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Die Wahrheit · 1932-04-20 · Heft 17-18 (20.4.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 17-18 (20.4.1932)
Date
1932-04-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ME WAHRHEIT 3»»t * Für Ostergerichte das reine Kunerol.. Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Mehlspeisen ganz besonders geeignet Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt — es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter standiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETt Die Mazzo. Von Dr. V. K u r r e i n, Linz a. d. D. Mauer?" Der Weise blickte auf und sah einen Schimmer in Form eines Ringes an der Mauer auf- und niederschweben. Die Mauer ist eine Erinnerung an die alten Zeiten, da Israel noch sein eigenes Heim bewohnte. Was aber bedeutete der Ring, der so funkelnd' neu erschien? Als Israel auf Aegypten zog, war Aegypten ein mächtiger Bau, Israel ein heimatloses Wandervolk. Aegypten besteht noch, aber das Volk, das es damals bewohnte, ist längst dahingeschwunden, Israel, das Volk ohne gemeinsames Haus, lebt aber heute noch. Jeder Jude betrachtet sich heute noch, „als wäre er selbst aus Aegypten gezogen." Wie würden die Pharaonen ergrimmen, wenn sie heut aus ihrem Todesschlummer erwachten und sähen, wie ihre Pracht, ja selbst ihre Mumien hi alle Welt verstreut, in Museen zur Schau gestellt sind! Wie würden aber ein Moses, all unsere Propheten, Psalmisten und Weisen freudig staunen, wenn sie aus ihren Gräbern erstehen und ihre Worte und Weisen lebendig finden würden, nicht allein in ihrem Volke, sondern in hunderttausenden Gotteshäusern anderer Bekenntnisse, lebendig, nicht nur als Schall und Ton. sondern in Handhabung des Rechtes, in Errungenschaften des Freiheitsdranges der Unterdrückten und nicht zuletzt in ihrem eigenen Volke, in seinem Alltagsleben wie im Reigen seiner Feste! Die schwanke, schwache Hütte jener heimatlosen Wüstenwanderer, sie hat die stolzen Pyramiden überdauert, weil in dieser Hütte, im jüdischen Heim, heimisch war die Treue gegen den alten Gott der Väter und idie Erkenntnis seines heiligen Willens, als hehres Erbe fortgepflanzt von Vater auf den Sohn seit dem Geschlecht der Wüste bis auf dem heutigen Tag. (Beth r'schoim jischomed w'auhel j'schorim jafriach). „Das Haus der Bösen wird vertilgt, doch das Zelt der Gerechten erblüht." Jener Ring an der Klagemauer lehrt, wie hinfällig äußere Macht ist und daß das Leben eines Volkes nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von den Tugenden, an die uns der Trauring Israels, die drei Wallfahrtsfeste mahnen. Reichen wir unseren Kindern das gesunde Brot jüdischer Glaubenstreue, flößen wir ihnen durch unser Beispiel Stolz ein auf die Lehre, die Gerechtigkeit Redlichkeit, Liebe und Menschlichkeit fordert, geben wir ihnen ein Elternhaus, in dem der alte, gute Geist jüdischen Familiensinnes waltet! Halten wir dem Gott der Väter das dreifache Gelöbnis (w'erasstich . .) und dieses dreifache Band (w'hachut ha-m'schullosch) wird unzerreißbar unser Volk im Bunde mit Gott erhalten, wie bisher, so in alle Zukunft! G. Und Mosche graute vor der Welt. Im Tempel sollte ich mich verkriechen und die Sterntaleln des Himmels lesen oder die alten Pergamente, daß ich zu einem frommen und schuldlosen Alter käme, dann käme ich nicht in die Not, zu schlagen wie die Bedrücker schlagen und zu töten wie die Mächtigen töten. Er stand schweigend. Der Greis hatte sich vom Boden aufgerafft. Einen scheuen Blick warf er auf seinen Peiniger, der nun so machtlos im Staub lag. und auf den Prinzen, der düster vor dem Toten stand, dann kroch er gebückt unter der unmäßigen Last davon. Mosche sah ihm nach, wie der gekrümmte und zerschlagene Rücken sich wand, wie der Alte davonschlich wie ein geprügeltes Tier, sein weißes Haar ganz ohne Würde und Ehre. Da glühte er auf. und die Tat reute ihn nicht mehr. Für die Gerechtigkeit muß der Mensch das Schwerste tun können, sterben — und töten. Und er verscharrte den Leichnam im Sand und ging mit erhobenem Haupt davon.-- Am Abend, als Mosche im königlichen Garten die Einsamkeit suchte, erschüttert von dem Ereignis des Tages, stand plötzlich vor ihm ein junges hebräisches Weib und redete ihn an. „Wer bist du?-' fragte er. „Ich bin Miriam, das Weib Hurs. die Tochter Amrams," erwiderte sie. „Ich weiß, was du heute getan hast. Wahrlich, wie ein Blitz wirst du aus der Wolke unseres Elends fahren und dein Licht wird leuchten von einem Ende der Welt bis zum andern, so wie unsere Hütte erleuchtet war in der Sturide, da du auf dem Lager der Armut geboren wurdest!" „Was redest du," sprach Mosche abwehrend. „Weißt du nicht." fragte Miriam, „daß eine Mutter uns in ihrem Schoß getragen und zur Welt geboren hat, dich und mich?" „Nein, das wußte ich nicht," sagte er erschüttert. Eine Weile standen sie schweigend einander gegenüber. Brausend stürzten die Gedanken sich über ihn. Dies Volk mein Volk! Die Armen meine Brüder! — und Es ist doch gewiß eine sehr seltsame Bestimmung, daß wir Juden unser Freiheitsfest dadurch begehen, daß wir Mazzoth essen. Die Verfügung: „Am ersten Festtage, am 14. des Monates, am Abend sollt ihr Mazzoth essen bis zum 21. abends", ist in so vielfacher Form und Fassung wiederholt und eingeschärft, daß sie nicht übersehen und nicht als nebensächlich gedeutet werden kann. Um das Brot, das wir essen, handelt es sich und mit dem Brote verbindet sich die Erinnerung an Freiheit und Knechtschaft. Vielleicht, wh-d mancher sagen, ist da des Guten zu viel geschehen und hat man einer Erinnerung aus alter Zeit eine unverdient große Rolle zuerkannt. Ob es überhaupt nötig ist, dieses ungesäuerte Brot so sehr in den Mittelpunkt des Festes zu stellen und die Einwirkung von Gaumen und Magen auf unser Gehirn so stark zu betonen, wäre auch ein nicht ganz unberechtigter Einwand. Ein ganz Radikaler könnte den Zuruf erheben: „Mehr denken und weniger essen!", womit er sagen will, es ziemt uns als Menschen von Kultur und Bildung, daß wir mehr gedanklich, mehr mit dem Geiste unsere dann kam etwas Weiches in sein Herz. „Schwester," flüsterte er scheu und berührte ihre Hand. „Siehe auf das Elend deines Volkes!" riet Mirjam leidenschaftlich. ..Hilf, rette, daß wir nicht verderben, so wie du errettet wurdest von dem Ted im NiH Alle Weisheit der Aegypter hast du gelernt, du wirst einen Ausweg finden aus unserer Not! Denn der Gott unserer Väter hat uns verlassen und hört nicht unser Schreien!" Mosche aber achtete nicht auf ihre Worte. „Führe mich zu unsrer Mutter!" bat er. Sie gingen zusammen durch die Nacht nach dem Stadtteil, in dem die Wohnungen der Hebräer waren. Hier war alles schlecht und ärmlich, die niedrigen Hütten baufällig, düster, schmutzig. Mosche sah durch die unverliängten Fensterlöchcr im Vorbeigehen hinein. In mancher Hütte hatten sich die Leute schon zum Schlafen gelegt, sie lagen auf dem nackten Lehmboden ausgestreckt, mit ihren Kleidern zugedeckt. Das erlöschende Feuer warf einen matten Schein auf die wirr durcheinander liegenden dunklen Glieder. In anderen Hütten waren sie noch beim Essen. Zwiebeln wurden im Feuer gebraten und mit dem rauhen schwarzen Brot gegessen. Kinder weinten und zankten sich um die kärgliche Mahlzeit, die ihrem Hunger nicht genügte, übermüdete Männer und Frauen schalten und schlugen. Hinter dem Feuer saß eine Alte und starrte stumpf aus den leeren schwarzen Augen vor sich hin. Das Elend ging über ihre Begriffe, sie kennte es nicht erleben. Irgendwo zwischen den Häusern klangen langgezogene gellende Schreie eines Weibes. Mosche blickte schaudernd in all das Jammervolle, Zerbrochene, Schmutzige. „Begreifst du nun," flüsterte Mirjam an seinem Ohr. „daß wir sie hassen, die Reichen, die Vornehmen, die auf seidenen Kissen den satten Leib dehnen, die ohne Arbeit alle Schönheit des Lebens besitzen, während wir in Not und Stumpfheit verkommen müssen?" ..Meine Brüder," sagte Mosche mit verhaltener Stimme, — aber er meinte nicht seine Genossen, mit denen er aufgewachsen war, sondern dies arme Volk ringsum. Feste erleben, ihnen statt üaumenreize seelischen Impuls geben und solchen von ihnen empfangen. Solche Rede ist nicht unberechtigt. Es gibt heute schon sehr viele Juden, denen die Mazzo wirklich ein Symbol und nur ein Symbol geworden ist, das sie an Pessach haben, um an das Fest gemahnt zu sein, die sich aber mit der ganzen Observanz, dem argen Ballaste all der mit der Mazzo zusammenhängenden, haarspalterischen Bestimmungen durchaus nicht befreunden können. „Das ist eben," so wird mancher sagen, „ein Zug der Zeit und unsere Zeit denkt eben auch anders als die Vergangenheit!" Soll das heißen, daß sie mehr oder daß sie weniger denkt, daß sie nachdenklicher oder gedankenloser geworden ist, oder daß sie an andere Dinge, an andere Pflichten, andere Ideale, an andere Erbauung und andere Festfreude denkt? Die Mazzo, die wir an Pessach essen, gibt die Antwort auf diese Frage. Es ist kaum bestreitbar, daß die Vergangenheit verstanden hat, denkend zu essen. Speziell aber hat die Vergangenheit des Judentums geradezu eine Höchstleistung zu- Ein Trupp dunkler Gestalten kam den Weg entlang, es waren Männer, die zur Nachtarbeit gingen. Mirjam trat in eine Hütte. Es war still darin, das Feuer war schon erloschen. „Mutter!" rief sie hinein. „Leis!" antwortete es flüsternd von drinnen. „Sie schlafen schon und sind erschöpft von der Arbeit. Laß' ihnen die Ruhe. Wer ist bei dir?" „/Mutter, ich bringe dir deinen Sohn Mosche!" Ein dunkler Schatten wuchs drinnen auf, eine hochgewachsene Frauengestalt. „Mi.in Sehn!" rief sie. Ihre Stimme — ach, wie klang sie nach den eintönigen traurigen Wiegenliedern, die so tief in seiner Erinnerung lagen! Mosche stürzte hinein in das Dunkel der Hätte und die starken Anne des Weibes nmiiugen ihn. Bitja hatte ihn aufgezogen mit aller Liebe, — aber erst jetzt wußte er was Mutter ist, in den stumm pressenden Armen dieses Weibes, das er nicht einmal sah. Der Hauch ihres Mundes, der Geruch ihrer Kleider, jedes Glied des starken Körpers an den sie ihn drückte, war Mutter. Sein Herz schlug au dem ihren und er fühlte die Gewalt des gleichen Blutes. Miriam kniete am Boden und wühlte in der Asche, um einen Funken zu finden und an ihm das Feuer neu zu entzünden. Mosche fand es erstickend in der dunklen Hütte zwischen den schweren Atemzügen der müden Schläfer, seiner unbekannten Verwandten. ..Komm hinaus mit mir unter den Himmel. Mutter!" sagte er. Sie traten hinaus. Die Feuer in den Hütten waren erloschen, klein, dunkel, zusammengeschrumpft schien alles Menschenwerk unter den flammenden Sternen. In ihrem Licht sah Mosche die hochgewachsene Frau, die seine Mutter war, sah ihre starken Züge, die leidenschaftlich fordernden Augen. Aber siu sprach nicht, sie hielt ihn nur stumm au ihr Herz gedruckt. Und Mosche stand unter den Sternen, erschüttert und aufgewühlt von dem Tag: einen Menschen getötet, eine Mutter gefunden, vor den Trümmern eines Volkes stehen und sie als seine Brüder erkennen, — und im Herzen unbegreiflichen Kampf. Drängen nach einer Tat. die unerhört i--t und keinen Namen hat.

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