Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ieKe 6 DIE WAHRHEIT dienste leisten. Dieser Fall trat beispielsweise im Zusammenliang mit den Bankenzusammenbrüchen in Deutschland und Oesterreich ein. Die Linksparteien, besonders die antikapitalistischen, riefen nach Reinigung des wirtschaftlichen Lebens von ihren Schädlingen. Unter den Namen der angeblich Schuldigen tauchten auch jüdische auf. Schmunzelnd ernten die Hakenkreuzler, was die anderen gesät: Sie brauchten nur das, was bei der ganzen unerfreulichen Folgeerscheinung der Weltwirtschaftskrise am nebensächlichsten ist, Person und Konfession der Diskreditierten, als die Hauptsache umzudeuten und haben gewonnenes Spiel beim Volke, das ja von wirtschaftlichen Zusammenhängen nicht viel versteht. Die letzten Wahlen in Deutschland sind ein deutliches Memento für alle Politiker, denen Freiheil und Demokratie aufrichtig am Herzen liegen. In Deutschland schreien die Hitlerianer „Juda verrecke!" In Oesterreich, wo sich Hitlers Verrat an Südtirol ihrer Agitation abträglich erweist, riefen sie auch schon: „Südtirol verrecke!" Ein Zeichen, daß es den Hakenkreuzlern ganz gleichgültig ist, wer alles verrecken soll, wenn nur sie ans Ruder kommen. Diesem brutalen Machtwillen müssen sich alle entgegenwerfen, die reinen Willens sind, das Gemeinwohl über alle Sonderinteressen zu stellen. Das kann aber nicht durch Gewaltmaßregehi geschehen, die nur Märtyrer _ schaffen, noch durch Ablenkung der ringenden : Geister auf Nebensächliches, wie die Frage nach \ Einladung dem richtigen Namen von Hitlers Vater. Hitler hat nun einmal die Judenfrage zum Schlüsselpunkt seiner Kampffront gemacht und nur von diesem Punkte aus ist die Aufrollung seiner Front möglich. Wir Juden brauchen eine Nachprüfung unseres Schrifttums — des echten, wie der uns verleumderisch zugeschriebenen Fälschungen — keineswegs zu scheuen. Weniger gut ist offenbar das Gewissen der Partei, die von ihren Versammlungen, in denen das Judentum das Hauptthema aller Reden darstellt, den Juden ausdrücklich den Eintritt verweigert. Es geschieht dies nach dem bewälirten Vorbild der Kaffeeschwestern, die nur Abwesende ausrichten. Solange sich aber die Hakenkreuzler in der Sicherheit wiegen dürfen, bei der Verleumdung der Juden ungestört zu bleiben, sind alle noch so energisch und pathetisch in die Welt geselüeuderten Parolen, die Nazis zu schlagen, leere Theaterdonner. JDOEND-VNION IX., BERGGASSE 4 * TELEPHON A 19-2-77 zu dem am 10. Mai 1932, um Vi8 Uhr abends, im Festsaale des Österreichischen Handelsmuseums, IX., Berggasse 16, stattfindenden Jüdischen Volhslleder Abend MAX HOENIG Am Klavier: Txude Zerner Mitwirkend: Sarah Stuckart Karten zu S 1.— bis S 3.— im Sekretariat der Jugend-Union" Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Weltgeschichte und Schöpfungsbericht. Von S. Taubes. (Schluß.) Auf die grundlegende Frage nach dem Alter der Erde antwortet Wells, ohne mit der Wimper zu zucken und mit jener unnachahmlichen Sachlichkeit, die den modernen Wissenschaftler ausmacht:.....zählt die Periode, welche seit dem Beginn der Erhärtung der Erdkruste bis auf die Gegenwart verflossen ist, fast sicher mehr als zwanzig und höchst wahrscheinlich weniger als zweitausend Millionen Jahre." Wem aber sagen diese Zahlen etwas und was sagen sie ihm? Und sagen sie ihm mehr als jene vom Schauer der Vorzeit umwitterten Sätze der Bibel: ..Die Erde war wüst und öde, Finsternis lag auf dem Abgrunde und der Geist Gottes schwebte über den Wassern." Es ist dem menschlichen Geiste völlig gleichgültig zu wissen, daß die Erde fast sicher mehr als 20,000.000 und höchstwahrscheinlich weniger als 2.000,000.000 Jahre alt ist, weil er diese Zahlen nicht faßt und weil er, wenn er sie zu fassen vermöchte, ob der ungeheueren Schwankung in den Angaben in der gleichen Lage wäre. Allein dies war nur so ein Satz, der einmal in eine moderne wissenschaftliche Weltgeschichte hineingehört. Bald aber beginnt die Schilderung der geologischen Perioden und wir erfahren auf Grund einer schematischen Darstellung der geologischen Zeitalter das Folgende: Azoisches oder archäozoisches Zeitalter vor 800—80 Mill. Jahren Proterozoisches Zeitalter vor 600—60 Mill. Jahren Frühpaläozoisches Zeitalter vor 360—36 Mill. Jahren Spätpaläozoisches Zeitalter vor 260—26 Mill. Jahren Mesozoisches Zeitalter vor 140—14 Mill. Jahren Känozoisches Zeitalter vor 40— 4 Mill. Jahren wobei die nebeneinanderstehenden zwei Zahlen immer die höchste und niederste „wissenschaftliche" Schätzung bedeuten. Dazu bemerkt der stockehrliche Wells: „Die Ansichten über die Dauer der geologischen Zeit schwanken noch sehr. Der Autor dieses Buches hält nicht einmal die relative Schätzung für zuverlässig.'" Es kann uns hier nicht darum zu tun sein, über die schätzungsweise Richtigkeit dieser Angaben zu verhandeln und uns vielleicht auf das Glatteis solcher wissenschaftlicher Untersuchungen locken zu lassen. Die hier angeführten Zahlen sind übrigens laut R. H. France schon wieder um einige hundert Millionen Jahre überholt. (Siehe „Welt, Erde und Menschheit". Eine Wanderung durch die Wunder der Schöpfung. Im Verlag Ullstein, Berlin.) Aber wird nicht auch der innere Kern dieser Wissenschaft durch so schwankende Angaben erschüttert? Denn, wenn z. 13. die höchste Schätzung richtig ist, so ist ja die Differenz zwischen1 zwei Perioden der höchsten Schätzung, etwa 7'vischen der proterezeischen und frühpaläozcischen Periode, also zwischen 60ö Millionen Jahren und 360 Millionen Jahren, ist gleich 240 Millionen Jahre, dreimal so groß als alle Perioden der niedersten Schätzung zusammen genommen. Wird nicht alles, was über diese geologischen Perioden in qualitativer Hinsicht ausgesagt wird, dadurch allein schon vollkommen in Frage gestellt? Denn das Zeitquamum der vergangenen Perioden ist ja auch schließlich auf seine Qualität von Einfluß und die Geologen erforschen ja „die Schnelligkeit der Schichtenbildung in unserer Zeit, schätzen die Dicke der Felsen ab und stellen sodann1 eine Regeldetri-Rechnung auf." Aus den zwei Schätzungen läßt sich nicht etwa ganz einlach das arithmetische Mittel ziehen, um so vielleicht zum goldenen Mittelweg der Wahrheit zu gelangen. Sie können einander vielmehr völlig aufheben. Denn, um es noch einmal eindringlich zu wiederholen: die so stark divergierenden Angaben der Dauer einzelner Epochen müssen ja naturgemäß auch die Aussagen über die Qualität derselben erschüttern, dsnii es bestehen ja Relationen zwischen der Zeit und der Materie, und eine längere Zeitdauer müßte beispielsweise andere Schichtungen und eine andere Lagerung der Materie hervorbringen. Diese Art der Formulierung allein genügt schon, um uns gegenüber jener maßlosen prähistorischen Forschung mit heilsamer Skepsis zu erfüllen und ihren Anspruch auf wissenschaftliche Hochschätzung gegenüber der unpretentiösen biblischen Dogmatik sehr mißtrauisch zu begegnen. Für die biblische Dogmatik und die notwendige Einschränkung maßloser Forschungswut spricht aber noch eine andere und für den religiösen Menschen wenigstens sehr wichtige Erwägung. Dem religiösen Menschen, dem es vor allem um Ziele, um gottgewollte Zwecke geht, die er hier auf Erden zu verwirklichen berufen ist und als deren allgemeinste Umschreibung die Verwirklichung und Befestigung der religiös-moralischen Weltordnung gelten kann, ihm wird es sich natürlicherweise stets weniger um die Wissenschaft an sich, um die Befriedigung eitler, wissenschaftlicher Forschungslust, als um die Stellung und praktische Wirksamkeit der betreffenden Wissenschaft in der Welt zu tun sein. Er wird also seinem Wesen nach viel weniger geneigt sein, sich in unendliche Vergangenheiten zu verlieren, als vielmehr jene Elemente festzustellen, die ihm zum Ausgangspunkt für seinen Weg in die Zukunft dienen können. Da der Begriff der Zeit notwendig ihre Unendlichkeit in sich schließt, ist einer prähistorischen Forschung eigentlich kein Riegel nach rückwärts vorgeschoben. Es ist noch Raum für die Erforschung vieler Millionen Jahre „verlier" und für die Aufstellung ebenso vieler kosmclogischer Hypothesen. Uns aber will es scheinen, daß ein fixer Punkt, der zum Ausgangspunkt der Forschung gewählt worden ist, in Hinsicht auf die Erreichung der Wahrheit produktivere Folgen haben kann, als die maßlose Zersplitterung einer Forschung, die. um dem ewigen Vergessen anheimgegebene Zeitperioden der Wissenschaft zu erobern, sich immer tiefer in die unbeweisbarsten Hypothesen verstrickt, um schließlich ihren lebendigen Zusammenhang mit der Gegenwart aufs äußerste zu gefährden. Kein anderer als Herder hat sich in klarer und eindeutiger Weise zu diesen Problemen geäußert. In seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" (Zehnter Band. VI. Abschnitt. Fortsetzung der ältesten Schrifttradition über den Anfang des Menschengeschlechtes) sagt dieser große Geist: „Welche Frage z. B. hat mehr Streit erreget, als die über das Alter der Welt, über die Zeitdauer unsere Erde und des Menschengeschlechtes? Man hat die asiatischen Völker mit ihren unendlichen Zeitrechnungen für unendlich klug, die Tradition, von der wir reden, für unendlich kindisch gehalten, weil sie. wie man sagt, gegen alle Vernunft, ja gegen das offenbare Zeugnis des Erdbaues, mit der Schöpfung wie mit einer Kleinigkeit dahineilet und das Menschengeschlecht so jung machte. Mich dünkt, man iut ihr hierin offenbar unrecht. Wenn Moses wenigstens der Sammler dieser alten Traditionen war, so konnten ihm, dem gelehrten Aegypter, jene Götter und Halbgötteräonen nicht unbekannt sein, mit denen dieses Volk, wie alle Nationen Asiens, die Geschichte der Welt anfingen. Warum webte er sie also seinen Nachrichten nicht ein? Warum rückte er, ihnen gleichsam zum Trotz und zur Verachtung, die Weltentstehung in das. Symbol des kleinsten Zeitlaufes zusammen? Offenbar, weil er jene abschneiden und als unnütze Fabel aus dem Gedächtnis der Menschen hinwegbringen wollte. Mich dünkt, er handelte hierin weise: denn jenseits der Grenzen unserer ausgebildeten Erde, d. i. vor Entstehung des Menschengeschlechtes und seiner zusammenhängenden Geschichte, gibt es für uns keine Zeitrechnung, die diesen Namen verdient e." Dieser Gedankengang Herders, der an die „Nützlichkeit" solcher Forschungen anknüpft, ist auch Wells, dem angeblich objektiven Wissenschaftler, durchaus nicht fremd und er gibt ihn anläßlich seiner Untersuchung des Eiszeitalters auch in der naivsten Weise kund. Denn nachdem er uns — fast klingt es wie eine niedliche Frozzelei von Wilhelm Busch — mit unentwegter Sachlichkeit eröffnet hat, daß „gewöhnlich unterscheidet man vier Hauptkälte-Perioden in Europa, die erste, zweite, dritte und vierte Glazialperiode . . ." (Seite 58). fügt er des weiteren hinzu: „Aus dieser Einteilung ergeben sich — viel zu präzis und nachdrücklich — acht Phasen, in Wirklichkeit dürften weit vielfältigere und verwickeitere Schwankungen stattgefunden haben. Trotzdem ist die Einteilung als Z e i tangäbe ganz nützlich und wir geben deshalb eine schematische Darstellung der vier Eiszeitalter, welche ihre relative Dauer ungefähr andeutet. Ihre absolute Dauer ist noch weit fragwürdige r." So weit Wells. Dies aber nennt sich objektive Wissenschaft und diese Wissenschaft soll die erhabene Wahrheit intuitiv erfaßter Dogmen erschüttert haben. Es erübrigt sich für unseren Zweck, die praktische Bedeutung und fruchtbare Wirksamkeit biblischdogmatischer Wahrheit festzustellen, noch weiter in die einzelnen Details einzugehen. Denn welchen Zweck soll es hier noch haben, diese Untersuchungen noch weiter in die Jahrmillionen zurückzuverfolgen und die Herren Paläontologen auf ihrer Reise durch die Aeonen zu begleiten? Denn wie eine lächerliche Farce muten uns alle diese fragwürdigen Hypothesen über den vorgeschichtlichen Menschen an, wo jeder schäbige Knochenrest zum Substrat einer wissenschaftlichen Theorie, jeder Backenknochen zur Säule einer wissenschaftlichen Behauptung erhoben wird, unbeschadet, daß der eben erst im Triumph gefeierte Backenknochen schließlich als ein elender Schimpansenknochen entlarvt wird. Dem gegenüber wollen wir noch einmal die klare Vernunft des großen Herdeir anrufen und in seinen Dank an Moses und die Bibel einstimmen: „Ich danke", ruft Herder aus, „also jenem Naturweisen für diesen kühnen Abschnitt der alten ungeheuren Fabel; denn meinem Fassungskreise genüget die Natur, wie sie da ist, und die Menschheit, wie sie jetzt lebet." Ueber die Anmaßung moderner Wissenschaftliclikeit aber und ihre Aggressivität gegen den Wert religiöser Dogmatik können wir nichts Treffenderes anführen als jenes Motto, das H. G. Wells in einer für uns unbegreiflichen Gedankenverbindung seinem eigenen vergänglichen Werk vorgesetzt hat und das wir vielmehr für den ewigen Wert der Bibel und ihr kategorisches, heilsames und den menschlichen Geist festigendes Dogma in Anspruch nehmen: „Tief im Gewissen des Menschen steckt ein Widerwillen gegen vergängliches Tun." — Sensation im Wilnaer Pogrom-Prozeß. Nach Entlarvung betrügerischer Belastungszeugen zieht der Staatsanwalt die Anklage gegen zwei junge Juden, die der Ermordung des Studenten Waclawski beschuldigt waren, zurück. Wilna, 15. April. (J.T.A.) Die Kette der kleineren Prozesse vor den Wilnaer Gerichten im Zusammenliang mit dem antisemitischen Pogrom am 10. November 1931, bei denen hauptsächlich Juden angeklagt und zum großen Teil auch verurteilt worden, waren, obwohl die Juden die Angegriffenen waren und an diesem Tage hunderte jüdische Geschäfte geplündert oder zerstört und zahlreiche Juden verletzt wurden, ist nun durch einen Prozeß unterbrochen, der die gespannteste Aufmerksamkeit der polnischen Oeffentlichkeit, insbesondere der jüdischen Bevölkerung, findet. Es handelt sich diesmal um den Tod des polnischen Studenten Stanislaus Waclawski, der während des Angriffs der nationaldemokratischen auf die jüdischen Studenten vor der Universität durch einen Stein wurf getötet worden war, wobei es anfangs für alle Beteiligten klar war, daß, da nur die Angreifer sich der Pflasterseine als Wurfgeschosse bedienten, Waclawski nicht durch die sich verteidigenden Juden, sondern durch