Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 14 (1.4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Di« Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden** und den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLVIII. Jahrgang Wien, 1. April 1932 Nummer 14 Tisza Eszlär! Ein trauriges Jubiläum. Von Chajim Bloch. Es ist des Judenvolkes zweitausendjährige tragische Schuld, daß es in seinem Innern wie kein anderes Volk zerklüftet ist und daher den ihm von der Außenwelt drohenden Gefahren keine Beachtung schenkt. Das sprichwörtlich gewordene „Zusammenhalten" der Juden existiert tatsächlich nur in der Vorstellung ihrer Gegner und kommt bloß in den Zeiten der schwersten Not und Verfolgung, besonders wenn es sich handelt, einen verleumderischen Anschlag auf ihre Religion abzuwehren, zum Ausdruck. Hätten die Juden in Oesterreich-Ungarn den gegen sie anfangs der Siebzigerjahre in den Ländern der Monarchie aufkeimenden Haß — das Wort „Antisemitismus" ist merkwürdigerweise eine Prägung des getauften Juden Wilhelm Marr! — mehr Beachtung geschenkt, es wäre gewiß nicht zu der traurigen Kulturschande von Tisza-Eszlär gekommen. Genau vor einem halben Jahrhundert hatte diese Ritualmordbeschuldigung, die erste unter der Regierung Kaiser Franz Josefs, gewaltiges Aufsehen erregt und die Aufmerksamkeit der ganzen Kulturwelt auf sich gezogen. Die Juden in Tisza-Eszlär, einer kleinen Gemeinde im Szabolczer Komitat, lebten mit der christlichen Bevölkerung im besten Einvernehmen. Eines Tages kamen in den Ort zwei fremde Männer, von denen der eine nur deutsch sprechen konnte und daher der „Nemeth", der „Deutsche", genannt wurde. Einige Tage nach ihrer Abreise erschien in später Nachtstunde beim Rabbiner Rosenberg ein ihm bekannter christlicher Grundwirt, der dem Rabbiner zu seinem Schrecken mitteilte, daß gegen die Eszlärer Juden eine Ritualmordbeschuldigung geplant sei und daß die beiden fremden Männer, die sich in Eszlär herumtrieben, Sendboten der Wiener und Budapester Antisemiten waren. Ganz eindeutig erklärte der Bauer dem Rabbiner, den Juden werde nichts geschehen, wenn sie dieselbe Summe erlegten, die von anderer Seite angeboten wurde. Der erschrockene Rabbiner bestellte den Bauern für den nächsten Tag und ließ indessen die Gemeindevorsteher zu sich kommen. Er war auch der einzige, der die Gefahr erkannte und das Unglück kommen sah. Die Gemeindevorsteher hingegen lachten über seine übertriebene Angst, denn sie hielten die Angaben des Bauern für Geschwätz. Er wollte, meinten sie, von den Juden auf diese schlaue Weise Geld bekommen. Es wurde demzufolge beschlossen, der Sache keine weitere Beachtung zu schenken. Am 1. April 1882, also heute vor fünfzig Jahren, lief in Tisza-Eszlär ein junges Mädchen namens Esther Solymosi zu einem christlichen Händler, um Farbe für die Ostereier zu kaufen. Sie kam von diesem Gange nicht mehr zurück. Es war das jüdische Pessachfest, die Juden waren im Tempel zur Andacht versammelt. Der Sicherheitskommissär Andreas v. Recsky suchte den Fall „aufzuklären". Indessen tauchte das Gerücht auf, die Juden hätten das Christenmädchen zu religiösen Zwecken ermordet, und Recsky ging mit der Verhaftung des Tempeldieners Josef Scharf vor. Der Verdacht gegen ihn war sehr schwerwiegend, weil sein Sohn Moritz angegeben hatte, er habe durch das Schlüsselloch in der Tempeltür gesehen, wie drei Schlächter den Hals des Mädchens durchschnitten. Justizminister war damals Herr von P a u 1 e r, der den Juden feindlich ge- TEPPICHE MÖBELSTOFFE VORHÄNGE TEPPICHHAUS S. SCHEIN & NUR 1., BAUIRNMARKT 12 - 14 Keine Filialen in Wien sinnt war und alles aufbot, um ihren Einfluß auf das staatliche und gesellschaftliche Leben zu hemmen. Dieser Gesinnung entsprechend, ergingen auch seine Weisungen an die Richter. Das einmal aufgetauchte Gerücht wuchs, von Judenfeinden angefacht, lawinenhaft. Stefan Istöci, der Abgott der ungarischen Antisemiten, richtete im ungarischen Reichstag an den Justizminister eine dringende Anfrage wegen des „Ritualmordes". Sein Bestreben ging dahin, einen leidenschaftlichen Haß gegen das Judentum zu entfesseln, und er wurde in diesem Bestreben nicht nur von seinen ungarischen Freunden, sondern auch von den österreichischen Gesinnungsgenossen unterstützt. Ludwig Kossuth, der berühmte ungarische Freiheitsheld, richtete aus dem Exil eine Botschaft an seine Nation, in der er den Glauben an einen Ritualmord der Juden verurteilte. Doch seine flammenden Worte verhallten wirkungslos. Im Mai 1882 wurden weitere vierzehn Juden verhaftet. Einige Wochen später wurde eine Frauenleiche aus der Theiß gezogen. Drei Budapester christliche Universitätsprofessoren gaben ihr Gutachten dahin ab, daß es die Leiche eines vierzehnjährigen Mädchens sei. Christliche Ortsinsassen erkannten in der Leiche die Esther Solymosi. Die Mutter hingegen bestritt, daß es die Leiche ihrer Tochter sei. Am 19. Juni 1882 begann die Verhandlung gegen die Beschuldigten vor dem Gerichtshof zu Nyiregihäza. Der berüchtigte Prager Universitätsprofessor Dr. August Rohling erklärte in einer Eingabe an den Gerichtshof, er sei bereit zu beeiden, daß die Juden ein „Blutritual" haben. Er kenne nämlich die jüdische „Geheimlehre" und wisse daher in diesen Dingen recht gut Bescheid. Rohling erhoffte sich durch eine entscheidende Rolle in diesem Prozeß ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Judenhasses zu sichern; er hat eine bittere Enttäuschung erlebt. (Sein Auftreten führte bekanntlich zu dem sensationellen Prozeß Bloch — Rohling und zu einer beschämenden Niederlage des gefährlichen Antisemiten.) Karl Eötvös, der vornehme ungarische Politiker, trat als Verteidiger der armen Juden auf den Plan. Mit wahrer Leidenschaft bemühte er sich, die Unschuld der Juden zu beweisen. Und Oberstaatsanwalt Dr. Eduard Seyffert, ein Deutsch-Ungar, hielt eine längere Ansprache, die er mit folgenden Worten schloß: „Nach meiner Ueberzeugung ist die Geschichte der Irrtümer um einen Fall reicher geworden, den ich im Interesse der Ehre unserer Justiz auf das tiefste bedauere. Ich wünsche, ich könnte jenes Blatt aus der Geschichte unseres Vaterlandes reißen, auf dem dieser Fall verzeichnet steht. Nach meiner Ueberzeugung sind alle hier anwesenden Angeklagten unschuldig.44 Mit dem Freispruch sämtlicher Angeklagten ging der letzte Akt des schaurigen Dramas zu Ende. Moritz Scharf, der tragische Kronzeuge in diesem Ritualmordprozeß, ist am 29. März 1929 aus dem Leben geschieden. Als ich im Jahre 1920 in Amsterdam, wohin Scharf im Jahre 1883 auswanderte, beruflich weilte, suchte ich ihn auf und bat ihn, mir über sein seinerzeitiges Verhalten Aufklärung zu geben. Es war ihm mehr als peinlich, sich zu äußern, und er schien ganz verlegen. Allein, da ich ihn daran erinnerte, daß er dem Judentum Unrecht getan, durch sein sonderbares Verhalten furchtbares Unglück hätte heraufbeschwören können und nur durch eine aufrichtige Erklärung noch heute den Fehler gutmachen könnte, entschloß er sich zu reden. „Die Tatsache, daß ich mein ganzes Leben Jude geblieben bin, ist der beste Beweis, daß ich meine Handlung Mitglieder nnd freunde der „Union" überfragen Lebens- und Elemenfar- Yersldieronöen der Siädlisdien Verclcherungsanstalt