Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 16 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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äehjc 2 UIE WAHRIUBQ All/a \vtTg<-.r^r~\ pc daß die In Geschmack und QualHSt unüher- /tüC W iOOCi l v^o, troffenen, erstkIas$Ig>aUrenommierten neuer besonders wohlscbmeckend sind! SV jkaAgkMjk S%M ABB M t I Erieugt unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehnrürden Herrn Oberrabbiner Babad. ItkOSIfJrODlS 9«nil9l l Die Mamoth werden aus dem feinsten Mehl erzeugt! Verlangen Sie die Mua bet- CDB7IAI MADIfC II Q ii M A Z Z O T H ■ sonders schmacknafte «rEAillIhnilllnE ff Wim Da GRIESS U. FARVEL S Zentrale: N. Brodetzky, IL, Leopoldsgasse 43 JiiHJi In allen besseren Geschäften erhältlich! Die Wiener Gemeinderatswahlen. Am 24. April werden in Wien die Neuwahlen .zum Gememderat stattfinden. Die letzten Gemeinderatswahlen sind im April 1927 vor sich gegangen. Damals hofften die bürgerlichen Parteien, dank ihrer Einheitsfront den Sieg erringen und die sozialdemokratische Macht im Wiener Rathaus erschüttern zu können. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch, da es den Sozialdemokraten sogar gelang, ihren Besitzstand zu erhöhen. Heute wird wieder davon gesprochen, daß die Bürgerlichen alle Anstrengungen machen müßten, um Breitner und seinen Freunden die Macht zu entreißen. Doch sind die Aussichten heute noch ungünstiger als vor fünf Jahren. Einerseits wird es diesmal keine bürgerliche Einheitsfront geben. Anderseits sind in den Heimwehren und den Nationalsozialisten neue quasi bürgerliche Gruppen entstanden, die wohl kaum auf nennenswerte Erfolge rechnen können, immerhin aber eine wesentliche Zersplitterung der bürgerlichen Stimmen herbeiführen dürften. So sind denn die Aussichten der Bürgerlichen ziemlich gering und das Wahlglück müßte ihnen besonders zulächeln, wenn sie trotz aller widrigen Umstände einen Erfolg erringen sollten. Vor fünf Jahren hat es einen lebhaften Tanz um die Stimmen der jüdischen Wähler gegeben. Damals glaubten sogar gewisse christlichsoziale Kreise, auf die Gefolgschaft eines Teiles der jüdischen Wähler rechnen zu dürfen, mit der Begründung, daß es sich ja um einen Kampf gegen den Marxismus handelt, unter dessen Druck der jüdische Mittelstand, die Kaufleute und Gewerbetreibenden usw. ebenso schwer zu leiden haben wie das nichtjüdische Bürgertum. Damals war auch für die führende bürgerliche Partei, die Christlichsozialen, die Gelegenheit gegeben, durch eine Revidierung ihres anachronistischen Programmes tatsächlich die Ralliierung aller bürgerlichen Elemente herbeizuführen. Aber die Herren wollten den letzten Schritt nicht tun, sie wollten ihrer antisemitischen Tradition nicht entsagen; ihr neuformuliertes Programm hat auf den „Judenpunkt" nicht verzichtet — und so wurde es denn den jüdischen Wählern, soweit sie eine bürgerliche Wirtschaftspolitik wünschen, unmöglich gemacht, die bürgerliche Einheitsfront zu stärken. Die jüdischen Stimmen wurden zersplittert; sie fielen zum Teil den Sozialdemokraten, zum Teil der demokratischen Gruppe und zum Teil der sogenannten „Jüdischen Liste" zu, die aber so ungünstig abschnitt, daß sie das einzige Mandat, das sie bis dahin besaß, einbüßte. Die Christlichsozialen aber, die Führer der bürgerlichen Einheitsfront, taten sehr böse ob des Verhaltens der jüdischen Wähler, ohne einsehen zu wollen, daß sie ja selbst mit ihrem antisemitischen Programm es jedem Juden mit Ehrgefühl unmöglich machten, für die bürgerliche Einheitsfront einzutreten. Diesmal wird der Tanz um die jüdischen Stimmen nur auf sozialdemokratischer Seite aufgeführt. Die Christlichsozialen haben in der letzteren Zeit viel stärker den „J udenpunkt" betont als bislang. Ob hierfür taktische Gründe maßgebend', waren, die Sucht, den radikaleren Elementen den Wind aus den Segeln zu nehmen, oder andere Beweggründe, das tut nichts zur Sache. Tatsache ist, daß selbst der sonst gemäßigte Kunschak es sich in letzter Zeit nicht nehmen ließ, stärker ins hakenkreuzlerische Horn zu blasen, daß selbst Prälat Seipel im Zeichen dieses Kreuzes siegen möchte, daß „Die Reichspost", das Zentralorgan der christlichsozialen Partei, bei jeder Gelegenheit die antisemitische Hetze begünstigt und daß die Einbringung des Gesetzentwurfes über das „Studentenrecht" die Einheitsfront zwischen Hitlertum und Christlichsozialen offen deklarierte. Von dieser Seite kann man es daher kaum noch wagen, irgendwie auf die Stimmen der jüdischen Wähler zu reflektieren. Man darf wohl angesichts des erstarkenden AntU semitismus heute mehr denn je die sichere Erwartung aussprechen, daß auch der eifrigste jüdische „Antimarxist" eine Bettgenossenschaft mit den Christlichsozialen weit von sich weisen wird. Unter dem Einfluß der gegenwärtigen ParT teienkonstellation — hie schwarz, hie rot — ist damit zu rechnen, daß die sozialdemokratische Partei in Wien sich am 24. April eines starken Zulaufes der jüdischen Wählerschaft wird erfreuen können. Soweit diese politisch oder gewerkschaftlich der sozialdemokratischen Organisation angehört, ist es selbstverständlich, daß sie am Wahltage für ihre Partei stimmen wird. Die letzten Wahlgänge haben aber gezeigt, daß starke jüdische Wählermassen, die weder weltanschaulich noch wirtschaftspolitisch in marxistir schem Sinne orientiert sind, für die sozialdemokratische Partei stimmten, um, wie man so oft sagen hörte, von zwei Uebeln das kleine r.e sox wählen: Es Sei" ohrtewsiters zugegeberj BOIE1 aifB. Wl€?M BoUandrtffailc Mr. SEDER-ABENDE unter Wie alljährlich veranstalte ich auch heuer am 20. und 21. April zwei feierliche ' Leitung eines erstklassigen Kanters JOSSF GUTH, Hoteller and Restaurateur. Beginn 8 Uhr Gewöhnliche Preise Speisen a le carte / Feiaste Palästina- und Ungar-Weine, Met, Slibowitz uud Trebern (Von 5 Flaschen aufwärts freie Zustellung ins Haus) / Hagadah liegt bei jedem Oedeck bei. / Platzreservierung 1« Hotel-BOre oder bei dem Oberkellner / Anerkannt vorzügliche Küche Peuilteton Weltgeschichte und Schöpfungsbericht Von S. Taubes. Weltgeschichte ist Wissenschaft; Schöpfungsbericht ist der dogmatische Ausgangspunkt religiöser Weltansicht Wissenschaft ist das Gebiet der rein geistigen Forschung; Religion ist die Domäne moralischer Erkenntnis. Die geistige Forschung ist frei, <L h. sie untersucht den Zusammenhang der Dinge und Geschehnisse ohne Rücksicht auf Wohl und Wehe des Menschen; die moralische Erkenntnis ist gebunden an das Ziel des menschlichen Seelenheiles. Schon diese wenigen Definitionen zeigen, daß wir es hier offenbar mit zwei völlig verschiedenen Gebieten menschlichen Erfassungsvermögens zu tun haben, die wohl kaum in eine zugeordnete Beziehung zueinander gebracht zu werden vermöchten. Wenn wir aber dennoch der Weltgeschichte den Schöpfungsbericht entgegengestellt haben, also der Wissenschaft die Religion, so geschah dies erstens aus der ganz allgemeinen Erwägung, daß es überhaupt keine Erscheinung in unserem Dasein gibt, die nicht in einer gewissen Beziehung zur Religion stünde; dann aber, weil wir uns mit dem Wesen jener modernen Wissenschaftlichkeit auseinanderzusetzen beabsichtigen, insofeme dieselbe nämlich der Meinung ist, durch ihre gewonnenen Erkenntnisse (die aber über eine bestimmte Grenze hinaus zugegebenermaßen sehr fragwürdiger und hypothetischer Natur ist) die religiöse Dogmatik erschüttert oder gar völlig vernichtet zu haben. Wenn wir nun behaupten, daß jede Erscheinung in eine gewisse abhängige Beziehung zur Religion gebracht werden kann, so heißt das jedoch nicht, daß wir hierbei vielleicht in den mittelalterlichen Irrtum verfallen wollen, wissenschaftliche Erkenntnis mit religiöser Dogmatik zu verquicken. Wir setzen nur ganz einfach voraus, daß, da religiöser Sinn die geistige Haltung des Menschen allen Dingen und Erscheinungen der Welt gegenüber so nachdrücklich und wirksam beeinflußt, dies notwendigerweise auch der Wissenschaft gegenüber der Fall sein wird. Es ist zwar kaum möglich, aus einem religiösen Grundsatz einen wissenschaftlichen Lehrsatz abzuleiten (das hieße, sich auf das dunkle und unsichere Gebiet der Mystik begeben, die allerdings auch schon große und hervorragende Geister von wissenschaftlichem Format, wie etwa Swedenborg und seinem modernen Schüler Strindberg, sehr erfolgreich befruchtet hat); aber der im Religiösen wurzelnde und verankerte Geist wird eine besondere Art von Logik und Methodik entwickeln, die sich von der angeblich „voraussetzungslosen" Wissenschaft sehr wohltätig und zu seinem Nutzen unterscheidet Es bleibt zwar unwiderrufen, daß die Wissenschaft frei ist, d. h. frei in der Wahl ihrer Mittel und Methoden, aber sie ist natürlich den allgemeinen historischen Gesetzen der Entwicklung gerade so unterworfen wie sonst eine Lebenserscheinung. Es ist z. B. wahrscheinlich durchaus kein Zufall, daß sich in den letzten Dezennien die Wissenschaft der Aeronautik entwickelt hat, oder daß gegenwärtig z. B. die Chemie der Giftgase zweifellos einen bedeutenden Aufschwung nehmen wird. Man sieht, wissenschaftliche Richtungen und wissenschaftliches Forschungsgebiet sind von historischen Ereignissen, von politischen Situationen usw. usw., durchaus nicht unabhängig. Aus diesem Grunde schon ist die Wissenschaft auch von der Religion nicht unabhängig* dieser hauptsächlichen Erzeugerin und Gestalterin der Weltgeschichte im allgemeinen und jedes besonderen hervorragenden Individuums im besonderen. Es ist natürlich kein Leichtes, diese Wechselwirkungen zwischen Religion und Wissenschaft, den Einfluß der Religion oder der Religionslosigkeit auf die Entwicklung und Richtungnahme der Wissenschaft im Einzelnen nachzuweisen (dieser Nachweis erschiene Nichtreligiösen als bloße Konstruktion), aber eine ihrer allgemeinsten und vornehmsten Wirkungen mag hier angeführt werden. Und so sagen wir, daß nur die Religion, als die Verbundenheit mit dem lebendig pulsierenden Herzen der Welt, mit dem geistig-schöpferischen Zentrum des Daseins, am besten im Stande ist, die Einsicht des Menschen in den Schranken seiner Kraft und in den Grenzen seines Erfassungsvermögens wach zu erhalten, ihn kategorisch vor dem verhängnisvollen Ueberschreiten jener Grenzen zu warnen und den in der Natur des menschlichen Geistes gelegenen Trieb zu grenzenloser Ausschweifung einzudämmen und zu beschränken. Ein wissenschaftlicher Kopf wird sich gegen solche Einschränkung natürlich sofort auflehnen und den Religiösen geistiger Armut, wenn nicht gar gewöhnlicher Feigheit zeihen. Aber prüfen wir einmal sachlch und mit gesundem Menschenverstand die faktischen Resultate jener kühnen, voraussetzungslosen und unbeschränkten Wissenschaftlichkeit und wir werden erkennen, daß sie gar keinen Grund hat, sich so turmhoch überlegen zu fühlen. Denn da, wo sie die dem menschlichen Geiste naturnotwendig gesteckten Grenzen überschreitet oder zu überschreiten sich anschickt, verliert sie sich sehr bald in ein Fabelland, wird sie zur Beute der tollsten, abenteuerlichsten und unglaublichsten Hypothesen, denen gegenüber ein religiös-intuitiv erfaßtes Dogma durchaus nicht unehrenhaft erscheint und zu dem sie sich ungefähr so verhält, wie ein Gymnasiast der Sturm- und Drangperiode zum planvollen und zielbewußten Leben eines gereiften Mannes. Auf keinem Gebiet tritt nun dieser Mangel an geistiger Selbstbeschränkung, an geistiger Selbstdisziplin und Oekonomie krasser zutage als auf dem Gebiete der modernen Geschichtsforschung. Wir denken hierbei nicht an die einige tausend Jahre der zünftigen Geschichtswissenschaft, jener Periode, die allein das Recht hat, sich Geschichte zu nennen, da sie immerhin eine mehr oder weniger einwandfreie schriftliche Ueberlieferung zu ihrer Erforschung an die Hand gibt und die sich ungefähr mit jener Periode deckt, die uns die jüdische Bibel in weiser Selbstbeschränkung als dogmatischen Ausgangspunkt der Weltgeschichte zu glauben befiehlt. Wir haben vielmehr das Gebiet der prähistorischen Forschung mit ihren zwei Hauptstützen, der Geologie und Paläontologie im Sinne und wollen an ihren allgemeinsten Ergebnissen ihren möglichen Wahrheitsgehalt und ihren praktischen Wert zu ermessen versuchen. Das vor drei Jahren in deutscher Sprache erschienene Werk „Die Weltgeschichte" von H. G. W e 11 s darf uns hierbei als eine geeignete Grundlage dienen. Denn Wells, der berühmte englische Romancier, obzwar kein Berufshistoriker, steht auf der Höhe der Bildung unserer Zeit und sein unter Mitwirkung von namhaften Gelehrten, Historikern, Archäo-i logen und anderen Wissenschaftlern abgefaßtes Geschichtswerk (deren erste englische Ausgabe unter dem Titel „The Outline of History" — Umriß der Geschichte — im Jahre 1920 erschienen ist) bietet wohl die Summe der bezüglichen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Jetztzeit. Das Werk von Wells gliedert sich in drei starke Bände zu zirka 500 Seiten. Davon behandelt das erste Buch des ersten Bandes, also ein verhältnismäßig kleiner Bruchteil des Gesamtwerkes, die i(Welt vor der Entstehung des Menschen", eben jene gewaltigen Zeit-* räume, die uns als die eigentlichen prähistorischen Perioden hier angehen. Wie sehen nun die elementarsten Ergebnisse jener Forschungen aus? j Welchen festen, positiven Anhaltspunkt bieten sie einem vertrauensvollen und gutgläubigen Laien, der sich gern belehren lassen will? (Schluß folgt.)