Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 17-18 (20.4.1932)
- Date
- 1932-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 80 Groschen Jüdische Die UUrkeir Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLV1U. Jahrgang Wien, 20. April 1932 Nummer 17/18 Awodim hojinu. Eine Pessachrede. Ein persischer Vezier, vom schlichten Hirten zum höchsten Würdenträger des Staates erhoben, wurde beim Schah der Veruntreuung staatlicher Gelder verdächtigt. Man sprach von einer geheimen Schatzkammer, die er, von keinem begleitet, täglich zu besuchen pflegt, um sich ganz ungestört an seinen Diebsgütern zu weiden. Der Herrscher, von seinen Spionen' unterrichtet, wann der Vezier in seiner vermeintlichen Schatzkammer weile, überraschte ihn eines Tages in dem bezeichneten Gemach. Aber wie erstaunte er, als er wohl seinen Minister antraf, aber von Schätzen nicht die Spur vorfand. Nur ein armseliges Bettlergewand hing an der kahlen Wand. „Wo sind die Schätze, von denen mir deine Neider erzählten," rief der Schall aus. „Diese Fetzen," sprach der Vezier, „sind mein ganzes Eigentum. Meine Feinde hatten Recht, wenn sie dieses Gemach meine Schatzkammer nannten. Was mir die Gunst des Geschickes auch Schätze geben mag, es kann sie mir entziehen. Dies hier bleibt mir; was ich gewesen, kann ich wieder werden. Daran lasse ich mich täglich mahnen in diesem Zimmer." Der Schah erkannte von neuem die Weisheit seines Beraters, beschenkte ihn reichlich, die Verleumder mußten ihre Bosheit büßen. Nach Jahren geschah es, daß der Schah starb. Der neue Herrscher enthob den Vezier seines Amtes. All sein Besitz wurde ihm genommen. Da ging er in jenes Gemach, legte wieder sein altes Hirtengewand an. Die Erinnerung war zur lebendigen Wirklichkeit, die Vergangenheit zur Gegenwart geworden. Aehnlich erzählt ein jüdisches Gleichnis von einem Manne, der war sehr reich geworden. Aber einmal im Jahre legte er die ärmliche Kleidung an, die er als Armer getragen. Seinen Kindern erzählte er von den Sorgen und Mühen, die er damals in diesen alten, abgetragenen Kleidern zu erdulden hatte. Sie sollten nicht hochmütig werden, wie er selbst es nicht war. Das Rad des Schicksals dreht sich unablässig. Auch dieser Reiche, der so hoch emporgestiegen, verlor sein Geld und nun zog er sein altes Gewand an, weil er kein anderes hatte. Das Gleichnis war bitterer Ernst geworden. Auch Israel hat die Wandelbarkeit des Glückes erfahren, mehr als je ein Volk. Aber stets fand es sich auch in die traurigste Lage, weil es auf Schritt und Tritt, in seinen Gebeten und Gebräuchen sich erinnern ließ: (awodim hojinu) „Sklaven waren wir in Mizrajim." Auf jeden Wechsel seines Geschickes, auf jeden Aufstieg oder Niedergang hatte es die eine Antwort, reagierte es mit der einen Erinnerung: awodim hojinu. So jauchzte es nicht übermütig im Glück, so verzagte es nicht mutlos im Elend. „Sklaven waren wir", wir haben keinen Grund, stolz und hochmütig zu werden. „Sklaven waren wir" und wir sind Leid! gewohnt; so arg wie in Mizrajim kann es nicht mehr werden. Und selbst wenn — der alte Gott lebt noch! Er, der uns selbst aus der Hölle Mizrajims befreit hat. * ''-$1 Das Kind beginnt am Sederabend, „Ma nischthanne." „Was ist der Unterschied?" Und stellt verschiedene Fragen. Auf alle Fragen aber erhält es nur die eine Antwort: awodim hojinu. Was ist der Unterschied, ob wir Juden noch oben oder ob wir tief unten stehen auf der Leiter des Glückes? Awodim hojinu, daran sollen wir denken; wie auch unser äußeres Schicksal sich wandeln mag, so lange wir Juden bleiben, wird auch der pharaonische Geist lebendig bleiben. So wechselt das Geschick unseres jüdischen Volkes. Bald fühlt es den Druck mehr, bald mehr die Befreiung. Das eine ist so wenig von Dauer, wie das andere. Im Glück ist der Seder für den Juden nur ein Gleichnis. Er ißt die Mazza „k'ho lachmo", zur Erinnerung an das Brot der Sklaven, das die Väter in Mizrajim essen mußten. Aber das Damoklesschwert neuer Unterdrückung hängt über seinem Haupte. Wie leicht kann er wieder am eigenen Leibe zu spüren bekommen die Not, die Israel in Mizrajim leiden mußte. Dann ist die Mazza nicht nur ein Gleichnis, dann ist es wirk- Wir verkaufen und VERLEIHEN Elektr. Lichtbäder , Thermophore . 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Wir Juden erinnern uns selbst auch in den Tagen des Aufstieges und der Blüte daran, daß Bitte vorzumerken: Mit Rücksicht auf die Feiertage erscheint unsere nächste Nummer Freitag.den 6- Mal Die heutige F«StnUHIII.«ir ist 12 Seiten stark. wir Sklaven waren. Auch dann, wenn draußen mildere Lüfte wehen, wenn Duldsamkeit wieder einmal die Oberhand gewonnen hat über Rassenschnüffelei und Ketzerrieciierei — wenn die anderen uns nicht daran erinnern. Wir treiben keine Vogel-Strauß-Politik, am wenigsten täuschen wir uns selbst. Wir wissen, wenn auch das Meer kein Windhauch bewegt — in wenigen Tagen können die Wogen wieder turmhoch gehen. Wh* wissen, wie tief den Völkern der Fremdenhaß im Blute sitzt. „Und ist nur ein Jude im Dorfe, so sieht man im ganzen Dorfe nichts als Juden." So sagt ein tschechisches Sprichwort. Aus ihm spricht eine riefe Selbsterkenntnis. Die Unduldsamkeit, der Haß grenzen an Verfolgungswahn. Sie machen blind oder vielmehr „zu viel" sehend, der Judenfeind sieht überall Juden. Er kommt in ein Warenhaus. Er sieht sich gar nicht die Firma an, die vielleicht einen seiner Gesinnungsgenossen oder Parteifreunde und hilfreichen Gönner bezeichnet. Seine Autosuggestion und Halluzination sieht nur — die Juden. Die Juden ruinieren den Mittelstand. Die Judenbanken beuten als Geldgeber der Warenhäuser den harmlosen Käufer aus. Die Juden müssen unter Ausnahmegesetze gestellt werden. Man soll sie aus dem Lande treiben. Arm sind sie ins Land gekommen, am Schweiß und Blut der Bürger haben sie sich fettgemästet. Die Wirtschaft, die Presse, die Wissenschaft beherrschen sie, die einst Sklaven waren in Aegypten. Keinem verzeiht man Aufstieg und Erfolg, sicherlich vergißt man keinem seinen Anfang und Ursprung. Im alten Rom hatte keiner, dessen Ahnen jemals in privatem Dienst gestanden, Zutritt zu herrschenden Klasse. Aber noch heute wird im modernsten und freiesten aller Länder jenseits des großen Wassers jeder, der auch nur hn entferntesten durch Abstammung oder sonstige Verwandtschaft mit der einstigem Sklavenrasse zusammenhängt, wie mit einem unauslöschlichen Schandmal behaftet betrachtet und behandelt. Städtische Versicheiunasanstall