Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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wege gebracht, wenn sie in ein Stück ungesäuertes Brot eine ganze Historiographie hineingebacken, mit einem Stück Mazzo den ganzen Lebens- und Leidens wieg eines Volkes greifbar verkörpert hat Mit den Worten „Sklaven sind wir gewesen!" decken wir die Mazzoth auf, zeigen sie uns und allen kommenden Geschlechtern. Ein Sklavenbrot ist sie also gewesen, nein, im Gegenteil em Brot das der gegessen, dem lieber war, ein Brot des Elends zu essen und frei zu sein, als an den Fleischtöpfen Aegyptens zu sitzen und Sklavendienste zu leisten. Damit fängt für uns die (iescMchte des Brotes an. Das Brot ist der ärgste Fronvogt der Menschen. Ums Hebe Brot werden sie alle Sklaven, dienen ungezählten Herren, dienen von der Jugend bis zum Grabe, verkaufen Stolz und Gesinnung, Ruhe und Frieden. Wes Brot sie essen, des Lied sie singen und im Schweiße ihres Angesichtes verdienen sie alle Dir Brot. Das aber ist so, weil sie mehr wollen als Brot essen, weil ihr Brot ein reiches, ein üppiges sein soll. Wer frei sein will, muß sich mit einem ungesäuerten Brot begnügen können. Das Sklaventum hört auf, wenn der Mensch mit einem dürftigen Brot zufrieden ist Israel zieht durch die Wüste, sein Brot ist das Manna, das Himmelsbrot, dessen Geschmack ist wie Honigseim. Eine Wüste mußte er durchwandern, alle Mühsal ertragen, um Manna essen: zu können. Israel betritt 40 Jahre später unter Josua den Boden des gelobten Landes, und „sie aßen vom Ertrage des Landes am anderen Tage, an Pessach Mazzoth". Die Mazzoth waren wieder das Brot der Freiheit der Befreiung von einem Menschenalter Wüstenwanderung. Die Weisheit eines ganzen Menschenlebens offenbart sich hier! Nach vierzig Jahren Mühsal und Manna begrüßt man dankbar — das Brot des Elends, die Mazzoth! So keuchte unser Volk durch alle Jahrhunderte, suchte Brot fand Brot erinnerte sich aber in jedem Jahre einmal, daß es Brot des Elends essen muß, um zu bleiben, was es ist was es sein soll, das Volk, das nicht lebt, um zu essen, sondern das ißt um zu leben. Der Prophet Elia, so erzählt die Heilige Schrift floh vor den Verfolgungen der Isebel und schlief todmüde in der Wüste ein. Da weckte ihn der Engel Gottes und Ena sah zu seinen Häupten ungesäuerte Kohlenkuchen und einen Krug Wasser. Er aß und trank und ging voll Kraft seines Weges. Wie Elia ging es unserem Volke! So oft es auf dem Wanderwege irdischen Lebens ermattete, zeigte ihm der Engel Gottes die ungesäuerten Kohlenkuchen' und den Krug Wasser, und es fand damit Kraft, weiterzuwandern. Wer eine Lebensaufgabe erfüllen will, wer wie ein Prophet die Menschen lehren will, dem genügt Mazzo, das Brot des Elends. Aber dieses Brot des Elends ruft uns wirklich mehr als tausend Jahre haßerfüllter Anklagen ins Gedächtnis, erinnert uns, wie man schmäht verleumdet verfolgt und tötet diejenigen, die nicht sind wie alle anderen, die da wagen, an Ewigkeit und Wahrheit zu glauben, dafür zu leben und zu sterben. Die Mazzo erzählt nämlich auch die Geschichte einer großen Lüge, einer ungeheuerlichen Beschuldigung, die wir dulden mußten, gegen die die Stimme der Wahrheit ohnmächtig war, und sagt uns, wie man uns selbst das Brot des Elends vergällt und verbittert hat Aber auch eine Welt des Hasses vermag nichts gegen die, die mit einem Brot des Elends zufrieden sind, wie Isebel nichts gegen Elia vermochte. Die Mazzo wird nicht trocken und ungenießbar, wenn sie altert und dauert. Sie ist das Brot das bleibt und Bestand hat wenn das andere, das gesäuerte Brot längst verdorben und verschimmelt keine Nahrung mehr bietet Darum ist sie das Brot der Idee, die keine Zeit und kein Geschlecht zerstören kann. Die schwache, dünne Mazzo, die zerbröckelt und zerbröselt wenn man sie hart anfaßt ist dauernder als der feste, starke Brotlaib. Das ist ein Bild für die Geschichte des Volkes, das Mazzoth ißt Auch das jüdische Volk ist schwach und gering, ist von den Schlägen schwerer Geschicke zerbrochen, zerbröselt und in alle Winde verstreut Aber wie die Brösel der Mazzo die Jahre überdauern, so hat auch das zerstreute, zersprengte Israel die Jahrhunderte überdauert Die Mazzo ist ein Brot das man denkend essen muß. Brot ist nicht nur eine Nahrung, die den Magen füllt den Hunger stillt Brot ist eine Gottesgabe, die man mit einem Dankspruche an Gott genieße. Als die Taube, die Noah nach der Sie fohlen sidi wie zu Hanse beim Seder im bestrenommierten streng "1ttO Restaurant und Hotel \. BABSCBA« Unter Aufsicht der israelitischen Kultusgemeinde Wien (Rosch-Beth-Din Rabbiner Josef Babad) Wien II. Große schlliüasse Nr. 3 Telephon A 46-4-39 Erstes Haus für: Palästinaweine, Karmel, Muskat, Maiaga, Sherry, ungarische Weine, Met und Ia Slibowitz flDB bv Lieferungen: von 5 Flaschen aufwärts werden ins Haus zugestellt. Sintflut ausschickte, so erzählt die Midrasch, das Oelblatt fand und abpflückte, sprach sie: „Weltenherr, laß meine Nahrung bitter sein wie das Oelblatt aber sie komme aus deiner Hand!" Das ist die große Lebenskunst mit einer kargen, auch bittern Nahrung zufrieden zu sein, um seine Freiheit, seine Unabhängigkeit von Menschengunst und Ungunst zu bewahren. Wer in die Freiheit ziehen will, darf sich nicht üppig gedeckte Tische, die Köstlichkeiten des Lebens erwarten, muß sich mit ungesäuertem Brote genügen können. Heute muß wieder der Jude lernen, bescheiden sein, sich bescheiden, wenn auch nicht alle Wünsche sich erfüllen. Wer da spricht: „Das ist das Brot des Elends, das unsere Väter aßen!" denke, daß es ebendasselbe ist, das auch wir essen, nicht weil das Elend das gleiche geblieben ist, sondern weil es uns ebenso wie unsere Väter in vergangenes Elend zurückschauen läßt und uns lehrt, daß auch immer ein Weg in die Freüieit offen steht allen denen, die mit wenigem zufrieden, Großes erstreben, daß das Brot des Reichtums und der Ueppigkeit die Menschen zu Sklaven ihrer Wünsche macht, aber keinen Ewigkeitswert und nur beschränkte Lebensdauer hat, das armselige Brot der Freiheit aber besteht und Kraft gibt, es immer von neuem herzustellen. Die Pharaonen von heute. In einer ganz eigenartigen Stimmung feiern die Juden diesmal das schöne Pessachfest. Die schwere Wirtschaftskrise, die seit Jahr und Tag immer weitere Kreise um sich zieht, hat sich in besonderem Ausmaße unter den Juden fühlbar gemacht und ihre wirtschaftliche Position, die auch sonst zu wünschen übrig ließ, wird noch schwieriger und unerträglicher. Dazu aber kommt noch die Ueberhandnahme der antisemitischen Strömung, zum Teil ebenfalls eine Folge der Wirtschaftskrise, die weite Kreise der Bevölkerung in verschiedenen Ländern, die sonst der demagogischen Verhetzung nicht zugänglich sind, hiefür reif und empfänglich macht. Fast 4000 Jahre nach Pharao, dem ersten offiziellen Judenfeind, bekommen wir die gleichen Weisheiten zu hören, die der damalige König der Aegypten der den Josef nicht kennen wollte, zum besten gab. Diese lächerlich dummen Phrasen haben im Verlaufe der Jahrtausende an „Zugkraft" nichts eingebüßt. Immer wieder finden sie Wiederkäuer und gläubige Zuhörer. Ob sie von einem Pharao, von einem Haman, von einem Apion, von einem Stöcker, von einem Schönerer oder von einem Hitler vorgetragen werden — sie finden Gehör, denn es handelt sich ja um die Juden, und da wird alles geglaubt und ist alles erlaubt. .. Es wäre fast zum Verzweifeln, wenn nicht gerade das Schicksal aller dieser Judenfeinde es evident zeigen würde, daß die Lüge doch immer nur kurze Beine hat und daß man wohl mit Hilfe des Judenhasses einige Zeit aufsteigen könne, aber schließlich doch fallen müsse. Immerhin ist die Uebergangsperiode bitter genug und es würde uns heute wahrlich nicht leicht fallen, in eine zuversichtliche Stimmung zu geraten, wären wir nicht die eingefleischtesten Optimisten, die immer wieder Wunder erhoffen und auch erleben. Pharao war der erste offizielle Judenfeind!, der trotz der unermeßlichen Verdienste, die sich der „zugeraste" Hebräer Josef um das Vaterland erwarb, gegen dessen Brüder und Nachkommen <Me Pauschalverdächtigung erhob, sie könnten eines Tages Landesverräter werden und mit Hilfe des Feindes das Land verlassen. Man merke sich .dieses Argument: man hatte zu den Juden kein Vertrauen, aber man wollte sie nicht ziehen lassen. Man dürfte im alten Aegypten die Fähigkeiten der Juden wohl zu schätzen gewußt haben, denn nichts erschien den Aegyptern so peinlich als idie Perspektive, die Juden könnten eines Tages ihre Ranzen schnüren und mit Kind und Kegel das Weite suchen . . Heute ist es allerdings anders: heute möchte man am liebsten die Juden jenseits der "Grenzen sehen — wenigstens sagt man es so. Aber sonst mutet man ihnen ebenso alles Böse zu, wie es Pharao getan, und1 ist auf der Suche nach Wegen und Mitteln, um der drohenden „jüdischen Gefahr" zu begegnen . . . Die Pharaonen von heute haben es allerdings wesentlich leichter als ihre Vorgänger. Die Neuordnung der Welt wie sie durch die Friedensverträge von 1919—1920 arrangiert worden ist hat derartige Zustände geschaffen, daß die Welt allen Grund zur Unzufriedenheit hat. Auf der Suche nach einem Bliizableiter bieten die Juden das beste Ziel. Wenn man die Juden für alles Unheil verantwortlich macht, dann hat man leichtes Spiel und braucht sich nicht sonderlich anzustrengen. In den alten Zeiten mußte man mindestens ein König oder ein Mann in einflußreicher öffentlicher Stellung sein, um das Volk gegen die Juden aufwiegeln zu können — heute hat man all dies nicht nötig. Man kann ein einfacher Hanswurst sein und findet trotzdem Zulauf, wenn man es den Juden nur recht gehörig gibt und den Mund voll zu nehmen versteht. Ein Hitler kann und darf auf über 13 Millionen volljähriger deutscher Bürger rechnen, für die sein Name ein Programm ist. Ein Cuza kann in Rumänien das große Wort führen. In anderen Ländern genügen noch viel kleinere „Individualitäten", um als „Volksführer" aufzutreten . . . Die Welt ist aus den Fugen geraten — und die Juden sollen die Zeche bezahlen ... Als im vergangenen Sommer einige Großbanken verkrachten, da gab es unter den Judenfeinden ein großes „Halloh!": Die „Judenbanken" brechen zusammen, die Macht des „jüdischen Kapitalismus" wird vernichtet, die „jüdische Finanz" wird bald1 ausgeschaltet 9ein . . . Und man konnte sich nicht genug tun in dem Rufe nach Bestrafung der Schuldigen . . . Als vor einigen Wochen Ivar Kreuger, der „Zündholzkönig", seinem Leben ein Ende machte, da wußten unsere Hakenkreuzler zu erzählen, dieser „arische Großunternehmer" sei von der jüdischen Finanz in den Tod getrieben worden, um seine Konkurrenz los zu werden . . . Nun erfährt man nachträglich, daß Kreuger einer der größten Schwindler und Betrüger war, dessen ganzer Reichtum auf Lug und Trug basierte, der es verstanden hat, eine ganze Welt zu foppen und an der Nase herumzuführen — aber da hört man keine Rufe der Empörung, denn Kreuger war ein — Arier und kein Jude . .. Noch dazu ein „Mäzen" Hitlers, den er mit dem erschwindelten Geld „finanzierte" . . . Non olet! Wenn man solchen und ähnlichen Erscheinungen gegenübersteht, wenn man täglich den Ruf „Heil Hitler!" vernimmt, wenn man die Tiraden der Hakenkreuzler zu hören und ihr Programm zu lesen bekommt, dann könnte man vor ehrlicher Entrüstung aufschreien oder von einem mitleidigen Lächeln erfüllt werden ... So degeneriert ist die antisemitische Welt geworden, daß man ihr derartige Dinge zu bieten wagt . . . Aber wir geben die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht auf. Wir haben die Pharaonen überlebt, die Hamans aller Zeiten und wir werden auch das Ende der Hitler und Konsorten erleben. Gerade unser schönes Pessachfest gibt uns Kraft und Mut zum Durchhalten. In der „Hagadah", in diesem schönen Buch der Legenden, finden wir Trost und Hoffnung; dieses Buch bringt uns alle Leiden und Drangsale in Erinnerung, die wir von den Pharaonen aller Zeiten auszustehen hatten, es zeigt uns aber auch, daß wir schließlich die Gegner überlebten. Wir haben gerade in den letzten Dezennien die „schwarzen" und „weißen Hunderte" in Rußland überülauert die „erwachenden Magyaren" und ihre Gesinnungsgenossen in den anderen Ländern —