dem Wege zu gehen, während das Judentum in camera caiiiaris ihr nicht nur nicht aus dem Wege geht, sondern sie bis in ihre innersten Winkel und Falten durchdenkt, die weitestgehenden Pläne schmiedet, seine Solidarität täglich befestigt. Verboten ist durch stillschweigendes Uebereinkommen bloß die Besprechung der weltumfassenden Judenfrage mit Ariern oder zwischen Ariern!" Welche Antwort Coudenliove-Kalergi auf diese Anwürfe erteilen wird, muß man ihm überlassen. Wir wollen aber an dieser Stelle nur darauf hinweisen, daß Graf Otto Czernin in seinem Offenen Briefe Dinge aufwärmte, die längst als falsch und unsinnig nachgewiesen worden sind. Es mag wohl zutreffen, daß in der ersten Zeit der bolschewikischen Umwälzung einige Juden Führenrollen inne hatten. Seither haben sich jedoch die Dinge radikal geändert. Nicht nur Trotzky, Radek und die anderen führenden Männer wurden seither kaltgestellt, ausgewiesen, nach Sibirien verschickt usw.. sondern auch die anderen jüdischen Faktoren, die eine Zeitlang in Stellungen zweiten Ranges eine Rolle spielten, wurden seither entfernt, so daß der oberste bolschewistische Apparat fast vollständig „judenrein" geworden ist so judenrein, daß gar mancher Antisemit seine Freude daran haben könnte. De« Blödsinn, daß die jüdischen Finanzmänner den Bolschewismus stützen, wird wohl kein Mensch mit gesundem Sinn glauben... Wenn man noch bedenkt, daß es gerade der Bruder des Grafen Otto Czernin war, der durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk die Macht des Bolschewismus erst recht befestigte, so müßte man dem Herrn Grafen raten, sich diesbezüglich doch etwas mehr Reserve aufzuerlegen. Es ist nur bedauerlich, daß eine ernste katholische Zeitschrift es für angebracht fand, diesen Unsinn den Lesern aufzutischen. Wer die Klagen kennt, die gerade in der letzten Zeit über die Behandlung der Juden in Rußland ertönen, wird wohl wissen, was er von der Weis- »heit des Grafen Otto Czernin zu halten hat. Ein schönes Jubiläum. Fünfzig Jahre sind verstrichen seit der Gründung des Allgemeinen Kranken- und Unterstützungs-Vereines „Montefiore". fünfzig Jahre der Arbeit im Dienste der Nächstenliebe. In einer Zeit, in der die organisierte Fürsorge für Kranke noch in den Kinderschuhen steckte, ergriff eine Schar sozial fühlender Glaubensgenossen die Initiative zur Schaffung dieser von wahrem humanitären Geiste erfüllten Institution. Am 25. März 1882 ist der Verein gegründet worden, der ursprünglich „Allianz" hieß, welcher Namen aber bald auf Ersuchen der „Alliance Israelite" in „Montefiore" umgewandelt wurde. Gute und böse Jahre gingen vorüber, ein Weltkrieg ist dahingesaust und unerschüttert und treu seiner übernommenen Pflicht, hat der Verein seine karitative und Fürsorgetätigkeit gegenüber seinen Mitgliedern erfüllt. Auch außenstehenden bedürftigen Glaubensgenossen wurde nach Maßgabe der vorhandenen Mittel hilfreiche Hand geboten. Und so konnte er an seinem schönen Jubeltage mit stolzer Genugtuung feststellen, daß die mustergültige Führung und die humanitären Leistungen des Vereines während der abgelaufenen fünf Dezennien dem edlen Geiste des großen Philantropen, Baronet Sir Moses Montefiore, der ihm als leuchtendes Vorbild diente, stets gerecht geworden sind. Oer Verein beging gleichzeitig' noch einen Gedenktag, der im innigen Zusammenhang mit seinen Geschicken steht Im heurigen Jahre wurde sein derzeitiger Obmann, Herr Kulrusvorsteher Edmund Hof mann, zum 25. Male an die Spitze des Vereines berufen und damit Ausdruck gebracht, weich großer Sympathien sich dieser edle Mensch, der mit Hingebung die Vereinsgeschäfte führt, in weitesten Kreisen erfreut. Er war auch an seinem und des Vereines Jubeltage Gegenstand herzlichster Gratulationen, die neuerlich seine große Beliebtheit bewiesen. Mit dem Kranken- und Unterstützungs-Verein „Montefiore" steht in engerer Verbindung der Witwen- und Waisenfonds-Verein „Montefiore" (Präsident Ignaz Freund), der nach dem Ableben eines Mitgliedes dessen Hinterbliebenen in munifizenter Weise zur Seite steht so daß schon mancher armen Witwe durch diesen Fonds zu einer Existenz verholten wurde. Auch hier arbeiten wackere Männer in selbstloser und aufopfernder Weise, namentlich wurde am Jubeltage von belufenster Seite der großen Verdienste gedacht, die sich der Ehrenpräsident Paul Schwarzstein um den Verein erworben hat. Er. der in vielen Institutionen werktätig mitarbeitet, widmet sich auch hier hingebungsvoll der guten jüdischen Sache, der zu dienen stets sein eifriges Bestreben ist. * Wolü ist die jetzige Zeit zu ernst, um Festesstimmung aufkommen zu lassen; aber es galt, Rückschau zu halten auf ein halbes Jahrhundert erfolgreicher Arbeit im Dienste der Humanität um Mut und Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen. Und deshalb beging der jubilierende Verein seinen Freudentag höchst feierlich und es zeugte von seiner gut jüdischen Gesinnug, daß er ihn mit einem solennen Festgottesdienst einleitete, der Sonntag, den 17. d. M.. 'A6 Uhr abends, im prunkvoll beleuchteten Großen Leopoldstädter Tempel stattfand. Hier hatten sich außer einer großen Zahl von Mitgliedern und Freunden des Vereines, geführt von dessen Vorstand, viele Festgäste eingefunden. Man bemerkte u. a. das Gesamtpräsidium der Kultusgemeinde und zahlreiche Kulrusvorsteher sowie Amtsdirektor G. Fuchsgclb und Sekretär W. Meißner, mehrere Mitglieder des Bethausvorstandes, starke Deputationen von Frauen- und Wohltärigkeitsvereinen. sowie eine große Abordnung der „Union", insbesondere deren Bezirksorganisation II. Nach dem Abendgebet, vorgetragen von Herrn Oberkantor G. Margulies mit verstärktem Chor, bestieg Rabbiner Prof. Dr. J. M. Bach die Kanzel, um in einer gehaltvollen Festrede Rückschau zu halten über das, was der Vereint bisher im Dienste echt jüdischer Humanität Hervorragendes geleistet, und einen Ausblick zu eröffnen für die Zukunft, die zwar sorgenvoll ist, aber dennoch Gutes erhoffen läßt, wenn es dem Vereine gegönnt ist, von gleich wackeren Männern wie bisher geführt zu werden. Er würdigte die Verdienste dieser edlen Glaubensgenossen, denen das uralte jüdische Gebot der Nächsten- und Menschenliebe stets heilig gewesen. Der Festredner befaßte sich eingehend mit diesem Gebote, das einen Ruhmestitel unserer erhabenen Religion bildet und zeigte auf, wie insbesondere Sir Montefiore, dem der jubilierende Verein seinen Namen verdankt, während seines langen Lebens im Sinne dieses schönen Gebotes gearbeitet hat. Rabbiner Prof. Dr. J. M. Bach schloß seine Festpredigt, die großen Eindruck hinterließ, mit dem Wunsche, daß der Verein auch weiterhin in dem Geiste seines hehren Vorbilds wirken möge. Der schöne Festgottesdienst, dessen kantoraler Teil durch Oberkantor G. Margulies ganz erstklassig versehen wurde, schloß mit einem erhebenden Ghorvortrag. Am Abend versammelten sich Mitglieder und Freunde des Vereines zu einem Festbankett im Restaurant Barschak. Wieder hatten sich viele Gäste eingefunden, die, vom Vorsitzenden Kultusvorsteher Edmund Hofmann im Namen des vollzählig anwesenden Vorstandes herzlichst begrüßt, durch ihr Erscheinen ihre Sympathien für den rühmlichst bekannten Verein zum Ausdrucke brachten. Unter anderen waren gekommen: die beiden Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Dr. J. O r u s t e i n und Dr. J. L ö w e n h e r z, in Vertretung des verhinderten Präsidenten Prof. Dr. A. Pick Herr Kultusvorsteher Börserat Ignatz Glück, zahlreiche Vertreter von Wohltätigkeitsvereinen, insbesondere vom Verein „Nächstenliebe" und „Dr. Krüger- Heim", vom I. Wiener Gewerbeverein, Damen der Frauenvereine Leopoldstadt und Brigittenau, Regierungsrat Dr. M. Lenk für die ..Union" und Chefredakteur Oskar Hirschfeld von der „Wahrheit" u. v. a. In herzlichen Reden wurde das Jubiläum des Vereines und die Leistungen der Männer, die an seiner Spitze stehen, gefeiert. Nach einem interessanten Ueberblick über die Vereinsgeschichte durch Obmann Edmund H o f m a n n, der auch den Aerzten des Vereines den Dank für ihre Mitarbeit zum Ausdruck brachte, gab Vizepräsident Dr. J. 0 r n s t e i n in einer groß angelegten Rede als ältestes Ehrenmitglied des Vereines seiner großen Freude und Genugtuung darüber Ausdruck, daß dieser Verein als wahrer Bruderverein im Dienste der Nächsten- und Menschenliebe sich betätige. Vizepräsident Doktor J. Löwenherz gedachte in einer formvollendeten Ansprache des schweren politischen Ernstes der Stunde, an den auch in Feststimmung zu denken, Pflicht aller mit der Gemeinschaft verbundenen Juden sei. Börserat Ignatz Glück verglich in überaus humorvoller Weise das Jubiläum des Vereines mit einer Goldenen Hochzeit und wünschte zugleich im Namen des verhinderten Präsidenten Prof. Dr. A. Pick dem Vereine noch viele gleich schöne Jubiläen. Es folgten noch Ansprachen der Herren David Wagner und Ignatz Freund sowie die feierliche Ueberreichung eines schönen photographischen Tableaus mit den Bildern sämtlicher Vorstandsmitglieder an Herrn Kultusvorsteher Edmund Hof mann. Unter den durch Herrn Ignatz Freund zur Verlesung gebrachten Glückwunschschreiben befand sich ein herzlicher Brief des Präsidiums der Kultusgemeinde und ein Telegramm des verhinderten Vizebürgermeisters Georg Emmerling. Fräulein Margarete Bach erfreute die begeisterten Zuhörer durch den Vortrag eines schönen Gedichtes, Oberkantor G. Margulies. der auch das Tischget»et verrichtete, rezitierte mehrere feierliche Mischeberachs. Bei einer an das Festbankett anschließenden Zusammenkunft der engeren Freunde und Anhänger des rührigen Vorstandes des Vereines im Wiener Wiener Theater-Cafe ließ Reg.-Rat Doktor M. Lenk in einer geistreichen Rede die Eindrücke des schönen Festtages Revue passieren. Kultusvorsteher Edmund H o f m a n n dankte seinem Freunde Dezsö Friedman» für die große Mühe, die er mit dem gelungenen Arrangement der Jubelfeier auf sich genommen. Der Verein konnte seinen Frcudentag im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung und freudiger Hingabe an die ihm gestellten Ziele feiern; möge es ihm vergönnt sein, auch weiterhin gleich ersprießlich wie bisher wirken zu können. UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN Bezirksorganisation Leopoldstadt Montag, den 2. Mai, 8V* Uhr abends, hält im Klubsaal des Cafe Zentral, II. TaborStraße 8, der langjährige Amtsleiter des Fürsorgeamtes der Israelitischen Kultusgemeinde, Herr Rudolf Kraus, im Rahmen der Bezirksorganisation Leopoldstadt unter dem Titel: „Aus meinen Erinnerungen in der Wohlfahrtspflege" einen Vortrag, der bei allen, die in der privaten jüdischen Fürsorge tätig sind, auf hohes Interesse rechnen kann. VERANSTALTUNGEN DER JUGEND-UNION Klublokal: Goldsaal der Cafe Silier, I., Schweden platz. Voranzeige: Dienstag, den 3. Mai, ^9 Uhr abends, spricht Prof. Juliusz Wolfssohn über „Jüdische Volksmusik" (mit Beispielen am Klavier). * * * Dienstag, den 26. April, entfällt dar Pessachfeiertage wegen der Vortragsabend. Unwürdige Geschäftspraktiken. Von verschiedenen Seiten werden wir auf eine Reklamesendung einer Wiener Klassenlotteriestelle aufmerksam gemacht, die die Einladung zum Bezüge von Klassenlosen in einem Kuvert mit recht merkwürdigem Aufdruck versendet. Da wendet sich ein „Rabbiner Abraham R o k a c h, Enkel des Großrabbiners Rokach aus Beiz", an die „sehr geehrten Glaubensgenossen" mit dem Hinweis darauf, daß wir in den nächsten Tagen das Pessach-Fest feiern, „welches uns an die große göttliche Hilfe vor tausenden von Jahren erinnert." „Aber auch jetzt", meint der Herr Rabbiner, „ist wohl eine göttliche Hilfe nötig, nicht von der ägyptischen Herrschaft, sondern von der schweren Wirtschaftslage befreit zu werden." Der Mann kann zwar nicht deutsch, aber so weit hat er recht. Was jedoch nun folgt, ist Geschäftsreklame in unwürdigster Form, ja geradezu Mißbrauch der Religion zu Reklamezwecken. Denn, spintisiert der Herr Rabbiner weiter: „Die Hilfe kommt gewöhnlich nicht unmittelbar durch die Göttlichkeit selbst, sondern durch einen Boten." Und nun erklärt Herr Rokach mit apodiktischer Gewißheit: „Ich will dieser Bote sein!" Er empfiehlt den „sehr geehrten Glaubensgenossen" die Entgegennahme eines in dem Kuvert, das sogar seinen Siegel trägt, befindlichen Depotschein für ein reserviertes Klassenlos und wünscht dem Empfänger mit einem hebräischen Zitat — wie überhaupt das Kuvert reich an hebräischen Schriften ist — recht viel Glück. Wir wünschen, daß der Herr Rabbiner solche Praktiken, die uns nur in den Verdächt der Geschäftemacherei um jeden Preis bringen können und gegen die sich auch die Wiener Kultusgemeinde öffentlich wendet, gefälligst sein läßt; es wird hoffentlich auch für den Enkel des Beizer Großrabbiners eine Instanz geben, die ihm ein» solch unwürdige und dem Judentum nur schädliche Handlungsweise verbieten wird.