Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT >>eite o wir werden auch das Hakenkreuz überwinden und d'as Ende des Hitlerwahnes erleben, wenn wir Juden einig sind und unsere jüdischen Pflichten erfüllen . . . Darum wollen wir uns trotz der Ungunst der Zeiten die Freude des Pessachfestes nicht trüben lassen. Im Gegenteil, gerade das Treiben der Pharaonen von heute erinnert uns daran, wie viele dieser und ähnlicher Widersacher wir schon in den Abgrund gleiten gesehen haben. Mögen sie böse Ratschläge erteilen, blutrünstige Programme ausarbeiten, wahnsinnige Forderungen aufstellen — sie werden dem verdienten Ende anheimfallen und die Söhne Israels werden hoffentlich immer wieder Gelegenheit erhalten, über ihre Hasser und Feinde zu triumphieren. Eine Anthologie unseres Unterrichtsministeriums. man nichts machen, da gibts nichts zu zitieren, also muß man sich mit einer Fußnote begnügen. In einer solchen zu dem Goetheschen. Gedicht „Die Braut von Korinth" heißt es: „Goethe wendet sich hier gegen den überweltlichen Gott der jüdisch mmmmmmmSOBm'' ich bin ein deutscher Dichter. Bekannt im deutschen Land, Nennt man die besten Namen, Wird auch der meine genannt. Armer Heine! Du hättest diese sonst gewiß berechtigten prophetischen Worte nicht geschrieben, wenn du geahnt hättest, daß es einmal einen Oesterreichischen Bundesverlag geben wird, der keine Ahnung davon haben will, daß du je existiertest. Es wäre auch wirklich unerhört gewesen, feststellen zu müssen, daß der größte deutsche Lyriker nach Goethe ein Jude war. In den letzten Tagen erschien im Oesterreichischen Bundesverlag der siebente Band Deutsches Lesebuch für österreichische Mittelschulen. (Verlagsnummer C 138.) Dieses von Ernst Schaumann und Rudolf StaIlde na t zusammengestellte, fast 400 Seiten starke Buch bringt Leseproben der Autoren des Zeitalters der Klassik und der Romantik. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß .dieses Buch mit Erlaß des Bundesministeriums für Unterricht vom 16. März 1932, Z 2797—H/7 zum Unterrichtsgebrauch aller Art allgemein zugelassen wurde. Bekannte, aber auch längst vergessene Autoren erscheinen mit Proben ihrer Geistesarbeit, von Heinrich Heine, der Ewigkeitswerte geschaffen, dessen Lieder Volksgut geworden sind, dessen Texte die bedeutendsten Musikheroen vertont haben, keine Spur. Man mag sich Heine gegenüber einstellen, wie man will, für ihn. gegen ihn, ganz gleichgültig, das eine bleibt klar, daß eine Anthologie der Romantiker ohne Heine, den größten Romantiker, lückenhaft ist. Man merkt die Absicht und man wird verstimmt. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, oder besser, ich weiß wohl, was es bedeuten soll, nicht der Dichter, der Jude wird totgeschwiegen. Aber das Lesebuch bietet noch mancherlei wichtigen Anlaß zu verschiedenen Betrachtungen vom jüdischen Standpunkt, insbesondere wegen der Fußnoten, die die genannten Verfasser an einzelnen Stellen machen zu müssen glaubten. Vor allem soll der einzige, übrigens getaufte Jude, der in der Anthologie vertreten ist, Josef von Sonnenfels (1733—1817), herabgesetzt werden. Es heißt in einer Fußnote: „Von seinem Charakter hatte Lessing keine gute Meinung: ,ein falscher und niederträchtiger Mann', sein Großvater war Rabbiner in Berlin gewesen, sein Vater nach Nikölsburg in Mähren eingewandert." Mit einer gewissen Absicht wird Lessings Einstellung gegen den jüdischen Sonnenfels hervorgehoben, um den schlimmen Eindruck, den Lessing als Dichter des „Nathan der Weise" machen könnte, in gewissen Kreisen zu mildern. „Nathan der Weise" teilt übrigens das Schicksal Heines, auch er wird verschwiegen. Warum wohl der getaufte Jude Sonnenfels die Ehre hatte, in dieser Anthologie mit einem Aufsatze zu erscheinen? Auch das wird klar, denn seine veröffentlichte Rede „Das Bild des Adels" beginnt mit dem Satze: - - „Meine Herren! Ich bin es überzeugt, niemand unter Ihnen überläßt sich dem unwürdigen Wahne, als wäre das Wesentliche des Adels in genau gehaltenen Stammregistern zu suchen, denn jeder Jud4 leitet seinen Ursprung von einem Manne ab, der bereits vor mehr denn 3000 Jahren fünf Könige bekrieget und überwunden hat; und! wirklich ist diese Nation in Mitte ihres Elends und ihrer Knechtschaft immer noch aufgeblasen." Wegen dieser Zeilen hat Sonnenfels offenbar Platz in der Anthologie gefunden. Goethe, der große Geist, war über den Gedanken des Antisemitismus hoch erhaben, da kann YORNEBflE FAMILIEN - PENSION täglich 5-Uhr-Iee B SEMMEMNG1 TELEPHON 11 8 gjfjHochstraße 43 I _ " " neben Hotel Panhans g =j Mäßige Preise. 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Das ist nur eine kleine Auslese, die eine flüchtige Durchsicht des, wie erwähnt, fast 400 Seiten starken Bandes bot. Bei der bekannten Einstellung unseres Unterrichtsministeriums ist es leider klar, daß das Buch wohl mit besonderer Genugtuung zum Unterricht an allen Mittelschulen zugelassen wunde. Die Hakenkreuzler werden eine Freude haben, ihre Parole „Juden ist der Eintritt verboten" ist in einem amtlich zum Lehrgebrauch zugelassenen Buch als historisch beglaubigt, das Lehrbuch ist also auch für das „Dritte Reich" gewiß geeignet. Meine Darlegungen bezwecken nur die Meldung von Tatsachen, die Folgerungen überlasse ich den berufenen Faktoren. Carl Hollub. Millliil Schlagt die Nazis! Diese Parole gab jüngst das Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie aus, wobei es seinen Unwillen darüber zum Ausdruck brachte, daß man in Deutschland dem Wachsrum der Hitler-Partei nicht schon in deren Anfangsstadien wirksam entgegengetreten ist Der Vorwurf ist berechtigt, aber nicht nur für Deutschland. Was ist denn in Oes te r re i c h geschehen, um der wüsten Agitation der Hakenkreuzler den Boden abzugraben, und welches Mittel hält die hiesige Arbeiterpartei bereit, um sich des Versäumnisses, das sie ihren reichsdeutschen Genossen vorwirft, nicht auch selbst schuldig zu machen? Wenn man aus der Befriedigung der Marxistenpresse über die polizeilichen Maßregeln gegen die Nationalsozialisten den Schluß ziehen darf, daß sich die Sozialdemokratie von der gewaltsamen Unterdrückung der Gegenpartei die gewünschte Wirkung verspricht und nur bedauert, daß diese Maßregel erst so spät erfolgt ist, dann muß man sich nur darüber wundern, wie wenig sie aus ihrer eigenen Parteigeschichte gelernt hat. Wurde doch auch an ihr der Versuch unternommen, unliebsamen Ideen durch Gewalt beizukommen. Obwohl aber derjenige, der diesen Plan ausgeheckt hatte, kein Geringerer gewesen ist als Bismarck, ist das Experiment tüchtig daneben gelungen und die Partei stand trotz oder besser gesagt: infolge der gegen sie durchgeführten Ausnahmegesetze stärker da als früher. Zu diesem Beispiel aus der Praxis gesellt sich die prinzipielle Erwägung, daß eine Partei, die die demokratische Idee verficht, darauf gefaßt sein muß, daß es auch jeder anderen Richtung unbenommen bleiben muß, die Segnungen der Demokratie für sich auszunützen. Eine demokratische Fraktion, die den Geschmack an den demokratischen Methoden in dem Moment verliert, da diese Methode einer anderen Partei zu Erfolgen verhilft, steht moralisch auf derselben Stufe wie die feudalen Anhänger des Absolutismus, die das bekannte Wort prägten: „Der König absolut, wenn er unseren Willen tut!" Die Demokratie mit Methoden schützen, die der — Diktatur abgelauscht sind, ist widernatürlich und — wie die Ereignisse in Deutschland zeigen — auch nutzlos. Die Demokratie kann nur durch ihre eigenen Mittel erfolgreich verteidigt werden. Diese Mittel sind unermüdliche Aufklärung und Belehrung. Was die Psychoanalytik für das Individuum vorschreibt: Genesung eines seelischen Leidens kann nur durch die Hervorzerrung des geheimen Krankheitserregers aus dem Unterbewußtsein ins heHe Licht des Tages bewirkt werden, das gilt auch für die Masse npathologie. Das Gift, mit dem Hitler die Seele des deutschen Volkes, vor allem der deutschen Jugend infiziert hat, ist der Antisemitismus. Was ist nun in Deutschland und bei uns geschehen, um dieses Gift als solches zu entlarven und dadurch unschädlich zu machen? Prophylaxe gegen den Antisemitismus wurde wohl betrieben, aber hauptsächlich von jüdischer Seite, also von einer „interessierten", von weiten Schichten als „befangen" abgelehnten Instanz. Die Führer der nichtantisemitischen Parteien wollten nichts oder nur sehr wenig tun, um die ihnen vertrauenden Volksmassen auf diesem Gebiet entsprechend zu orientieren. Sie haben wirtschaftliche und soziale Programme ausgearbeitet. Diese Programme haben die Hakenkreuzler pünktlich — abgeschrieben. Zu der Judenfrage pflegen) sich Linksparteiler niemals zu äußern, höchstens, daß sie gelegentlich jüdischen Wählern ihre Freiheitlichkeit ausdrücken. Vor christlichen Wählern wich man diesem Thema lieber aus. Die Folge solcher Strategie ist, daß die Hakenkreuzler gerade an dieser Stelle, wo die gegnerische Front am wenigsten für Deckung gesorgt hatte, das heftigste Trommelfeuer eröffneten und dem so viele Sünden seiner ehemaligen, streng arischen Beherrscher büßenden deutschen Volke diesseits und jenseits der Staatsgrenzen wirklich die groteske Meinung suggerieren konnten: „Die Juden sind unser Unglück!" Es gibt keinen von dieser Seite gegen Juden und Judentum erhobenen Vorwurf, der nicht sofort auf einwandfreie, jeder objektiven Ueberprüfung standhaltenden Weise widerlegt worden wäre. Aber welche der gewaltigen Arbeiterbibliotheken Oesterreichs und des Deutschen Reiches bietet ihren Lesern dieses apologetische Schrifttum zur Lektüre? Arier, die Interesse an der Juden- .frage haben — und die Hakenkreuzler sorgen für die künstliche Schürung und Wacherhaltung dieses Interesses —, sind ganz auf die trüben Quellen reaktionärer Verlage angewiesen. Da sie von den jüdischen Gegenäußerungen nichts erfahren, erliegen sie schließlich der Suggestion des gedruckten Wortes, und wenn die Hakenkreuzler sich erst einmal in das Vertrauen des arglosen Lesers eingeschlichen haben, ist es für sie ein Leichtes, ihn auch in ihre Versammhingen zu lotsen und ganz zu betören. Rächt sich so schon die passive Haltung der Linksparteiler im der Judenfrage, so wird ihre Schuld geradezu tragisch, wenn sie — gegen ihren Willen — dem Hakenkreuz aktive Zutreiber-