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Die Wahrheit · 1932-04-15 · Heft 16 (15.4.1932) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 16 (15.4.1932)
Date
1932-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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und sogar mit hoher Genugtuung anerkannt, daß sich diese jüdischen Wähler bei ihrer Entscheidung, die gar oft im Widerspruch zu ihren wirtschaftlichen Interessen stand, ausschließlich von jüdischen Erwägungen leiten ließen. Mit voller Berechtigung konnten und können diese bürgerlich eingestellten jüdischen Wähler sich sagen, daß das Programm der sozialdemokratischen Partei frei von jeglicher antisemitischen Tendenz sei. Sie müßten sich aber bei nur einigermaßen gewissenhafter Prüfung sagen daß zwischen Theorie und Praxis hier eine gewaltige Kluft gähnt. Es konnte und kann keinem Juden, der nicht absichtlich Augen und Ohren verschließt, entgehen, daß die sozialdemokratische Partei Oesterreichs nichts weniger als judenfreundlich ist. Auch ihre Parteileitung, in der viele, vielleicht gar zu viele Juden und gewesene Juden ein maßgebendes Wort zu sprechen haben, glaubt, offenbar unter dem Druck der Masse ihrer arischen Parteigenossen, sich von antisemitischen Schlagworten und antisemitischer Handlungsweise nicht freihalten zu dürfen, sie meint alles tun zu müssen, um nur ja nicht in den Geruch zu kommen, eine „J u d e n s c h u t z t r u p p e" zu sein. Eine Partei der Freiheit und Gleichheit müßte diese gerechte Gesinnung, unbekümmert um die Stimmung der Straße und frei von Mandatspolitik im großen und im kleinen, offen bekunden und müßte vor allem auf ihre Anhängerschaft derart erzieherisch wirken, daß es für sie wie für jede wahrhaft freiheitliche Partei eine Judenf rage überhaupt nich t gä be. Man hört in den letzten Wochen oft die Klage, daß die in wirtschaftlicher Beziehung bürgerlich eingestellten jüdischen Wähler auch diesmal wieder vor einem schweren Dilemma stehen. Wir teilen diese Ansicht nicht, glauben vielmehr, daß diesmal .für jeden einzelnen Wähler dieser Gruppe ein unentschlossenes Schwanken nicht am Platze sei. Der politische Anstand und die Achtung vor sich selbst müßten es jedem wahlberechtigten Staatsbürger gebieten, bei seiner Stimmabgabe einzig und allein nicht Opportunität, sondern seine wahre Gesinnung auswirken zu lassen. Unter diesem Gesichtspunkte käme die christlichsoziale Partei nur für Antisemiten, die sozialdemokratische Partei nur für Marxisten und Anhänger eines marxistischen Zukunftsstaates in Betracht. Würden bei der Wahl in die politischen Vertretungskörper nicht Schlagworte, sondern wirklich nur staatspolitische, weltanschauliche und wirtschaftliche Erwägungen für die Wählerschaft bestimmend sein, dann käme der Parlamentarismus wieder zu seinem Recht und zu seiner Geltung, dann würde das Parlament und in weiterer Auswirkung auch Landtag und Gemeinderat ein Spiegelbild der Zusammensetzung der Bevölkerung .geben. Daran, daß dieser Idealzustand in Oesterreich— sehr zum Schaden der Gesamtbevölkerung — nicht verwirklicht werden kann, tragen der Mangelanpolitischerundwirtschaftlicher Schulung der Bevölkerung, vor allem aber unsere ungerechte, auf die Bedürfnisse und die Mandatspolitik der großen Parteien zugeschnittene Wahlordnung Schuld. Solange unsere Wahlgesetzgebung das Aufkommen einer Partei unmöglich macht, die — um bei den gebräuchlichen technischen Ausdrücken zu bleiben — politisch, weltanschaulich und sozial links, wirtschaftlich aber rechts orientiert ist, solange werden unsere Vertretungskörper ein verzerrtes Bild bieten und solange werden immer wieder große Gruppen der jüdischen Wählerschaft, die nicht die Möglichkeit haben, für eine ihrer wahren Gesinnung entsprechende freiheitliche Partei zu stimmen, in die bedauerliche Notwendigkeit versetzt werden, sich der Stimmabgabe zu enthalten. Die Hinterbliebenen nach Fräulein Anna Lachmann in Breslau bitten alle, die ihnen in ihrer Trauer ihr Beileid bekundet haben, hierfür auf diesem Wege den Ausdruck herzlichen Dankes entgegenehmen zu wollen. Dieses Siegel bürgt... daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Osterspeisen verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast unbegrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. E h r e n f e I d zu Mattersburg hergestellt KUNEROL, 100% REINES KOKOSNUSSFETT Schwerer Konflikt in der Berliner jüdischen Gemeinde. Skandalszenen in der Repräsentantenversammlung. — Auszug der zionistischen Volkspartei aus der Gemeindestube. — Jüdischnationale Galeriemanieren. — Ernsteste Krise. In der Sitzung der Berliner Repräsentantenversammlung vom Donnerstag, den 7. April, kam es bei Behandlung des Punktes der Tagesordnung „Stellungnahme des Gemeindevorstandes gegenüber der jüdischnationalen Idee" zu Skandalszenen, wie sie diese Gemeindestube wohl noch nicht erlebt hat; es war ein schon tragisch anmutender Zusammenstoß zwischen zwei Weltanschauungsgruppen im Judentum, und es schien, als ob darüber die Einheit der historischen Berliner Jüdischen Gemeinde in die Brüche gehen solite. Die seit langem latente Krise brach in ihrer ganzen Schärfe aus, aber es scheinen noch Kräfte am Werke zu sein, die nach einem Modus vivendi suchen, um letzten Endes doch den Frieden in der Gemeinde durch Herbeiführung einer Zusammenarbeit zwischen den streitenden Parteien zu erhalten. Ausgangspunkt des Konfliktes bildete vornehmlich die aus berechtigten prinzipiellen Gründen erfolgte Ablehnung der Hechaluz-Subvention durch die liberale Mehrheit. In dieser Frage, die von beiden Parteien zu einem Kardinalpunkt ihrer Auffassung vom Judentum gemacht worden ist und in der die Liberalen mit aller Energie den Standpunkt vertreten, daß in der gegenwärtigen Krisenzeit nur die Institutionen der Gemeinde selbst zu fördern sind, war keinerlei Verständigung zu erreichen. In einer früheren Repräsentantenversammlung hatte schon ein Mitglied der Liberalen Fraktion bei der Beratung 'der Hechaluz-Subvention erklärt, seine Ueberzeugung gebiete ihm, ausnahmslos gegen die Unterstützung zionistischer Bestrebungen zu stimmen. Wie eine Reihe von Abstimmungen der derzeitigen Repräsentantenversammlung bewiesen hat, billigt die Mehrheit der Liberalen Fraktion diese Gesinnungsart. Hierdurch ist nach Ansicht der Zionisten, die zur Zeit ihrer Herrschaft stets nur ihre Parteizwecke gefördert haben, der Bestand der Einheits-Gemeinde „aufs schwerste gefährdet." Sie ersuchten daher in einer Anfrage den Gemeindevorstand, seine ganze Autorität für eine Bekämpfung dieser Einstellung einzusetzen. Der Führer der Liberalen Fraktion, Dr. Kurt Fleischer, gab darauf folgende Erklärung ab: „Unsere Freunde im Gemeindevorstand und die Liberale Fraktion haben häufig genug betont, daß wir den allergrößten Wert auf die Erhaltung der Einheitsgemeinden legen. Alle Debatten in weltanschaulichen Fragen haben regelmäßig dazu geführt, uns immer weiter auseinanderzureden." Er beantragte deshalb Schluß der Debatte. Als dieser Antrag mit den liberalen Stimmen angenommen wird. verlassen die Mitglieder der volksparteilichen Fraktion unter Führung von Dr. Klee den Sitzungssaal, wobei ein Teil ihrer Mitglieder die zurückbleibenden Repräsentanten gröblich beschimpfte. Auf der Tribüne befindliche Anhänger der Jüdischen Volkspartei nahmen dieses Vorgehen zum Anlaß, Tumultszenen zu veranstalten und die noch im Saale befindlichen Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung in wüstester Weise zu beschimpfen, zu bedrohen und weitere Verhandlungen unmöglich zu machen. In diesem Verhalten wurden die Ruhestörer noch von einzelnen Mitgliedern der Fraktion der Jüdischen Volkspartei, die sieb Inzwischen auf die Tribüne begeben hatten, bestärkt, obwohl von dem Vorsitzenden der Versammlung, R.-A. Heinrich Stern, die Räumung der Tribüne durch Gemeindebeamte angeordnet worden war. Statt dieser Anweisung Folge zu leisten, hielten Mitglieder der Fraktion der Jüdischen Volkspartei von der Tribüne herab aufreizende Reden. Infolge dieses groben Vorstoßes gegen die Würde des Hauses der Gemeinde sah sich der Vorsitzende genötigt, die Sitzung zu unterbrechen. Nach etwa halbstündiger Unterbrechung der Sitzung betrat die liberale Mehrheit der Repräsentanz unter Führung des Vorsitzenden Heinrich Stern wieder den Sitzungssaal, woraufhin die Sitzung wieder aufgenommen und die gesamte Tagesordnung erledigt wurde. Der Sitzung wohnte auch der Repräsentant der Religiösen Mittelpartei Dr. Alfred Wiener bei. Zum Schluß der Sitzung wurde die folgende Erklärung beschlossen: „Die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat in der jetzigen Zeit mehr denn je eine Fülle sachlicher Aufgaben zu bewältigen. Hinter diesen hat die gerade in den letzten Monaten immer wieder herbeigeführte unfruchtbare Erörterung weltanschaulicher Gegensätze zurückzutreten. Die Repräsentantenversammlung wird sich zur Wahrung des Ansehens der Gemeinde und der Ehre des Judentums davor zu schützen wissen, daß ihre Sitzungen gewaltsam gestört werden. Sie wird auch in Zukunft die ihr obliegende sachliche Arbeit für die Gesamtheit der Gemeinde zu leisten bestrebt sein." Die Szenen, die sich am letzten Donnerstag in der Berliner Repräsentantenversammlung durch Verschulden der Zionisten abspielten, verdienen

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