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Die Wahrheit · 1932-04-20 · Heft 17-18 (20.4.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 17-18 (20.4.1932)
Date
1932-04-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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TEPPICHE MÖBELSTOFFE VORHÄNGE TEPPICHMAUS S. SCHEIN t NUR 1., BAUERNMARKT 12 - 14 Keine Filialen in Wien Der Jude aber, der auch im Fremden, gleichviel welcher Herkunft, den Menschen achtet, bekennt ausdrücklich und prägt dieses Bekenntnis an den Sederabenden seinem Kinde ein, daß seine Väter — Sklaven waren, ja auch, daß sie, bis zur Gotteserkenntnis Abrahams, — Götzendiener waren. Je tiefer die Wurzel, desto höher der Gipfel, desto fester der Stamm. Welche der beiden Lesarten unserer Haggada trifft heute zu? Ist das Brot. Idas wir beim Seder dem Kinde reichen, nur eine Erinnerung an den Tiefstand unseres Volkes oder aber essen wir heute wirklich ein „Brot der Armut?" Unser Volk steht heute äußerlich fraglos auf einer unvergleichlich höheren Stufe als jene Sklaven in Mizrajnn. Bis auf die Länder, die auf ihre Juden noch immer gesetzlich oder ungesetzlich offen oder stillschweigend ein besonderes Fremdenrecht anwenden, ist der Fortschritt in der politischen Stellung der Juden im allgemeinen, denken wir nur an Rußland, unverkennbar. Aber das .1 u d e n t u m als Lehre und Leben, als Religion und Kultur, lebt es so in jedem jüdischen Hause, daß der Vater dem Kinde für Herz und Gemüt vollwertiges Brot, gesunde Nahrung zu reichen gewillt und in der Lage ist? Oder ist es nur ein Brot der Armut, der Herzensarmut, des Mangels an jüdischem Empfinden, das unseren jüdischen Kindern im Elternhause geboten wird? Brot, nahrhaftes Seelcnbrot ist. was von Gott als Zeichen seiner Bundestreue nur verheißen, wenn auch wir für unser Teil den Bund mit ihm halten, wenn wir erfüllen das Gelöbnis, (w'erasstich Ii l'aulom) ..ihm ewig die Treue zu bewahren". Genau in demselben Maße, in dem unsere Treue gegen Gott nachgelassen, genau ebenso ist das Brot der jüdischen Erziehung geworden ..lachmo anjo", ein Brot der Armut. Daß unser Handelsmann im Gleichnis den Seinen das Brot der Armut reichen mußte, war noch nicht das Schlimmste. Was ihn weit mehr beschämte, war, daß er und die Seinen ihre Armut in ihrer Kleidung nicht verbergen konnten. Unsere Väter waren stolz darauf, daß sie das Kleid tragen durften, das ihnen Gott am Sinai gereicht hatte, stolz darauf, daß sie zu Trägern der Lehre berufen und dadurch verpflichtet waren zu (b'zedek uw' mischpot uw'chessed uw'rachamim) „Gerechtigkeit und Recht, Liebe und Barmherzigkeit." Sie brauchten sich dieses Kleides nicht zu schämen, weil zwischen ihrem Leben undi jener Lehre kein Gegensatz bestand, weil sie in Handel und Wandel, in Beruf wie Privatleben strengste Rechtlichkeit und Gerechtigkeit, Herzensgüte und Menschenliebe betätigten. Ihnen konnte man nicht ihren Glauben an ihre religiöse sittliche Berufung mit Hinweis auf unwürdige Taten höhnend zum Vorwurf machen. Wenn es uns aber mit diesem Treugelöbnis nicht mehr ernst ist, wenn Jude sein nicht mehr so viel bedeutet wie lauteren Charakter und Herzensadel bekunden, dann dürfen wir uns freilich nicht wundern, daß unsere Kinder und Enkel sich des alten Kleides schämen müssen und sich in fremdem wohler fühlen. In einem Städtchen wohnten zwei Reiche. Der eine hielt auf saubere, propere Kleidung. Der andere vernachlässigte sein Aeußeres und ging, um von Bettlern sicherer zu sein, selbst wie ein Bettler einher. Eines Tages verloren beide ihr Vermögen. Sie verließen die Stadt und ernährten sich in der Fremde, wo man sie nicht kannte, vom Wanderbettel, indem sie mitleidigen Glaubensgenossen von ihrem Unglück erzählten. Der eine, der sauber gekleidete, erhielt auch Gaben, den anderen wies man ab. Er wußte sich diese Unterscheidung nicht recht zu erklären und fragte den Gefährten, wie er es denn anstelle, daß man ihn bevorzugte. „Ganz einfach," lautete die Antwort, „ich kleide mich bechowed, wie ich es stets gewohnt war, und wenn ich auch darob hungern muß. Darum glauben mir die Leute, daß ich einst bessere Tage gesehen habe. Du aber kleidest dich wie früher, wie ein Schnorrer, dementsprechend behandelt man dich auch." Der andere nahm sich das zu Herzen und kaufte sich ein besseres Obergewand, das er auch sauber hielt. Aber welche Enttäuschung! Nicht genug, daß man auch jetzt ihm nichts gab — die Gassenjugend johlte ihm noch nach: „Seht den Verrrückten!" Wieder klagte er sein Leid seinem Leidensgenossen. Doch der klärte ihn nun auf: „Mein Freund! Ein sauberes Obergewand trägst du nun wohl, aber deine Strümpfe und Schuhe, wie sehen die aus! Das saubere Oberkleid allein tut es nicht; auch die übrige Kleidung muß dazu passen!" Das Obergewand ist die Thora. Wenn wir Träger der Thora sein wollen, dann muß auch unser übriges Gewand, dann müssen auch unsere STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Werke und Taten damit in Einklang stehen. Sonst verfolgt uns mit Recht der Hohn und Spott der Welt. Sobald wir unserer Taten uns zu schämen Grund haben, dann hilft uns der Hinweis auf unsere Erwählung zum Gottesvolke nicht. Im Gegenteil, sie wird uns zu einer Quelle neuer Verspottung und Verfolgung. Solange wir im Ghetto schmachteten, aber Lehre und Leben unter uns in Einklang waren, mochte man uns hassen und verfolgen — verachten konnte man uns nicht; wir selbst vor allem bewahrten unsere Selbstachtung. Aber auch jetzt, da die Mauern des Ghettos gefallen sind, werden wir, solange wir unserer Thora getreu leben, wenn auch nicht Liebe bei den anderen finden, aber von keinem Urteilsfähigen Verachtung verdienen. Selbst der Jude, der noch heute in der Tracht des jüdischen Ostens im Westen erscheint, aber durch sein Benehmen, durch sein moralisches Verhalten keinen Anstoß erregt, selbst er wird, außer bei ausgesprochenen Judenfeinden, die Achtung genießen, die er verdient, ja man wird seinem Mute, seine Herkunft und Art nicht zu verleugnen, Anerkennung zollen. „Ghettomanieren", das ist ein Vorwurf, der nicht die Herkunft des Juden und seine Leidensgeschichte treffen soll, die in allen vorurteilsfreien Nichtjuden vielmehr eine beschämende Selbstanklage hervorruft. Er gilt einzig und allein einem Verhalten, das durchaus nicht dem Ghetto zur Last zu legen ist, sondern der Thora widerspricht und auf das rein persönliche Konto des so Bemakelten kommt. Wie Brot und Kleid' verliert der zum Bettler Gewordene in unserer Erzählung auch sein Obdach. Auch unser jüdisches Volk hat seine Sukka, hat sein altes jüdisches Heim, sein altes trautes, inniges Familienleben zum großen Teil eingebüßt. Es hat auch sein drittes Gelöbnis (beemunoh w'jodaath etil H.) gebrochen, das Gelöbnis, die Gotteserkenntnis und frommen Sinn durch Unterricht unserer Jugend' einzupflanzen. Der Midrasch erzält: An der Klagemaiier in der heiligen Stadt stand ein Weiser, mit heißen Tränen netzte er den alten, jetzt auch uns Juden streitig gemachten Rest der Herrlichkeit Jerusalems. Von ungefähr trat ein Mann auf ihn zu und raunte ihm ins Ohr: „Siehst du den Ring da an der „Mutter," fragte er rauh, „was ist mit den Hebräern, warum werden sie bedrückt?" „Armes Volk," seufzte sie. „Die Götter lieben es nicht, daß sie seine Not zulassen." Die Götter, dachte Moschc. Ist unter allen kein einziger, der diesem Volk helfen will? Aber ohnmächtig sind die Götter, Macht hat nur der König. Er spricht zur Sonne: ich habe dich geschaffen! und zum Nilstrom: ich habe dich aus dem Felsen hervorbrechen lassen! Er sprach nicht, um nicht die sanfte Frau zu betrüben, die mit so sorgenvoller Mutterliebe ihn liebte. Aber jeden' Tag ging er hinaus und sah nach dem beladenen Volk, und er konnte sje nicht aus seinen Gedanken verbannen. Er dachte: haben ihre Väter keinem Gott gedient, daß sie nun so verlassen sind? Er sah einen Greis, der schwankte unter der allzu großen Last, hilflos sank er nieder und wimmerte unter den Schlägen des ägyptischen Vogtes, der ihn mit der Peitsche wieder an die Arbeit treiben wollte. Da brauste Mosche auf in Zorn und sprach: „Siehst du nicht. Mann, daß der Alte über seine Kraft beladen ist und es ungerecht ist, wenn du die Leistung von ihm forderst? Hast du kein menschliches Herz und weißt du nichts von Gerechtigkeit und nichts von Barmherzigkeit?" Der Aegypter erwiderte: „Herr, wer in tausend Jahren die ewigen Bauten unseres Herrn des Königs sieht, wird vor ihrer Herrlichkeit nicht fragen, ob sie mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gebaut sind. Dies störrische und faule Volk muß geschlagen werden. Alle Größe tritt auf dem Rücken der Niedergetretenen daher." Da ergrimmte Mosche in jähem Zorn, er nahm seinen Stock und schlug mit dem metallenen Knopf den Aeigjypter aufs Haupt. Lautlos fiel der Mann um. Mosche stand und schaute starr in die gebrochenen Augen des Toten. Zerstört war das Geschöpf, das vorhin noch sinnvoll sich regte, aufgebrochen der Schrein, in dem Gedanken und Wille sich formten. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wollte ich wirken, und mein erster Schritt ist Blut! Jeuitleton Mosdie findet sein Volk. Von Else Schubert-Christaller. Moschc wurde mit den Königskindern erzogen. Sorglos und gehegt verlief sein Leben in Reichtum und Fülle, in der Tempelschule wurde ihm die gründlichste Ausbildung in allen Wissenschaften zuteil, in körperlichen und kriegerischen Uebungen wurde er stark und schön und übertraf all seine Genossen. Und wenn er mit ihnen hinausfuhr, die prächtigen Bauten zu besichtigen, die der König errichten ließ, so blickte er verächtlich wie sie auf die dunklen beladenen Hebräer, die wimmelnd wie Ameisen die Baustelle bedeckten. Männer, Frauen und Kinder waren unaufhörlich bei der Arbeit, die nackten Glieder kaum verhüllt von den zerfetzten Kleidern, und sie fanden nicht Muße, sich den Schweiß abzutrocknen. Und Mosche sprach zu den Königskindern: „Die Bauten, die der König errichten läßt, sind herrlich, und werden seinen Ruhm in fernste Zeiten tragen, aber das Volk, das sie baut, ist erbärmlich." Und er wußte nicht, warum der stumpf leidende Blick, der aus schwarzbraunem Gesicht eines der fremden Sklaven ihn traf, sein Herz so sehr erregte. Warum, als ein gebeugter Greis geschlagen wurde, sein Gemüt aufbrauste, als habe man seinen Vater geschlagen. Die rauhe gurgelnde Sprache der Fremdlinge scholl dem Wagen der Königssöhne nach, — war's ein Fluch oder war's ein Flehen? Aber betroffen hörte er in seiner eigenen Stämme einen gleichen rauhen, schweren Klang, der ihn von der leichteren Sprechweise der Genossen schied. Vor einem Haus hockte eine junge Frau und wiegte ihr Kind, dumpf, eintönig und wild klang ihr düsteres und fremdes Wiegenlied, während ihre dunklen Augen unter schweren Lidern hervor unverwandt dem jungen Prinzen folgten. Erregt kam Mosche heim und fand nicht Ruhe üt seinen Büchern. Er streifte durch die Gemächer seiner Mutter, über einen glattgeschliffenen Metallspiegel beugte er sich und durchforschte sein Gesicht. Bog nicht auch ihm die Nase sich so kühn wie jenen Fremdlingen, schwangen so stolz und wild sich die Brauen und trauerten die Augen so rätselhaft hinter den schweren Lidern? Eine Dienerin kam ins Zimmer, sie war ihm vertraut, sie hatte ihn schon als Kind auf den Armen getragen. „Was ist's mit den Hebräern?" fragte er heftig. „Schmutziges Sklavenvolk, ungebildet und roh," erwiderte die Aegypterin. „Sei froh, daß du mit ihnen nichts zu tun hast." Starr sah Mosche in seine Augen, die ihm aus der Metallplatte enitgegenblickten. „Was schaust du in den Spiegel, Prinz?" zeterte die Alte. „Willst du sehen, wie die Herrlichkeit eines königlichen Prinzen von jenen Sklaven absticht? Laß sein, selbst an sie denken, beschmutzt deinen Sinn." — Im Tempelhof ergingen sich die Schüler in der Pause. Sie gingen in Reihen oder zwei und drei miteinander, mancher hatte den Arm um den bräunlichen Nacken des Freundes geschlungen, sie lernten noch schnell aus einer Rolle für die nächste Stunde, oder sie steckten die dunklen Köpfe zusammen und flüsterten sich Geheimnisse zu oder machten lose Bemerkungen. Nur Mosche ging allein. Da war unter den Knaben und Jünglingen keiner, den er an sein heftig schlagendes Herz ziehen mochte, dem er zuflüstern konnte, was sein Inneres so stark und tief bewegte. Sie begriffen ja nicht, was ihn bedrängte, keiner fragte das dunkle Warum beim Anblick jener beladenen Gestalten. Kein Freuudesauge war tief genug, den Blick zu fassen, der das Leid erkannt hatte. So gang Mosche einsam unter den sorglosen Genossen mit der schmerzlichen Frage: sind jene bedrückten und leidenden Menschen meine Brüder? So war er einsam in der Schule und zu Haus. Sorgenvoll sah die Königstochter den Jüngling an. Sie legte ihre schmalen Hände um sein Gesicht- „Mosche, mein Sohn, du bist bleich, du studierst zu viel. Freu dich doch deines Lebens und deiner Jugend wie deine Genossen!"

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