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Die Wahrheit · 1932-04-01 · Heft 14 (1.4.1932) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1932
Issue
Heft 14 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Scttc 2 DIE WABjRHEtt Alle wissen es, daß die In Geschmack, und Qualität unUber - troffenen, ersüdasslg-alirenommlertea heuer besonders wohlschmeckend sind! Kostprobe genügt I Eizeugt unter itreng orthodoxer Aufsicht Fr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad. Die Manoth werden aus dem feinsten Mehl erzeugt! Verlangen Sie die nsua be- CDE7IAI MADlf £ M B sondara schmackhafte irUWIinilllnE fa W%m Da ii-MAZZOTHg GRIESS U. FARVEL Zentrale: N. BfOdetzky, IL Leopoldsgasse 43 Tal. A-41.9-32 A-46 1 90 A.60-2-63 In allen besseren Geschäften erhaltlich! tief bedauert habe." Moritz Scharf klagte über das Unverständnis der Juden ihm gegenüber, die für sein damaliges Verhalten keine psychologische Entschuldigung fanden. Er hegte schon von seiner frühesten Jugend einen tiefen Haß gegen die Juden. Und das kam so: Der Väter pflegte ihn unbarmherzig zu schlagen, ohne daß sich die jüdischen Nachbarn seiner angenommen hätten. Im Gegensatz zu den Juden erwiesen sich die christlichen Nachbarn mitleidig und hatten oft auch seinen Hunger gestillt. Als Esther Solymosi spurlos verschwand, wußte er das ganze Geheimnis: sie wurde von christlicher Seite in die Fluten der Theiß geworfen. Ein christlicher Nachbar, zu dessen Tochter sein junges Herz in Liebe entbrannte, veranlaßte ihn, gegen seinen Vater eine falsche Aussage abzulegen, dafür wurde ihm das geliebte Mädchen zur Frau versprochen. Als er dann seine falsche Aussage bereute und diese zurückzog, wurde er durch die Folter gezwungen, bei seiner ersten Aussage zu bleiben. sfc Der Name Istöci war längst in Vergessenheit geraten, bis er in den ersten Nachkriegsjahren wieder auftauchte. Eines Tages erschien ein hochbetagter Greis in der Kanzlei der Budapester jüdischen Religionsgemeinde und stellte sich als der ehemalige Reichstagsabgeordnete Istöci vor. Er erklärte, er habe im Grunde seines Herzens die Juden nie gehaßt und habe die Führung des ungarischen Antisemitismus nur übernommen, um eine angesehene Position zu erlangen. Er bedauerte das seinerzeitige schändliche Treiben gegen die Juden in Tisza-Eszlär und bot der Gemeinde das für das Judentum sehr wichtige Material über den Fall zum Kaufe an, das geeignet wäre, Licht in diese dunkle Affäre zu bringen. Die Gemeinde erklärte sich bereit, Istöci lebenslänglich eine Unterstützung zu gewähren, sah aber von der Erwerbung der ihr angebotenen Papiere aus leicht erklärlichen Gründen ab. „Genereller" und „individueller" Antisemitismus. Daß die antisemitische Welle in der Nachkriegsperiode immer weitere Kreise zieht, ist eine unbestreitbare Tatsache und es ist für uns Juden ein magerer Trost, wenn wir die Gründe dieser Erscheinung in den ungünstigen Auswirkungen der neuen Zustände erblicken, die die sogenannten „Friedensverträge" geschaffen haben. Diese Zustände mit ihren Folgeerscheinungen, der fortgesetzten Wirtschaftskrise, der gegenseitigen Verhetzung der Völker, der Stärkung des Chauvinismus, der Verschärfung der Gegensätze usw. haben fast überall eine Radikalisierung der breiten Volksmassen herbeigeführt; anderseits aber ist die Autorität der Regierungen infolge der modernen Hyperdemokratie wesentlich geschwächt worden. Die Regierungen der Nachkriegsperiode sind überall stärker als vorher den Einflüssen der „öffentlichen Meinung" ausgesetzt, sie müssen der „Volksstimmung" mehr Rechnung tragen und können es oft gar nicht wagen, den allzu weitgehenden Ausschreitungen mit der gebotenen Energie entgegenzutreten. Und so haben es überall die destruktiven Elemente um so leichter, ihre Wut gerade an den Juden auszulassen, die ja seit jeher überall zum „Sündenbock" auserkoren wurden. Es ist so weit gekommen, daß die Hakenkreuzler in Deutschland offen mit einer „legalen" Abschlachtung der Juden für den Fall drohen, daß Hitler zur Macht gelangt und die Franzosen darauf etwa mit einer Besetzung des Rheinlandes antworten sollten, daß die „Eiserne Garde" in Rumänien (sie wurde inzwischen aufgelöst. Die Redaktion) offen die Verteilung des Haus- und Grundbesitzes der Juden unter die Bauern ankündigen darf, daß die jüdischen Mitglieder des rumänischen Parlaments in offener Sitzung mißhandelt werden, daß die ungarischen Putschisten den Plan fassen konnten, nach dem Gelingen ihres Putsches 200 Juden zusammenzutreiben und von ihnen binnen 24 Stunden die Zahlung einer Milliarde Pengö zu erpressen, widrigenfalls sie mit Maschinengewehren zusammengeschossen würden .; . . Die Ankündigung derartiger und ähnlicher Roheiten ist ein Zeichen der Irrungen und Wirrungen der Zeit und es ist bezeichnend, daß sich das Weltgewissen nicht rührt, daß man diese blutrünstigen Pläne ruhig vernimmt, ohne daß das Gefühl der Empörung sich irgendwie regen sollte. Wenn gerade in einer solchen Zeit Professor Tedeschi mit dem Vorschlag zur Schaffung einer rechtlichen Konvention gegen den Antisemitismus hervortrat, wenn von anderer Seite an dieser Stelle die Anregung gemacht worden ist, unter der Aegide des Völkerbundes eine Zentralstelle der jüdischen Abwehrvereine ins Leben zu rufen, wenn von zionistischer Seite in Deutschland der Ruf laut wird, daß sich auch die Zionisten hinsichtlich des Abwehrkampfes gegen den Judenhaß nicht weiter passiv verhalten und diesen Kampf nicht "gänzlich dem Centraiverein überlassen dürfen, so entspringen diese Anregungen eben der Empfindung, daß man es gerade jetzt mit einer sehr ernsten Bedrohung der Juden zu tun hat und daß demgemäß der Abwehrkampf konzentrischer und einheitlicher geführt werden müßte. Um so auffallender mutet daher der Aufsatz eines führenden jüdischen Politikers an, der den Nachweis zu führen sucht, daß sich die Situation der Juden dem Antisemitismus gegenüber in den letzten Jahren wesentlich günstiger gestaltet hat, da die Juden es jetzt leichter hätten, den Abwehrkampf zu führen .... Der jüdische Sejmdeputierte Rabbiner Dr. Thon veröffentlichte nämlich dieser Tage in einer jiddischen Tageszeitung in Warschau einen Aufsatz unter dem Titel „Was ist's mit dem Antisemitismus?", in welchem darauf hingewiesen wird, daß der Antisemitismus in der letzten Zeit eine Wandlung durchgemacht hat. Er hätte sich nämlich „individualisiert". Früher lebten die Juden in verschiedenen Ländern unter Ausnahmsgesetzen, der Judenhaß war dort „generalisiert", er richtete sich gegen die Juden als Gesamtheit sei infolge der Erstarkung des Judenfeinde nicht gegen die jüdische Gesamtheit, sondern gegen einzelne Juden geführt. Die Juden sind überall gleichberechtigt. Das jüdische Volk als Gesamtheit ist infolge der Erstarkung des jüdischnationalen Gedankens, der Anerkennung der Rechte der Juden auf ein eigenes Heim stärker geworden — ergo hat der Antisemitismus eine Schwächung erfahren .... Er kann heute nur in den kulturell zurückgebliebenen Ländern auftreten, er kann heute nur von den niedrigen Elementen propagiert werden und er kann nicht die Position des Judentums als Gesamtheit angreifen, sondern muß sich auf die Verfolgung einzelner Juden beschränken, da in einem solchen Falle jede Kontrolle des Weltgewissens fehlt, das Echo der Empörung wirkungslos bleibt, das Geschehene sich nicht mehr ungeschehen machen läßt. Dr. Thon gibt zu, daß der individualisierte Antisemitismus für die Einzelnen eine verstärkte Gefahr bedeutet, daß die Lage dieser Betroffenen viel ärger ist als in der Vorkriegsperiode, aber er STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 tröstet sich damit, daß zur Zeit die Lösung der Judenfrage sowohl im großen Maßstabe als nationale Frage verbunden mit dem Problem einer jüdischnationalen Heimstätte, als auch hinsichtlich der Rechte der Juden in den einzelnen Ländern vom Antisemitismus ganz unabhängig geworden ist. Mit einem Worte: dem einzelnen Juden ist es heute viel schwieriger geworden, sich zu behaupten und durchzusetzen, der jüdischen Gesamtheit, dem jüdischen Volke hingegen ist der Existenzkampf wesentlich leichter geworden und darum darf das jüdische Volk mit ungebeugtem Rücken und mit erhobenem Haupte seinen Weg gehen .... Wir wollen an dieser Stelle die Frage nicht näher untersuchen, ob diese Unterscheidung zwischen der Lage der Einzelnen und der Gesamtheit begründet und gerechtfertigt ist. Es ist eine alte Wahrheit: wenn einzelne Körperteile eines Menschen krank sind, dann ist der ganze Mensch eben krank .... Trotzdem ließe sich darüber diskutieren, wenn die von Herrn Dr. Thon aufgestellte These richtig wäre. Leider ist dem nicht so: es stimmt absolut nicht, daß der Judenhaßsich nur mehr in den kulturell zurückgebliebenen Ländern ans Tageslicht wagt, daß nur die niedrigen Elemente es wagen, den Antisemitismus zu propagieren, wir sehen das Ansteigen der antisemitischen Welle auch in den sogenannten Kulturländern, wir nehmen eine Hypertrophie des Judenhasses auch in einem Staate wahr, „an dessen Wesen die Welt genesen" sollte; wir hören gerade in den letzten Tagen von der Gründung nationalsozialistischer Gruppen auch in — England; wir sehen, daß der Gedanke des „Dritten Reiches" mit seiner antisemitischen Grundlage auch Männer ergreift, die nicht gerade dem Pöbel zuzuzählen sind ... Es hat keinen Sinn, eine Vogel-Strauß-Politik zu betreiben und sich Illusionen' hinzugeben. Leider Gottes sind wir noch nicht so weit, daß der Antisemitismus sich nur mehr „individualisiert", und leider sind wir nach wie vor gezwungen, den Abwehrkampf für die allgemeinen Rechte der Juden nicht nur im bisherigen, sondern sogar noch in verstärktem Ausmaße zu führen. Vor kurzem hat der bekannte jüdische Schriftsteller Schalom Asch in London einen öffentlichen Vortrag über den „christlichen und jüdischen (sie!) Antisemitismus" gehalten. Asch erzählte hierbei unter anderem, daß ihm der amerikanische Gesandte in einem gewissen Lande gesagt habe: „Was wollt Ihr? Wir haben in Amerika unsere Neger; in jenem Lande spielen eben die Juden die Rolle wie die Neger bei uns, die wir nicht viel freundlicher behandeln als die Juden in dem betreffenden Staate!" Und Asch fügt bitter hinzu: Wer weiß, ob nicht die Neger in Amerika den Blitzableiter für die Juden abgeben?! .... So weit haben wir es glücklich gebracht, daß der diplomatische Vertreter des Reiches eines Washington, eines Lincoln und eines Wilson einen Vergleich zwischen Juden und Negern zieht, um den Antisemitismus zu — beschönigen! Da darf man sich keinen Illusionen hingeben .... Wenn wir auch keinen Grund zum Verzweifeln haben, wenn wir auch die Hoffnung hegen, daß die derzeitige antisemitische Wolke vorüberziehen werde, ohne übermäßiges Unheil anzurichten, daß die Völker eines Tages doch zur Erkenntnis gelangen würden, im Zeitalter des Zeppelin und des Radio, des Völkerbundes und der Paneuropabestrebungen sei der Judenhaß ein Anachronismus — so ist das alles bis auf weiteres Zukunftsmusik. Die besseren Tage müßten erst kommen — hoffentlich lassen sie nicht allzulange auf sich warten! Dr. K. Taub. Eine bedauernswerte jüdische Kriegerswitwe ersucht edle Menschenfreunde, ihr für ihre letzte Habe (Nähmaschine), die sie versetzt hat, zu einem Betrag von S 30.— zu verhelfen, damit sie wieder .In der Lage Ist, ihrem Erwerb-nachzugehen. Zuschriften und Geldbeträge sind an Frau Anna Schaplra, IL, Ybbsstraße Nr. 10/21 zu richten.

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