Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 16 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden'* und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Ktdtusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIll. Jahrgang Wien, 15. April 1932 Nummer 16 Hindenburgs Sieg. Das Ergebnis des zweiten Wahlganges in Deutschland ist so ausgefallen, wie es erwartet worden war: Hindenburg ist abermals zum Reichspräsidenten gewählt worden. Die Hoffnungen Hitlers, diesmal dank einer geradezu amerikanisch anmutenden Agitation urids dank der Unterstützung durch, den ehemaligen Kronprinzen den Sieg zu erringen, sind wiederum ins Wasser gefallen. Deutschland ist vor der Schande bewahrt geblieben, einen Hitler zum „Landesvater" zu erhalten. Aber, mag auch der Sieg Hindenburgs überaus groß ausgefallen sein, mag die Parole „Mehr Stimmen für Hindenburg" vielfach Qehör gefunden haben — auch Hitler konnte beim zweiten Wahlgange über zwei Millionen Stimmen mehr erhalten als am 13. März, die Zahl seiner Anhänger erreichte die Ziffer von über 13 Millionen, somit mehr als ein Drittel aller abgegebenen Stimmen. Das ist eine Erscheinung, die nicht unterschätzt werden darf, besonders angesichts des Umstanldes, daß am 24. April Neuwahlen für den Preußischen Landtag bevorstehen. Gerade in den zu Preußen gehörenden Wahlkreisen konnte Hitler die höchsten Stimmenzahlen erreichen und seine Hoffnungen, es werde ihm gelingen, die Herrschaft in diesem größten aller deutschen Gliedstaaten an sich zu reißen, sind nicht ganz haltlos. Was das zu bedeuten hätte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und somit kann man des Sieges Hinüenburgs nicht recht froh werden. Ganz besonders ernst wäre die Gefahr einer Herrschaft des Hakenkreuzes in Preußen für die Juden. In diesem Staate leben etwa zwei Drittel der Ji/den Deutschlands. Mag auch die Kompetenz der Regierungen in den Einzelstaaten des Reiches nicht so groß sein wie im Reiche selbst, mag auch die Reichsregierung immerhin in der Lage sein, gewissen Uebergriffen solcher Regierungen Einhalt zu gebieten, der Wirkungskreis derselben ist immerhin groß genug, um schweren Schaden anrichten zu können. Sollte es daher Hitler glücken, am 24. April zu siegen, dann würben den Juden in Preußen schwere Tage bevorstehen. Man kennt die Pläne Hitlers den Juden gegenüber, und möge auch hierbei vieles leere Drohung sein, teilweise dürfte er, schon aus „Prestigegründen", sich veranlaßt finden, diese zu verwirklichen, und das wäre schon an und für sich schlimm genug. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß seit einem Jahrhundert die Juden keines Landes solchen Gefahren ausgesetzt waren wie jezt die Juden in Deutschland. Es ist eine furchtbare Tragödie der Juden im Reiche, daß sie, die seit Dezennien immer bereit standen, ihren Brüdern in den anderen Ländern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, nun mit einem Male einer Situation gegenüberstehen könnten, die sie selbst als hilfsbedürftig erscheinen ließe . . . Man soll allerdings die Dinge nicht allzu schwarz malen. Der Kampf Hitlers um Preußen ist ja nicht bloß ein Kampf der Juden wegen. Es handelt sich um andere Dinge. Ein Sieg des Hakenkreuzes im größten deutschen Gliedstaate könnte ja unmöglich ohne Auswirkung auf die Gestaltung der Verhältnisse im ganzen Reiche bleiben. Die ganze innere, äußere, finanzielle und soziale Politik müßte auf den Kopf gestellt werden, wenn Hitler tatsächlich daran gehen sollte, sein „Programm" auch nur einigermaßen zu verwirklichen. Nicht bloß die Juden, auch die gesamte Arbeiterschaft, alle demokratischen Elemente, das katholische Zentrum und selbst gemäßigte konservative Elemente müßten sich mit aller Macht zur Abwehr ralliieren — und die Juden würden nicht allein stehen. Eine Machtergreifung Hitlers würde die ganze Welt gegen Deutschland in Front bringen und wie im Weltkriege würde das Reich von Gegnern oder mißtrauischen Neutralen umgeben sein. Sollte das deutsche Volk diese Gefahr nicht erkennen? Sollten die Phrasen Hitlers es so TEPPICHE MÖBELSTOFFE VORHÄNGE TCPPICHHAUS S. SCHEIN & NUR I., BAUERNMARKT 12 - 14 Keine Filialen in Wien verblendet haben, daß es nicht den Abgrund sähe, an dessen Rand es gebracht wird? Das ist unmöglich anzunehmen. Man darf nicht übersehen, daß Idter Stimmenzuwachs, den Hitler am 10. April erhielt, nicht gerade ausschließlich aus den Kreisen seiner eigentlichen Anhänger sich rekrutierte. Vor allem haben die Führer der Deutschnationalen die Abstimmung freigegeben, nachdem sie sich mit einer neuerlichen eigenen Kandidatur nicht noch einmal lächerlich machen wollten. Ferner scheint auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Kommunisten diesmal für Hitler gestimmt zu haben, und zwar aus der bekannten „Trutzpolitik", um der „Bourgeoisie" unbequem zu werden, nachdem ja die Aussichten des eigenen Kandidaten nur höchst minimal waren. Die Kommunisten, die selbst weder zu gewinnen noch zu verlieren hatten, wollten eben das Chaos im bürgerlichen Lager vermehren und durch einen Stimmenzuwachs für Hitler die Position Hindenburgs schwächen. Bei Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint als Pessach-Doppelnummer am Mittwoch, den 20. April 1932. Berichte können nur bis Montag, den 18. April 1932, berücksichtigt werden. Die Redaktion der „Wahrheit". den Wahlen zum Preußischen Landtag werden sowohl die Deutschnationalen, als auch die Kommunisten mit eigenen Listen auftreten und schon im eigenen Interesse gegen Hitler arbeiten. Die Gefahr eines Sieges Hitlers in Preußen ist somit, wenn auch ernst genug, doch nicht als absolut gewiß anzunehmen. Es darf auch nicht übersehen werden, daß diesmal Hindenburg auch der Kandidat der Sozialdemokraten und der demokratischen Elemente war, die sich jedoch nur deswegen zur Stützung dieser Kandidatur entschlossen haben, um *Ke Hitlergefahr zu bannen, deren Anhänger aber zum großen Teile zweifellos nur mit halbem Herzen dabei waren. Während somit Hitler sicherlich den letzten Mann zur Urne brachte, dürften sich viele Arbeiter und Demokraten aus „prinzipiellen" Gründen der Wahl enthalten haben. Anders jedoch werden sie sich verhalten, wenn es sich am 24. April darum hankieln wird, für die eigenen Parteigenossen einzutreten. Trotz des Wahlergebnisses vom 10. April in den preußischen Wahlkreisen ist es noch nicht bombensicher, daß die Hitlerianer am 24. April die gleichen Stimmenzahlen erhalten würden. So ernst also die Gefahr eines Sieges Hitlers in Preußen am 24. April sein mag, diese Gefahr darf nicht überschätzt werden. Und was speziell;^ die Juden betrifft, so darf gehofft werden, dafl^A ' * dieser Wahltag, der gerade auf das Pessachfest,.v?;?',A ' ' fällt, das für sie das Fest 'der Befreiung ist, sie vor der Hitlergefahr bewahren wird. Es ist tragisch, daß die Juden im Jahrhundert des Fortschrittes eine solche Gefahr ernstlich in Betracht ziehen müssen, aber auch diese Wolke dürfte bakl vorüberziehen. Unter allen Umständen dürfen die Juden im Reiche nicht untätig der Entwicklung der Dinge zusehen, sondern müssen sich rechtzeitig zur kräftigen Abwehr rüsten. Bei ihrer bewährten Tatkraft, ihrer Disziplin und ihrer Organisation dürfte ihnen dies nicht schwer fallen. Städtische Veisicherwiasaiisfall Direktion: Wien I-, Tuchlauben Nr. 8 Telephon U 27~5^40 Alte Vcrsichcfiifiqszwciqc